Feinste Abfahrten und einzigartige Gipfelpanoramen

Tannheimer Skitouren

»Klein, aber fein!« Dieses Motto gilt für jede Form des Bergsteigens im Tannheimer Tal – so auch für Skitouren. Die Berge sind weder besonders hoch noch ausgesprochen spektakulär. Aber die Abfahrten sind vom Feinsten, ganz zu schweigen von den Gipfelpanoramen…
von Andrea (Text) und Andreas (Fotos) Strauß

 
Gimpel und Rote Flüh, die beiden Klettergipfel der Tannheimer Berge, leuchten im letzten Abendlicht © Andreas Strauß
Gimpel und Rote Flüh, die beiden Klettergipfel der Tannheimer Berge, leuchten im letzten Abendlicht
Es ist wie im Zirkus während der Raubtiernummer. Wir sitzen in der ersten Reihe, kein Gitter trennt uns mehr von der Urgewalt der Natur. Trotzdem fühlen wir uns eigenartig sicher. Drüben am Allgäuer Hauptkamm tost der Sturm, ein Himmel wie Blei über den Gipfeln, deren Konturen unscharf verwischen. Schneekristalle schwirren in der Luft, Tausende, Millionen. Mit langen Eisfingern greifen sie um Grate, packen die weißen Flanken. Lichtinseln lenken unsere Blicke mal auf Schneck, mal auf Trettachspitze und Mädelegabel. So sitzen wir winddicht eingepackt, essen letzte Lebkuchen und trinken heißen Tee, sind gebannt vom Wintersturm drüben an den hohen Bergen. Das Zirleseck, auf dem wir unsere Gipfelpause machen, ist nicht mehr als ein benannter Aufschwung zwischen Ponten und Ronenspitze, keine 1900 Meter hoch und vom Tannheimer Tal nur 790 Höhenmeter erhoben. In einer guten halben Stunde werden wir im warmen Auto sitzen, wenn wir jetzt – klack, klack – in die Bindung steigen und – ssssst – ins Tal sausen.

Das Zirleseck ist einer von fünf Skitourengipfeln im westlichen Tannheimer Tal, die ohne besondere Schwierigkeiten zu erreichen sind. Neben den Ausgangsorten Zöblen und Schattwald ist ihnen gemeinsam, dass der untere Teil jeweils am Rande des Pistengeländes verläuft, so dass man je nach Können und Erfahrung am Rande aufsteigt oder sogar mit dem Lift ein Stück abkürzt. Die obere Hälfte ist dann »richtiges« Tourengelände, und auch die Gipfel sind trotz der Nähe zum Skigebiet markante Gipfel – das Zirleseck einmal ausgenommen. Ja, Kühgundkopf, Bschießer, Ponten und Ronenspitze sind anerkannt lohnende Tourenberge mit schönen Hängen und Karen. Der Kühgundkopf etwa hat einen zwei Kilometer breiten Osthang – wer da keinen Platz findet, dem ist nicht zu helfen! Ohne Liftbenützung steigt man zwischen 800 und 1000 Höhenmeter auf, je nach Ziel. Optimal eigentlich für den Hochwinter oder für eine besonders gemütliche Frühjahrswoche.

Außenseiter Schönkahler

Ein Außenseiter in diesem Tourenangebot ist der Schönkahler, denn er steht nach Norden versetzt. Zwar kann man auch direkt aus dem Tannheimer Tal zu ihm aufsteigen, die meisten Tourengeher wählen aber die Trasse von Osten herauf. Direkt von der Verbindungsstraße Tannheimer Tal–Pfronten geht man los. Verlaufen kann man sich kaum, denn der Schönkahler ist bis auf die geräumige Aufstiegs- und Abfahrtsschneise eigentlich dicht bewaldet. Aus der Ferne fragt man sich gar, wo man denn da Ski fahren soll.
Wie bei der Dorfwirtschaft, die als Geheimtipp im ganzen Landkreis gilt, spricht auch am Schönkahler der volle Parkplatz Bände. Ein schmaler Hohlweg, dann die ausgeholzte und bestens beschilderte Schneise hinauf. Gar nicht so flach zieht die Spur Serpentine für Serpentine gipfelwärts. An der Pfrontner Alpe wissen wir: 
»Jetzt sind wir bald oben.« Noch ein freier Hang und dann auf einer Aussichtsrampe nach Norden. Am schlichten Kreuz liegt uns das winterliche Vorland zu Füßen, im Rücken warten die Hänge auf unsere Spuren.

