Fragwürdigkeiten des Alpinismus

Revolution Eistechnik: Der wahre Erfinder des Eishakens

In den meisten Köpfen ambitionierter Bergsteiger blitzt sogleich der Name Willo Welzenbach auf, wenn die Rede auf den ersten Eishaken kommt. »Warm« würde man bei einem Ratespiel sagen, aber nicht »heiß«. Denn Welzenbach selbst hat jenen Haken, der die Eistechnik revolutionieren sollte, nämlich nicht erfunden.
 
Fragwürdigkeiten im Alpinismus © BERGSTEIGER
Hohe Tauern, Großes Wiesbachhorn mit Nordwestwand
Willo Welzenbach hatte 1920 mit dem Bergsteigen im strengeren Sinn begonnen und 1921 bereits erste Neutouren unternommen, wobei er gleich relativ kräftig hinlangte. Direkter Südwestgrat (V) des Kleinen Bruders an der Reiteralm und Hochstaufen-Nordwand (Chiemgauer Alpen; der »Pidinger Klettersteig« berührt die Welzenbach-Route über eine kürzere Strecke) ragen dabei heraus. 1922 versucht er sich zusammen mit Willy Merkl und Fritz Bechtold an der Lalidererwand-Nordwand (Dibona/Mayer), aus der allerdings Schlechtwetter die Seilschaft zum Rückzug zwingt. Im Jahr darauf weitere schöne Erfolge: Fleischbank-Ostwand, Totenkirchl-Direkte Westwand, Schüsselkarspitze-Südwand. Ein vierwöchiger Urlaub mit Hans Pfann bringt Willo erste Erfahrungen im Steileis. Höhepunkt dieser Westalpenreise wird jedoch die lange Gratverbindung vom Matterhorn zur Dent d’Hérens zusammen mit Pfann und Eleonore Noll-Hasenclever. Für den Anstieg zum Matterhorn wählt die Dreierpartie den Zmuttgrat. Danach – im Zermatter Hotel »Mont Cervin« – lernt Welzenbach den Niederösterreicher Fritz Rigele kennen, mit dem er Pointe de Zinal und Zinalrothorn überschreitet.

Ein entscheidendes Missverständnis

Rigele weiht Welzenbach in seinen außergewöhnlich kühnen Plan ein: die Nordwestwand des Großes Wiesbachhorns in den Hohen Tauern. An dieser war zu jener Zeit ein Eiswulst ausgebildet, der angesichts der damaligen Ausrüstung als unbezwingbar erschien. In solch steiles Eis (der Glocknerführer von 1975 nennt immer noch 62°) hatte sich noch keine Seilschaft gewagt. Zwölfzacker-Steigeisen gab es ja noch nicht! Doch der erfahrene, gegenüber Welzenbach nahezu doppelt so alte Rigele hatte bereits seit zwei Jahren mit Eishaken experimentiert.

Draufgekommen war er folgendermaßen: Sein Tourenfreund Hermann Angerer hatte ihm erzählt, dass er mit seiner Partie in der Schrammacher-Nordwand (Tuxer Hauptkamm, Zillertaler Alpen) in die Dunkelheit geraten sei und, um weiterhin ungehindert Stufen ins Eis schlagen zu können, die Laterne an eingetriebene Haken gehängt habe. Rigele war der Meinung, Angerer hätte diese Haken ins Eis geschlagen, in Wirklichkeit hatte er sie aber in Risse der flankierenden Felsen platziert. Ein Missverständnis! Die Eishakentechnik ist einem Missverständnis zu danken, denn Fritz Rigele probierte bald zusammen mit dem Skipionier Georg Bilgeri in den Eisbrüchen des Krimmler Keeses herum. Und siehe da: Die dort eingeschlagenen Haken froren fest, die beiden Bergsteiger ließen sich daran baumeln und seilten sich sogar an ihnen ab.

Wenn sie geht…

Welzenbach drängt 1924 zur Wiesbachhorn-Nordwestwand und der immer noch begeisterungsfähige Rigele geht darauf ein. Beim Schlossermeister Hilzens­auer in Saalfelden – Rigeles damaligem Wohnort – lässt er drei (!) neue »Eishaken« schmieden: 18 bis 20 Zentimeter lang, schmal, rechteckiger Querschnitt mit Widerhaken und eingelassenem, beweglichem Ring. Als Reserve nimmt Rigele normale Fels- und sogar Bilderhaken mit. Vom Kaindlgrat aus betrachten die beiden Bergsteiger die in der Draufsicht senkrecht erscheinende, 500 Meter hohe Eiswand. »Wenn sie geht, dann ist das Problem großartig!«, lässt Welzenbach verlauten.

