Auf dem Friedensweg durch das Dreiländereck Montenegro, Kosovo und Albanien

Abenteuer-Trekking »Peaks of the Balkans«

Die Berge des Balkan sind noch so wild wie vor hundert Jahren. Kriege und ihre Konsequenzen haben die dinarischen Alpen lange Zeit von jeglicher Entwicklung abgekoppelt. Nun versucht ein internationales Projekt, die »Peaks of the Balkans« sanft zu erschließen. Mit Erfolg.
Von Sandra Zistl
 
Taschen-Shuttle: Manols Pferde tragen das Gepäck während der Trekkingtour im Balkan © Sandra Zistl
Taschen-Shuttle: Manols Pferde tragen das Gepäck während der Trekkingtour im Balkan
»Nordalbanische Alpen! In welchem Bergsteiger quellen da nicht Vorstellungen von fernen, unbekannten Bergen empor, von einsamen, wuchtigen Wänden und Graten, von wolkenumkrönten, herrlichen Gipfelgestalten?«, schwärmten Bernhard Bauer, Ludwig Obersteiner und Rolf Richter 1936 in der »Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins«. Die beiden Grazer und ein Frankfurter waren unter den Ersten, die die »verwunschenen Berge« parallel zur östlichen Adriaküste erwanderten. Weniger als zwei Flugstunden sind es heute von Wien nach Pristina und von dort 80 Kilometer über das Amselfeld nach Peja, an den Fuß der Berge und den Eingang zur Rugovaschlucht. Die Anreise verläuft deutlich kürzer als zu Zeiten von Bauer & Co.

Umso besser passt ihre damalige Feststellung auch heute noch, dass es »eigentlich ein Wunder«, ist, »daß diese Berge so lange unbekannt geblieben sind, sind sie doch von den Stätten regsten Bergsteigerlebens gar nicht so weit entfernt«. Die Antwort liefern sie gleich mit: »Türkenherrschaft, Balkanwirren, Weltkrieg und seine Folgeerscheinungen sind wohl für ihren Dornröschenschlaf verantwortlich.« Die frühen Balkan-Bergsteiger konnten nicht wissen, dass ein weiterer Weltkrieg, ein sozialistisches und ein kommunistisches Regime sowie erneute blutige Balkanwirren dazu führen würden, dass Anfang des 21. Jahrhunderts eine ähnliche Situation herrscht wie zu ihrer Zeit: Eine Region erwacht. Zum zweiten Mal.

Auf dem Friedensweg durch die Berge des Balkans

Seit Sommer 2014 windet sich der fast 200 Kilometer lange »Peaks of the Balkans« Trail (PoB) auf Höhen zwischen 600 und 2600 Metern durch das gebirgige, »verwunschene« Dreiländereck zwischen Kosovo, Montenegro und Albanien. Der neue Weg soll Touristen bringen. Bei Manol Vatnikaj und seiner Familie waren es allein im Juni 2014 schon 50. Der 20-Jährige hat ihnen eine Hütte gebaut in Doberdol, einem weich geformten, saftig-grünen Trogtal, das an den Kosovo und Montenegro angrenzt. Wenn Manol das Frühstück – starker Mokka in kleinen Tassen, eine Art Strudel aus Maismehl, gefüllt mit Schafkäse, dazu randvolle Gläser mit saurem Joghurt – von der Almhütte seiner Eltern hinüber zu zehn Balkantrail-Touristen trägt, kann er aus dem linken Augenwinkel den Dreiländergipfel sehen: den Trekufiri (2365m). Die Touristen wollen ihn über einen weglosen Hang erklimmen und von dort zum Plav-See in Montenegro absteigen.

Tags zuvor war die Gruppe von einer Alm oberhalb der kosovarischen Stadt Junic, einer ehemaligen UÇK-Hochburg, auf die erste Etappe des Friedenswegs gestartet. Eine Naturstraße führt in den Nationalpark Prokletije. Auf der Alm, von der die Etappe beginnt, schützen Planen des Flüchtlingshilfswerks UNHCR die Hütten, hinter denen der Gjeravica (2656m) aufragt, höchster Gipfel des Kosovo. Ein Pfad führt über Almwiesen mit tiefblauen Enzian-Sprenkeln zunächst hinauf auf einen Kamm. Dort öffnet sich der Blick auf ein Tal in Albanien. Weit reicht der Blick in alle Richtungen – und weit und breit sind da ausschließlich: Berge und Täler. Dieses wird »das Nepal Albaniens« genannt. Die Berge hier sind zwar nicht so hoch wie im Himalaya, aber definitiv einsamer.

Bergsteigen als neue Perspektive

Der Balkan-Trail lässt sich auch von Thethi aus aufzäumen. Deutlich spannender als eine holprige Anreise im Kleinbus ist es jedoch, sich dem Shalatal zu Fuß, auf dem Trail, zu nähern, von einem Hochtal in Montenegro aus. Hier zeigen die »verwunschenen Berge« ihre wilde Seite. Schon beim ersten, sanften Aufstieg durch das liebliche Ropojanatal, fallen die Felswände rechts und links auf: Steiler, schroffer, scharfkantiger sind sie hier als im Grenzgebiet zwischen Kosovo und Montenegro. Selbst wer den umgefallenen Grenzstein an diesem Talschluss übersehen haben sollte, begreift eine Etage höher, am Ende eines zweiten Hochtales: Hier ist Albanien. Grau-beige Bunker stehen plötzlich an den Hängen mit scharfkantigem Karstgestein.

Enver Hoxher, der Albanien von 1944 bis 1985 regierte, ließ Hunderttausende dieser Stahlbeton-Pillendosen errichten. Wer westlich der Adria seine Versicherung oder seinen Mobilfunkanbieter anruft, landet zum Beispiel bei Erenik Selimaj in Tirana. Der 25-Jährige will nach Valbona zurückkehren und den Vater beim Aufbau eines Hotels unterstützen. Er möchte andere Touristen bewirten als die, die für ein rustikales Mahl mit dem Jeep daherbrettern. Mit ihnen will er hinaufsteigen zu den einsamen, wuchtigen Wänden und Graten und den wolkenumkrönten, herrlichen Gipfelgestalten der verwunschenen Berge. Er möchte etwas tun, wofür es im Albanischen kein eigenes Verb gibt, nur die Umschreibung »schnell gehen in den Bergen«: bergsteigen.
Sandra Zistl
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 05/2015. Jetzt abonnieren!
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