Alfred Drexel und die Nanga Parbat - Tragödie | BERGSTEIGER Magazin
Porträt eines Pioniers

Alfred Drexel und die Nanga Parbat - Tragödie

Was ist das überhaupt, ein »Schwammerl«? Und passt dieses Wort auf den Mann, der an einigen der »Welzenbach-Nordwände« in den Berner Alpen entscheidende Führungsarbeit leistete? Am Nanga Parbat konnte er seine Meisterschaft nicht mehr ausspielen, er starb zu früh.
 
Fragwürdigkeiten im Alpinismus © BERGSTEIGER
Tragödie am Nanga Parbat
Was ist ein Schwammerl? Klar – ein Pilz. »Geh’n ma Schwammerlsuacha«, sagt (nicht nur) der Münchner. Aber ein »Schwammerl« kann auch noch etwas ganz anderes sein. Ich erinnere mich an einen langen Ratsch mit Fritz Schmitt, dem großen Alpenvereinsmann, Redakteur, Chronisten und Bergsteiger. Für uns »Jungschreiber« war er immer Vorbild und bester Ratgeber. Wenn ich mal was nicht wusste, gab’s nur eins: Fritz Schmitt anrufen. Meist war er zu Hause und hatte sofort eine treffende Antwort parat.

Im Verlauf dieses stundenlangen Ratschs – es war 1986 kurz vor Schmitts überraschendem Tod, und Gerlinde und ich vergessen diese Plauderei genauso wenig wie jene etwas später mit Mathias Rebitsch – kam das Gespräch natürlich auch auf Schmitts Direkte Christaturm-Ostwand im Wilden Kaiser, explizit auf die Zweitbegehung. Die Zweitbegeher hießen Leo Rittler und Alfred Drexel. Letzterer Name war mir schon als Bub geläufig, denn eines der ersten Bergbücher, die ich in die Hände bekam, war Bechtolds »Deutsche am Nanga Parbat«. Ich glaube, es befand sich im Fundus meines Großvaters. Und da las ich eben, dass dieser Drexel im Hochlager 2 an einer Lungenentzündung gestorben war.

Alfred Drexel - der ruhige Kamerad

Fritz Schmitt erzählte uns: »Mei, der Drexel, des war eigentlich a Schwammerl«. Ich brauchte nicht nachzufragen, was in Extremklettererkreisen ein »Schwammerl« ist – eben ein Kletterer, der nicht zu den Extremen gehört –, und nahm das damals halt so zur Kenntnis. In seinem »Buch vom Wilden Kaiser­« drückt sich Schmitt gewählter aus: »Es war eine ungleiche Seilschaft; voraus Leo mit seinen Kraftsprüchen, hinterdrein der ruhige Kamerad, dem manchmal die Griffe zu wenig wurden.« Wenn man im Kaiserführer vom Christaturm ausgehend nach hinten blättert, fällt einem auf, dass Drexel auch bei der Erstbegehung der »Rittlerkante« mit von der Partie war und die Reihenfolge bei den Erstbegehern »A. Drexel und L. Rittler, 1930« lautet. Also Drexel sogar vorndran.

Wie auch immer: Mit »ungleiche Seilschaft« hat Schmitt in jedem Fall Recht. Denn Leo Rittler konnte man nicht unbedingt einen feinen Menschen nennen. Man denke nur an den »sportlichen Wettstreit« zwischen ebendiesem Rittler und Hans Ertl auf der Falkenhütte, bei dem – so Nicholas Mailänder – »eine Sparringspartnerin aus dem Münchner Bahnhofsviertel einen maßgeblichen Part übernahm. Die beiden Hochleistungssportler brachen gemäß dem glaubwürdigen Zeugnis ihres als Schiedsrichter fungierenden Kletterspezls Hansi Hintermeier (Zweitdurchsteiger der Westlichen Zinne-Nordwand und erster Naturschutzreferent im Deutschen Alpenverein; Anm. d. V.) das Matratzenderby total erschöpft bei einem Gleichstand von 12:12 ab.« Diese Geschichte wurde selten aufgeschrieben. Hans Hintermeier hat sie einmal dem Hans Steinbichler erzählt. Jedenfalls, Burschen vom Kaliber eines Rittler sind mit etwaigen Schwächen ihrer Bergpartner bestimmt nicht zimperlich umgegangen.