Elf Monate Tannheimer Tal

Im August fährt er immer ins Glocknergebiet, die anderen elf Monate ins Tannheimer Tal. »Da hab ich alles«, erklärte uns vor kurzem jemand. Ein wenig provokativ ist das schon, die Alpen auf Großglockner und Tannheim zu reduzieren, aber ganz unrecht auch nicht. Klettern und Wandern im Sommer, im Winter Langlaufen, zwischen diversen Skigebieten wählen, Schneeschuhgehen, Schlittschuhlaufen und natürlich Tourengehen – das Tannheimer Tal bietet tatsächlich alles. Bei so vielfältigen Aktivitäten auf engem Raum muss Ordnung herrschen. So haben die Schlittschuhläufer einen eigenen Parkplatz und die Tourengeher einen anderen (gebührenpflichtig sind sie beide). Wenn diese Hürde erst einmal genommen ist, gestaltet sich die nächste Stunde zur Krinnenspitze unproblematisch. Auf einer Forststraße steigen wir auf, bis wir uns vor der Edenbachalpe entscheiden müssen. Heute geht es links hinauf zur Krinnenspitze. Uns lockt der südseitige Hang, vor allem aber der Blick auf die Tannheimer Gipfel. Ein wenig »Kraut und Rüben« bringt uns in die freien Hänge. Links drüben im Steilhang zupfen zwei Gämsen an einer aperen Stelle ein paar Halme trockenes Gras. Wachsam verfolgen sie unsere Aufstiegslinie. Sollen wir die Friedensfahne schwenken? Das Banner der »Gamsbratengegner«? 

Erst die letzten Schritte zum Kreuz geben den Blick frei auf die Tannheimer Klettergipfel. Rote Flüh, Hochwiesler und Gimpel zeigen ihre senkrechten Südwände – allein dafür hat sich der Aufstieg schon gelohnt. Noch dazu sind wir ganz allein heroben. Alle anderen Tourengeher sind aus dem Strindenbachtal Richtung Sulzspitze weitergestiegen. Dort sind die Hänge freier, die nord- und nordostseitige Abfahrt lässt auf Pulverschnee hoffen und mit knapp 1000 Höhenmetern ist der Spaß ein wenig länger als an der Krinnenspitze. Genug Gründe, um die Sulzspitze zur Modetour zu machen. Dabei sind in den Steilaufschwüngen sichere Verhältnisse umso wichtiger, da es keine Ausweichmöglichkeiten in flacheres oder weniger kritisches Gelände gibt.

Hoch hinaus - Gipfel im Allgäu

Mädelegabel, Großer Wilder, Hochvogel – klingende Namen. Sie stehen für viele stellvertretend für das Allgäu schlechthin. Verfolgt man diesen Kamm weiter nach Norden bis zu seinem Ende, stößt man aufs Gaishorn. Das markante Horn erhebt sich als höchster Gipfel über dem Tannheimer Tal. Sichere Tourengeher können aufsteigen, bis die Skispitzen am Kreuz anschlagen.
Der Anfang vom Ort Tannheim aus verrät noch nicht, worauf man sich eingelassen hat. Ganz zahm schlängelt sich die Forststraße durch den Nordhang. Auch das tief verschneite Älpele spiegelt liebliches Wiesengelände vor. Aber dann! Die zwölfzackige Steigeisenspur im Weiß ab dem Älpele ist nun doch übertrieben, aber der Hang zum Gaishorngrat steilt sich auf, und wer Spitzkehren nicht sicher beherrscht, kann leicht mit der Hand abstützen, dafür reicht die Steilheit allemal. Immerhin ist der Ausstieg vor Augen. Die Belohnung für die Wühlerei durch den tiefen Schnee auch: der Blick nach Süden. Diesen Blick kann man bei wirklich guten Verhältnissen bis zum höchsten Punkt ohne Abschnallen genießen. Oft ist der Grat aber abgeblasen und man stapft ohne Ski weiter. Höhe gewinnt man kaum mehr, die Ski nehmen dennoch einige Tourengeher mit. Vom Gipfel existiert nämlich eine steile Abfahrtsvariante. Ob wir die heute fahren wollen, wissen wir noch nicht. Erst einmal das Allgäu-Panorama bestaunen und an den Nachbarbergen nach neuen Tourenzielen suchen! 
Von Andrea Strauß
Skitouren im Tannheimer Tal - Fotos Andreas Strauß
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