Ausgelöschte Spuren

Anderntags – es ist der 15. Juli 1924 – brechen sie um vier Uhr früh vom Heinrich-Schwaiger-Haus auf, steigen vom Kaindlgrat aus zum Wandfuß ab. Rein in die Wand! Noch ehe sie den Eiswulst erreichen, fallen Nebel ein. Plötzlich stoßen sie mit ihren Schultern ans Eis, der Wulst ist erreicht. Rigele packt an, pickelt sich Griffe und Tritte. Von der obersten Stufe aus schlägt er den ersten Eishaken. Und weiter geht’s in gleicher Manier. Auf einmal sind alle Haken aufgebraucht. Welzenbach klettert nach, holt die Haken und bleibt sicherheitshalber beim fünften stehen. Mit einer Reepschnur werden die vier geborgenen Haken hochgezogen und Rigele kann weitersteigen. Welzenbach wird derweilen von Eissplittern überschüttet, aber bald hat der Führende den Eiswulst überwunden, kommt in flacheres Gelände, wo er weder Griffe noch Haken benötigt.

Für den Rest der Wand gehen die Beiden überschlagend, um elf Uhr vormittags stehen sie auf dem Gipfel: Nicht Welzenbach, wie immer wieder zu lesen war, behauptet wurde und immer noch wird, hat damals die Eistechnik revolutioniert, sondern Fritz Rigele. Beim Abstieg, schon unterhalb des Oberen Fochezkopfes, hören sie auf einmal einen dumpfen Krach, danach anhaltendes, donnerndes Rollen. Am nächsten Tag steigen Rigele und Welzenbach erneut am Kaindlgrat Richtung Wielingerscharte auf, um den Übergang zur Oberwalderhütte zu unternehmen. Wie angewurzelt bleiben sie am Fochezkopf stehen, erkennen die vortags durchstiegene Eiswand kaum wieder. Ihre Spuren – ausgelöscht! Eine Eislawine war über die Wand hinweggefegt, eine knappe Stunde, nachdem sie den Gipfel erreicht hatten. »Nicht nur Können bedingt den Erfolg, auch Glück muss der Mensch haben«, resümiert Welzenbach am Schluss seines Originalberichts.

…das ist Krieg

Für Willo Welzenbach ist diese gelungene Neutour ein Schlüsselerlebnis. Er sollte zum großen Eisgeher seiner Generation reifen, was ihm das Prädikat »Eispapst« einbringt: 1925 Direkte Nordwand der Dent d’Hérens mit Eugen Allwein, 1926 Großglockner-Nordwand mit Karl Wien, 1929 eine direkte Route an der Fiescherwand mit Heinz Tillmann, 1932 unter anderem Großhorn-, Gletscherhorn-, Lauterbrunner Breithorn-Nordwand, Gspaltenhorn-Nordostwand, 1933 Nesthorn-Nordwand. 1931 hatte er sich mit Willy Merkl 60 Stunden lang in die von Schneesturm und Gewittern heimgesuchte Gipfelwand der Aiguille des Grands Charmoz verbissen, was der berühmte französische Führer Armand Charlet mit »Das ist kein Bergsteigen, das ist Krieg« kommentierte.

Welzenbach stirbt am Nanga Parbat…

Seit Jahren schon zieht es Willo Welzenbach magisch zum Nanga Parbat. Aber er muss bis 1934 auf seine Chance warten und er geht nicht als Expeditionsleiter – hierfür fühlte er sich prädestiniert – zum großen Berg, sondern hat sich seinem Leader Willy Merkl unterzuordnen. Dessen Führungskompetenz zweifelt Welzenbach mit zunehmender Dauer der Unternehmung an. Trotzdem – er rebelliert nicht, lediglich in Briefen an die Eltern wird er seinen Frust los. Organisationsfehler der Leitung, zu langes Zaudern, die Besessenheit, möglichst alle Bergsteiger auf den Gipfel zu bringen, das Nichtbesetzthalten der obersten Lager und das Zuwarten um einen Tag zu lang auf dem orkanumtosten Silberplateau führen dann in jene Katastrophe, die Uli Wieland, Willo Welzenbach, Willy Merkl und sechs Sherpa das Leben kostet. Beim endlichen Rückzug im Schneesturm sterben die Sahibs einer nach dem anderen an Höhenkrankheit, Unterkühlung und Erschöpfung, die Sherpa deswegen, weil sie ihre »Herren« nicht im Stich lassen (dürfen).

