Hervé Barmasse: »Ich bin der Sohn des Matterhorns« | BERGSTEIGER Magazin
Interview

Hervé Barmasse: »Ich bin der Sohn des Matterhorns«

Hervé Barmasse bestieg die vier Grate des Matterhorns im Winter alleine und eröffnete drei neue Routen in dessen Südwand: eine davon mit seinem Vater. Im Interview mit dem Bergsteiger spricht der 39-jährige Italiener über die Liebe zu seinem Berg und die Angst vor dem Sportbergsteigen.
 
Hervé Barmasse © Damiano Levati
Mehr als ein Berg aus Fels und Eis: Dem Matterhorn schreibt Hervé Barmasse sogar eine Seele zu.

Bergsteiger: Leben Sie ein denkwürdiges Leben?
HERVÉ BARMASSE: Ein denkwürdiges Leben... was genau meinen Sie mit denkwürdig?

Sie haben einmal gesagt, der beste Rat, den Sie je erhalten hätten, sei gewesen: Wir haben nur ein Leben. Lass es uns zu einem denkwürdigen machen!
Ah ja, genau. Es geht einfach darum, unsere Lebenszeit nicht zu verschwenden. Wir haben nur einen begrenzten Zeitraum, um unsere Ziele und Träume zu verwirklichen. Da sollte man versuchen, etwas Denkwürdiges zu schaffen. In erster Linie für sich selbst. Wenn alle anderen das dann auch für denkwürdig halten, ist das natürlich eine schöne Sache. Denkwürdig bedeutet übrigens nicht unbedingt, als Erster auf einem Gipfel zu stehen, als Erster eine Wand zu durchsteigen oder als Erster irgendeine Route zu klettern.


Winter-Erstbesteigung in Patagonien: Hervé Barmasse mit Martin e Pedrito an den Colmillos.

Mit Ihrem Vater haben Sie 2010 das Barmasse-Couloir eröffnet, eine neue Route durch die Matterhorn-Südwand. Manch einer würde das als denkwürdig bezeichnen...
Für manche Leute war das denkwürdig, ja. Denn mein Vater hatte die Route bereits 1983 ein erstes Mal versucht. Und im Laufe der Zeit haben sich ein paar wirklich starke Bergsteiger an der Route probiert – darunter sogar Gewinner des Piolet d’Or. Doch ihre Versuche sind alle gescheitert. Und dann kam ich mit meinem Vater, der zu dieser Zeit schon 60 Jahre alt war. Das hat viele überrascht, auch wenn ich die gesamte Route vorgestiegen bin. Ob nun denkwürdig oder nicht: Es hat sicher den einen oder anderen inspiriert.

Welchen Stellenwert nimmt diese Leistung in Ihrem Leben ein?
Es war etwas ganz Besonderes für mich. Wenn man jünger ist, versteht man sich mit seinen Eltern ja nicht immer blendend. Viele Jahre war ich alleine oder mit Freunden in der Welt unterwegs, um zu klettern und bergsteigen zu gehen. Und dann habe ich einen neuen Partner gefunden: meinen Vater. Das Besondere war am Ende nicht die Wand des Matterhorns, sondern dass ich diese Route mit ihm geklettert bin.

Stimmt es eigentlich, dass Ihr Vater gerade eine Winter- Erstbegehung der Matterhorn-Westwand versucht hat, als Sie geboren wurden?
Ja, das stimmt. Mit dieser Geschichte beginne ich auch mein erstes Buch, das dieses Jahr erscheinen wird. Es war sogar so, dass mein Vater an diesem 21. Dezember 1977 gerade aufgebrochen ist, als meine Mutter und meine Großeltern das Haus Richtung Krankenhaus verließen. Von meiner Geburt an war ich bei uns im Dorf damit der Sohn meiner Mutter und meines Vaters, aber auch der Sohn des Matterhorns.

War das von Ihrem Vater nicht verantwortungslos?
Puh... (macht eine Pause) Ich denke, es gibt viele Menschen, die das Verhalten meines Vaters nicht nachvollziehen können, aber ich kann seine Entscheidung heute verstehen. Für meine Mutter war das sicher nicht so einfach. Sie reibt ihm das noch von Zeit zu Zeit unter die Nase.

Haben Sie selbst Familie?
Ich habe keine Kinder, aber eine Lebensgefährtin. Sie stammt aus Sardinien und ist Sportkletterin.


Im Alleingang eröffnet Barmasse 2011 eine neue Route durch die Matterhorn-Südwand.

Wie viel Zeit verbringen Sie bei ihr zu Hause im Aostatal, wie viel unterwegs?
So fünf, sechs Monate bin ich jedes Jahr in der Welt unterwegs. Aber das heißt nicht, dass ich nur auf Expedition bin. Im November zum Beispiel hatte ich 17 Lesungen in Frankreich, Spanien und Italien. Ich bin also nicht nur auf Expedition, obwohl ich das so sehr liebe.

