Was tun bei einem Spaltensturz? Wissenswertes zur Spaltenbergung

Spaltenbergung - Sicherheit am Gletscher

Bei der Spaltenbergung kommt neben viel Material auch die hohe Kunst der alpinen Sicherungstechnik zum Einsatz. Inzwischen gibt es sogar ein Gerät, das einen Teil der Arbeit abnimmt.

 
Serie: Stille Helfer, Teil 5: Spaltenbergung © BERGSTEIGER
Serie: Stille Helfer, Teil 5: Spaltenbergung
Noch drei Schritte, natürlich kosten sie Überwindung. Der Gletscher sperrt sein hässliches Maul auf, gibt den Blick in seinen Rachen frei. Noch zwei Schritte. Die Partner am Seil tun so, als ahnten sie nichts. Noch ein Schritt. Für die Frage, warum man sich freiwillig in eine Spalte stürzt, ist es jetzt zu spät.

Der Absprung. Ein kurzer Moment des freien Falls, dann ein starker Ruck, als sich das Seil strafft. Während von oben etwas Schnee nachrieselt, zeigt sich, dass das Maul des Gletschers gar nicht so hässlich ist. Eisformationen in Blau, Türkis und Weiß gibt es zu bestaunen. Die Kollegen oben könnten sich eigentlich etwas Zeit lassen, um ihren Mannschaftszug zu organisieren oder die lose Rolle zu bauen. Wenn heute Selbstrettung auf dem Übungsprogramm steht, dürfen sie sich auf jeden Fall ein wenig gedulden, bis das Reißen an ihren Gurten nachlässt.

Kaum eine alpine Notlage kann so gut simuliert werden wie ein Spaltensturz. Und er sollte auch von Zeit zu Zeit geübt werden, denn den Sturz eines Bergkameraden zu halten, erfordert Kraft. Ihn – oder im Falle der Selbstrettung: sich selbst – wieder hinauszuziehen auch, zusätzlich aber auch das Aufbauen von nicht ganz einfachen Sicherungen. Wer schon auf dem Sofa ins Grübeln kommt, wie noch einmal ein gesteckter Prusik funktioniert, wird unter Stress Probleme haben. Ob man nun freiwillig bei einer Übung oder unfreiwillig bei einer Bergtour in die Spalte geraten ist: Es gibt verschiedene Techniken, sie wieder zu verlassen.

Bei ihnen kommen von einer einfachen Reepschnur über neuartige Rücklaufsperren bis hin zu topmodernen Spezialgeräten eine große Bandbreite an Material zum Einsatz. Wer das Ankergraben, Prusikfädeln und Bauen von losen Rollen oder gar Flaschenzügen beherrscht, darf sich schon fast Diplom- Ingenieur des Alpinismus’ nennen.

Die Mannschaft zieht mit bei der Spaltenbergung

Welche Rettungstechnik konkret zu wählen ist, hängt von der Größe der Seilschaft und den Verhältnissen ab. Wenn man in einer großen Gruppe (ab vier, besser fünf Personen) unterwegs ist und weder weitere Spalten noch zu tiefer Sulzschnee ein paar kräftige Schritte unmöglich machen, ist der Mannschaftszug die einfachste und damit beste Wahl. Die Seilschaft zieht den Pechvogel mit vereinten Kräften und koordinierten Kommandos aus der Spalte, auf zusätzliche Sicherungen wird verzichtet, das Körpergewicht der »Obengebliebenen« reicht hierfür aus. Der Seilpartner, der dem Gestürzten am nächsten ist, sollte sich mit einer Prusikschlinge gesichert zum Spaltenrand vortasten, so kann er mit dem Gestürzten und den restlichen Seilpartnern kommunizieren.

Es ist schon vorgekommen, dass sich beim Sturz Unversehrte an der Wirbelsäule verletzt haben, weil die Helfer auch noch kräftig am Seil zogen, als der Gestürzte unter der Wächte am Spaltenrand festgeklemmt war. Wenn nicht zufällig ein Großmeister im Tauziehen mit von der Partie ist, werden jedoch die meisten Viererseilschaften und sicher alle Dreierseilschaften Schwierigkeiten mit dem Mannschaftszug haben.

