Schüsselkarspitze-Südwand im Wettersteingebirge

Hansjörg Auer in »Vogelfrei«

Schüsselkarspitze-Südwand – Wand der Wände im Wettersteingebirge! Hier wurde seit 1913 immer wieder Klettergeschichte geschrieben. Das letzte Mal im Sommer 2009, als der Tiroler Hansjörg Auer mit der Route »Vogelfrei« den oberen X. Grad im höchsten Teil der Südwand realisierte.
Von Hansjörg Auer (Text) und Heiko Wilhelm (Fotos)

 
Schüsselkarspitze-Südwand – Wand der Wände im Wettersteingebirge! Fotos, wenn nicht weiter angegeben von Heiko Wilhelm © Heiko Wilhelm
Schüsselkarspitze-Südwand – Wand der Wände im Wettersteingebirge!

Rumms – wieder hänge ich im Seil! Abwechselnd betrachte ich die kleinen, messerscharfen Griffe und meine wunden Fingerkuppen. Diese letzte, schwierigste Seillänge zerrt an den Nerven und schafft es fast, meinen normalerweise recht ausgeprägten Durchstiegswillen zu brechen. Es handelt sich nur um einige Meter, doch sie entscheiden über Erfolg oder Misserfolg. Mein Bruder Vitus hängt schon seit fast zwei Stunden unten im Schlingenstand. Ich bewundere seine Geduld…

Begonnen hatte das Abenteuer »Vogelfrei« schon vor zwölf Jahren. Michi Wärthl, Tom Dauer und Chris Semmel richteten zwischen September und November im Jahr 1997 eine neue Linie durch den steilsten Teil der zentralen Südwand an der Schüsselkarspitze ein, die sie »Vogelfrei« nannten. Während sie im unteren Wandteil sämtliche Seillängen frei klettern konnten – immerhin bei Schwierigkeiten bis 8a – fehlte ihnen in der Gipfelwand das nötige »Etwas«. Zudem zehrt ein solch schwieriges Projekt ja auch an den Nerven, und schließlich gaben die Erstbegeher ihre »Baustelle« frei. Immer wieder geistert diese Linie durch meine Gedanken, und im August 2009 ist es dann endlich soweit. Der erste Versuch bis zum Beginn der elften Seillänge zeigt mir die Schönheit, aber auch die komplexe Schwierigkeit der Route – »dranbleiben« muss da die Devise heißen!

Entweder – oder!

Einige Tage später sind wir wieder in der Südwand, diesmal mit Portaledge und jeder Menge Motivation im Gepäck. Der Plan ist, am ersten Tag so viele Seillängen wie möglich rotpunkt zu klettern und vielleicht auch die Schlüsselseillänge zu putzen. Und es läuft gut an! Nach einem ersten, etwas leichteren Teil wird’s ernst: eine lange, wunderschöne Seillänge im Grad 7c (IX) kann ich ebenso auf Anhieb klettern wie die drei anderen schwierigen Längen mit der Bewertung 8a, 7a+ und erneut 8a. Sogar die dynamische Passage in der zweiten 8a-Länge gelingt auf Anhieb. Wir erreichen den 30-Meter-Quergang, und bald bin ich am Stand vor dem großen »Fragezeichen« unserer Tour, der letzten Seillänge. Während ich meinen Bruder nachsichere, versuche ich, Griffe und Tritte in der scheinbar glatten Wand zu entdecken. Später beim Putzen finde ich zwar Griffe, doch sind diese winzig klein und vor allem – scharf! Ob es kletterbar sein wird?

Im letzten Abendlicht bouldere ich die einzelnen Stellen aus – die Einzelzüge sind kletterbar! Das große Problem wird jedoch der Durchstieg sein… Mittlerweile ist es schon fast dunkel – wir müssen zurück und bauen unser Portaledge am Stand vor dem Quergang auf. In unserem luftigen Vogelnest können wir den Sonnenuntergang genießen und vor allem unseren Hunger und Durst stillen – Gute Nacht!

Am nächsten Morgen dann die Ernüchterung: Nur mit Ach und Krach kann ich die Einzelzüge klettern. Das gibt’s doch nicht – jetzt nur nicht »schwächeln«! Bei jedem Versuch wird die Haut an den Fingerspitzen dünner – war etwa der ganze Aufwand umsonst gewesen? Also erst mal eine längere Pause machen! Nach einer knappen Stunde gebe ich noch einmal richtig Vollgas. Voll konzentriert vom Stand starten. Mit links die winzige Leiste herblockieren, den Fuß ganz hoch anstellen und den Körper nach rechts schieben – irgendwie klebe ich immer noch an der Wand. Und dann das große Loch – ich kann es halten! Doch plötzlich werde ich brutal nervös – ganz ruhig bleiben! Tief durchatmen, umsetzen auf den Untergriff, Körperspannung aufbauen, links den Seitgriff und – verdammt, ich treffe das Einfingerloch nicht! So knapp am Durchstieg vorbei – es ist zum Kotzen. Der linke Zeigefinger hat schon fast ein Loch – ein Versuch könnte vielleicht noch gehen, dann wird wohl das Blut fließen…

Intermezzo!

Wir klettern zum Gipfel, wo wir Heiko und Matthias treffen. Heiko wollte ein wenig in der Schlüsselstelle fotografieren. Also abseilen über die Wand – noch will ich mich nicht geschlagen geben: ein letzter ernsthafter Versuch sollte noch gehen! Unterdessen ist die Sonne hinter dem Westgratturm verschwunden, eine leichte Brise kommt auf und es ist etwas kühler geworden: Die äußeren Bedingungen scheinen perfekt zu sein. Ein kurzer Blick nach oben, und los geht’s! Wie in Trance, sozusagen im »flow« und ständig an der Grenze des »Nach-hinten-Kippens« kämpfe ich um jeden Zentimeter. Erst als ich den Ausstiegshenkel in der Hand halte, »wache« ich auf. Die Anfeuerungsrufe meiner Freunde haben mich förmlich über die Wand hinaufgetragen – ich kann’s gar nicht glauben! Ein lauter Schrei, der durch’s ganze Puitental hallt, ist das Zeichen, dass wir es zusammen
geschafft haben – das Langzeitprojekt »Vogelfrei« ist frei…
Vogelfrei (Fotos: Heiko Wilhelm)
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