Unterwegs mit dem Lawinenwarndienst Tirol | BERGSTEIGER Magazin
Den Lawinenexperten über die Schulter geschaut

Unterwegs mit dem Lawinenwarndienst Tirol

​Der Tiroler Lawinenwarndienst gilt als einer der besten der Welt. Lawinen vorhersagen können Rudi Mair und Patrick Nairz zwar nicht – aber sie sind nah dran. Bergsteiger-Redakteur Thomas Ebert begleitete die Experten bei ihrer Arbeit und sprach mit ihnen über den Lawinenlagebericht, Schneeprofile, und Gefahrenstufen. 
 
Unterwegs mit dem Lawinenwarndienst Tirol © Thomas Ebert
Unterwegs mit dem Lawinenwarndienst Tirol
Es gibt exakt eine Minute am Tag, in der Patrick Nairz nervös ist. Das ist um sieben Uhr neunundzwanzig. Nairz knetet erst seinen Schlüsselbund, dann einen Kugelschreiber. Aufgeregt? »Naja, es kriegen ja schon ein paar Leute mit.« Die Schalte zu Radio Tirol steht. Der Moderator ruft, und um sieben Uhr einunddreißig weiß Tirol, wie es um seinen wichtigsten Rohstoff am 24. März 2015 bestellt ist: Klassische Frühjahrssituation, tageszeitlichen Anstieg beachten, Warnstufe zwei. Ging fehlerfrei. Nairz lehnt sich zurück.

Der Lawinenwarndienst sitzt im Haus der Landesregierung, zentraler geht nicht in Innsbruck. Es ist ein Männerbüro, Monitore und Kabel statt Pflanzen. An der Wand hängt eine Postkarte mit einem Eisbärbaby. Seit sechs Uhr hat Nairz Frühdienst. Beobachter abtelefonieren, Wetterberichte einholen, den Lagebericht erstellen. Routinearbeit an einem Produkt, das keine Routine sein darf. Tausende verlassen sich darauf. Andere nicht. Zwölf Lawinentote verzeichnet Tirol im Jahresschnitt. Die Null ist das Ziel. Dafür wurde ordentlich aufgerüstet. Mehr als 170 Wetterstationen, Stückpreis 35.000 Euro, hat der Warndienst in den letzten Jahren über Tirol verteilt, es ist das dichteste Netz weltweit.

Nairz klickt die Graphen durch wie Urlaubsbilder, sieht in Sekunden, ob der Harschdeckel im Sellrain trägt und wie die Föhnschneise am Patscherkofel anspricht. Es sind frei verfügbare Messwerte, aber ohne Nairz’ Erfahrung bleiben sie stumm.
Lawinenwarndienst Tirol
Kein Heliskiing, sondern Arbeit: »Das wichtigste ist, die Nase in den Schnee zu stecken.«

Die Methode des Lawinenwarndiestes: Graben statt googeln

Ausgerechnet eine Lawine schob ihn auf seinen Posten. »Wer weiß, wo ich ohne Galtür geblieben wäre«, sagt Nairz, Jahrgang 1970, Diplomingenieur für Wildbach- und Lawinenverbauungen. Erst nach der Katastrophe von 1999 mit 38 Toten wurde er in die Lawinenkommission berufen. Dabei hatte ihn ihr Leiter Rudi Mair, Jahrgang 1961, Doktor der Glazio- und Meteorologie und selbst 1990 per Satellitentelefon aus der Antarktis in den Dienst geordert, schon länger im Auge gehabt.

Erlebt man die beiden, wie sie nach dem Frühdienst samt Ski durch Innsbruck stiefeln und mit dem Grüßen nicht fertig werden; wie sie im Supermarkt ihre Brotzeit kaufen, Nairz Kornspitz und Frischkäse, Mair eine Leberkassemmel; wie sie auf dem Weg zum Heliport in Imst den letzten Unfall diskutieren, Nairz mit der Sachlichkeit eines Regierungssprechers, Mair mit der Inbrunst eines röhrenden Hirsches – wenn Gegensätze sich anziehen, dann passt es schon, dass sich die beiden im Winter öfter sehen als ihre Frauen und Kinder.

