Fragwürdigkeiten des Alpinismus

»Machos« im Alpinismus - Paul Preuß und Oliver Perry-Smith

Es scheint, als habe es dieses Schlagwort bereits vor Preuß gegeben, jedenfalls stammt es von ihm nicht. Er hat es aber gern aufgegriffen – doch: meinte er das ernst? Auch Oliver Perry-Smith muss man zu dieser Thematik nennen, und dies hat bisher wohl kaum jemand gewusst. Auch nicht, dass Preuß einmal »geflogen« ist.
 
Fragwürdigkeiten im Alpinismus Teil 6 © BERGSTEIGER
Die Nordkante des Nördlichen Manndlkogels
Heft 2 des 1963er »Alpinismus«-Jahrgangs stellte Toni Hiebeler unter das Motto »Frauen am Berg«, und er äußerte im Editorial, dass der Ausspruch, Frauen seien der »Ruin des Alpinismus« schon »sehr harte Worte« wären. Man möcht’ es nicht glauben, aber sogar Hiebeler ist Preuß auf den Leim gegangen (siehe unten). Etwas schwerer tun wir uns mit der Einschätzung von Oliver Perry-Smith, dem großen Elbsandstein- und Alpenkletterer – einem Amerikaner aus Philadelphia –, der in Dresden lebte. Der schrieb am 22. April 1912 an seinen in Leipzig studierenden Freund und Seilpartner Rudolf Fehrmann (den man den »Begründer des sächsischen Bergsteigens« nennt) einen Brief, in dem es heißt:

»(…) Die Anfang im Ski laufen ist nicht schön, aber mit ein guter Lehrer kann mann in kurzer Zeit viel lernen. Hoffentlich können wir nächsten Winter etwas zusammen fahren. Heini fährt jetzt auch Ski. Nun glaube ich da wir nicht mehr klettern können (Pardon da unsere Weiber uns nicht mehr fort lassen) ist es besser den S.K. (Kletterklub ›Schwarzer Kamin‹; Anm. d. V.) nicht mehr als Kletter Klub zu Heissen, sondern S.K.S.K. SK. Ski Klub. (…) Wir haben augenblicklich kein S.K. mitglied der nicht ohne Weib lebt. Es ist doch schrecklich fast alle sind verheiratet oder verlobt. (…) Was wird die arme Kletter Sport nun machen ohne unsere hervorragende Bergsteiger. Mir selbst ist der Lust zum Klettern wieder zurück gekommen, u. ich werde auch wieder klettern.«

Frauen = Ende der Kletterkarriere

Hier hat Perry-Smith fraglos einen Nagel auf den Kopf getroffen. Denn es ist Tatsache, dass manch Extremer – einmal in den fein gewirkten weiblichen Verführungsfäden sich verflochten sehend – für den Klettersport verloren war. Familiengründung, Kinder, Verantwortungsübernahme – da rücken die Berge rasch in weite Fernen (man lese Toni Hiebeler »Zwischen Himmel und Hölle!«) und der Bergsport in eine untergeordnete Position. Ehe man sich versieht, ist es vorbei mit der viel versprechenden Kletterkarriere. Erich Vanis, der große Eisgeher der 1950er-/1960er-Jahre, bringt solches in seinem Buch »Im steilen Eis« wie folgt auf den Punkt:

»(…) Ich habe es immer wieder erleben müssen, dass junge, begeisterte und talentierte Bergsteiger sich bereits im Alter von 25 bis 30 Jahren aus ihrer erst begonnenen Bergsteigerlaufbahn zurückzogen, sich mit leichteren Touren begnügten oder das Bergsteigen überhaupt an den Nagel hängten. Eine entscheidende Rolle bei diesem erstaunlichen Prozess spielen sehr oft die Frauen. Kaum vom Traualtar zurückgekehrt, nimmt die liebende Gattin die Axt zur Hand, um dem kletterfrohen Jüngling alle Wurzeln abzuschlagen, mit denen sein Herz an den Bergesgipfeln hängt, und bald schwimmt auch er, wie so viele vor ihm, als alpines Treibholz den behaglich breiten Strom des bürgerlichen Wohllebens hinunter.«

Ein zugegebenermaßen heikles Thema, weshalb wir uns lieber wieder Paul Preuß zuwenden. In seinen Schriften entpuppt sich der gebürtige Altausseer als überaus ironisch. Es ist hier angezeigt, aus seinem Aufsatz »Damenkletterei« zu zitieren, um zu sehen, was es mit obigem Zitat, das Hiebeler als so hart empfand, in Wirklichkeit auf sich hat.

