6 Lawinenrucksäcke im Test | BERGSTEIGER Magazin

6 Lawinenrucksäcke im Test

Seit das Patent der Firma ABS auf Lawinen-Airbags ausgelaufen ist, wächst das Angebot der Sicherheits-Rucksäcke für Skitourengeher massiv in die Breite. Mittlerweile tüftelt jeder Hersteller, der etwas auf sich hält, an seinem eigenen Airbag-System. Ein Überblick über die Vor- und Nachteile der gängigsten Modelle.
 
Verschüttet? Mit Airbag sollte dieses Problem möglichst nicht auftauchen. © Dagmar Steigenberger
Verschüttet? Mit Airbag sollte dieses Problem möglichst nicht auftauchen.
Sie wiegen schwer und kosten viel Geld. Bis vor wenigen Jahren galten sie noch als exotische Ausrüstungsgegenstände auf der Packliste der Skitourengeher. Doch mittlerweile gewinnen die Airbag-Rucksäcke immer mehr Fans unter Wintersportlern. In einer Gesellschaft, die sich auch am Berg keinem unnötigen Risiko mehr aussetzen will, bieten sie zusätzlich zur klassischen Ausrüstung mit LVS-Gerät, Sonde und Schaufel einen Sicherheits-Bonus, auf den man ungern verzichtet.

Diese 6 Lawinenrucksäcke haben wir getestet

Deshalb entwickeln viele Hersteller inzwischen ihr eigenes System. In dieser Saison sind es Arc’teryx, Ortovox und Arva, die mit ihren Ideen den Markt beleben. Pieps und Black Diamond waren mit Jetforce Vorreiter des Gebläse-Systems. Nun bekommen sie Konkurrenz von Arc’teryx, dessen Airbags ebenfalls per Gebläse aufgepumpt werden, die jedoch die störanfällige Elektronik dabei nur bedingt einsetzen: Die Auslösung beim Voltair-Rucksack funktioniert mechanisch.


Zündung der Airbag Flügel bei Deuter

Ortovox konkurriert mit Mammut und Deuter um das leichteste, kompakteste Airbag-Modell. Während Mammut mit Snowpulse zusammenarbeitet und Ortovox mit dem Avabag-System seit diesem Jahr eigene Wege geht, setzt Deuter weiterhin auf ABS, den Vater aller Airbags. Dazu gesellt sich die französische Marke Arva, hierzulande bislang nur für ihre LVS-Geräte bekannt. Doch nach zwei Jahren Tüftelei hat Arva mit dem Reactor ein solides Airbag-Modell herausgebracht, dessen Preis- Leistungs-Verhältnis auch Knauserige vom Sinn der zusätzlichen Sicherheit überzeugen könnte.

Akku versus Kartusche

Die Vorteile von elektronisch betriebenen Gebläsen gegenüber Systemen, in denen Gas aus der Kartusche in die Ballons strömt, liegen auf der Hand: Das Auslösen lässt sich beliebig oft trainieren, ohne dass man dafür jedes Mal eine neue Kartusche einsetzen muss, die zwischen 120 und 140 Euro kostet. Ortovox bietet immerhin den Service an, die firmeneigenen Carbon-Kartuschen für günstige 25 Euro wiederzubefüllen. Zudem kann man mit den Avabags das Auslösen »trocken« trainieren, ohne dass eine Kartusche ins System eingesetzt werden muss.


Einwegkapsel: Auslösegriff bei Deuter

Die Bedingungen, denen ein Akku auf Skitour ausgesetzt ist, sind jedoch alles andere als gut: Kälte, Schnee und Eis tun Akkus generell nicht gut. Dazu kommt, dass die Ladung der Batterie außer zu Testzwecken wohl selten voll ausgenutzt wird. Die starken Akkus von Arc’teryx und Pieps sollten das zwar gut wegstecken, doch Leistung hat in diesem Fall auch ihr Gewicht: Um die 3,5 Kilo wiegt jeder der beiden Rucksäcke in leerem Zustand.

