Mit Alix von Melle und Luis Stitzinger im Großarltal | BERGSTEIGER Magazin
Skitourenparadies zwischen Niederen und Hohen Tauern

Mit Alix von Melle und Luis Stitzinger im Großarltal

Skitourengeher sind längst ungeduldig, doch der ersehnte Schnee lässt vielerorts auf sich warten. Was tun, wohin fahren, um doch zum Zuge zu kommen? Das prominente Bergsteiger-Paar Alix von Melle und Luis Stitzinger (Text & Fotos) hat eine Antwort.
 
Großarltal © Luis Stitzinger
Aufstieg mit Föhn-Wellen: Alix von Melle am Weg zum Gamskarkogel (2467 m)
Großarltal ist die Lösung für den Jahreswechsel. So hoffen wir zumindest. In den Hohen Tauern des Salzburger Landes auf rund 1000 Metern über Meeresniveau gelegen, präsentiert sich das Hochtal als stilles, urwüchsiges Naturparadies, das in unseren Breitengraden noch weitestgehend unbekannt geblieben ist.

Die Region bezeichnet sich selbst als das »Tal der Almen«: Rund 35 bewirtschaftete Almen laden den Wanderer im Sommer zu stressfreiem Naturgenuss rund um die Orte Großarl und Hüttschlag ein. Und was unsere Hoffnung schürt: Im Winter gibt es mindestens ebenso viele lohnende Skitourenziele. Hoch gelegene Ausgangspunkte sorgen für die nötige Schneesicherheit, eine große Auswahl an einfachen bis anspruchsvollen Skitouren für die wünschenswerte Flexibilität bei wechselhaften Wetter- und Schneebedingungen. Ein vielfältiges Angebot an Langlaufloipen, Winterwanderwegen, Rodelbahnen, ein Skigebiet und erschwingliche Unterkünfte kommen auch Familien und Tausendsassas entgegen.


So viel Schnee wie auf diesem Bild ist vielerorts nicht mehr selbstverständlich.

Bei strömendem Regen verlassen wir bei Bischofshofen die Autobahn und fahren nach St. Johann im Pongau weiter. Nach der Abzweigung ins Großarltal verlöschen rasch die grellen Lichter des herausgeputzten Skiorts, der Regen verwandelt sich zögerlich in Schneefall. Oberhalb von Hüttschlag (1020 m) richten wir uns in einer gemütlichen Ferienwohnung auf einem Bauernhof ein. Zur Begrüßung schenken uns unsere Vermieter Selbstgemachtes vom Hof: würziges Bauernbrot, deftigen Speck, selbstgebrannten Obstler und süßes Kletzenbrot. Dieser herzliche Empfang mildert unsere Skepsis wieder etwas, ob wir auch tatsächlich die richtige Entscheidung getroffen haben. Denn der Wetterbericht verspricht für die nächsten Tage wenig Gutes.

Kann ein Hase Tollwut haben?

Als wir anderntags zum Kleinen Mureck (2402 m) auf brechen, bläst der Föhnwind kräftig über den Berg und lässt die Temperaturen im Tal klettern. Die hohen Lärchen und Fichten, die den Forstweg zu den Kreealmen (1480 m) säumen, schwanken beträchtlich. Viele mit Flechten und Tannenbart bedeckte Zweige überziehen die Spur. Plötzlich schießt ein weißer Schneehase wie ein Torpedo auf Alix zu. Die Skispur ist der einzige Weg, den er nehmen kann, rundherum liegt tiefer Schnee. Ihr folgt er in rasendem Galopp.
Kann ein Hase Tollwut haben, muss man sich dann vor ihm fürchten? Kurz vor dem Zusammenprall schlägt er einen Haken und verschwindet im Gestrüpp.

Außerhalb des Waldes peitscht der Wind nun ungebremst in die weiten Flanken des Kreekars und treibt weiße Schneefahnen vor sich her. Ein letzter, gestufter Gipfelhang führt uns auf das Kleine Mureck. Zum Glück bietet eine Mulde etwas Windschutz, um uns umzuziehen und für die Abfahrt bereit zu machen. Schnell haben wir die windzerzausten Hänge des Kars hinter uns gelassen und tauchen in den Bergwald ein. Hier lebt nun auch der Fahrspaß so richtig auf, da der Pulverschnee bis zu den Kreealmen noch locker und unverblasen ist. Juchzend reihen wir Bogen an Bogen.

