Sicher auf Skitour - das sollten Sie beachten | BERGSTEIGER Magazin
Lawinenkunde und Tourenvorbereitung

Sicher auf Skitour - das sollten Sie beachten

Der erste Schnee liegt längst in den Bergen. Die Ski sind frisch präpariert. Skitouren, wir kommen! Davor heißt es aber, das notwendige Wissen in puncto Lawinenkunde zu reaktivieren und zu verbessern.

 
Lawinenkunde und Tourenvorbereitung © Alexander Römer
Lawinenkunde und Tourenvorbereitung
Die richtige Einschätzung der Lawinengefahr abseits gesicherter Pistenist für Tourengeher und Freerider die größte Herausforderung. Um das unvermeidliche Restrisiko soweit wie möglich zu reduzieren, bedarf es einer optimalen Vorbereitung. Und die beginnt zu Hause am Schreibtisch. Wer ohne sie – also unvorbereitet – auf Tour geht, handelt schlicht grob fahrlässig.

Das Risiko strategisch minimieren

Im Alpenraum werden dazu drei wesentliche Entscheidungsstrategien benutzt. Je nach Vorlieben und Landesgrenzen ist das die »3x3 Filtermethode« (nach Werner Munter), die »Snowcard« (DAV) oder die »Stop-or-Go«- Methode (ÖAV). Egal, welche der drei Methoden man anwendet, man sollte sein theoretisches und praktisches Können in dieser einen Methode perfektionieren. Das Umsetzen der Theorie in der Praxis macht schließlich den Unterschied aus zwischen »kennen« und »können«.

Vorbereitung der Tour

Vor der Praxis sollte man sich die wesentlichen Kriterien und Informationen anhand der 3x3 Filtermethode wieder neu erarbeiten oder auffrischen. Sie teilt sich in drei Filterschritte von regional, über lokal bis hin zu zonal (3) und betrachtet dabei jeweils (x) die Faktoren Verhältnisse (Schnee und Wetter), Gelände und Mensch (3). Wer sich (wieder) mit der 3x3 Filtermethode vertraut gemacht und die wesentlichen Punkte, die eine Lawinengefahr ausmachen ins Gedächtnis gerufen hat, kann den kommenden Powder-Winter in vollen Zügen genießen. Denn gut vorbereitet kann die Saison beginnen. Abschließend nur noch die Snowcard in den Rucksack gepackt und los geht’s auf Tour.

Regionaler Filter - Vorbereitung zu Hause

Auf einer topografischen Karte der ausgewählten Skitour Informationen über das Gelände anhand der Karte und einschlägiger Führerliteratur sowie über den geplanten Personenkreis, der auf Tour mitkommen wird, einholen:

• Lawinenlage- & Wetterbericht, Expertenauskünfte (z. B. lokale Bergführer und Hüttenwirte) einholen.
• Aufstiegsrelevante Geländeformen, Hangsteilheiten und -expositionen aus einer topografischen Karte im Maßstab 1:25 000 bestimmen.
• Gruppengröße, Ausbildungsstand, Erfahrung, Kondition und psychische Belastung sollten möglichst homogen sein. Gruppe der geplanten Tour anpassen oder umgekehrt: Bei schwächeren Teilnehmern entweder von Beginn an für alle eine andere Route wählen oder Ausweichmöglichkeiten einplanen.

Lokaler Filter - So weit das Auge reicht

Dazu muss man sich bereits vor Ort befinden, um eigene Beobachtungen zu den drei Faktoren anzustellen, die geplanten zu beurteilen oder neu zu bewerten. Wenn deren Bewertung weiterhin positiv ausfällt, spricht nichts gegen die Fortsetzung der geplanten Tour.

• Treffen die ermittelten Werte der Schneeverhältnisse, kritischen Neuschneemengen, Sichtweiten, Bewölkung, Windstärken und Temperatur auch wirklich hier am Ausgangspunkt zu? Gibt es Schneeverfrachtungen und Alarmzeichen? Stimmt der Lawinenlagebericht?
• Stimmt meine Planung mit den tatsächlichen Gegebenheiten (Geländeformen, Hangsteilheiten und -expositionen) überein? Sind andere Aufstiegsspuren im Gelände den Verhältnissen besser angepasst?
• Ausrüstungs- und LVS-Kontrolle vor Beginn der Tour? Regelmäßige Überprüfung der Gruppenmitglieder hinsichtlich Stimmung und Kondition. Andere Gruppen beachten und dabei den eigenen Zeitplan für die Tour immer im Auge behalten.

Zonaler Filter - Einzelhangcheck

Zuletzt wird die unmittelbare Umgebung beurteilt und über Weitergehen oder Umkehren entschieden. Jetzt zahlen sich perfekte Vorbereitung und sicheres, entschlossenes Handeln aus. Wenn alle wichtigen Faktoren zum Umkehren mahnen und auch das Bauchgefühl dazu drängt, sollte man umdrehen oder ausweichen:

• Gibt es frische Triebschneeansammlungen? Wie ist/verlief die Sonneneinstrahlung? Wo kann ein gefährliches Schneebrett abgehen?
• Was oder wer ist oberhalb unserer Gruppe? Wo liegen die steilste Hangpartie und kammnahes Gelände? Höhenlage? Handelt es sich um einen ständig befahrenen Hang?
• Der Mensch ist das schwächste Glied der Bewertungskette. Deshalb immer wieder Müdigkeit, momentanes Können und Kondition der Gruppenmitglieder überprüfen! Bei schlechter Sicht oder gefährlichem Gelände mit führungstaktischen Maßnahmen reagieren: Enlastungsabstände, Spurfahren, etc.

Der Tipp vom Berg- und Skiführer

Hat ein Tourengeher oder Freerider sich erst einmal für eine bestimmte Strategie entschieden, muss er genau diese für sich perfektionieren. Denn nichts ist schlimmer, als alle in den Fachbüchern aufgelisteten Strategien zwar schwarz auf weiß zu kennen, aber keine davon vollständig und »im Schlaf« zu beherrschen. Aber: Bei all den wichtigen zu beachtenden Regeln nur nicht verkrampfen! Immer schön locker bleiben und nicht vergessen: »Lerne die Regeln, damit du sie richtig brechen kannst.« (Dalai Lama)
Auf Touren kommen (Fotos: Alexander Römer)
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