Und Ihr größter Traum ist, 365 Tage im Jahr bergsteigen zu gehen? Wäre das nicht langweilig?
Nein, nein. Wenn du ein professioneller Bergsteiger bist, dann denken die Menschen, du tust das ganze Jahr nichts anderes. Aber so ist es leider nicht. Darum habe ich mir gedacht: Vielleicht ist es möglich, ein Jahr meines Lebens nur mit Klettern und Bergsteigen zu verbringen. Nur ein einziges. Das ist wie ein Projekt für mich. Aber kein einfaches und auch nicht mein nächstes.

Was gibt Ihnen das Bergsteigen, dass Sie bereit sind, Ihr Leben dafür zu riskieren?
Ganz sicher bin ich nicht unverwundbar, und es ist natürlich möglich, abzustürzen und ums Leben zu kommen. Aber am Berg ist es doch so: Du willst eine Route klettern und hast nicht die nötige Form, das Wetter spielt nicht mit oder was auch immer. Dann musst du nach Hause gehen, vielleicht härter trainieren und irgendwann bekommst du eine neue Chance. Wir lernen, mit Niederlagen umzugehen und ziehen unsere Lehren daraus. Die Berge sind wie eine Schule, eine Schule für das Leben.


Auf der Suche nach Neuland: Barmasse bei einer seiner Expeditionen nach Patagonien.

Wann und wie wurden Sie eigentlich vom Skifahrer zum Bergsteiger?
Ich hatte als Jugendlicher einen schweren Unfall, musste sieben Operationen über mich ergehen lassen. Danach waren Skirennen kein Thema mehr für mich. Heute kann ich mich hinstellen und sagen: Okay, dieser Unfall ist Teil meines Lebens, aber damals war das wirklich hart für mich. Denn ich war in meiner Altersklasse einer der besten der Welt in Abfahrt und Super-G. Skifahren war mein Leben.

Was passierte dann?
Es war mein Vater, der mein Leben verändert hat. Er sah seinen Sohn, der seine Leidenschaft verloren hatte und als Skilehrer jobbte. Mit 18, 19 Jahren bestand mein Leben aus Skikursen von morgens bis abends und danach Party bis in die Morgenstunden. Da fragte er mich eines Februars: Warum klettern wir nicht das Matterhorn? Haben wir doch schon gemacht, habe ich ihm nur entgegnet. Ja, sagte mein Vater, aber im Winter ist das etwas Besonderes. Ich antwortete: Okay, lass es uns versuchen!

Und dann ist es passiert?
Ich erinnere mich noch genau: Es war eisig kalt, der Himmel strahlend blau der Sonnenaufgang wunderschön. Das war wirklich etwas ganz Besonderes. Denn obwohl es so kalt war, begann in meinem Herzen etwas zu brennen. Als ich das Kreuz am Gipfel berührte, dachte ich: Das könnte das Leben sein, das ich leben möchte. Zurück im Tal beschloss ich dann, meine Bergführer- Ausbildung zu beginnen.

Welche Bedeutung hat das Matterhorn demnach für Ihr Leben?
Das Matterhorn ist für mich wie ein Bruder, ein richtig großer Bruder. An ihm habe ich meine ersten Gehversuche als Bergsteiger gemacht. Das Matterhorn ist eine große alpinistische Herausforderung – und steht quasi direkt in meinem Hinterhof. Es ist nicht nur ein Berg aus Fels und Eis, es ist ein Berg mit einer Seele. Ich kann zu ihm sprechen und ihm zuhören.

Ihnen war das Matterhorn schon häufig gnädig gestimmt. Sind Sie ein guter Zuhörer?
Ja, ich denke schon. Ich bin einmal zum Matterhorn aufgebrochen, das Wetter war perfekt, die Bedingungen am Berg waren ausgezeichnet, aber ich habe von irgendwoher eine Stimme gehört, die mir sagte: Hervé, klettere heute nicht! Daraufhin habe ich dem Berg den Rücken gekehrt und bin nach Hause gegangen.

Haben Sie noch Projekte am Matterhorn?
Es gibt da noch eine Sache, die ich machen möchte. Es ist etwas Besonderes. Aber mehr möchte ich noch nicht verraten.

Erstbestiegen wurde das Matterhorn ja von der Schweizer Seite. Sie bezeichnen sich als 100-prozentigen Italiener. Schmerzt der Blick in die Geschichtsbücher?
Keineswegs. Denn die Geschichte der Erstbesteigung des Matterhorns ist eine italienische Geschichte. Zwischen 1857 und 1865 wurden alle Versuche von der italienischen Seite unternommen. Noch heute findet man ganz viele Inschriften auf dem Weg, die an Jean-Antoine Carrel und die zahlreichen Versuche erinnern. Sieht man sich das Buch von Edward Whymper an, handeln 70 Prozent von der italienischen Seite, drei Seiten widmet er dem Weg zum Gipfel auf der schweizerischen Seite und der Rest dreht sich um die Tragödie. Also: eine italienische Geschichte.

