Hüttentrekking rund um die Lechquellen | BERGSTEIGER Magazin
Die stille Seite des Arlbergs

Hüttentrekking rund um die Lechquellen

Wer Arlberg hört, denkt meist an mondänen Skizirkus, mit großflächig erschlossener Landschaft und all seinen Begleiterscheinungen. Ein viertägiger Hüttentrek beweist, dass es dort auch überraschend ursprünglich zugehen kann.
 
Über den Gehrengrat führt die Lechquellenrunde ins Steinerne Meer. © Mark Zahel
Über den Gehrengrat führt die Lechquellenrunde ins Steinerne Meer.
Die Alpingeografie spricht – etwas gekünstelt, aber durchaus zutreffend – vom Lechquellengebirge. Noch im Vorarlbergischen entspringt der Lech – einer der letzten großen Wildflüsse der Alpen, der dieses Prädikat überhaupt noch verdient –, bevor er durchs Tiroler Außerfern ins bayerische Alpenvorland hinausströmt. Über seinen Quellen stehen Massive wie Braunarlspitze, Rote Wand oder die Wildgrubenspitzen. Der nächste Ort ist Lech am Arlberg: eigentlich eines der teuersten Pflaster Österreichs.

Ach was! Das Auto verschwindet gratis in der Parkgarage und der Fahrer des Ortsbusses Richtung Zug winkt uns durch, noch bevor die Geldbörse gezückt ist. Mit diesem gelungenen Einstand verdient sich die Gegend auf Anhieb unsere Sympathie. Nur das Wetter gibt sich vorerst unentschlossen. Es scheint nicht zu knapp geregnet zu haben in den vergangenen Tagen, das Gewölk hängt noch recht zäh an den Bergen. Trotzdem ist Optimismus angesagt, was freilich einer verheißungsvollen Prognose geschuldet ist.

Spullersee
Gelber Enzian auf den Bergwiesen am Spullersee, Foto: Mark Zahel

Die Tour von Lech zur Ravensburger Hütte bildet den Einstieg in eine kleine Trekkingrunde um die Lechquellen. Naja, »Trekking« klingt vielleicht ein bisschen hochgestochen bei vier eher moderaten Tagesetappen, die aber in jedem Fall gut sind für ein verlängertes Wochenende respektive einen erlebnisreichen Kurzurlaub von Hütte zu Hütte. Im mäßig ansteigenden Hochtal des Stierlochs wird man zum Auftakt wenig gefordert. Und kaum ist die Jochsenke überschritten, läuft man über sattgrüne Weiden auch schon beim ersten Basislager ein. Es ist kurz vor Mittag, eine Tageszeit, in der die Ambitionen von Wanderern sich schon mal von einander unterscheiden können. Während sich der eine auf direktem Weg zu den Zapfhähnen befindet und beiläufig die Speisekarte studiert, brütet ein anderer – wie nicht anders zu erwarten – über der Karte, getreu dem Motto: Da muss doch noch was gehen …

Dachgeschoß über der Quelle

Nach relativ kurzer Pause und noch viel kürzerer Diskussion gehen alle. Und zwar auf den Spuller Schafberg. Dies sei der Hausberg der Ravensburger Hütte und ein lohnendes Extra, verspricht der Wirt. Recht glitschig gebärdet sich der schmale Steig, nachdem die Sonne noch nicht viel Gelegenheit zum Abtrocknen hatte; zu oberst am Südgrat auch schrofig. Mit dem Gipfelziel auf 2679 Metern streben wir beinahe unvermittelt ins höchste Stockwerk des Lechquellengebirges. Ostwärts kulminiert die Große Wildgrubenspitze, diametral gegenüber steht die Rote Wand Spalier – ein Berg, den wir später noch ausgiebiger bewundern werden. Ohnehin hat er seine Wolkenmütze bislang nicht ablegen wollen.

Was mittags kaum zu erahnen war: Am Abend ist die Ravensburger Hütte voll belegt. Zwei Studenten hat es im Rahmen einer Ultra-Weitwanderung hierher verschlagen. Ihr Ziel liegt irgendwo in Italien, der Weg dorthin werde sich ergeben, erklären sie verblüffend gelassen, ohne eine genaue Vorstellung davon, wie das Hindernis namens Alpen so beschaffen ist. Später gestehen sie, zwischen durch auch motorisierten Hilfsmitteln nicht ganz abgeneigt zu sein. Jedenfalls nehmen sie ein paar geografische Tipps dankbar an. Viele Gäste sind indes »ganz normal« von der Freiburger Hütte herübergekommen– für uns das nächste Etappenziel.