Ihr Dienst beginnt mit dem ersten Schneefall und endet im Mai. Die Frühschicht wechselt wochenweise. »Wir sind umgekehrte Murmeltiere«, sagt Mair gern, Sommerschlaf halten sie trotzdem nicht. Es warten Kongresse, Schulungen und Jahresberichte, dazu Systemoptimierungen, damit im nächsten Winter alles flutscht. Auch Urlaub (Nairz in Griechenland, Mair in Osttirol) und freie Tage gibt es nur im Sommer.

Blumen für die Wirtin der Franz-Senn-Hütte

Geflogen wird trotzdem. Nicht täglich, aber so oft, dass nicht jeder Heliflug beantragt werden muss. Am Tag nach den meisten schweren und allen tödlichen Lawinenunfällen sind Mair und Nairz vor Ort, für die Analyse. Dazu kommen Erkundungsflüge wie heute. Mit an Bord der Bell 212, »das ist der aus dem Vietnamkieg«: ein Blumenstrauß für die Wirtin der Franz-Senn-Hütte. Anstand haben sie.

Anflug auf die Wetterstation »Roter Schrofen«, 2700 Meter, am Eingang des Kaunertals. Mair erkennt noch auf den Kufen stehend Oberflächenreif, eine »hundsgemeine«, weil quasi unsichtbare Schwachschicht im Schnee. Paul Kössler, der Techniker im Team, tauscht in vier Minuten einen Windmesser, der am Vortag vom Sturm zerfetzt wurde. Und Nairz zückt feierlich Schaufel, Säge und Bleistift und tut das, was er am liebsten macht: Schneeprofile graben.

Wenn Menschen etwas wissen wollen, dann googeln sie. Der Lawinenwarndienst gräbt Schneeprofile. Mair träumt von einem automatisierten Rucksack mit Baggerschaufel, den er dann Nairz schenken würde, um ihm das Graben zu ersparen. »Ich bin nicht süchtig danach«, sagt Nairz, »sonst würde ich ja nicht über den Sommer kommen.« Tatsächlich ist sein Notizbuch für die Schneeprofile noch halb leer. Die anderen zehn liegen im Büro bei den Zivildienern, zum Digitalisieren.

Nairz sondiert, gräbt, bestimmt die Höhe (nie barometrisch); er misst Temperatur, bohrt erst den Finger, dann den Bleistift in den Schnee; Nairz befühlt das Korn (kantig abgerundet, ein paar Becherkristalle), sucht Wasserkanäle. Dann schiebt er eine winzige Menge Schnee auf seine Hand. »Wenn die Feuchte kommt, kriegen wir nochmal einen Frühjahrszyklus«, sagt Nairz, er meint Lawinen.

Es folgt der Schlagtest, der genormt ist und grob gesagt ermittelt, in welcher Schicht bei welcher Kraft ein angesägter Block ins Rutschen gerät. Über dem Graben steht Mair, der gut gelaunt Passagen aus Max und Moritz oder der Ilias rezitiert, sich dann bei der Schneetemperatur in zwei Meter vierzig Tiefe um ein Zehntelgrad verschätzt und schließlich lacht: »Es ist wie Sandkastenspielen. Nur legitimiert.«
Lawinenwarndienst Tirol
Elf Kristallformen unterscheidet der Lawinenwarndienst

Lawinenlageberichte »nahe der Perfektion«

Natürlich ist es mehr als ein Spiel. Die Legitimation kommt aus Unfällen wie dem in Osttirol, vier Tage zuvor, als ein junger Lehrer vor den Augen seines Vaters in einem Schneebrett starb. Mair und Nairz lassen Unfälle nicht an sich heran, »das ist nicht unsere Aufgabe«. Keine Sorge, dass der Bericht einmal nicht stimmt? »Wir sind nahe an der Perfektion«, sagt Mair. Prüfungen vom Deutschen Bergführerverband bestätigen das. So nah, dass sie strafrechtlich nicht belangt werden können. »Höchstens wegen Fahrlässigkeit«, sagt Mair, »aber da wir keine zwei Flaschen Wein trinken, wenn wir Frühdienst haben, geht da nix.«