Sie haben einmal gesagt, der moderne Alpinismus geht höhere Schwierigkeiten ein, nimmt aber weniger Risiko in Kauf als der klassische. Warum wollen Sie den Geist des klassischen Alpinismus, den Geist von Messner und Bonatti, wieder aufleben lassen? Ist Ihnen das Bergsteigen zu kommod geworden?
Ja, es gibt eine neue Generation, für die ist Bergsteigen wie ein Sport. Manche von ihnen klettern beispielsweise die Matterhorn- Nordwand in fünf, sechs Stunden, aber dann bekommen sie im Abstieg Probleme und brauchen nochmal genauso lang für den Hörnligrat. Das ist nicht nur merkwürdig, das ist auch ein Problem. Diese jungen Leute sind nicht in der Lage, sich in einfachem Gelände zu bewegen. Und einfaches Gelände ist schwer abzusichern. Wenn dort einer stürzt, dann stürzt er richtig. Es gibt bereits das Sportklettern und gerade entsteht so etwas wie das Sportbergsteigen. Aber Abenteuer und Risiko sind wichtiger Teil des Bergsteigens. Sollten wir das verlieren, ist Bergsteigen nicht länger das, was ich machen möchte.

Sie haben 2014 alle vier Grate des Matterhorns im Winter binnen 17 Stunden bestiegen. Haben Sie versucht, Hans Kammerlander nachzueifern?
Nein, nein. Denn die ersten, die das im Sommer gemacht haben, waren zwei Bergführer aus Zermatt: über den Furggengrat nach oben, den Hörnligrat runter, den Zmuttgrat hoch und den Liongrat hinunter, in 27 Stunden. 15 Jahre später, Mitte der 80er- Jahre, hat mein Vater genau das Gleiche gemacht, aber alleine. Und wieder zehn Jahre später kam Hans Kammerlander mit der Idee, alle vier Grate in 24 Stunden zu klettern. Aber er war mit einem Seilpartner unterwegs, da fehlt mir persönlich das Abenteuer. Da geht es nur darum, schnell zu sein. Und das ist mir nicht wichtig. Mir sind auch meine 17 Stunden völlig egal. Was für mich zählt, ist der Winter, der viele Schnee, das hohe Risiko und die Tatsache, dass ich auf mich alleine gestellt war. Alle vier Grate alleine im Winter: Das hatte noch niemand versucht.

Haben Sie nach diesem Projekt von Hans Kammerlander gehört?
Nein, ich habe ihn bislang nie getroffen. Aber ich halte sehr viel von ihm. Er ist definitiv einer der Bergsteiger, die mich inspiriert haben – wie auch Reinhold Messner, Walter Bonatti oder der Kletterer Royal Robbins.

Messner hat über Sie gesagt, das Bergsteigen sei nur deshalb nicht gescheitert, weil es junge Leute wie Hervé Barmasse gibt. Wie empfinden Sie dabei?
Seit dieser Aussage trage ich auf jeder Tour einen zweiten Rucksack mit mir herum. Ich habe mein Gepäck zu schultern und das, was Reinhold Messner über mich gesagt hat. Eine große Verantwortung. Es ehrt mich natürlich, aber es gibt sicher mehr Menschen wie mich.


Hausberg Matterhorn: Barmasse erklimmt den Zmuttgrat, den zweitschwierigsten der vier Grate (S).

An den 8000ern hat er Ihnen einiges voraus. Haben Sie nach Ihrer gescheiterten Expedition am Gasherbrum I schon neue Pläne gefasst?
Mein Ziel ist, in den nächsten Jahren mehr Zeit im Himalaya zu verbringen. Bergsteiger wie Messner und Bonatti haben die erste Hälfte ihres Lebens damit verbracht, in den Alpen etwas zu erreichen. Dann sind sie in den Himalaya aufgebrochen. Nun möchte ich zeigen, dass es noch möglich ist, eine neue Route auf einen 8000er zu eröffnen. Die meisten Menschen wählen den Normalweg und danach überlegen sie, vielleicht eine neue Route zu versuchen. Aber für die Erstbesteiger gab es keine Normalroute, sie mussten ihren Weg suchen. Natürlich ist mein Projekt damit nicht vergleichbar, aber ich will Neuland betreten.

Eine neue Route auf einen 8000er zu eröffnen, ist das Ihr größtes Ziel?
Nicht das größte, aber mein nächstes. Wenn mein Knie hält, werde ich im Mai mit David Göttler in den Himalaya auf brechen. Wahrscheinlich zum Shishapangma.

Eine neue Route auf den Shishapangma, das wäre dann schon denkwürdig, oder?
Ja, für mich schon. Weil ich damit zeigen könnte, dass es immer noch möglich ist, neue Wege zu gehen. Aber ich habe noch ganz andere Projekte im Sinn, das ist nur das nächste. Eins nach dem anderen.

Christian Geist
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 03/2017. Jetzt abonnieren!
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