Der folgende Morgen präsentiert sich wunschgemäß frisch und klar. Das angekündigte Hoch hat endgültig durchgegriffen und nahezu allen Wolken den Garaus gemacht. Vor der Hintergrundkulisse der Verwallberge brilliert der türkisfarbene Spiegel des großen Spullersees. Die Traverse am Nordufer entlang nimmt schon eine Weile in Anspruch, ehe wir in das Tälchen mit dem seltsamen Namen »Kühler Morgen« abdrehen. Vor uns baut sich nun mit dem Gehrengrat eine nennenswerte Hürde auf. Bedenken werden aber bald zerstreut, denn der Zickzackkurs durch den steilen Riegel ist solide ausgebaut. Und das Panorama euphorisiert schlussendlich alle, womit unweigerlich das beliebte Wissens- und Ratespiel einsetzt: Wie heißt welcher Gipfel? Die Schesaplana drüben im Rätikon erzielt die höchste Trefferquote. Einmal bei Nebel, erzählt jemand, sei hier am Gehrengrat vor ihm urplötzlich ein Rudel Steinböcke aufgetaucht. Doch heute bei Schönwetter will sich leider keiner der stolzen Hornträger zeigen, so akribisch wir die Hänge auch absuchen. Vielleicht bekommen wir ja noch eine andere Chance.

Riesentorte aus Fels

Dann eben Augen Richtung Rote Wand! Dieser Bergstock gilt, was die Ausmaße betrifft, als der gewaltigste im gesamten Lechquellengebirge. Nachdem wir im zerklüfteten Karstgewirr des Steinernen Meeres (es heißt tatsächlich so und ist keine Verwechslung mit den Berchtesgadener Alpen, in die man sich freilich vorübergehend versetzt fühlt) einen Slalom absolviert haben, nimmt die Rote Wand unweit der Freiburger Hütte in voller Größe die alpine Bühne ein. Genau gesagt ist es jetzt ihr Südabbruch, der mit sieben, farblich fein ausdifferenzierten Gesteinsschichten wie eine überdimensionale Torte aussieht. Ein Meister, wer sie gebacken!

Göppinger Hütte
Gemütliches Schutzhaus auf der Lechquellenrunde: die Göppinger Hütte, Foto: Mark Zahel

Die Rote Wand wird von der Freiburger Hütte aus auf einer ziemlich alpinen Route regelmäßig bestiegen, was jedoch einen ganzen Tag extra beansprucht, weil der Berg zunächst halb umrundet werden muss, um schließlich über die Schwachstellen der Nordseite hinaufzugelangen. Einem Mehrheitsbeschluss zufolge wird dieses – zweifellos reizvolle – Kapitel aus unserer Trekkingtour ausgeklammert, was einen passionierten Gipfelstürmer allerdings nicht davon abhält, nachmittags zumindest noch auf den kecken Roggelskopf zu sprinten, während es sich andere längst auf der Hüttenterrasse gemütlich machen. Dort herrscht geschäftiges Treiben, wogegen der Nimmermüde abseits frequentierter Nabelpunkte ganz allein mit sich und dem schwindelerregenden Tiefblick ins Klostertal ist.

Nach einem Vollwert-Frühstück mit allem Pipapo sollte tags darauf niemand die Ausrede vorbringen, sich zu schwach für die kommende Etappe zu fühlen. Jemand beklagt sich aber, er hätte zu viel Rührei genossen, was ihm jetzt schwer im Magen läge. Freilich erntet er daraufhin nur mitleidlosen Spott und wird hurtig ins Gelände getrieben. Auch der Übergang zur Göppinger Hütte ist kein absoluter Leistungsmarsch, obgleich als anspruchsvollste Etappe der Tour gehandelt. Der Schlängelkurs durchs Obergeschröf gestaltet sich für leidlich Karst-Erprobte ohne nennenswerte Hindernisse, und auch die kleine Kletterstelle packt dank Drahtseil jeder spielend. Wer indes zu früh im Jahr unterwegs ist, den könnten weiter oben in der Johanneswanne tückische Schneefelder ausbremsen. Mitte des Sommers gehtes für uns tadellos vonstatten, wenn auch nicht für jeden vollkommen leichtfüßig ob des Gerölls. Wald- und Wiesenwanderer sollten sich vorsorglich mal auf wirklich alpines Gelände gefasst machen.

