Kitzbühel: Die Streif im Sommer erleben | BERGSTEIGER Magazin
Wandern auf den Spuren berühmter Skifahrer

Kitzbühel: Die Streif im Sommer erleben

Die Hahnenkammabfahrt in Kitzbühel kitzelt auch im Sommer die Nerven vieler Bergsportler. Die Ziellinie der»Streif« ist aber erst der Auftakt für zahlreiche lohnende Wanderziele mit Bergbahnanschluss.
 
Herrliches Panorama auf der Bichlalm © Kitzbühel Tourismus
Herrliches Panorama auf der Bichlalm
Bergwanderführerin Susanne Cufer schwingt sich an der Bergstation der Hahnenkammbahn aus einer roten Gondel. Viermal wöchentlich führt sie im Sommer Wandergruppen die Streif hinunter. »Der Rekord liegt bei einer Minute, 51 Sekunden. Wir werden heut ein bisserl länger brauchen«, scherzt Susi auf der Terrasse der Bergstation. Links sieht man den Wilden Kaiser, rechts ragen die Hohen Tauern in den Himmel. Nach unten blickt man auf grüne Wiesen, Bäume und erst ganz spät die Dächer Kitzbühels. Sollte einer von Cufers Gästen noch nicht wissen, worauf sich Skifahrer hier einlassen, dann wird es ihm spätestens ein paar Meter weiter im Starthäuschen klar. Dort prangt ein Zitat des fünfmaligen Streif-Siegers Didier Cuche an der Wand: »Ich gratuliere allen, die hier herunter gefahren sind. Ich glaube, wir spinnen!«

Flatscreens im Grünen

Susi dreht den Schlüssel, eine kleine Holzschiebetür zuckelt zur Seite und gibt den Blick frei auf die Hahnenkammabfahrt. »Da geht’s pfeilgrade runter, dann in eine kurze Linkskurve, dann 80 Meter runter, dort haben die Fahrer schon 100 Stundenkilometer drauf«, erklärt die 46-Jährige. »Diese Steilheit sieht man im Fernsehen gar nicht. Und im Sommer wirkt das fast noch spektakulärer«, meint Susi. Über Schotter-, Wald- und Wiesenwege führt die gebürtige Kitzbühelerin ihre Gäste, quert ein ums andere Mal die Strecke, umgeht die steilsten Passagen. Sie pausiert und erklärt an den Schlüsselstellen, diskutiert die Ideallinie von Didier Cuche oder erzählt Anekdoten von Toni Sailer und Hansi Hinterseer.

Wandern Kitzbühel
Blick vom Stuckkogel in die Hohen Tauern, Foto: Kitzbühel Tourismus/Michael Werlberger

Auf der Piste blüht Kitzbüheler Berggras, eine spezielle Bergblumen-Mischung. Immer wieder stehen Flatscreens im Grünen, um Susis Worte mit Rennsequenzen zu veranschaulichen. »Die Streif ist eindeutig unsere beliebtesteTour«, sagt die Bergwanderführerin.

Natur ohne »Schickimicki«

Dem Wirbel um die Streif kann Toni Hofer, ehemals Leiter der Skischule, heute nicht mehr allzu viel abgewinnen. Mit seiner Frau Eva wohnt er auf der anderen Hangseite der Kitzbüheler Ache in einem 500 Jahre alten Bauernhaus. Am Balkon wachsen Wein und Glyzine, vor der Tür blühen nepalesische Orchideen.

