Weitwandern auf dem Lechweg | BERGSTEIGER Magazin
Zu Fuß durch Vorarlberg, Tirol und Bayern

Weitwandern auf dem Lechweg

Aus Spanien importiert, vom Hochwasser verzögert, an die Nachbarn verloren: Der Lechweg startete stotternd. Seit zwei Jahren ist alles im Fluss – und der Weitwanderweg für seinen Modellcharakter ausgezeichnet.
Von Christina Warta
 
Die Ähnlichkeit des Formarinsees zum farbverwandten Ultramarin ist bestechend. © Bernd Eisenschink
Die Ähnlichkeit des Formarinsees zum farbverwandten Ultramarin ist bestechend.
»Meinst Du, sie liegt da unten?«, sagt eine Wanderin und deutet auf den schimmernden See zu ihren Füßen. Ihr Begleiter zuckt mit den Schultern. »Ich glaub, sie liegt eher da oben«, sagt er und zeigt auf die Felsen der Roten Wand. Wer den Lechweg wandern will, der muss, bevor es losgeht, erst einmal eine Frage klären: Wo liegt sie eigentlich, die Quelle des Lech? Das zu bestimmen, ist gar nicht so leicht. Der Lechweg ist ein 125 Kilometer langer Weitwanderweg, der von Lech in Vorarlberg nach Füssen im Allgäu führt: meist am eilig dahinströmenden Wasser des Flusses entlang, über kleine Holz- und große Hängebrücken, durch ursprünglich gebliebene Flusslandschaften und pittoreske Städte bis zu den berühmten Königsschlössern Ludwigs II.

Schwierig ist der Lechweg nicht, allenfalls konditionell etwas anstrengend, wenn man die Strecke in fünf Tagen packen will. Man kann sich aber auch gemütliche acht Tage Zeit lassen, um dem markant geschwungenen, weißen »L« zu folgen, das spätestens alle 250 Meter auf Felsen oder Baumstämme gesprüht ist. Fast hätte der Lech seinen eigenen Weg selbst verhindert. Hubert Schwärzler war bis 2002 Kurdirektor in Lech-Zürs. Nach einer Begehung des Jakobswegs war ihm klar, dass sich auch der Lech eignen könnte für einen solchen Weitwanderweg. Mit Amtskollegen aus den anderen Gemeinden war er sich rasch einig: »Warum haben wir das nicht schon lange gemacht?« Dann ging Schwärzler in Pension, die Unterlagen zum Lechweg bekam sein Nachfolger. Zunächst geschah nichts, dann hörte Schwärzler davon, dass der Lechweg demnächst eröffnet werden solle: allerdings nicht in Vorarlberg, sondern in Tirol. Schwärzler forschte nach, und es kam heraus: Ein Hochwasser hatte das Lecher Tourismusbüro zwischenzeitlich über- und die Pläne weggeschwemmt. Erneut packten sie in Lech nun das Projekt »Lechweg« an, und im Juni 2012 wurde der Wanderweg endlich eröffnet.

Die Quelle des Lechs

Schwärzler ist es auch, der Antwort geben kann auf die Frage, wo der Lech eigentlich beginnt. »Es gibt nicht die eine Lechquelle«, sagt er, »sondern das Lech-Quellgebiet.« Dazu gehöre der Formarinsee, aber auch all die Bäche, die nach der Schneeschmelze von den steilen Wänden hinabrauschen. Hier oben startet die erste Etappe, die sicherlich zu den schönsten des Lechwegs gehört. Wer auf rund 1790 Metern aus dem Wanderbus steigt und noch ein paar Schritte weiter geht, steht direkt oberhalb des Formarinsees, einem Hochgebirgssee mit fast unwirklich blauem Wasser, umrahmt von den Gipfeln des Formaletsch und der Roten Wand. Die nächste Wegmarke ist das Steinbockdenkmal, das an die Wiedereinsetzung des fast schon ausgestorbenen Tiers ab dem Jahr 1958 erinnert. Heute lebt in der Gegend wieder eine der größten Steinbockkolonien Europas.

Durch von Felsenbrocken und Kies durchsetzte Wiesen geht es talabwärts, immer entlang an einem Fluss, der noch nicht Lech, sondern Formarinbach heißt. Wenn er denn überhaupt Wasser führt, denn oft ist das Bachbett hier oben noch ausgetrocknet. Doch plötzlich sieht man hier eine kleine Pfütze im karstigen Kiesbett stehen, dort ein kleines Rinnsal tropfen. Der Lech beginnt gemächlich und ohne Hast, und so halten es auch die Lebewesen an seinem Rand. Kühe stehen in den Wiesen und sind kaum zu sehen, so hoch steht an manchen Stellen die Vegetation. Bläulinge flattern in Scharen übers Wasser, ein junger Alpensalamander huscht über die warmen Steine. In den Flussauen des Lech gedeihen außerdem geschützte Pflanzenarten wie der Frauenschuh oder die deutsche Tamariske. Auch Enziane blühen am Wegesrand.