Meister im kombinierten Gelände

Aber egal: Drexel – Mitglied der Akademischen Sektion München im D.Ö.A.V. – war, und das steht fest, einer der besten Freunde von Willo Welzenbach und mit diesem in einigen der großen Nordwände der Berner Alpen: Großhorn-Nordwand, Gletscherhorn-Nordwestwand, Gspaltenhorn-Nordostwand und Nesthorn-Nordwand. Diese fels-/eis-kombinierten Wände erwiesen sich als heikle Unternehmungen und Alfred Drexel durchkletterte sie nicht im Nachstieg, im Gegenteil. In der Großhorn-Nordwand führte er die eine Zweierseilschaft, bestehend aus ihm und Hermann Rudy (die andere war gebildet aus Willo Welzenbach und Erich Schulze). Aus der Gletscherhorn-Nordwestwand erzählte Welzenbach: »Freund Drexel führte während der folgenden Seillängen. Mit verbissener Wut bearbeitete er das Eis, welches hart war wie Glas. Stundenlange Stufenarbeit war nötig, um Strecken von wenigen Seillängen zu überwinden. Die Felspartien, die hin und wieder aus dem Eis hervorlugten, boten wenig Erleichterung; sie waren von ausgesuchter Brüchigkeit und erheischten vorsichtigste Behandlung.«

1933, in der 950 Meter hohen Nesthorn-Nordwand, hatte Alfred Drexel gar den Hauptanteil des Erfolgs, der Welzenbach ganz besonders freute. Erich Schulze berichtet: »Drexel, der am längsten ohne Unterbrechung Stufen schlagen konnte, hatte hier die Führung übernommen. (…)« Er »musste in kauernder Lage Stufen in diesen Wulst schlagen, durfte sich aber dabei nie aufrichten, da sich über ihn ja die Eiswand hinauswölbte. Zwar hatte Willo einen guten Stand und es wäre ihm möglich gewesen, einen eventuellen Sturz zu halten, doch durfte deshalb von Drexels Seite die Vorsicht nicht gemindert werden, da ein Sturz aller Voraussicht nach uns zum mindesten zur Aufgabe unseres Plans gezwungen hätte. (…) Gegen 11 Uhr 45 Min. waren wir am Beginn der Felszone angelangt. Freund Drexel übernahm den Vortritt. Die folgenden Stunden waren die schwierigsten des Tages. Keiner von uns stand so sicher, dass er hätte garantieren können, den Sturz eines Kameraden zu halten.

Die Möglichkeit, Eishaken zu schlagen, war uns genommen, da unter einer oft wenigen Zentimeter dicken Firnschicht dunkler Fels schimmerte. Mit äußerster Vorsicht, unter Wahrung des Gleichgewichts, ritzte Drexel langsam und stetig Stufe für Stufe in die dünn auf dem plattigen Fels liegende Firnschicht. (…) Angespannt beobachteten Welzenbach und ich die Arbeit unseres Kameraden. (…) Wir atmeten auf, als gegen 2 Uhr 30 Min. Drexel nach bewundernswürdiger Führung die letzten Meter der plattigen, schon minder steilen Felszone überwand und die Firnhänge des Gipfelaufbaus erreichte.« Nein, Alfred Drexel war kein »Schwammerl«. Vielleicht war er nicht der Mann für schwierigsten Kaiserkalk, aber doch ein Meister im kombinierten Gelände. Und als solcher prädestiniert für den Nanga Parbat…

Tod in Lager 2

Wir wissen ja, wie Alfred Drexel und Willo Welzenbach endeten. Als Teilnehmer der Willy-Merkl’schen 1934er-Expedition zogen sie voller Hoffnung und Vor-Siegesfreude zum großen Berg, wo bereits in der Anfangsphase der Unternehmung Drexel vermutlich einem Höhen-Lungenödem erlag. Der Tod »Balbos« – Alfred Drexels Spitzname wegen der Fasson seines Barts – war insbesondere für Willo Welzenbach ein schwerer Schlag. Nach dem Abtransport der Leiche Drexels wirkte er vollkommen mutlos und sein Zustand soll dem Expeditionsarzt Bernard große Sorgen gemacht haben. »Balbo« wurde am 11. Juni 1934 in einem Moränenhügel in der Nähe des Basislagers begraben und die Expedition fortgesetzt.

Doch es verstrichen zehn strahlende Schönwettertage wegen fehlender Trägernahrung. Ein Organisationsfehler Merkls. Uli Wieland sollte einen neuen »Angriffsplan« ausarbeiten (so war damals die Sprache im Expeditionsbergsteigen; auch Herrligkoffer pflegte sie noch) und innerhalb der Mannschaft gärte es. Aber Welzenbach rebellierte nicht gegenüber Merkl, obwohl er sich für den besseren Expeditionsleiter hielt. Er beklagte sich nur bitter in vertraulichen Briefen nach Hause: »Merkl handelt zunehmend wie ein Diktator, der keine Kritik zulässt. Er scheint wirklich zu glauben, dass eine feste und kompromisslose Haltung seine Autorität festigen und seinen Minderwertigkeitskomplex, den er als Emporkömmling offensichtlich fühlt, unterdrücken könnte. (…) Mit Balbo verloren wir eine wirksame Unterstützung im Kampf gegen Willys Anfälle von Größen- und Verfolgungswahn. (…)«

