Kurt Diemberger: »Die Berge dulden keine Maske« | BERGSTEIGER Magazin
BERGSTEIGER Interview mit Kurt Diemberger

Kurt Diemberger: »Die Berge dulden keine Maske«

Kurt Diemberger hat zwei Achttausender erstbestiegen, Broad Peak (1957) und Dhaulagiri (1960). Er drehte als Erster auf dem Gipfel des Everest einen 16-mm-Film. Und er ist der Letzte, der Hermann Buhl sah, bevor sein »Bergvater« an der Chologisa in den Tod stürzte. Ein Gespräch über Lebenslehren und Lebenslügen.
 
Eismann: Kurt Diemberger im Alter von 42 auf dem Shartse, dem Everest-»Ostgipfel« © Archiv Kurt Diemberger
Eismann: Kurt Diemberger im Alter von 42 auf dem Shartse, dem Everest-»Ostgipfel«
BERGSTEIGER: Herr Diemberger, Sie leben am nordwestlichen Rande von Bologna in einer hügeligen Landschaft. Ein großer Bergsteiger so weit weg von den richtigen Bergen, wie passt das zusammen?
KURT DIEMBERGER: Diese Gegend hat eine wilde Schönheit, es gibt bizarre Erosionsformen. Dort fühle ich mich wohl. Wenn du hier einen Weg anlegst, dann ist der im nächsten Jahr schon wieder weg.

Hat Sie die Suche nach der Wildheit in Ihren jungen Jahren in den Himalaya getrieben?
Auch heute noch ist mir die Gegend hinter dem K2 am liebsten, die Bergwüste Shaksgam. Dort hilft dir auch kein Satellit, denn dort ist man auf sich selbst und sein Können zurückgeworfen. Mich fasziniert die wilde, unberührte Natur jenseits des Bergsteigerischen.

Sie waren ursprünglich eher Abenteurer als Bergsteiger?
In Salzburg gab es einen Platz, an dem nur die Natur arbeitete: die Schotterfelder in der Salzach. Dort habe ich mit dem Hammer Steine zerdroschen auf der Suche nach dem verborgenen Inhalt. Diese Kiesinseln haben sich fortwährend verändert, jedes Hochwasser bildete neue Flächen. Dort hat’s angefangen.

Was? Die Abenteuerlust?
Ja, damals war ich wohl 13, 14 Jahre alt. Ich entdeckte in Steinen kleine Kristalle oder auch Ammoniten. Ich wollte wissen, wo die herkommen. So wanderte ich in die Seitentäler, zum Beispiel in die Glasenbachklamm. Ich fand Seeigel so groß wie ein Kindskopf. Die Suche nach Kristallen führte mich bis zum Venediger, es war meine absolute Leidenschaft.

Sind Sie auch fündig geworden?
Ich erinnere mich noch gut, dass ich einen großen Smaragd fand. Den musste ich leider abgeben, denn ich hatte mit der Erlaubnis der Grubenarbeiter einen Kübel voll Material aus dem Innern der Mine geholt. Beim Waschen auf dem Gitter tauchte er aus dem Schlamm auf. Der Smaragd war leider Eigentum der Grubenbetreiber. Da blutet mir jetzt noch das Herz. In dieser Gegend bin ich auch auf Bergsteiger getroffen und wunderte mich.

Über was?
Ich fragte mich, warum Menschen auf Gipfel steigen, wo sie doch nichts mit herunterbringen. 1948 probierte ich es aus, am Larmkogel in den Hohen Tauern. Mich packte dort das Fieber.

Und wie wurden Sie zum Höhenbergsteiger?
Als Hermann Buhl 1953 den Alleingang am Nanga Parbat schaffte, begann für mich der Traum von den großen Bergen. Es war erst einmal nicht mehr als ein Traum von einem fernen Gipfel im Himalaya. Gereizt hat mich damals schon, die Berge von der geheimnisvollen Seite anzugehen. Dort, wo keiner geht.

Was war für Sie der größte Gewinn durch das Bergsteigen?
Die Freude des Entdeckens und die Lust weiter zu entdecken. Und die Herausforderung, schwierige Aufstiege zu meistern.

Das ist Ihnen meistens geglückt. Und Sie haben’s überlebt. Was war Ihre wichtigste Maxime beim Bergsteigen?
Die Gefahren genau einzuschätzen. Das heißt nicht, dass man sie ganz ausschließen kann. Deshalb war meine Bibel das Buch »Die Gefahren der Alpen« von Emil Zsigmondy. Das konnte ich auswendig. Ich wartete regelrecht darauf anzuwenden, was drin stand. Meine Freude war groß am Großen Geiger, als mein Zufallsseilpartner ausrutschte und ich den Eispickel vorschriftsmäßig einrammen konnte und mein Gefährte am Seil hing. Wunderbar, es hatte funktioniert!

