Hüttenromantik gestern und heute

Wolkenhäuser - spektakuläre Hütten in den Alpen

Erst die Gipfelstürmer, dann die Alpenvereine: Beflügelt von den Pioniertagen des Alpinismus, ließen die Vereine Ende des 19. Jahrhunderts an vielen exponierten Standorten Hütten errichten. Diese Bergnester suchen wir noch heute gerne auf.

 
Eindrucksvolle Lage: das Rifugio Lobbia Alta, höchstes Haus der Adamellogruppe © Mark Zahel
Eindrucksvolle Lage: das Rifugio Lobbia Alta, höchstes Haus der Adamellogruppe
Diesen Moment werde ich wohl nie vergessen: An die acht Stunden lang bin ich aufgestiegen, nahezu 2500 Höhenmeter aus dem tiefen Salzachtal, um mich schließlich am höchsten Punkt in einem diffusen Gewölk wiederzufinden, das die wohlverdiente Aussicht über tausend und mehr Alpenberge einfach nicht freigeben will. Die Enttäuschung darüber lässt sich nicht verhehlen. In normalen Fällen würde die Geduld vermutlich nicht ausreichen und der Rückzug dem finalen Spektakel zuvorkommen. Nicht so am Hochkönig, den das Matrashaus buchstäblich krönt. Während die Wolkensuppe noch Tristesse verbreitet, findet man drinnen eine behagliche Bleibe, um in Muße auszuharren. Und dann, als sich der Tag schon seinem Ende nähert und eigentlich niemand mehr damit rechnet, passiert es: Wie von Geisterhand öffnet sich der Vorhang und die ganze Umgebung taucht ein in das intensive Licht der tief stehenden Abendsonne. Was für eine Magie!

Der Widerschein auf den bleichen Kalkfelsen gräbt sich in dein Herz. Das ist es, denkst du, als Antwort auf die Frage, warum du dich hier herauf gemüht hast. Frostig-klar, wie überdimensionale Kristalle, stehen am südlichen Horizont die Eisgipfel der Hohen Tauern. Die Täler sind schon halb in der Nacht versunken. Als die Sonne endgültig hinter dem Steinernen Meer verschwindet, merkst du, wie kalt es ist und ziehst dich zurück in die gemütliche Stube. Und hoffst, dass sich das Naturschauspiel in einigen Stunden wiederholen möge, wenn die Sonne über dem Dachstein wieder zum Vorschein kommt …

Hüttenromantik anno dazumal

Auch wenn es keine Garantie für solche Stimmungen gibt, Hütten wie das Matrashaus erhöhen die Chance darauf beträchtlich. Nicht ohne Grund drangen die Altvorderen mit ihren Bauvorhaben bis in hohe Lagen vor und scheuten weder Kosten noch Mühen. Bereits 1829 ließ Erzherzog Johann auf dem Gamskarkogel eine Unterkunft zum Zwecke bergsteigerischer Liebhaberei errichten: die Gamskarkogelhütte, auch bekannt als Badgasteiner Hütte. Naturromantische Sehnsüchte begannen sich damals zu verbreiten und wurden auch auf wilde Alpengipfel, in das Reich erhabener Gletscher und weltentrückter Gebirgswinkel getragen.

Die Chamanna Georgy am Piz Languard etwa geht auf die Initiative eines Leipziger Malers zurück, der sich dort oben vom großen Bühnenbild der Natur inspirieren ließ. Freilich war es im späten 19. Jahrhundert dann vornehmlich den alpinen Vereinen mit ihrer föderalistischen Struktur vorbehalten, im Hochgebirge infrastrukturelle Grundsteine zu legen, Wege und Hütten zu bauen. Manches Vorhaben mutete nach damaligen Möglichkeiten fast vermessen an.

Fünf Sommer lang werkelte man zum Beispiel am Brandenburger Haus, ehe es bergtauglichen Touristen als Heimstatt am Ötztaler Weißkamm dienen konnte. Und die »Erschließung« der Zugspitze – die bekanntlich noch einige fragwürdige Blüten treiben sollte – begann einst mit dem Münchner Haus, was zwar schon damals nicht ohne Widerspruch geschah, aber dennoch die Mehrheit der Bergfreunde offenbar begeisterte: Endlich auch zu ungewöhnlichen Zeiten hinausschauen ins geliebte Bayernland, und hinein ins Gebirge der Tiroler, wo sich ungezählte Bergketten staffeln.

Klassische Hüttenziele in den Alpen

Nehmen wir den halb metaphorischen Begriff des »Wolkenhauses« auf, so fällt mir spontan eine ganze Palette klassischer Vertreter ein. Das Matrashaus am Hochkönig gehört zweifellos dazu, genauso wie ein Schlernhaus, ein Becherhaus oder eine Hochstubaihütte. Das Zittelhaus auf dem Hohen Sonnblick wurde einst sogar zeitgleich mit der höchsten Wetterwarte Europas gebaut – eine Koexistenz, die nun schon über 125 Jahre trägt.

Lange Märsche bis in entlegene Gletscherlandschaften – wo nichts grünt und man sich gleichsam in arktische Gefilde versetzt fühlt – führen zu Mutthorn-, Oberaarjoch- und Planurahütte, ostalpin vor allem auch zum bereits erwähnten Brandenburger Haus, das hoch oben über dem Gepatschferner an einem Felssporn klebt. Doch keines der genannten Schutzhäuser macht der Capanna Margherita auf der Signalkuppe im Monte-Rosa-Massiv den Rang als »Königin aller Berghütten« streitig. 4554 Meter über dem Meer – das ist einsamer Rekord!