…und Rigele, als er einem Muli ausweicht

War Willo Welzenbach im Dritten Reich noch SA-Scharführer und eher als Mitläufer zu sehen, so sieht die Sache bei Fritz Rigele, dem Schwager Hermann Görings (Rigele hatte dessen Schwester Olga geheiratet), schon anders aus. Er ist überzeugter Antisemit, was sogar sein Buch »50 Jahre Bergsteiger« nicht verhehlt, obwohl er von sich behauptet: »Ich bin nicht anti!« Eine Seite weiter stellt er fest: »a) Die Juden sind ein Volk für sich. b) Sie leben aber nicht für sich, sondern unter den anderen Völkern mit diesen vermischt, besonders bemerkbar unter den Deutschen Österreichs. Wien besitzt davon 20 Prozent seiner Bevölkerung. c) Die dort bestehende, aus spätrömischem Geist geborene Gesetzgebung liegt jüdischer Art, die sie trefflich auszunützen versteht, viel besser als deutscher. Das ist aber mehr, als das Gastvolk (die Juden; Anm. d. V.) beanspruchen kann.«

Rigele ist davon überzeugt, dass durch die genannte Gesetzgebung große und kleine Vermögen aus den Händen von Deutschen (Ariern) in solche von Juden übergehen; weiters, dass junge Mädchen eigener Volksangehörigkeit verkümmern »in untergeordneten Stellungen im Dienste jüdischer Unternehmungen«. Etwas weiter hinten: »(…) Was Wunder, dass im Februar 1921 auf der Hauptversammlung des Ö.S.V. (Österreichischer Skiverband; Anm. d. V.) zu St. Johann im Pongau diese Verhältnisse in rein sachlicher Weise zur Sprache gebracht und von der Mehrheit der Versammlung schon damals erklärt wurde, der Ö.S.V. möge seine Tore dem Judentum verschließen.« Bei solcher Geisteshaltung überrascht es auch nicht, dass Rigele den Agitator Eduard Pichl bei seinem Kampf um den Ausschluss der jüdischen Sektion Donauland aus dem Deutschen und Österreichischen Alpenverein unterstützt. Fritz Rigele stürzt 1937 in den Berchtesgadener Alpen zu Tode, als er auf dem Blaueishüttenweg einem Muli ausweichen möchte.

Zunächst überlebt

A propos Absturz: Als erstes Todesopfer an der Wiesbachhorn-Nordwestwand ist Matterhorn-Nordwand-Erstdurchsteiger Toni Schmid zu beklagen. Fatalerweise an der Tragödie mitbeteiligt: Rigeles revolutionärer Eishaken. Pfingsten 1932. Toni führt den Eispickel mit, den ihm Zermatter Führer nach seinem Matterhorn-Erfolg geschenkt hatten. Eine Grazer Seilschaft werkelt bereits droben am dräuenden Eiswulst. Toni und Seilpartner Ernst Krebs queren in die Route der Erstdurchsteiger (üblicher Anstieg war damals schon jene der Drittdurchsteiger Peterka und Majer), damit sie nicht die Eisstücke, die die Grazer in die Tiefe befördern, abbekommen. Dort treffen sie auf dunkles, morsches Wassereis. Krebs: »Toni geht wieder das 40-Meter-Seil aus. Wir haben leider nur wenig Eisenzeug mitgebracht und müssen mit den Sicherungen sparsam sein. Und Sicherung ist nötig auf dem tückischen, steilgebäumten Grund. Eine der scharfen Felsrippen drängt Toni nun wieder nach rechts in eine der schwarzen Eisplatten. ›I hau einen Haken!‹, ruft er zu mir herunter. Er nimmt ihn vom Gürtel und treibt ihn ins splitternde Eis. Völlig frei steht Toni auf schmalgekerbter Stufe etwa 30 Meter über mir, der ich zu notdürftiger Sicherung das Seil über die eingehauene Pickelspitze laufen lasse.«

Toni Schmid schlägt also den Eishaken und möchte den Karabiner einhängen, rüttelt noch prüfend am Haken – da bricht dieser mit einer tellergroßen Eisscholle aus. Der letzte Haken! Das darf nicht sein. Schmid greift zu, doch in dem Moment verschiebt er sein Gleichgewicht. Die Zacken der Steigeisen brechen aus dem schlechten Eis – Toni Schmid gleitet – immer schneller, immer schneller – auf den sichernden Ernst Krebs zu. Der rafft noch eilends ein paar Meter Seil ein und ... »Jetzt erreicht mich der Ruck! Der Pickel kracht aus dem Eis. Das Gewicht ist zu groß. Erst jetzt fährt mir ein lähmender Schreck durch die Glieder. Das Seil zischt brennend durch meine Finger, dann reißt mich eine unwiderstehliche Gewalt im Bogen aus der Wand.« – Was folgt, ist ein durch nichts zu bremsender Seilschaftsabsturz, den Toni Schmid nicht, Ernst Krebs schwerstverletzt überlebt. Nach seiner Genesung wird er ein überaus erfolgreicher Kanusportler (Olympische Goldmedaille 1936). Beruflich führt er einen Spenglerei- und Dachdeckerbetrieb, wo ihn 1970 ein Arbeitsunfall ereilt. Den Sturz von einem Baugerüst überlebt er nicht.
Text: Horst Höfler
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 09/2009. Jetzt abonnieren!
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