Sie wollten sich beweisen, dass Sie Meister der Lage sind?
Dass man mit den Kräften der Natur zurechtkommt, gibt einem schon eine große Befriedigung beim Bergsteigen. Man bekommt mit der Zeit eine gewisse Ruhe. Diese innere Ruhe hat mir der Berg geschenkt. Sie ist unheimlich wichtig. Sie kann soweit führen, dass man selbst in einer großen Notlage überlegt, mit welcher Wahrscheinlichkeit man noch heil runterkommt vom Berg.

Auch am K2, als Sie Ihre Lebensgefährtin verloren?
Diese geradezu mathematische Überlegung hatte ich auch in der furchtbaren Situation am K2, als wir tagelang vom Höhensturm eingeschlossen machtlos in unseren Zelten lagen. Ich wusste, ich kann es noch einen Tag aushalten und vielleicht noch einen weiteren. Das war keine Angst, sondern nüchterne Einschätzung.

Und Julie?
Trotz aller Sorge bewahrte dies die nötigen inneren Energien für unser Hinabkommen.

Bergsteigen als große Lebensschule?
Ich bin fest davon überzeugt, dass das Klettern ein wahres Heil für viele junge Menschen ist. Weil es sie aus einem Wirrwarr von möglichen Entscheidungen zu einem fixen Punkt hin bringt: Jetzt musst du dich dort anhalten, sonst fliegst du. Das ist eine grandiose Schule. Die Berge sind große Lehrmeister. Man muss aber die Augen offen halten und den Geist wach.

Was ist die wichtigste Lehre für Sie?
Mit Ruhe die jeweilige Situation beurteilen und danach handeln. In dem Moment, wo man anfängt in Panik zu geraten, ist man auf dem Holzweg. Das darf es niemals geben. Natürlich gibt es Situationen, die der Mensch nicht beherrschen kann. Wenn man plötzlich in Gewitterwolken gerät und die Blitze niedersausen, dann ist man ein armes, machtloses Wesen. Das ist ein Moment, wo man wirkliche Angst spüren kann.

Große Fehler beim Bergsteigen?
Ich habe bestimmt mehr als einen großen Fehler am Berg erlebt. (überlegt lange) Erst habe ich an Hermann Buhl gedacht an der Chogolisa. Dann dachte ich an Julie am K2, dann dachte ich an die Riesenschaumrolle, aber die Reihenfolge hat nichts mit der Schwere des Fehlers zu tun. Einer der größten Fehler beim Bergsteigen ist der, dass man den Gefährten falsch einschätzt. Die Berge dulden keine Maske. Weil sie irgendwann runterfällt. Genau. In dieser Weise sind die Berge ein verdammt guter Partner, weil sie die Maske herunterreißen. Erst dann kann wirkliche Freundschaft entstehen. Zu großes Vertrauen ist nicht gut – das kann dazu führen, dass du am Ende angeschmiert bist.

Sie spielen auf die Durchsteigung der Riesenschaumrolle an der Königsspitze an?
Die Geschichte taucht von Zeit zu Zeit wieder auf, wonach ich nicht der Erste gewesen sei.

Das nervt Sie bis zum heutigen Tag? Das war 1956, vor fast 60 Jahren!
Reinhold (Messner; Anm. der Red.) stellt die Behauptung auch ab und an auf, weil ich den Aufstieg in zwei Etappen gemacht habe. Damit verurteilt er auch alle anderen, die ihre Erstbegehungen in zwei Raten gemacht haben. Zum Beispiel Hiebeler mit der Eiger-Nordwand und dem Stollenloch. Dabei gibt es ein schriftliches Dokument, unterschrieben vom damaligen Bergführer-Obmann. Denn der Durchstieg der Riesenschaumrolle wurde durch Fernrohre beobachtet. Vielleicht veröffentliche ich das Dokument eines Tages, dann ist endlich Ruhe.

Waren Sie mit Schuld am Tod von Hermann Buhl?
Fest steht für mich: An der Chogolisa mit Hermann verdanke ich mein Leben einem Fehler. Der Fehler war, dass wir auf diesem Wechtengrat nicht angeseilt waren. Bis zum Sattel auf 7000 Meter hatten wir es verwendet. Von dort aus sah der Weg so leicht aus, und ohne Seil waren wir schneller. Als der Sturm tobte und wir erkannten, dass wir umdrehen müssen, hätten wir uns anseilen müssen. Nur: Als Hermann Buhl damals 10, 15 Meter hinter mir aus der Spur ging – warum, weiß ich bis heute nicht – und die Wechte zum Kollaps brachte, hätte er mich wohl mitgerissen.

Und das Drama am K2, als Sie Ihre Partnerin Julie Tullis verloren: Was hätten Sie anders machen müssen?
Wir sind in 8500 Meter Höhe, das Wetter schlägt um, der Gipfel ist in Reichweite. Sollen wir oder sollen wir nicht? Dazu gibt es ein berühmtes Schiller-Wort: »Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück.« Du musst also in dem Augenblick entscheiden: Ja oder Nein. Wir entschieden damals beide – hinauf! Hätten wir entschieden: Zurück, dann wäre Julie wahrscheinlich noch am Leben. Wir haben uns unseren Traum erfüllt, aber Julie ist droben geblieben. Will man das als Fehler sehen oder nicht?