Sondervorstellung frühmorgens

Die Steinböcke hätten wir in geselliger Runde versunken schon fast vergessen, als abends auf der Göppinger Hütte plötzlich die Kunde durch die Stuben zieht. Tatsächlich: Da stromern sie mit stoischer Gelassenheit durch die Schrofen, während einige Zweibeiner ihre Gegenwart ganz aufgeregt per Kameraklick verewigen wollen.

Lechquellenrunde
Die vierte Etappe von der Göppinger Hütte nach Lech bietet herrliche Ausblicke. Foto: Mark Zahel

Am anderen Morgen bekommt ein einsamer Gipfelstürmer seine ganz persönliche Vorstellung geliefert – von den Steinböcken sowie vom Sonnenaufgang, der die Johannesköpfe vis-àvis aufs Schönste illuminiert. Für dieses Erlebnis auf der nahen Hochlichtspitze ist er schon im Dämmerlicht aus den Federn respektive Decken gekrochen, was manch anderem ja nicht einfallen würde. Freilich kann auch der Schlaf auf gut besuchten Hütten fein sein, wenn man in seinen Träumen gleichsam schwerelos über alle Gipfel gleitet.

Relikte des Winters

Nach drei Tagen fühlen wir uns nun so richtig mit dem Lechquellengebirge verbunden – da steht leider auch schon die Schlussetappe bevor. Als Theodor-Praßler-Weg führt sie am südlichen Sockel der Braunarlspitze entlang und über die Butzenschulter hinweg in die Senke unweit des Butzensees. Es ist dies eine Panoramastrecke par excellence, fortgesetzt Richtung Kriegersattel und Oberlech, wobei wir von den Felsszenerien langsam Abstand gewinnen und zunehmend wieder im Grünen (lust)wandeln. Erst jetzt gegen Ende der Tour schleichen sich Liftanlagen und Skipisten ins Blickfeld und erinnern uns daran, dass wir ja im Arlberggebiet unterwegs sind, wo der»weiße Rausch« angeblich alles gilt. Doch was kümmert uns das nun, da wir über den Gehrengrat und durchs Steinerne Meer gestreift sind, die große Rote Wand und so manches kleine Detail am Wegesrand beäugt haben, das Flair gemütlicher Hütten und die ganze urtümliche Natur ringsum im Herzen tragen? Den Namen »Lechquellengebirge« werden wir uns merken und beim Arlberg fortan immer daran denken.

Oberlech und Biberkopf
Grüne Wiesen statt Skizirkus: Oberlech vor dem Biberkopf, Foto: Mark Zahel

Basiswissen Arlberg: Jenseits des Rummels

  • Wie hinkommen? Lech am Arlberg erreicht man über Füssen-Reutte und durchs Lechtal, aus Richtung Landeck (Oberinntal) über den Arlberg- und den Flexenpass sowie von Vorarlberger Seite über den Hochtannberg oder via Bludenz und Klosteral. Jeweils auch Busverbindungen
  • Wo anklopfen? Lech Zürs Tourismus, A-6764 Lech amA rlberg, Tel. 00 43/55 83/21 61-0, www.lech-zuers.at
  • Wo schlafen? Ravensburger Hütte (1947 m), DAV, Mitte Juni bis Anfang Oktober,Tel. 00 43/6 64/5 00 55 26; Freiburger Hütte (1918 m), DAV, Mitte Juni bis Anfang Oktober, Tel. 00 43/6 64/5 12 47 87 oder 1 74 50 42; Göppinger Hütte (2245 m), DAV, Mitte Juni bis Anfang Oktober, Tel. 0043/55 83/35 40
  • Sich Orientieren: Mark Zahel »Hüttentreks«, Bruckmann Verlag 2013; Mark Zahel »Wochenendtouren Allgäu – Vorarlberg«, Bergverlag Rother 2015. Kompass Karte, 1:50 000, Blatt 33 »Arlberg– Verwallgruppe«
  • Tourenkarten zum Download: Lechquellenrunde 1. + 2. Etappe & Lechquellenrunde 3. + 4. Etappe
Mark Zahel
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 06/2016. Jetzt abonnieren!
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