Das Lechtal ist eine der letzten ursprünglichen Wildflusslandschaften Europas und damit ein Lebensraum, der anderswo vom Verschwinden bedroht ist. Wenn sich der Formarin- mit dem Spullerbach vereinigt, heißt der Fluss denn auch endlich Lech. Hinter dem Trubel der Formarinalpe ist man als Wanderer nahezu allein. Selbst an herrlichen Sommertagen lassen sich nicht allzu viele auf den Abstieg ein. Allen anderen entgeht ein schmaler Pfad, an dessen Seite das Wasser strudelt und gurgelt – und unzählige Möglichkeiten am Wegesrand, seine überhitzten Füße aus den Wanderstiefeln zu schälen und im frischen Lechwasser zu kühlen. Nur sechs Grad Celsius beträgt die Wassertemperatur im Jahresmittel.

Dass der Lech nicht nur kalt ist, sondern auch so aussieht, verdankt er dem hohen Gehalt an aus dem Hauptdolomit gelösten Mineralien. Keine günstige Umgebung für Plankton und andere Kleinstlebewesen. Der Lech hat deshalb keine grünliche, sondern eine hellblau-türkise Färbung. Aus der Pfütze wird ein Bach, aus diesem ein Flüsschen und schließlich ein richtiger Fluss. Einmal gurgelt der Lech leise, dann wieder fließt er ganz still neben dem Weg – und manchmal rauscht und braust er so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Deshalb ist Hubert Schwärzler »seinen« Weg mittlerweile schon viele Male gegangen. »Denn das ist ja das Schöne am Lechweg«, sagt er, »dass man erlebt, wie aus einem Rinnsal ein Fluss wird.«

Der Lechweg - ein modellhafter Weitwanderweg

Der Lechweg verläuft durch drei Bundesländer zweier Staaten: Vorarlberg, Tirol und Bayern. Die Europäische Wandervereinigung hat ihn als ersten sogenannten »Leading Quality Trail« und damit als modellhaften Wanderweg zertifiziert – auch, weil der Lechweg sämtlichen Naturschutzbelangen, etwa was Biotope und Naturschutzbereiche angeht, gerecht wird. Seit 2000 gehört der Lech auch zum europaweiten Netz von Schutzgebieten »Natura 2000«. Beste Zeit für die Begehung des Lechwanderwegs ist Ende Juni bis Anfang Oktober. Die erste Etappe startet in Lech, das 2004 zum »Schönsten Dorf Europas« gewählt wurde. Mit dem Wanderbus geht es ins Quellgebiet beim Formarinsee. Bis zwei Tage vorab kann bei Busreisen Feuerstein in Steeg unter Tel. 00 43/56 33 56 33 oder office@feuerstein-bus.at ein Gepäcktransport gebucht werden. Weitere Informationen unter www.lechweg.com.

Anreise: Mit dem Auto über München Richtung Garmisch, Reutte, Weißenbach, Lech am Arlberg. Oder über Ulm, Memmingen, Bregenz, Feldkirch nach Warth, Lech. Mit der Bahn nach Langen oder St. Anton, mit Bus oder Taxi weiter nach Lech. Dort viele Wanderbus-Verbindungen.
Informationen: www.lechzuers.at, info@lech-zuers.at, Informationsbüro Lech, Tel. 00 43/55 83 21 610, Büro Zürs, Tel. 00 43/55 83 22 45
Karten: Wanderkarte 1:35 000, »Lech/Zürs«, herausgegeben vom örtlichen Tourismusverband; Leporello- Wanderkarte 1:25 000, »Lechweg«, Publicpress
Literatur: Christel Blankenstein »Der Lechweg. Von der Quelle bis nach Füssen – in acht Etappen duch eine der letzten Wildflusslandschaften Europas«, Verlag Berg und Tal, München 2013; Olaf Sailer »Auf den Spuren der Walser am Tannberg«, Dornbirn 2010
Lech-Card: Mit der Lechcard sind viele Seilbahn- und Bustickets gratis. Auch geführte Wanderungen sowie Eintritte in Museen sind frei.
Fotos: 
Bernd Eisenschink. Christina Warta
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 05/2014. Jetzt abonnieren!
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