Das Handling

Form und Gestalt des Auslösegriffs variieren mit den individuellen Vorlieben. Ein interessantes Detail für Linkshänder sind variable Auslösegriffe, die sich am linken wie auch am rechten Rucksackträger montieren lassen: Bei Arva und Deuter ist das der Fall.

Wichtig auf Skitour: Wie lassen sich Ski und andere Ausrüstung am Rucksack befestigen? Die beste Lösung dafür hat Ortovox parat, dessen Ascent auch sonst für übersichtliche Ordnung sorgt: Jeweils ein Fach für Lawinenschaufel und Sonde, für Kleinkram wie Sonnenbrille und Schlüssel sowie ein geräumiges Hauptfach sind optimal. Ähnlich handhabt es Deuter.


Gut sortiert: der Ortovox Ascent

Arva meint es mit seinen diversen Taschen, Befestigungsschlaufen und Reißverschlüssen ein wenig zu gut, während Arc’teryx bis auf ein Extrafach für die LVS-Ausrüstung sehr spartanisch ausgestattet ist – übrigens auch, was die äußeren Befestigungsmöglichkeiten angeht. Beim Jetforce von Pieps riss das Airbag-Fach unter der Belastung von Ski, die am Rucksack montiert waren, schon nach wenigen Minuten auf.

Der Komfort

Die ganze knifflige Technik verleitet so manche Hersteller dazu, ein sonst bei Rucksäcken zentrales Thema außer Acht zu lassen: den Tragekomfort! Doch gerade bei solchen Schwergewichten wie jenen von Arc’teryx und Pieps ist er vonnöten. Die Passform des Voltair lässt sowohl bei großen als auch bei kleinen Personen zu wünschen übrig. Der Jetforce von Pieps schlägt sich da schon besser. Doch am meisten überzeugt beim Tragekomfort – wie gewohnt – die Firma Deuter, dicht gefolgt von Ortovox.

Arva bietet zwar ein verstellbares Tragesystem, doch dessen Nutzen ist aufgrund der fixen Aufhängung der Träger mehr als fragwürdig. »Weniger ist mehr«, dieser Leitspruch würde den Franzosen hier ebenso guttun wie bei der Anordnung der diversen Fächer und Reißverschlüsse an ihrem Reactor.


Drückt auf Haupt: der Mammut-Airbag

Bei einigen Herstellern wie Ortovox, Deuter und Mammut ist das Airbag-System kompatibel mit verschiedenen Rucksack-Größen aus derselben Linie – und demzufolge natürlich auch herausnehmbar. Denn schließlich sollen die Rucksäcke weiterhin bleiben, was sie für Bergsportler immer schon waren: treue Begleiter im Winter wie im Sommer.

5 Tipps zum Airbag-Gebrauch

  • Die Airbags testet man am besten mit dicken Fäustlingen, wie man sie im realen Fall dann auch trägt.
  • Vor Einsetzen sollte man die Kartusche unbedingt wiegen, um sicherzugehen, dass sie voll ist. Bei Geräten mit Gebläse muss der Akku vor der Tour ausreichend geladen sein. Der Auslösegriff muss spätestens bei der Abfahrt griffbereit sein.
  • Weder Pickel noch sonstige lange oder scharfkantige Ausrüstung an der Außenseite des Rucksacks sollten den Airbag beim Aufblasen behindern. Bei Gebläse- Systemen wird zwar während der ersten Minuten in regelmäßigen Abständen Luft nachgeblasen. Doch im schlimmsten Fall reißt der Airbag und kann so kein Leben mehr retten.
  • Regelmäßig – mindestens jedoch einmal im Jahr zum Saisonstart – Testauslösungen durchführen!
  • Wer mit dem Airbag eine Flugreise vorhat, könnte mit den Kartuschen im Gepäck ein Problem am Security-Schalter bekommen. Arvas Kartuschen sind so klein, dass sie laut Hersteller als Fluggepäck durchgehen.
Dagmar Steigenberger
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 12/2016. Jetzt abonnieren!
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