Hat die Snowcard ausgedient? | BERGSTEIGER Magazin
Verschiedene Modelle der Lawinenprävention

Hat die Snowcard ausgedient?

Wer Skifahren will, soll graben. Um die Lawinengefahr einer Skitour richtig einzuschätzen, rät der Bayerische Lawinenwarndienst zweimal zu schauen: erst auf den Lagebericht, dann in den Schnee.
 
© DAV/Daniel Hug
Georg Kronthaler sitzt in seinem Büro in München, klickt am Computer durch Sequenzen eines Videos. Es zeigt eine Gruppe Skibergsteiger in Tirol. Der Spurenzieher ganz vorne legt mit der Lawinenschaufel gerade einen 40 mal 40 Zentimeter großen und etwa ein Meter hohen Schneeblock frei. Zunächst vorsichtig, dann stärker klopft er mit der Schaufel gegen den Block – bis dieser ins Rutschen gerät. Nun legt er ihn um und begutachtet die Bruchstelle. Es ist kein glatter Bruch, der Hang nur mäßig steil. Die Gruppe entscheidet sich, die Tour fortzusetzen und quert in sicheren Abständen den Hang. Alles geht gut.

»Die Trefferquote ist so hoch wie bei keinem anderen System«

»Das dauert drei Minuten. Dann weiß ich, ob die Verhältnisse kritisch sind oder nicht. So viel Zeit hat denk’ ich jeder«, sagt Kronthaler, der beim Bayerischen Lawinenwarndienst unter anderem für Schneedecken-Untersuchungen zuständig ist. Er empfiehlt jedem Touren- und Schneeschuhgeher, einen Kurs in Systematischer Schneedecken-Analyse zu belegen.

Danach könne man binnen kürzester Zeit eine Schneedecke selbständig beurteilen und sei in Kombination mit dem aktuellen Lawinenlagebericht sicherer unterwegs als mit herkömmlichen Methoden wie Snow Card oder Stop or go-Card. »Die Trefferquote ist so hoch wie bei keinem anderen System.«

Laut Kronthaler setzt sich die Methode deshalb europaweit mehr und mehr durch. Der Deutsche Skiverband, die Bergwacht Bayern, Ausbilder der Naturfreunde sowie zahlreiche Berg- und Skiführer vertrauten bereits auf diese Form der Risikobewertung. Die alpinen Vereine hingegen sehen sie lediglich als ergänzendes Instrument.

DAV rät Einsteigern zu Faustregeln und Snowcard

Florian Hellberg, wie Kronthaler staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, arbeitet in der Sicherheitsforschung des Deutschen Alpenvereins und differenziert grundlegend zwischen Methoden wie Snowcard und Systematischer Schneedecken-Analyse: Erstere stützt sich auf Wahrscheinlichkeiten, letztere auf Untersuchung.

»Die Systematische Schneedecken-Analyse hat zwar den höchsten Bezug zum Einzelhang, setzt aber Wissen und Kenntnisse voraus«, erklärt Hellberg und rät zum Einstieg über Faustregeln. »Bei Lawinenwarnstufe 4 hat ein Anfänger eben nichts abseits der Piste suchen und bei Stufe 2 auch nichts in großen Steilhängen. Ansonsten laufen die beiden Schienen der Beurteilung parallel.«

In Lawinen-Grundkursen des DAV gelehrt werde die Systematische Schneedecken-Analyse nicht. Wenn hier gegraben wird, stünden Verständnisprozesse des Schnee-Aufbaus im Vordergrund.
 
Auch Kronthaler rät Einsteigern auf Ski- und Schneeschuhtour zu Faustregeln, etwa vielbegangene Touren vorzuziehen und im Zweifelsfall keine Hänge von mehr als 30 Grad Steigung zu befahren, da die Lawinengefahr darunter beinahe auszuschließen ist. Dennoch warnt er anhand eines Beispiels vor der Schwachstelle der Wahrscheinlichkeits-Methoden. Geschieht etwa bei Lawinenwarnstufe 3 an einem 38 Grad steilen Hang ein Unfall, laute das Urteil nach Stop or go-Card: Der Unfall wäre zu verhindern gewesen.

»An diesem Tag sind aber wahrscheinlich Tausende Touren befahren worden, die nicht hätten befahren werden dürfen. Und dort ist nichts passiert«, sagt Kronthaler und zieht einen scharfen Vergleich: »Das ist wie eine App, die mir sagt, dass die Sonne scheint. Solange die Sonne tatsächlich scheint, arbeitet die App zuverlässig. Doch leider zeigt sie auch Sonne an, wenn es draußen regnet.«
 
Unabhängig der Methode, der Touren- und Schneeschuhgeher mitunter ihr Leben anvertrauen, schätzt Kronthaler, dass nur etwa zehn Prozent dieser Klientel über eine fundierte Ausbildung verfügen. Der Rest lebe – im wahrsten Sinne des Wortes – von der Erfahrung. »Aber ich sehe da schon eine Entwicklung«, meint Kronthaler optimistisch, »gerade die jungen Leute zeigen mehr und mehr Interesse«.

Lawinen-Prognose bald schon am Vorabend

Mit Einsetzen des Winters erweitert der Lawinenwarndienst Bayern sein Angebot um eine Vorabend-Prognose. Diese soll jeweils gegen 17.30 Uhr unter www.lawinenwarndienst-bayern.de online gehen. Zum Morgen überholt der Warndienst dann die Prognose und lässt sie in den aktuellen Lagebericht einfließen. 
 
Christian Geist
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