Scheußlich schwer und blödsinnig weit

»Das schwache Geschlecht? Man beginnt an der Berechtigung dieses Ausdrucks zu zweifeln, wenn man an der Table d’hôte eines Dolomitenhotels die jungen Damen reden hört. Da wird mit den schwersten Kaminen und Rissen nur so gespielt, werden Traversen und Wände bekrittelt, Vajolettürme, Kleine Zinne und Fünffingerspitze so kunterbunt durcheinandergeworfen, dass, wenn es so weitergeht, die bisherige Einteilung der Ostalpen nur schwer aufrecht zu halten sein wird. Auch der Einfluss neuer Wortbildungen und Begriffsbestimmungen durch die Damen wird in der alpinen Literatur nicht unbemerkt bleiben. ›Scheußlich schwer‹ ist wohl die neueste Steigerung des etwas fadenscheinig gewordenen Schwierigkeitsbegriffes, ›blödsinnig weit‹ ein Maßstab, der die Ableitung eines Normalmaßes vom Erdmeridian überflüssig macht, und mit dem Ausdruck ›eine quietschvergnügliche Wand‹ ist das Problem, objektive und subjektive Darstellung zu verschmelzen, glücklich gelöst. – Die Frau ist der Ruin des Alpinismus. Dieses Schlagwort ist nicht ganz mit Unrecht entstanden, und dass der Klettersport sich von dem, was man unter Alpinismus versteht, emanzipiert hat, weiß jeder, der zwei- oder mehrmals mit Damen Klettertouren gemacht hat. Ein gütiges Schicksal hat es mir verliehen, mit 17 jungen Damen in feste Verbindung – durch das Seil – zu treten. (…)«

Damit man nicht sieht, was du treibst

Preuß kletterte gern mit Frauen, vorzugsweise mit seiner Freundin Emmy Eisenberg, die – als sie bereits verheiratet war und Hartwich-Brioschi hieß – bekannte: »Eine wirklich gute Bergsteigerin war ich nie, nur recht geschickt, nicht ängstlich, sehr leicht im Gewicht und ungemein begeistert, also tauglich zum Mitgenommen-Werden. Dass es die Besten mehrerer Epochen taten, bleibt mein Stolz.« Hans Dülfer und Paul Preuß gingen, soviel man weiß, nie zusammen an einem Seil, doch mit ihren Freundinnen – Dülfer mit Hanne Franz, Preuß mit Emmy – in zwei getrennten Seilschaften. Fritz Schmitt zitierte Hartwich-Brioschi folgendermaßen:

»Die berühmtesten Wiener und Münchner Kletterer fanden sich am Stripsenjoch ein, und jeder war bemüht, seine Partnerin in schönstem Lichte sich entfalten zu lassen. Hanne Franz ›startete‹ beispielsweise für München, ich für Wien. Nun hatte jede natürlich ihre besonderen Schwächen und Stärken. Hanne Franz stemmte sich aufs wackerste in den Kaminen hinauf, versagte dagegen öfter in der Wand. Ich wieder turnte sehr nett auf Traversen herum, blieb aber gerne hilflos in Kaminen stecken. So kam es, dass auf der Matejâk-Traverse am Predigtstuhl Preuß in strahlendster Laune und Dülfer etwas bedrückt erschien, während im Botzong-Kamin Dülfer viel Frohsinn an den Tag legte, indes Preuß mir recht unmutig zuraunte: ›Du gehst als Letzte, lass dir viel Zeit, damit man wenigstens nicht sieht, was du treibst!‹«

Walter von Bernuth, mit seinem Bruder Willy des öfteren Seilpartner von Hans Dülfer (z. B. Lärcheck-Ostwand am 12. Oktober 1912, wo allerdings von unten bis oben Hanns Fiechtl führte), vermerkt in seinem Tourenbuch für den 22. Mai 1912: »Trübes, regnerisches Wetter. Mit H. Dülfer und einer Bekannten von ihm, Fräulein Franz, auf das Kirchl (Totenkirchl; Anm. d. V.). (…) Eisig kalt war es, da die Dame sehr langsam ging und man immer warten musste.«

Paul Preuß’ Abflug…

Nein, es liegt mir fern, Anderer Leistungen herunterzuspielen, hier werden nur Zeitzeugen zitiert. Genauso wie mit folgendem kurzen Text: »Preuss war unterhalb der Gipfelwand in der Predigstuhl Nordkante infolge eines losen Blockes acht Meter geflogen und hatte sich den Fuss geprellt. Durch den Botzong-Kamin hatte er sich noch abseilen können. Vom Nordkanteneinstieg wurde er von uns, Oppel, Schaarschmidt, Dülfer, mir und seinen Begleitern erst auf dem Rücken heruntergetragen, dann auf einer Tragbahre nach Strips befördert, wo wir bei tiefer Dunkelheit ankamen.« (Walter von Bernuth) Das weiß allerdings kaum jemand, dass Preuß – akkurat er –, wenn auch unverschuldet, mal einen Sturz gebaut hatte.

