Wandern zu Bergseen im Allgäu

Allgäuer Sommerträume - Seejuwele in den Alpen

In den Allgäuer Alpen rund um Oberstdorf und Bad Hindelang warten Seejuwele darauf, erkundet zu werden. Für Unverfrorene ist eine schöne Wanderung, in Verbindung mit einem prickelnden Badevergnügen garantiert.
 
Wenn der Nebel steigt: Blick auf den Seealpsee über dem Oytal © Peter Freitag - pixelio.de
Wenn der Nebel steigt: Blick auf den Seealpsee über dem Oytal
Windböen peitschen über den See. Kleine Schaumkronen tanzen auf dem aufgewühlten Wasser. Die Landschaft rund um den Schrecksee hat sich in einer weißgrauen Wand aufgelöst. Donner grollen, als würde ein unsichtbares Raubtier gereizt seinen Unwillen kundtun.

Erzürnter Hengst am Seegrund

Im nach Westen offenen Bergkessel des Schrecksees über dem Hintersteiner Tal entladen sich Unwetter mit voller Wucht. Hugo Anwander, alteingesessener Hintersteiner, hat es oft erlebt: »Da kann man nur noch den Kopf einziehen.« Vielleicht habe der Bergsee deshalb seinen Namen erhalten, vermutet er und erzählt von einer alten Sage:

Ein paar Burschen aus Hindelang waren zum See hinaufgestiegen, um mit Hilfe eines an einem Seil befestigten Steines seine Tiefe zu ergründen. Doch in den Fluten hauste ein wilder Hengst, den der heidnische Reiter Muotis, als das Christentum im Allgäu Einzug hielt, in den Tiefen des Bergsees gebannt hatte. Sobald sich die jungen Leute näherten, schlug er mit seinem feurigen Schweif ins Wasser, dass es zischte und dampfte und über das Ufer trat.

Schlafendes Allgäuer Nessie

Der Oberstdorfer Fischer staunte nicht schlecht, als er seinen Fang aus dem Seealpsee zog. Mehr als einen Meter maß die Regenbogenforelle und brachte 15 Kilogramm auf die Waage. »Der möchte man beim Baden lieber nicht begegnen«, kommentiert ein Anglerkollege. Das Gewässer, mit 42 Metern der tiefste Allgäuer Bergsee, war bereits zu einer Zeit für seinen Fischreichtum bekannt, als nur in die Berge ging, wer hinauf musste. Im 19. Jahrhundert hieß er auch Sälblingsee, nach den Saiblingen, die bei den Fischern besonders begehrt waren. Doch wer an den Fang kommen wollte, musste eine steile Rinne nördlich des Sees bewältigen, die seitdem als Fischerrinne bezeichnet wird.

Wanderer haben es heute einfacher: Auf bequemem Weg geht es von der Station der Oberstdorfer Nebelhornbahn zum Zeigersattel hinüber. Kaum jemand, der nicht überrascht ist, wenn er dort zum ersten Mal den blauen Spiegel des Seealpsees erblickt. Wie auf einem Serviertablett präsentiert er sich, bevor an seinem südlichen Rand die Seewände 600 Meter ins Oytal abfallen. Dahinter ist die zackige Gipfelsilhouette des Allgäuer Hauptkamms ein würdiger Rahmen für dieses Kunstwerk der Natur. Und auch auf seinen Grund soll ein sagenhaftes Ungeheuer leben. Glaubt man der Legende, schlummert dort friedlich ein Drache. Doch eines Tages wird das Allgäuer Nessie erwachen und die Felswände, die den See zum Oytal hin abschließen, durchfressen. Dann versinkt Oberstdorf in seinen Fluten.

Oasen in der Felswüste

Fast unwirklich leuchten die Seenaugen von Koblat- und Laufbichelsee aus der kargen Karstlandschaft der Koblathochfläche. Die beiden Seen zu Füßen des Großen Daumen sind Sonderlinge unter den Allgäuer Bergseen. Eingerahmt von großen Kalksteinblöcken und Schutthalden strahlen sie einen herben Charme aus. Baumeister dieser urzeitlich anmutenden Landschaft ist die Erosion. Sie hat das Gestein scharfkantig geschliffen, tiefe Rillen in seine Oberfläche gefressen und bizarre Felsformationen geschaffen. Ihr Nachbar, der Engeratsgundsee, ist dagegen wieder ein typischer Allgäuer, mit Wiesenhängen, die bis ans Seeufer reichen und türkisblauem Wasser, so klar, dass man daraus trinken möchte.

Bis in die 1960er Jahre brachten die Hirten ihr Milchvieh zu den Weiden am See. Die Milch füllten sie in Holzfässer und zogen sie auf Schlitten über die Grashänge zur fast 500 Meter tiefer gelegenen Käseralpe hinab, wo sie zu Käse verarbeitet wurde – ein Aufwand, der heute kaum mehr vorstellbar ist.

Bergsee mit Fernsehauftritt

Die Rappenseehütte hat ihren Pool fast vor der Haustüre. Nur zehn Minuten entfernt befindet sich mit dem Großen Rappensee ein wahres Seejuwel. Besonders wenn die Sonne das Wasser zum Glitzern bringt, sind die Bergseen eine andere Welt: Wellnessoasen in traumhafter Kulisse. Für die Fußmassage sorgen die Kiesel am Ufer, weiche Graspolster dienen als Nackenstütze und eiskaltes Bergseewasser prickelt wohltuend auf der Haut.

Wissenswertes zur Entstehung der Allgäuer Bergseen

Die Allgäuer Bergseen sind häufig in den Karböden unterhalb der Gipfel und Grate zu finden. Sie haben ihre Entstehung den Gletschern der letzten Eiszeit vor etwa 20 000 Jahren zu verdanken. Das Eis schürfte tiefe Mulden aus dem felsigen Untergrund, die sich mit Wasser füllten. Zum Tal hin fällt das Gelände meist in steilen Hängen ab, wie es beispielsweise am Seealpsee oder am Schrecksee der Fall ist. Die Steilabbrüche wurden von den Talgletschern geformt, die sich langsam Richtung Süden bewegten und dabei das Gelände formten. Die Karseen liegen innerhalb des Naturschutzgebietes Allgäuer Hochalpen, mit dem seit 1992 fast 21 000 Hektar unter Schutz gestellt sind.

Das vielfältige Gestein, aus dem die Allgäuer Alpen aufgebaut sind, sorgt dafür, dass die Region als das artenreichste Gebirge Deutschlands gilt. Besonders wertvolle Biotope sind dabei die hoch gelegenen Seen. Die Wiesen rund um die Seen dienen seit Jahrhunderten als Weiden für das Alpvieh. Um die empfindliche Ufervegetation zu schützen, werden die Wasserflächen während der Weidesaison eingezäunt. Weitere Karseen, die einen Besuch lohnen, sind die beiden Gaisalpseen am Fuß des felsigen Rubihorn bei Oberstdorf und der winzige Guggersee, der vor allem mit einer großartigen Aussicht auf das Allgäuer Dreigestirn Trettachspitze, Hochfrottspitze und Mädelegabel beeindruckt.

Die schönsten Touren zu Allgäuer Bergseen

Wanderungen zu Allgäuer Bergseen1. Wanderung zum Schrecksee (1813m)
2. Seentrio unter dem Großen Daumen (2280 m)
3. Zum Seealpsee (1612m)
4. Von Oberstdorf zum Eissee (1827m)
5. Großer Rappensee und Rappenseehütte (2047m)






 
Von Franziska Baumann
Fotos: 
Franziska Baumann
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 08/2015. Jetzt abonnieren!
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