Ein Amateurbergsteiger auf Everest-Expedition – Teil 2 | BERGSTEIGER Magazin
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Ein Amateurbergsteiger auf Everest-Expedition – Teil 2

Der Belgier Damien Francios träumt vom Everst – und zwar schon ziemlich lange. Im Frühjahr 2018 unternimmt er seinen vierten Versuch, er will endlich das Dach der Welt erklimmen. Den Verlauf der Expedition schildert er im Bergsteiger-Blog. Teil 2: Kathmandu – Rück- und Ausblick
 
Kathmandu © Damien Francois
Kathmandu
23. März 2018, Kathmandu
 
»Ohhh, Namaste! Damien dai, tapai lai kasto chaa?«, werde ich empfangen. »Namaste! Dear Baden, and you, tikchaa?« Wie schön es immer wieder ist, die berühmte nepalesische Gastfreundschaft zu erfahren! Bei meinen Freunden im kleinen, aber feinen, alpinen Ausrüstungsladen HOLYLAND (Chetrapatti, Thamel) trinke ich den ersten Tee, traditionell einen Ingwer-Honig-Tee. Genauso traditionell fragen sie nach meiner Mutter und Yeti – neben den Bergen sind Katzen unser Lieblingsthema, im Holyland...
 
Etwas später trinke ich meinen ersten Kaffee im Himalayan Java, am Tridevi Marg – über dem neuen, 2017 eröffneten North Face-Laden. Der nepalesische (feinste Sahne!!!) Kaffee und der »chocolate cake« schmecken heute so gut wie noch nie. Liegt es nur daran, dass es mein 13. Aufenthalt im Land des höchsten Berges ist? Denn ich fühle mich dieses Mal besonders heimisch in Kathmandu.
 
Ich glaube eher, dass es viel mit der Situation in Europa zu tun hat. Ich lebe in Ostbelgistan :-) unweit der deutschen Grenze zu Aachen, wo ich studiert, promoviert und lange doziert habe. Ich liebe unsere Wälder; meine Mutter und mein Yeti (mein XXL Kater – siehe mein Buch zu den »heiligen Bergen Nepals«) sind in meiner ersten Heimat das Wichtigste. Aber was mit und in Europa passiert, stimmt mich wütend, sehr sogar.
 
Ähnlich extrem ist der Wärmewert meines neuen PAJAK Schlafsacks aus polnischer 900 Daune: bis -73° Grad. Viel Wärme in einer kalten Umgebung, in einer kalten Zeit. Mein Schlafsack für die Lager 3 und 4 wurde letztes Jahr im Lager 2 geklaut... Ja, es verschwinden Sachen am Everest: Schlafsäcke, Kleidungsstücke, Sauerstoff, Spezialnahrung für die Höhenlager. Wie ich hörte sind es aber nicht unbedingt die »üblichen Verdächigen« (also Höhenarbeiter – Sherpas und andere Höhenträger), sondern es sollen sich auch schon mal Profi-Alpinisten »bedienen«, erzählen mir einige sehr erfahrene Profis (ob Nepali, Tibeter oder »Westerners«, wie wir hier heißen). Überhaupt, ich möchte diesen Blog auch nutzen, um ein paar Everest-Klischees kritisch zu besprechen, wie zum Beispiel Müll, Massenandrang oder das typische Publikum auf diesen Expeditionen.


Damien Francois bei einer früheren Expedition auf dem Weg nach Pangboche/Dingboche
 
Obwohl ich nur ein Amateur bin, habe ich mehrmals gehört: »You look like a climber!« In Lukla 2014, nach der ersten Annullierung aller Everest-Expeditionen war es das erste Mal; dann letztes Jahr im Flieger von Abu Dhabi nach Kathmandu und letzte Woche. Wenn meine Gesichtszüge verraten, dass ich jemand bin, der seine Lebenserfahrung unter anderem an den großen Bergen gewinnt, erfreut es mich ganz besonders. Denn ich bin zwar promovierter Philosoph und Autor, also auch ein »Intellektueller«, aber das Wichtigste ist, dass ich Geist UND – vor allem – Körper bin, denn wie Nietzsche schrieb: »Leib bin ich ganz und gar und Seele [Geist] ist nur etwas am Leibe.« Ich habe keine Familie gegründet und bin auch nicht Herr Professor geworden, wie ich lange zu werden gedachte.
 
Den Gipfel der Jomolangma-Sagarmatha, den Dritten Pol, das absolute Dach der Welt, zu erreichen, das wäre doch eine Sache, die als Krönung eines größeren Ganzen eine besondere Bedeutung für mich hätte.* Nach 16 Expeditionen** in Nepal (der Island Peak, ein 6000er am Fuße der Südwand des Lhotse, den wir vor dem Everest zur Akklimatisierung besteigen werden, wird meine 15. Expedition, der Everest selbst meine 16. sein) wäre der Ausblick, beziehungsweise die im wahrsten Sinne atemberaubende Kulisse doch ein würdiges »Ankommen«. Aber wirklich angekommen werde ich natürlich erst dann sein, wenn ich heil wieder... unten bin, am EBC!


Seit einigen Jahren Damiens großes Ziel: der Everest
 
An dieser Stelle möchte ich einen 8850 m »Tujichey! Dere dere Danyabhat!« an die Gönner richten, die mir meine Everest-XP finanziell ermöglicht haben. Den allerhöchsten Dank sende ich nach Süd-Frankreich, nach Fréjus! MERCI!!!
 
* Ein Artikel aus meiner Feder zur Frage »Was suchen wir eigentlich da oben?« (»Là-haut«, also »da oben« lautet der Titel) wird in der französischen Zeitschrift VERTICAL im April erscheinen.
** Von meiner ersten Expedition an einem 6000er 2005, zum Berg der Berge 2018, 16 Expeditionen: Mera Peak (2x), Singu Chuli, Kang Guru, Ama Dablam (2x), Manaslu (2x), Ganesh I-Yangra, Lobuche (3x) und Everest (4x)


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Damien Francois
Fotos: 
Damien Francois
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