Der Sturm bricht los am Nanga Parbat

Der Hauptfehler Merkls indessen war es, dass er vorhatte, möglichst alle Bergsteiger auf den Gipfel zu bringen und dabei die tiefer gelegenen Lager unbesetzt ließ. »Man kann nicht einen Verein von zehn bis zwölf Leuten auf einen Achttausender bringen wollen. Dann kommt eben keiner hinauf«, schrieb Welzenbach. Und er hoffte auf die »Büffelnaturen« von Schneider und Aschenbrenner, die vielleicht doch noch den Erfolg erringen helfen würden. Tatsächlich kamen diese beiden 1934 am weitesten hinauf, bis fast zum Vorgipfel auf 7850 Meter. Dort warteten sie auf die anderen und als die nicht kamen, stiegen sie zurück bis in Nähe des Silbersattels, wo inzwischen Lager 8 aufgebaut wurde. Doch die Nacht auf den 7. Juli brachte Sturm. Sahibs und Träger trotzten ihm in ihren undichten Zelten, durch die der Schnee drang – einen Tag und eine weitere fürchterliche Nacht lang. Die Kocher funktionierten nicht, es gab nichts Warmes oder Trinkbares.
 

Die Tragödie nimmt ihren Lauf

Am 8. Juli beschloss die Gruppe, nach Lager 4 abzusteigen. Etliche Zelte und auch Ausrüstung wurden zurückgelassen, weil man sicher war, das Lager zu erreichen. Aber es zeigten sich bald bei allen Schwächen. Aschenbrenner und Schneider wurden mit drei Trägern vorausgeschickt, um die Spur zu treten. Nachdem Nima Dorje ausgerutscht, sein Sturz gehalten worden war, aber er seinen Rucksack verlor, besaßen die Fünf nur noch einen einzigen Schlafsack. Als sie das leichtere Gelände des Ostgrats erreicht hatten, seilten sich Aschenbrenner und Schneider aus und gingen weiter, nicht ohne die Träger ermahnt zu haben, hinter ihnen zu bleiben. Aber die übermüdeten Sherpa vermochten dies nicht, sie retteten sich ins Lager 7. Aschenbrenner und Schneider kämpften sich noch am gleichen Tag nach 4 durch, das Hochlager schon unterhalb des Rakhiot Peak, das besetzt war (mit Bechtold, Müllritter und Bernard). Währenddessen hob zwischen Silbersattel und »Schaumrolle« das ganze Drama dieser Expedition an.

Merkl, Welzenbach und Wieland sahen sich nicht mehr in der Lage, eines der Zelte zu erreichen und biwakierten auf 7250 Metern, mitsamt ihren Trägern. Die Tragödie nahm ihren Lauf. Der erste Träger starb. Welzenbach überlebte die Nacht ohne Schlafsack im Schnee. Trotzdem wirkte er am Morgen noch als der Stärkste der um ihr Leben Kämpfenden. Drei Träger blieben im Biwak, Willo sicherte die verbliebenen Sherpa sowie Wieland und Merkl über den Grat, verausgabte sich dabei völlig. Wieland starb kurz vor Lager 7. Merkl und Welzenbach, die es nicht mehr schafften, nach Lager 6 abzusteigen, blieben in 7 und sahen sich gezwungen, die Träger ihrem Schicksal zu überlassen. Nur vier von ihnen – Da Thundu, Kikuli, Kitar und Pasang – sollten sich noch ins Lager 4 retten können – mit schweren Erfrierungen. Von den Dreien, die droben im Biwak geblieben waren, kamen Ang Tsering und Gay Lay nach Lager 7 herunter (Dakshi war gestorben).

Merkl wartete selbst hier noch ab, hoffend, dass die Männer von Lager 4 Nahrungsmittel und Getränke brächten. In der Nacht vom 12. auf 13. Juli starb Welzenbach im Zelt. Merkls Leidensweg hingegen sollte noch nicht zu Ende sein. Auf zwei Eispickel gestützt, schleppte er sich – halb erfroren – mit Ang Tsering und Gay Lay über den Grat. In einer Eishöhle, die sie noch auszuheben vermochten, wurde biwakiert. Dann die Gegensteigung zum Mohrenkopf, für die Merkl vermutlich zwei Tage brauchte. Ang Tsering schlug sich nach Lager 4 durch, Gay Lay verharrte bei seinem Sahib. Ihre Hilferufe hörte man noch lang nach Lager 4 hinunter, aber von dort aus erstickten alle Rettungsversuche im bauch- bis brusthohen Schnee. Irgendwann rief von droben niemand mehr… Zehn Tote bei dieser 1934er-Expedition am Nanga Parbat! Man sollte bald vom »Schicksalsberg der Deutschen« reden…
 
Text: Horst Höfler
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 10/2009. Jetzt abonnieren!
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