Erinnerungen, die bleiben

Diese Tour darf man nicht versäumen, Kultstatus hin, Modeberg her. Wer dem Monte Rosa einmal ins eisverzierte Antlitz geblickt hat, dessen Wünsche werden lange vor ihm oben angelangt sein. Bei mir währte der Traum viele Jahre, doch als sich während einer Umrundung des ganzen Massivs die Gelegenheit bot und der Wettergott eine freundliche Einladung aussprach, galt es, Träumen auch Taten folgen zu lassen. Gut akklimatisiert ist die Sache eine Genusstour, landschaftlich bestechend – und oben schwebt man garantiert auf Wolke Sieben, selbst wenn gar kein Wölkchen zu sehen ist.

Ein paar Tage später logierte ich auf der Cabane du Trient, im schweizerischen Teil der Mont-Blanc-Gruppe. Mit 3170 Metern ein gutes Stück tiefer als die Capanna Margherita, aber immer noch in respektabler Höhe und bemerkenswerter Position. Der Aufstieg in der sengenden Nachmittagssonne, bepackt mit allerhand Hochtouren- und Foto-Equipment, war schweißtreibend. Doch welch Lohn der Mühsal, als sich die Dämmerung über das weite Gletscherplateau von Trient senkte, das letzte Leuchten an den Felsspitzen verglimmte und das von Abertausenden Lichtpunkten gesprenkelte Himmelszelt sich allmählich feierlich über die Szenerie spannte! Ein Hauch friedvoller Ewigkeit liegt in solchen Momenten, du musst sie nur im Herzen festhalten …

Wenn ich so zurückschaue, hat es dieses Glück immer wieder mal gegeben, mitunter in weise kalkulierter Vorahnung, mitunter auch ganz unverhofft. Zum Beispiel auf dem Rifugio Lobbia Alta in der Adamellogruppe: Eine schöne Abendstimmung war sicher zu erwarten, aber nicht dieses Feuerwerk, das die untergehende Sonne mit den Wolkenfetzen am westlichen Horizont veranstaltete. Nicht minder ergreifend die Dämmerstunde auf dem Becherhaus, ehe der darauffolgende Morgen eine dicke, undurchdringliche Nebelsuppe und die Kehrseite des Begriffs »Wolkenhaus« vor Augen führte.

Sicher ist also nichts, bis auf die gewisse Spannung, die an solch exklusiven Standorten immer erhalten bleibt. Schließlich kann es auch so kommen wie am Ramolhaus vor vielen Jahren, als sich ein Hochgewitter von ausgesuchter Qualität entlud. Im Sekundentakt schlugen die Blitze rund um den Gurgler Ferner ein und vermittelten eine »Lightshow« der Extraklasse!

Voralpine Höhepunkte

Nun legen meine Erzählungen womöglich den Schluss nahe, dass man – angesichts hoher, entlegener Ziele – generell ein tüchtiger Berggänger sein muss, um derartige Impressionen einzufangen. Das ist nicht unbedingt der Fall. Oder würde jemand einer Tegernseer Hütte ihre fantastische Lage absprechen wollen? Wäre es nicht berauschend, bei der Gmundner Hütte am Traunstein oder dem Gasthaus Schäfler im Appenzellerland einmal über dem herbstlichen Nebelmeer zu »residieren«? Und wäre man nicht entzückt, den jungen Morgen am Hochstaufen über den Dächern von Bad Reichenhall zu begrüßen oder am Krottenkopf im Estergebirge, nur einen Katzensprung von der Weilheimer Hütte entfernt?

Ich bin dort Wanderern begegnet, die haben dieses vermeintlich alltägliche Ereignis eines Sonnenaufgangs tatsächlich verpennt, während andere ihm schon beizeiten entgegenfieberten, den Blick erwartungsfroh gen Osten gerichtet. Irgendwann kam die Sonne über den Horizont gekrochen, illuminierte als Erstes ganz zart die Zugspitze im Rücken und dann plötzlich die ganze Umgebung. Zweifellos alltäglich im Zyklus der Erdrotation, für Augenmenschen jedoch ein herzerfrischendes Schauspiel, wann immer sie es im Gebirge erleben dürfen …

Wieder auf Tour

Diese Faszination ist für mich grenzenlos, weshalb es stets aufs Neue aufzubrechen gilt. Nach einem geselligen Abend und einer eher unruhigen Nacht in der proppenvollen Meilerhütte – kein eigentliches Gipfelhaus, aber praktisch ebenbürtig – sieht mich der nächste Morgen noch im Halbdunkel unter dem Bayerländerturm entlangschleichen. Arnspitzen und Karwendelberge im Hintergrund konturieren sich als scharfer Scherenschnitt vor einem orangefarbenen Himmel. Ein neuer prachtvoller Tag kündigt sich an. Kaum eine Stunde später kann ich mich ganz allein auf einem bekannten Gipfel im Sonnenlicht räkeln.

Ja, diese Wolkenhäuser – sie sind zu einem Bestandteil meiner Leidenschaft geworden und stehen immer wieder für emotionale Höhepunkte. Vielleicht treffen wir uns im jetzt bevorstehenden Sommer, auf exponierten Hütten, irgendwo über den Wolken, wo die Freiheit bekanntlich grenzenlos ist…
 
Wolkenhäuser - spektakuläre Hütten in den Alpen
Fotos: 
Mark Zahel
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