Am Höhepunkt: Die Stüdlhütte | BERGSTEIGER Magazin
Hüttenzauber

Am Höhepunkt: Die Stüdlhütte

Vor 20 Jahren entstand an der Fanatscharte unterhalb des Großglockner ein futuristisches Gebilde, das die alte Hütte des Prager Kaufmanns Johann Stüdl ersetzen sollte. Heute strömen Bergsteiger und Wanderer in Scharen herbei – der höchste Berg Österreichs ist dabei nur einer der Höhepunkte.
 
Stüdlhütte © TVB Osttirol
Die Stüdlhütte ist ein beliebter Stützpunkt für Hochtouren im Sommer.
Das hat man davon, wenn man so beliebt ist: ein proppenvolles Haus. Peter Oberlohr mag das gar nicht. Sein Haus, die Stüdlhütte, bietet zwar bis zu 120 Gästen Platz. Doch weil sie dem Gipfel des Großglockner so nahe ist und nur wenige Meter über ihrem Standort der berühmte Stüdlgrat zu Österreichs Höchstem beginnt, ist die Stüdlhütte eben doch die meiste Zeit ziemlich voll.

Bis zu 10 000 Menschen steigen jedes Jahr auf den Großglockner – mit einer Übernachtung auf der Lucknerhütte, dem Erzherzog- Johann-Haus oder eben der Stüdlhütte. »Haben wir an einem Tag mehr als 120 Gäste, müssen wir die Leute beim Abendessen bitten, ihren Platz für die anderen Hungrigen freizumachen. Und das kommt normalerweise nicht gut an.«


Die Küche hält, was der Blick auf die Speisekarte verspricht

Geheimtipp zur Skitourenzeit

Trotz der einzigartigen Lage, welche die Gäste in Scharen anlockt: Negative Schlagzeilen wie überfüllte Schutzhäuser und Stau am Weg zum Gipfel kann kein Hüttenwirt brauchen. Deshalb haben alle zusammen beschlossen, den Zulauf auf den Großglockner sanft zu reglementieren: über die Reservierungen, die sie ab einer Auslastung von 80 Prozent nicht mehr annehmen.

Und was den Umweltschützern wenige Kilometer entfernt Kopfzerbrechen bereitet, arbeitet Hüttenwirt Oberlohr in diesem speziellen Fall sogar in die Hände: Dank Klimawandel endet die Hochtouren- und Wandersaison auf 2800 Metern mittlerweile fast einen Monat später, nämlich Mitte Oktober. »So entzerrt sich der Ansturm auf den Glockner.« Im Frühjahr hingegen ist die Stüdlhütte beinahe noch ein Geheimtipp.


Die Stüdlhütte ist auch ein beliebter Stützpunkt für Skitouren auf den Großglockner und seine Nachbarn im Winter.

Dabei gibt es mit den Romariswandköpfen oder dem Gramul einige schöne Skitourenziele, die außerdem nicht ganz so anspruchsvoll sind wie eine Glockner- Besteigung im Winter. Von weißen Kuppen flankiert, liegt der moderne Bau im Winter wie eine Kuchenroulade inmitten von reichlich Puderzucker. Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Stundenkilometern und Anspruch, im Nationalparkgebiet der Hohen Tauern so energieeffizient wie möglich zu bauen, gaben der Hütte ihr futuristisches Aussehen mit dem halbrunden Blechdach, das zum Glockner hin bis auf den Boden reicht, und drei holzverschindelten Seiten.

Drinnen zieht sofort die hölzerne Büste des Patrons alle Blicke auf sich: Johann Stüdl überall! Bergführerordnung, Hüttenordnung, Gründung des Deutschen Alpenvereins ... überall taucht Stüdls Name in der Alpingeschichte der 1860er- und 70er-Jahre auf. Der Prager Kaufmann initiierte und finanzierte nicht nur den Hüttenbau 1868 in der Fanatscharte. Er erschloss auch den Südgrat zum Großglockner mit 400 Meter Stahlseil und mit der Hilfe von mutigen Kalser Bauernburschen. Sie bildete Stüdl zu Bergführern aus und legte somit den Grundstein für das organisierte Bergführerwesen in Österreich.


Geschafft: am Aufstieg vom Stüdlgrat mit Kletterstellen bis zum IV. Grad.

Michael Amraser ist heute der Chef des ältesten Bergführerverbandes, unter dessen Dach in Kals 20 Bergführer versammelt sind. An die 500 Mal war er schon auf dem Dach Österreichs – über den Normalweg von der Adlersruhe, über die schwierige Palavicinirinne und eben über den Stüdlgrat. Wer den Spuren des Prager Kaufmanns heute folgen will, muss mit Klettereien bis zum unteren IV. Schwierigkeitsgrad rechnen.

»Nur noch wenige Schlüsselstellen sind mit Seilversicherungen entschärft, um einer Staugefahr entgegen zu wirken«, erklärt Amraser. Bevor die Bergsteiger aber losziehen, bekommen sie in der Stüdlhütte ein Halbpensions-Buffet, das locker mit den hochrangigen Sternehotels unten in Kals mithalten kann: frischer Obstsalat je nach Gusto mit Nüssen, Joghurt oder Müsli, Gebäck, diverse Marmeladen selbstverständlich aus Töpfen anstatt in Einwegverpackung, Käse und Wurst zum Morgen; abends ein fünfgängiges Menü vom Buffet mit Speisen für Fleischesser, Vegetarier oder auch Rohkostler. Ganz schön viel Aufwand für eine Hütte, die nur via Seilbahn zweimal die Woche mit allem Lebensnotwendigen versorgt wird, oder? »Das Buffet ist für uns eine Erleichterung«, antwortet Georg Oberlohr wider Erwarten. Seine Argumente klingen logisch: »Auf diese Weise können wir Sonderwünsche besser abdecken und es muss nicht mehr soviel weggeworfen werden.«

Aus einem Jahr wurden 20

Oberlohr bewirtschaftet die Stüdlhütte, seitdem diese nach drei Jahren Bauzeit 1997 neu eröffnet wurde. Den zwei Millionen Euro für den Neubau sind mittlerweile weitere fünf Millionen an Investitionen gefolgt. Und aus dem einen Jahr, das der gelernte Maschinenbauer auf der Hütte verbringen wollte, werden heuer 20. Dass die Bergsteiger sein Haus so lieben, versteht er nur allzu gut.
 
Dagmar Steigenberger
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 03/2017. Jetzt abonnieren!
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