Schönste Sackgasse der Welt - Wandern im Großarltal | BERGSTEIGER Magazin
Hüttenwandern zu urigen Almen

Schönste Sackgasse der Welt - Wandern im Großarltal

Das Großarltal wartet mit einer einzigartigen Dichte an Almen auf. Zu erreichen sind die beschaulichen Berghütten bei Familienwanderungen und Hochtouren gleichermaßen. Ein Dorado für Bergfreunde mit Faible für die traditionelle österreichische Küche.
Von Uli Ertle

 
Hüttenwandern zu urigen Almen © Tourismusverband Großarltal
Ein Hoch auf die Bergwelt: Kammwanderung am Gründegg.
»Was hat drei Ohren, zwei Schädel, sechs Beine und geht spazieren?« – »Eh klar: der Steinpatz mit seinem Hund.« Johlendes Gelächter, die Runde hebt die Gläser und trinkt auf das Wohl ihres ehemaligen Volksschullehrers, den Steinpatz Karl, der im Zweiten Weltkrieg das rechte Ohr verlor und der so gern mit seinem Hund durch die Berge lief. An dem schweren Holztisch vor der Hütte wird geschimpft, politisiert und gelacht. 

Die 40 bewirtschafteten Almen an den Hängen des Großarltals sind für die Einheimischen das, was für Stadtmenschen ihr Stammlokal ist: Man geht hin und trifft seine Freunde. Herrlich gelegen und bis zu 400 Jahre alt, prägen sie das Landschaftsbild der »schönsten Sackgasse der Welt«, wie Tourismusdirektor Tom Wirnsperger seine Region nennt. Annähernd jeder Bauer im Tal hat seine Alm, auf der früher das Jungvieh den Sommer verbrachte und auf der heute die Gäste den Zuschuss in die Kassen spülen, den die Landwirte hier im Salzburger Land zum Überleben brauchen.

Albino-Enzian am Wegrand

Dieses im Salzburger Land einzigartig engmaschige Netz an Almen offeriert für Wanderer eine Vielzahl an Touren. Wer Panoramablicke zu schätzen weiß und auch die österreichischen Spezialitäten nicht verachtet, ist zum Beispiel mit der Tour auf das 2168 Meter hohe Gründegg gut beraten. Vom Talschluss des Ellmautals führt ein schmaler Weg durch den Wald bergauf bis zur ersten Hütte, der Loosbühelalm. Von der Alm aus windet sich ein Steig über Wiesenhänge hinauf zum Bergkamm, wo sich – klares Wetter vorausgesetzt – die Hohen Tauern und auf der anderen Seite der Hochkönig sowie das Tennen- und Hagengebirge zeigen. Auf der Anhöhe geht es in angenehmer Steigung und niemals ausgesetzt hinauf zum Gipfel.  Auf dem Weg zur Ellmaualm wächst eine botanische Ausnahme: der seltene Albino-Enzian. Die gewöhnlich tiefblaue Blume kommt in seltenen Fällen auch ohne blauen Farbstoff vor. 

Resi Ganitzer, 54, die Sennerin der Ellmaualm lehnt an der Tür ihrer Hütte und lacht mit den Einheimischen, die an diesem warmen Nachmittag wieder einmal heraufgekommen sind, um den Strudel zu genießen, den Resi gerade frisch aus dem Rohr geholt hat. Sie bewirtschaftet die Alm bereits seit 33 Sommern für »den Bauern«, dem die Alm gehört. Der Bauer, das ist ihr Bruder. Doch das Wort spricht sie in diesem Zusammenhang nicht aus. Elf Geschwister waren sie auf dem Groß Ellmauhof, der Vater, heute 93, kommt noch immer gern das eine oder andere Mal herauf.

»Ich würde niemals tauschen wollen«

»Leicht ist das Leben hier nicht«, sagt sie. Um fünf Uhr früh beim ersten Tageslicht die Kühen melken, Käse und Butter machen, das Frühstück für die Gäste bereiten, putzen, dann die ersten Wanderer bewirten. Danach das Abendessen für die Übernachtungsgäste richten und so manchen langen Abend mit Freunden in der Stube verbringen. Trotz all der körperlich harten Arbeit sagt Resi: »Ich würde niemals tauschen wollen – die Ruhe, die Berge, man ist dem Himmel so nahe. Das gibt es sonst nirgendwo.«  Dieses Dasein wusste auch der Einsiedler zu schätzen, der fast 20 Jahre lang auf der Weißalm hauste. Die Weißalm, eine knappe halbe Stunde von Resis Ellmaualm entfernt, gehört Michi und Barbara Hettegger.

Der Einsiedler war ein ehemaliger Bahnvorstand aus Sankt Johann, der sich das Wohnrecht auf der Alm erbat. Zwar hatte er eine Frau und sieben Kinder – aber die hatten gefälligst im Tal zu bleiben. »Er hat immer draußen auf dem Balkon geschlafen«, sagt Michi Hettegger. Egal wie das Wetter war, nie habe er etwas anderes getragen als seine kurze Lederhose. Als die Bergbauern gegen Ende der 1990er-Jahre nach und nach begannen, ihre Almen aufzuhübschen und für die Wanderer zu öffnen, zogen auch die Hetteggers nach. Die mehrere 100 Jahre alte Weißalm wurde von Grund auf renoviert, ein Beton-Fundament gegossen und das Innere umgestaltet. Aus dem Stall wurde die Gaststube und aus dem Refugium des Einsiedlers ein beliebter Anlaufpunkt für Wanderer.

Und aus dem Einsiedler, dem das alles »wegen der Hektik gar nicht gepasst hat«, wurde wieder ein – vermutlich ziemlich mürrischer – Familienvater.
Fotos: Tourismusverband Großarltal, Uli Ertle
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