Von Null auf’s Dach der Alpen

Mont Blanc - einmal ganz oben

Zwischen Helsa bei Kassel und dem Mont Blanc liegen 787 Kilometer und 4400 Höhenmeter. Die Gewinnerin unserer Serie „Von Null auf’s Dach der Alpen“, Nadine Vogelsang, hat die Distanz überwunden – und sich selbst. Eine Reportage über den Wunschtraum vieler Bergsteiger und den Beruf, sie zu erfüllen.
Text und Fotos: Thomas Ebert
 
Ziemlich fertig: auf den letzten von 3800 Höhenmetern zwischen Arvental und Gipfel © Thomas Ebert
Ziemlich fertig: auf den letzten von 3800 Höhenmetern zwischen Arvental und Gipfel
Es gibt Parkplätze, die sind erfolgreicher als die besten Partnerbörsen der Welt. Der Parkplatz der Bellevue-Seilbahn in Les Houches ist so einer. An einem Dienstag im Juli hat es hier 33 Grad im Schatten und ein paar mehr auf dem Asphalt. Zu viel, um barfuß zu laufen. Jörn Hellers dürre Beine stecken also schon in den schweren Bergstiefeln, als er zum x-ten Mal in der Saison seinen Rucksack packt. Es steht zwar groß auf seinem Auto, aber es reicht ein Blick auf die verbrannten Ohren: Heller ist Bergführer.

Dann biegt Nadine Vogelsang in den Parkplatz ein. Sie kommt aus Helsa, einem Dorf bei Kassel, und arbeitet als Schaufenster-Dekorateurin. Die 37-Jährige hat auf halber Strecke nach Chamonix im Auto übernachtet und ist froh, überhaupt hergefunden zu haben. Vogelsangs erste Bergtour: der Hohe Göll, im Jahr 2011. Zur Begrüßung sagt Vogelsang in dialektfreiem Flachlanddeutsch: »Ich bin der Typ Schildkröte. Langsam, aber ausdauernd.«

Kurse, Klettern, Kerzen anzünden

Sicher auf den Mont Blanc und wieder runter – das und das Du ist alles, was Heller und Vogelsang am Parkplatz verbindet. Heller ist das gewohnt. Er wappnet sich mit klaren Ansagen, erklärt Abmarschzeiten zu »Gesellschaftsverträgen« und droht grinsend: »Spätestens auf Vierfünf fangen alle an zu japsen. Wenn ich dir dann in den Arsch trete, ist das nur gut gemeint!« Anlass dazu wird er kaum bekommen. Der Westalpen-Novizin Nadine ist klar, wofür sie sich beworben hat.

»Dass ich gewonnen habe, war eine riesige Überraschung. Aber Bammel habe ich nicht. Ich unterschätze mich ganz gerne.« In den Bayerischen Alpen ist sie eine selbständige Bergsteigerin, hat die Watzmannüberschreitung bei Vereisung geführt. Sie hat einen Spaltenbergungskurs und acht Wochen Waldläufe und Klettertraining absolviert, zur Höhenanpassung auf dem Ramolhaus übernachtet, vor der Tour eine Kerze in der Kirche von Chamonix entzündet.

Als erste Seilschaft starten sie um halb zwei Uhr morgens. Ohne Arschtritt, dafür mit Händedruck. Es herrschen »Sechser-im-Lotto-Verhältnisse«, der steile, trockene Fels liegt der Kletterin Nadine. Bis zur Goûterhütte bleiben die Steigeisen im Rucksack, dann beginnt der Gletscher. Die Pickelspitze quietscht in der Dunkelheit so laut wie eine bremsende Lok.

Kurz vor Sonnenaufgang nimmt der Wind zu. Nadine schaut und schnauft, Jörn rudert zum Aufwärmen mit den Armen. Eine hauchdünne Lichterkette aus Stirnlampen zeigt an, wie weit es noch ist.
 
Sonnenuntergang am Mont Blanc
Aus- und Tiefblicke: Bergsteiger an der Pointe Mieulet.

Mit der Schildkrötentaktik auf den Mont Blanc

Am Ende werden beide Recht behalten. Jörn, weil der Gipfel beim Verlassen des Vallot-Biwaks, also knapp unter »Vierfünf«, zur Willensfrage wird. Nadine, weil sie an ihre Chance glaubt und nun in »Schildkrötentaktik« weitergeht. Das wärmende Tageslicht, auch der ein oder andere Seilzupfer von Jörn helfen dabei, die Anstrengung zu vergessen. Um Punkt acht Uhr morgens erreicht die Seilschaft den Gipfel – Nadine zum ersten, Jörn zum 112. Mal. »Fünf Minuten maximal«, sagt Jörn und mahnt zum Riegelessen.

Nadine weint vor Freude. »Ich hab’ so viel Glück im Leben!« Jörn will das Glück noch nicht an sich heranlassen, treibt an. Bald wird sichtbar, warum: Im ersten kleinen Gegenanstieg des Abstiegs liegt Erbrochenes, im zweiten ein Mensch, der nicht mehr weiter will. Auch Nadine brummt bei jedem Schritt der Kopf. Doch die Zeit drängt, durch das Grand Couloir knattern die Steine in immer kürzeren Abständen.

Wie an einer Startlinie stehen Jörn und Nadine vor dem Couloir und warten auf den einen Moment. Keine Steine. »Und hopp!« Im Laufschritt über die Rinne – geschafft! An der Hütte wird Nadine mit Bravo-Rufen empfangen; auch Jörn ist beeindruckt. Nadines Traum ist in Erfüllung gegangen. Was bleibt, ein paar Wochen später, davon übrig? Die Kasseler Lokalzeitung hat Nadine zu einer kleinen Berühmtheit gemacht, sie hat ein Fotobuch gedruckt und die Wildspitze bestiegen. Vor allem aber: Gelassenheit. »Der Mont Blanc ist jetzt ein Teil meines Lebens. Über Kleinigkeiten im Alltag lächle ich jetzt einfach!«

TIPP: »Riese in Bedrängnis« lautete das Top-Thema der Ausgabe 08/2014, sie handelte von den Missständen am Mont Blanc. Auch deshalb wollten wir unseren Lesern, gemeinsam mit der Mammut Alpine School, in der Serie »Von Null aufs Dach der Alpen« das theoretische Rüstzeug für erfolgreiche Hochtouren vermitt eln – damit erst gar kein Leichtsinn aufk ommt. Nach dem Ende der Serie sind jetzt alle Folgen samt Trainingsplan und Übungstouren, von der Gehschule bis zur Spaltenbergung hier verfügbar. Viel Spaß!
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 10/2015. Jetzt abonnieren!
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