…und seine Thesen

Paul Preuß, dieser eitle Tropf (es heißt, er habe sich für seine Kletterfahrten modisch-elegant gekleidet und je nach Jahreszeit verschiedenfarbige Krawatten getragen), nichtsdestoweniger liebenswerte, humorvolle, gebildete und für jeden Blödsinn zu habende Österreicher, war neben Dülfer der zweite hauptprägende Exponent des modernen Alpinismus in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Seine Thesen, die einem puristischen Freiklettern das Wort reden, erregten selbstverständlich Widerspruch; insbesondere von Franz Nieberl – der bereits der älteren Bergsteigergeneration angehörte – und Tita Piaz, dessen Veto vom Standpunkt des Berufsbergführers und Familienvaters beeinflusst war. (Dülfer hat Preuß übrigens nie kritisiert, sondern den »Mauerhakenstreit« lediglich noch einmal zusammengefasst! Da hätten wir in der Tat schon wieder eine alpinistische Fragwürdigkeit, denn ein Chronist nach dem anderen ließ Dülfer als Gegner von Preuß auftreten.) Ja, man hat sich gezankt im »Mauerhakenstreit«, aber nie so, dass sich die Kontrahenten vollends zerstritten hätten. Man blieb befreundet und Preuß äußerste einmal, ihn hätte allein schon die literarische Auseinandersetzung gefreut.

Die Erben von Paul Preuß

Der Stil von Paul Preuß beim Felsklettern setzte sich zunächst nicht durch, man folgte Jahrzehnte lang Dülfers Art, und das hat sich bis heute kaum geändert. Reinhold Messner holte 1986 in seinem Buch »Freiklettern mit Paul Preuß« (das 1996 in der Reihe »Alpine Klassiker« noch einmal erschien) den etwas in Vergessenheit geratenen Freikletterpuristen ins rechte Licht. Albert Precht sollte über viele Jahre – insbesondere bei seinen Alleingängen – der Maxime von Preuß folgen, und ein Alexander Huber diese auf die derzeitige Spitze treiben mit seinem Alleingang durch die Direkte Nordwand der Großen Zinne (VIII+) oder dem Free-Solo-Abstieg über die Schweizerführe am Grand Capucin (VII).

Erste am Seil

Was das »ruinöse« Frauenbergsteigen betrifft, so gab es schon in den späten 1920er bzw. frühen 1930er-Jahren eine Dame, die man – als sie sich große Erfolge auch als Skirennläuferin holte – »La Paula« nannte: Paula Wiesinger-Steger, die sich in der Lage sah, die schwierigsten Felstouren der damaligen Zeit als Seilerste zu bewältigen. Die Boznerin war bereits eine gestandene Kletterin, als sie ihren Hans Steger kennen lernte. Anette Köhler, die einmal ein langes Interview mit »La Paula« geführt hatte und das im BERGSTEIGER 6/1994 veröffentlicht worden war, hat uns überliefert, dass Paula und ihr Hans zunächst sogar in Konkurrenz zueinander gestanden hätten.

Doch schon 1928 bündelten die beiden ihre Kräfte und kletterten miteinander ihren »Weg der Jugend« an der 800 Meter hohen Einser-Nordwand in den Sextener Dolomiten. Damit steht Paula Wiesinger am Anfang einer Tradition von Frauen »am scharfen Ende« des Seils, die über Loulou Boulaz, Yvette Attinger (später Vaucher) oder Silvia Buscaini bis zu den Vögele-Schwestern, Renata Rossi, Catherine Destivelle, Liz Klobusicki-Mailänder, Andrea Eisenhut und Lynn Hill geht – um nur einige zu nennen. Und an den Achttausendern ist es unter anderem Gerlinde Kaltenbrunner, die des öfteren an der Spitze klettert wie jüngst am Lhotse, wo Ralf Dujmovits neidlos die Stärke seiner Frau einräumte.
Text: Horst Höfler
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 08/2009. Jetzt abonnieren!
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