Der Erkundungsflug fällt wegen Schlechtwetter kürzer aus, der Heli fliegt weiter zur Franz-Senn-Hütte. Mittags gibt es Suppe. Am Nachmittag: Schneeprofile. Abends, lange vor dem Rotwein, verabschiedet sich Nairz aus der Bergführerstube. Er verpasst eine leidenschaftliche Diskussion um ein Problem, dessen Lösung in keinem Schneeprofil steht: Die Vermittlung des Lawinenlageberichts. Es ist nicht die Reichweite. Mair und Nairz bedienen alle Kanäle, selbst das Tonband wird im Winter tausende Male abgehört. Auf Website und Blog greifen die Menschen millionenfach zu. Das Problem ist, dass das Gelesene nicht verstanden, oder schlimmer, missachtet wird. Nicht-Verstehen ist keine Schande.

»Ein Schneeprofil zu graben, bringt dem Laien nichts«, sagt Mair. Auch Nairz’ Notizen bringen dem Laien nichts. Deshalb wird der Lagebericht als Wissenspyramide erstellt und so weit wie möglich heruntergebrochen – beginnend mit der allgemeinen Gefahrenstufe. Stufen, Muster, Pyramiden

Aber es geht noch konkreter. Aus zwei Jahrzehnten Unfallanalyse filterten Mair und Nairz die zehn häufigsten Gefahrenmuster. Fünf von ihnen werden ab diesem Winter von allen europäischen Lawinenwarndiensten verwendet. Es sind Handreichungen, die nicht nur den Unwissenden gelten: Eine Studie des Schweizer Instituts für Schnee- und Lawinenforschung bestätigte zuletzt, dass gut ausgebildete Wintersportler ihr Wissen eher nutzen, um Spielräume auszuweiten, als auf Nummer sicher zu gehen.

Und Missachtung? Mair hat mit Dampfsonden und Kameras nach Opfern gesucht, acht Meter tief verschüttet, die bei Stufe vier allein im Gelände waren. Er sagt kein böses Wort, nur: »Es wird immer Unbelehrbare geben.«

Am nächsten Morgen um sieben Uhr neunundzwanzig knetet Nairz seinen Kugelschreiber. Der Lagebericht ist fertig und steht online, die Franz-Senn-Hütte hat einen guten Internetanschluss. Auf Nairz’ Mousepad im Innsbrucker Büro steht »Set the rules«. Das tut er nicht, denn die Regeln setzen die Berge. Nairz übersetzt sie. Draußen vor dem Fenster stapfen die ersten Tourengeher Richtung Sommerwand. »Die können ja jetzt auf die App schauen«, sagt Nairz. Dann ruft der Moderator.

Einen Lawinenlagebericht verstehen

Lawinenlagebericht Tirol

Was sagt er aus?
- Im Lawinenlagebericht (LLB) für Tirol wird um 07:30 Uhr auf einer international gültigen Skala (1-5) eine Stufe ausgegeben. Sie benennt die Gefahr, nicht das Lawinenrisiko. Zusätzlich weist der LLB auf typische Gefahrenstellen und -muster hin, erläutert den Schneedeckenaufbau und gibt eine Tendenz für den nächsten Tag. Aber: Weder die allgemeine Gefahrenstufe noch die regionalen Stufen genügen zur Beurteilung, ob ein einzelner Hang wirklich sicher ist.

Wie liest man ihn? - Am besten ganz. Der LLB ist pyramidenförmig angeordnet: Oben stehen Gefahrenstellen, Höhenlagen, Exposition, sie sind für die Einzelhangbeurteilung besonders relevant. Längerfristig liefert auch der Schneedeckenaufbau wertvolle Informationen. Wer von Schnee nur versteht, »dass er kalt und weiß ist«, dem empfiehlt Rudi Mair die Faustformel: Bei Stufe 2 keine Hänge steiler als 40°, bei Stufe 3 unter 35°, bei Stufe 4 unter 30° bleiben. So lassen sich 85 % aller Lawinenunfälle vermeiden.
 
Von Thomas Ebert
Fotos: 
Thomas Ebert
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 01/2016. Jetzt abonnieren!
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren