Dachstein-Super-Ferrata, Königsjodler, Mauerläufer | BERGSTEIGER Magazin
3 Klettersteigklassiker für Mutige

Dachstein-Super-Ferrata, Königsjodler, Mauerläufer

Immer steiler? Immer schwieriger? Auf modernen Klettersteigen herrscht offenbar Thrill-Zwang. Und der Nervenkitzel wird meist durch luftige Hängebrücken, atemberaubende Seilrutschen oder schwindelig machende Draht-Drehleitern produziert.
Von Folkert Lenz (Text und Fotos)
 
Bei der Überquerung der Dreiseilbrücke am Ausstieg des Mauerläufer-Klettersteigs © Folkert Lenz
Bei der Überquerung der Dreiseilbrücke am Ausstieg des Mauerläufer-Klettersteigs
Extreme Klettersteige liegen im Trend. »Mauerläufer«, »Königsjodler « oder »Dachstein-Super- Ferrata« sind aber nur für Ferrata- Profis gedacht: Allesamt sind die Routen extrem schwierig. Sie fordern Kraft und Ausdauer sowie Gewandheit beim Klettern. Die Kondition von Bizeps und Waden sollte überdurchschnittlich sein. Außerdem ist die richtige Klettersteigausrüstung unbedingt notwendig. Und Speed ist an Hochkönig und Dachstein wegen der Länge allemal vonnöten. Letztlich schlängeln sich die Felswege durch hochalpines Terrain. Dem gewieften Begeher aber vermitteln die Anlagen 1a-Klettersteig-Vergnügen. Und sie sind der Beweis dafür, dass sich Drahtseil- Installateure nicht darin überschlagen müssen, die Attraktivität ihrer Wege künstlich mit Event-Elementen zu steigern.

Denn sowohl »Königsjodler« (2001), »Dachstein-Super-Ferrata« (2010 komplett) wie auch »Mauerläufer« (2009) sind erst in den vergangenen Jahren entstanden. Die Erbauer haben trotzdem (fast) darauf verzichtet, hypermoderne Ferrata-Gimmicks einzubauen. Der gewünschte Kick kommt hier durch das alpine Gesamt-Erlebnis und nicht durch Artistik am Stahlstrick.

Dachstein-Super-Ferrata, Königsjodler, Mauerläufer Karte
1) Dachstein-Super-Ferrata
2) Königsjodler auf den Hochkönig
3) Mauerläufer im Wetterstein

Ferrata mit Biergarten-Climb-In

Na klar: Wenn man die Dachstein-Südwand jeden Tag vor Augen hat, dann sieht man dort immer neue Linien, die kletterbar erscheinen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis Andi Perner – Wirt der Dachstein- Südwandhütte – mit Bohrhammer, Kleber, Stahlankern und Rollen von Drahtseil loszog, um eine neue Ferrata durch die Wand zu legen: »Anna« am Fuß dieser gewaltigen Felsflucht. Und als Perner das Projekt vollendet hatte, da hatte er zugleich eine Steiganlage komplettiert, die ihresgleichen sucht. Wer nämlich die Klettersteige »Anna«, »Johann« und die »Dachstein-Schulter« aneinanderhängt, der darf die »Dachstein-Super-Ferrata« in sein Tourenbuch eintragen. Mit 1200 Höhenmetern am Stück gibt es wohl kaum einen anderen Klettersteig, der soviel Vertikaldistanz am Stück überwindet. Viele Aspiranten nehmen sich zwei Tage Zeit für die Mammut-Tour und rasten für eine Nacht in der Seethalerhütte.

Die »Anna« am schrofenähnlichen Mitterstein als Auftakt wirkt harmlos von weitem, hat es aber in sich. Denn die gerade mal 300 Höhenmeter fressen nicht nur Zeit, sondern auch Armkraft. Selbst die vielen künstlichen Tritthilfen machen die senkrechten Passagen nicht flacher. Wer hier – in den untersten Ausläufern der Dachstein- Südwand – schon sein Limit nahen sieht, der sollte den Quereinstieg am Mitterkopf- Gipfelkreuz als Notausstieg nutzen. Die Einstiegspassage des »Johann«-Steigs spielt in der obersten Liga der Schwierigkeitsskala: Überhängend, abdrängend, häufig auch feucht startet die nächste Etappe über einen mehr als senkrechten Felsbauch. Das oft eisig gefrorene Schneefeld am Einstieg verschwindet allerdings schnell aus dem Blickwinkel, denn ab jetzt geht es nur noch nahezu vertikal bergan. Hektik empfiehlt sich aber trotz der schwindelerregenden Routenführung nicht.

Denn die Power sollte schon noch reichen für den atemberaubenden Höhepunkt: ein knapp 100 Meter hoher steinerner Plattenpanzer. Ohne die zahllosen Trittstifte wäre ein Durchstieg zum »Adlerhorst« für den Durchschnitts-Klettersteigfan sicher unmöglich. Über den »Götterthron« klettert man schließlich direkt auf die Terrasse der Seethalerhütte – ein Biergarten-Climb-In! Erst am Dachstein-Ostgrat lehnt sich das Gelände ein bisschen zurück. Statt schaurigen Tiefblicks auf der »Schulter« nun imposanter Weitblick: Der ganze Alpenhauptkamm scheint im Süden Parade zu stehen. Noch ein Weilchen geht es durch die kühle Nordostflanke des Gipfelaufbaus, dann endet das Drahtseil am massiven Stahlkreuz auf der Dachstein-Spitze. Der Abstieg auf dem Normalweg über den Hallstätter Gletscher adelt das Ferrata- Abenteuer zum hochalpinen Erlebnis.

Drahtiges Hollareidulliöh für den König

Eine Perlenkette von Klettersteiggehern in den Plattenschüssen des Kematsteins. So würden es wohl Ästheten beschreiben, Grantler sprechen eher von Stau am Drahtseil. Ein ganz normaler Schönwetter-Mittag am Hochkönig: Die meisten Alpinisten im »Königsjodler« wähnen sich schon fast am Ziel. Nur zwei Felsaufschwünge müssen noch vor dem Gipfel des Hohen Kopfes erklommen werden. Schnell erledigt? Von wegen! Denn Kematstein und Matraskopf zeigen ihre wahre Größe erst, wenn man ihnen aufs Haupt steigen will. Und so dauert es und dauert, bis das Ende des Drahtseils kommt. Drei Stunden zuvor am Einstieg: Kräftig durchziehen heißt es gleich am Start. Doch dann ist zügig die Gratschneide erreicht, die – mal mehr, mal weniger breit – als Orientierung bei der Kletterei dienen kann. Meist dicht an der Kante geht es in fortwährendem Auf und Ab gen Hochkönig. Die Charakteristik des Steiges ist schon von weitem sichtbar.

Eine Reihe von zackigen Felstürmen – acht an der Zahl – ist im Laufe der Stunden zu überklettern. Das zieht sich! 1,7 Kletterkilometer bietet der »Königsjodler«. Da bleibt für die prächtige Aussicht nur wenig Zeit. Nicht nur das beständige Auf und Ab macht den »Königsjodler « so einzigartig. Fast könnte man die Anlage als verspielt bezeichnen, denn immer wieder kommt ein neues Klettervergnügen hinter dem nächsten Felseneck zum Vorschein. Ein luftiger, großer Spreizschritt (»Jungfrauensprung«) in der Scharte am »Flower Tower«. Ein ausgesetzter Balanceakt in der Teufelsschlucht: Auf der Seilbrücke (»Kranebitten-Steg«) fällt der Blick unter den Sohlen ins vermeintlich Bodenlose – bis ins Birgkar – hinab. Die Seilrutsche dann hinüber zum Teufelshörndl – jedenfalls für den, der Rolle und Bremsstrick dabei hat. Die Kletterei an der Dientner Schneid, einer grazil und hauchdünnen, aufrecht stehenden Kalkplatte. Erst danach ist die Scharte erreicht, Halbzeit eben! Danach warten noch die beiden unbedeutend wirkenden Aufschwünge vor dem Ausstieg am Hohen Kopf… Der »Königsjodler« zählt nicht umsonst zu den längsten und anspruchsvollsten Klettersteigen der Alpen.

Klettersteig im Schatten der Alpspitze

Natürlich kann es immer noch schlimmer kommen: Wer also glaubt, dass die Einstiegspassage einer modernen Ferrata vor allem unbedarfte Alpinisten abschrecken soll und somit schon die Crux eines Steiges darstellt, der darf sich beim »Mauerläufer« gehörig getäuscht fühlen. Nur weil die ersten paar Meter am Beginn des Drahtseils fast senkrecht erscheinen, heißt das noch lange nicht, dass es danach nicht noch schwieriger würde. Im Gegenteil: Ohne zögerliche Umwege haben die Erbauer das Drahtseil geradewegs und häufig nah an der Vertikalen orientiert durch die schattige Nordwand des Bernadeinkopfs gezogen. Dabei haben sie wahrlich nicht immer den Weg des geringsten Widerstandes gesucht. Der Felskletterer erkennt schnell, dass er ohne die Stahlstrippe wohl im sechsten oder siebten Schwierigkeitsgrad unterwegs wäre. Speziell Arm- und Fingerkraft sind in diesem Parcours gefragt. Denn so gut das Drahtseil gespannt ist, so wenig haben die Konstrukteure sonstiges Eisen in die Wand montiert. Für die Füße gibt es nur selten Unterstützung in Form von Stiften, Sprossen oder anderen Tritthilfen. Oft genug sieht man darum Ferratisti am Einstieg sitzen, die nicht nur Helm und Gurt anziehen, sondern auch das Schuhwerk wechseln: Kletterschuhe sind in diesem Gelände wahrlich kein schlechter Tipp! Denn natürliche Tritte sind hier fast immer das Mittel der Wahl zum Höherkommen.

Wie gut, dass der Wetterstein-Kalk nur wenig abgeschmiert ist. Bizeps und Unterarmmuskeln sind trotzdem besonders gefordert, weil es auf den 400 Klettermetern nur wenige Rastmöglichkeiten gibt. Auch das Umklippen der Karabiner erfolgt durchwegs mit viel Luft unter dem Hintern. Gute Nerven und eine ordentliche Portion Trittsicherheit sind in fast allen Passagen unabdingbar. Die Bayerischen Zugspitzbahnen haben mit dem Steig eine der forderndsten und sportlichsten Drahtseiltouren im deutschen Alpenraum geschaffen. Nette Gimmicks sind die Seilleiter ungefähr in der Mitte der Wand sowie die ausgesetzte und fotogene Seilbrücke kurz vor dem Ende des Steiges. Da ist der Nervenkitzel schon vorbei, denn die garstige Nordwand entlässt einen hier nach wenigen Metern auf den sonnenbeschienenen und harmlos wirkenden Grasbuckel des Bernadeinkopfs. Schade, dass der Spaß schon vorüber ist …

10 Tipps zum sicheren Klettersteiggehen
Folkert Lenz
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 04/2015. Jetzt abonnieren!
 
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