Will man die 83-jährige Eva und den 87-jährigen Toni von Mai bis Oktober besuchen, sollte man etwas höher steigen. Nahe der Hornbahn-Bergstation (1996 m) laden sie auf eine botanische Weltreise ein. Seit mehr als 30 Jahren bewirtschaften sie hier einen Alpenblumengarten: Gewächse aus den Alpen, den Pyrenäen, aus Südamerika und dem Himalaya entfalten sich hier. Viele Gewächse hat das Ehepaar auf gemeinsamen Trekkingtouren entdeckt und deren Samen mit nach Tirol gebracht. Zwischen 400 und 500 Arten gedeihen heute auf der ehemaligen Almweide. »Nach Enzian, Alpenrose und Edelweiß wird man in allen Sprachen gefragt«, erzählt Eva, »aber besonders viel bedeuten uns schon die Blumen aus dem Himalaya«. Dem Scheinmohn zum Beispiel ist sie besonders verfallen, seinen enzianblauen Blüten, die das gelb-orange Herz der Pflanze zieren. Den Südwesthang trifft jedoch sehr viel Sonne, Schatten spenden nur Latschen und ein paar kleinere Nadelbäume, dazu mangelt es an Nebel und kalkarmem Gestein.

Hofer Alpenkarten Kitzbühel
Bei den Hofers blühen die Blumen aus aller Welt. Foto: Christian Geist

Einfach aussäen lassen sich die wenigsten Blumen in dieser Umgebung. Deshalb zieht Eva ihre Lieblinge mit Geduld in Haus, Garten und Gewächshaus heran. Erst nach ein bis zwei Jahren nimmt sie die Sprösslinge mit nach oben. Dort führen ein schmaler Schotterweg und einige Holztritte durch die blühenden Terrassen unterhalb des Gipfels, den Toni als das Stiefkind der Gamsstadt beschreibt. Dafür versprechen seine Frau und er den Wanderern hier »ein Erleben der Natur, ganz ohne Schickimicki«.

Knapp vier Kilometer südöstlich des Horns verbindet die per Doppelsessellift erreichbare, neu eröffnete Bichlalm noble Berghotelerie mit ursprünglicher Natur. 20 Minuten dauert die Fahrt ins Herz der Kitzbüheler Grasberge. »Wir haben hier eine total sanfte Landschaft, eingebettet zwischen dem schroffen Fels des Wilden Kaisers im Norden und den Gletschern des Nationalparks Hohe Tauern im Süden«, sagt Bergwanderführer Engelbert Prohaska. Vor allem im Juni und Juli blühen unzählige Enziane. Nach einer Wanderung auf den Stuckkogel (1888 m) oder den Bischof (2127 m) verwöhnt die Bergstation noch mit Kneippbecken und Fußreflexzonenweg – ein letztes Kitzeln, bevor der Lift zurück ins Tal schwebt.

Alpengarten Kitzbühel
Blühende Bergwiesen bei Kitzbühel, Foto: Bergbahn Kitzbühel

Basiswissen: Legendäres Kitzbühel

  • Wie hinkommen? Das Bayern-Ticket der Deutschen Bahn gilt bis nach Kufstein, von dort geht es über Wörgl in circa 45 Minuten weiter nach Kitzbühel.
  • Sich orientieren: Alpenvereinskarte, 1:50000, Blatt 34/2 »Kitzbühler Alpen Ost«; Kompasskarte, 1:50000, Blatt 29 »Kitzbüheler Alpen«
  • Wo anklopfen? Informationsbüro Kitzbühel Tourismus, Tel.00 43/53 56/6 66 60, E-Mail: info@kitzbuehel.com, www.kitzbuehel.com
  • Wohin an Pausentagen? Der Wildpark Aurach gilt mit rund 200 Tieren auf 40 Hektar als Tirols größtes Freigehege, das Schaubergwerk Kupferplatte in Jochberg erinnert an knapp fünf Jahrhunderte Bergbau in der Region und das Museum Kitzbühel beleuchtet die Stadtgeschichte, den Künstler Alfons Walde und natürlich das legendäre Kitzbüheler Skiwunderteam um Toni Sailer.
  • Wo einkehren? Das Huberbräu-Stüberl (Tel. 00 43/53 56/656 77) in der Kitzbüheler Vorderstadt wirkt von außen vielleicht nicht so mondän wie manches Haubenlokal in seiner Nachbarschaft. Dafür trifft man bei gut bürgerlicher Küche, regionalem Bier aus St. Johann und einem ausgesprochen guten Preis-Leistungsverhältnis garantiert auf viele Einheimische.
Christian Geist
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 06/2016. Jetzt abonnieren!
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