Eine Einkehr beim Talwirt darf natürlich nach der gestrichenen Gipfelpause nicht fehlen. Seine Schmankerl aus traditioneller regionaler Küche sind weitum bekannt: feines Räucherfleisch aus eigener Produktion, würziger Käse, Spinatknödel oder Kasnocken. Frisch gestärkt informieren wir uns gleich im Haus über die Geschichte des Nationalparks Hohe Tauern, denn hier befindet sich auch das offizielle Informationszentrum. Mit 1856 Quadratkilometern ist er der größte Nationalpark Österreichs und das weitläufigste Naturschutzgebiet des Alpenraums. Das Großarltal trennt die Hohen Tauern von den Niederen und bildet das östlichste Tauerntal. Mit seiner Länge von 27 Kilometern zählt es neben dem Gasteiner- und dem Raurisertal zugleich zu den längsten Tauerntälern.


Brotzeit bei der Überschreitung von Kitzsteingabel (2037 m) und Penkkopf (2011 m)

Im angeschlossenen Freilichtmuseum bewundern wir verschiedene historische Bauernhöfe und Kulturzeugnisse. Nachdem das Tal im Mittelalter weitgehend landwirtschaftlich geprägt war, leitete der Einzug des Bergbaus, wie in vielen anderen Tauerntälern, eine wirtschaftliche Blütezeit ein. Kupfer- und Schwefelvorkommen spielten dabei im Tal die größte Rolle. Im Jahr 1520 wurde in Hüttschlag die für die damalige Zeit modernste Schmelzhütte der Region in Betrieb genommen. Rund dreihundert Jahre später, 1848, musste der gesamte Bergbau im Großarltal den Betrieb einstellen. Die Konkurrenz aus Übersee war zu mächtig, der weitere Abbau unrentabel geworden. Den daraufhin im Tal einsetzenden wirtschaftlichen Niedergang gelang es erst im 20. Jahrhundert durch den einsetzenden Tourismus wieder auszugleichen.

Vom Schneesturm zum Pulvertraum

Über Nacht ist der Föhn zusammengebrochen und es hat zu schneien begonnen. Trotzdem weckt uns früh morgens die Sonne und plötzlich haben wir ihn doch noch, unseren Wintertraum. Da kommt uns die Tour auf das Filzmooshörndl (2189 m) gerade recht. Mit seinen nord- und ostseitig orientierten Hängen verspricht es frischen Pulverschnee und einen guten Rundumblick mitten im Tourengebiet. Ab der Filzmoosalm (1710 m) lichtet sich der Wald und gibt den Blick in den weitläufigen Kessel zwischen Draugstein (2356 m) und Loosbühel (1984 m) frei. Die Sonne spielt mit dem Schatten der Bäume und die braunen Zweige und Stämme nehmen dem harten Dezemberlicht etwas die Schärfe.

Wir spuren über die freien Almflächen unter der Filzmooshöhe und blicken auf die tief verschneiten Gipfelhänge des Hörndl. Über den sanften Ostrücken erreichen wir wenig später den Gipfel und steigen die letzten Schritte zum Kreuz zu Fuß auf. Der Ausblick ist zauberhaft. Die Hohen Tauern liegen wie auf einer Perlenkette aufgezogen am klaren Horizont: Wiesbachhorn (3564 m), Großglockner (3798 m), Sonnblick (3106 m), Ankogel (3252 m) bis hin zur Hochalmspitze (3360 m). Nach kurzer Rast machen wir uns an die Abfahrt. Wir lassen den kalten Pulverschnee aufstieben und hinterlassen feine glitzernde Wolken im Gegenlicht. Nachmittags bummeln wir noch durch die Gassen von Großarl.


Pulvertraum bei Sonnenschein

Während der Weihnachtszeit werden hier in rund 25 kleinen Almhütten Kunsthandwerk und Spezialitäten aus der Region angeboten. Große Tradition hat das Holzschnitzhandwerk im Tal. Eine lebensgroße geschnitzte Krippe mit allen dazu gehörigen Figuren verbreitet festlich in Kerzenlicht gehüllte Atmosphäre. Zufrieden und voller Eindrücke verladen wir unsere Ski ins Auto und rüsten uns nach einem letzten Blick auf die Berge für die Heimfahrt: Wenn ein Jahr so gut beginnt, kann es doch eigentlich kein schlechtes mehr werden. Selbst dann nicht, wenn das Wetter so verrückt spielt wie diesmal– oder eigentlich wie zu jedem Jahreswechsel.
 
Alix von Melle und Luis Stitzinger
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 03/2017. Jetzt abonnieren!
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