Ich würde sagen: klares Ja.
Wenn man die Sache mit dem Wissen von nachher betrachtet, dann war es ein Fehler. In der Situation war es eine gemeinsame Entscheidung, von der wir nicht wussten, was sie bewirkt. Der Preis war hoch, wir haben ein ganzes Leben hingegeben.

Hat die damalige Katastrophe am K2 und Buhls Tod an der Chogolisa Ihr Verhältnis zum Bergsteigen verändert?
Die zwei Ereignisse kann man nicht in einen Topf werfen, sie sind zu verschieden. Geändert hatte sich, dass ich vor Entscheidungen in diesem Schillerschen Sinne noch mehr nachdachte. Die Entscheidung am K2 habe ich nie in Frage gestellt. Ich weiß, dass wir beide da hinauf wollten. An der Chologisa war die Frage »anseilen« gar nicht aufgetaucht, weil sie im Sturm nur Zeitverlust bedeutet hätte. Denn wenn wir unsere Aufstiegsspur nicht mehr gesehen hätten, wären wir am Grat erst recht verloren gewesen.

Was war das Faszinierende an Hermann Buhl?
Man muss erst mal sehen, was zwischen uns lag: Ich war ein junger Kletterer, und Hermann hatte gerade den Nanga Parbat bestiegen. Ich hatte das Gefühl, dass er in einer besonderen Art und Weise mit den Mächten des Berges verbunden war. Sein Gespür und sein Können waren unglaublich. Ich habe ihn für all das derart bewundert, dass ich in Wien, als ich mir seinen Vortrag über den Nanga Parbat angehört hatte, am Ende mit meinem Ausweis zu ihm ging. Ich wartete, bis alle anderen ihr Autogramm hatten, denn ich wollte ihn ganz für mich haben.

Was passierte dann?
Er sah mich an, gab mir die Hand und sagte ein »Berg heil«. Später hatte ich geglaubt, er habe mir auf den Ausweis ein »Berg heil« geschrieben. Als ich den Ausweis wiederfand, stand nur sein Name drauf. Buhl war für mich wie ein Bergvater. Er hat mich erziehen wollen, aber das war schwierig. Denn ich war schon immer schwer erziehbar gewesen. Hermann hatte keinen Sohn, sondern nur drei Töchter, vielleicht sah er in mir einen Ersatz. Er konnte schon sehr bestimmend sein. Aber wir haben einfach durch dick und dünn zusammengehalten.

Trotz der Auseinandersetzungen, von denen Sie ja auch in Ihren Büchern berichten?
Ja, trotzdem. Ich weiß, es gab Geschichtsschreiber, die behaupteten, wir hätten uns an der Chogolisa so gestritten, dass Buhl quasi abstürzen musste. Was ich an Hirnrissigkeit von Seiten so genannter Historiker erlebt habe, passt auf keine Kuhhaut.

Sie haben oftmals in der Todeszone gefilmt. Warum?
Ich wollte das Faszinierende mit herunterbringen.

Können Bilder das?
Wenn man das Filmen voll und ganz lebt, dann ist das möglich. In diesem Sinne waren Julie und ich ein Herz und eine Seele. Wir waren zu jedem Opfer bereit, um die Kreativität eines Films ans Ziel zu führen. Immer wieder. Das waren nicht nur die Augenblicke am Berg, sondern auch die Monate vorher und Wochen nachher, um den Film bis ins letzte Detail fertig zu stellen.

Sie schreiben an Ihren Memoiren, heißt es.
Ab und an schreibe ich etwas und tue es in eine Schachtel. Eine große Hilfe sind alte Tagebücher und Briefe. Aber ich bin alleine, das ist mühsam. Trotzdem: Wer langsam geht, geht gut, wer gut geht, geht weit. Und ich bin noch lange nicht am Ende.

Zur Person Kurt Diemberger

…kommt am 16. März 1932 in Villach zur Welt. Gymnasium und Studium absolviert er in Salzburg. Der Diplom- Kaufmann und -Handelslehrer katapultiert sich 1956 mit der Durchsteigung der »Schaumrolle«, der Gipfelwechte der Königsspitze, in die Szene der Top-Alpinisten. 1957 gelingt ihm mit Hermann Buhl, Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller die Erstbesteigung des Broad Peak (8047 m) – ohne Hochträger und Sauerstoffgeräte. Sein Seilpartner Buhl stürzt wenig später an der Chogolisa in den Tod. 1960 folgt die Erstbesteigung des Dhaulagiri (8167 m). 1986 erklimmt Diemberger gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Julie Tullis den K2 (8611 m). Tullis stirbt im Höhensturm. In den Jahren danach macht Diemberger sieben Shaksgam-Expeditionen. Der Alpinist gewinnt etliche Preise für sein filmisches Werk.

Kurt Diemberger liest das Kapitel »Die Zeiträuber« aus dem Buch »Seiltanz«

 
Interview: Michael Ruhland
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 10/2015. Jetzt abonnieren!
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