Um den Gestürzten aus seiner Spalte zu befreien, wird nun auf physikalische Prinzipien (das des Flaschenzuges), Ausrüstung und alpine Sicherungstechniken zurückgegriffen. Um handlungsfähig zu werden, muss sich die Seilschaft zunächst des Gewichts des Gestürzten entledigen und das Seil fixieren. Ist man auf Blankeis unterwegs, können zwei Eisschrauben gesetzt werden, ansonsten ist das Vergraben eines Ankers notwendig (siehe BERGSTEIGER 7/2013).

Während die hinteren Seilschaftspartner das Gewicht des Gestürzten halten, vergräbt der der Spalte am nächsten Stehende Pickel, Ski oder zur Not auch den Rucksack quer zur Belastungsrichtung. Zirka 50 Zentimeter tief, dann klopft er den Schnee über und um die Stelle fest. Das Band oder die Reepschnur, die um den Anker gelegt wurde, muss so nach vorne geleitet werden, dass der Anker bei Belastung nicht nach oben aus dem Schnee gezogen wird. Der Fixpunkt ist fertig, das Seil mit einer zum Prusik geknüpften kurzen Reepschnur und einem Schraubkarabiner an ihm befestigt.

Während der mittlere Partner den Anker zusätzlich mit seinem Gewicht beschwert, knüpft der Hintermann nun eine drei Meter lange Reepschnur mit einem Prusikknoten um den Teil des Seiles, auf dem keine Belastung ist. Mit dem einen Ende sichert er sich selbst, das andere wird gleich als Rücklaufsperre für die Konstruktion der losen Rolle benötigt. Wahlweise kann die Reepschnur auch mit einem Sackstich abgebunden werden und die Rücklaufsperre mit einer weiteren Reepschnur geknüpft werden.

Der Hintermann geht nun vorsichtig zum Spaltenrand, klinkt einen Karabiner in das lose (und hoffentlich knotenfreie) Restseil und lässt diesen zum Gestürzten hinunter. Wenn der den Karabiner in seinen Gurt einhängen konnte, sichert der Partner am Spaltenrand das Seilende am zweiten Ende der Reepschnur mit einem gesteckten Prusik – oder eben mit einer weiteren Reepschnur. Jetzt kann gezogen werden – ein unter das Seil gelegter Pickel verhindert, dass es sich in Schnee oder Eis einfräst. Im Stil des Lügenbarons Manchmal ist der Gestürzte beim Verlassen der Spalte jedoch auf sich selbst angewiesen: weil seine Seilschaftspartner oben Probleme haben, weil er vielleicht nur in einer Zweierseilschaft unterwegs ist und der Partner schon genug damit zu tun hat, die Belastung zu halten.

In diesem Fall legt man eine armlange Prusikschlinge an das Seil über sich, knotet sie mit einem Sackstich nach einigen Zentimetern ab (wird später zum Einhängen eines Karabiners benötigt) und hängt sich ein. Eine zweite Prusikschlinge dient als Trittschlaufe, je kürzer sie ist, desto schneller lässt sich Höhe gewinnen. Wenn man nun in der Trittschlaufe aufsteht, ist der Sicherungsprusik entlastet und lässt sich nach oben schieben. Anschließend wird die Trittschlaufe nachgeholt und das Ganze beginnt von vorne. Schwierig wird es nur, wenn das Seil sich zu tief in den Spaltenrand gefräst hat – dann braucht es eine Technik, die manchmal nach dem berühmten Lügenbaron Münchhausen benannt ist. Der war bekanntlich in der Lage, sich selbst an der Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.

So etwas ähnliches klappt, wenn man unter dem Spaltenrand einen kleinen Umbau vornimmt: Die Trittschlinge wird abgebaut. Das Schlappseil unterhalb der armlangen Sicherungs-Prusikschlinge wird durch eine Rücklaufsperre am Gurt (Plate, T-Bloc, Ropeman oder Garda- Schlinge) gefädelt, dann in jenen Karabiner eingehängt, der oben in der Sicherungs-Prusikschlinge angebracht ist. Dadurch entsteht ein Flaschenzug – mit dem man sich Schritt für Schritt nach oben ziehen – ober besser: kämpfen und wuchten – kann. Klingt kompliziert – und ist es auch.

Der Schweizer Hersteller Mammut hat deshalb ein Gerät entwickelt, in dem zwei Seilklemmen durch einen sechsfachen Flaschenzug verbunden sind. Zwar erfordert auch die Benutzung von »RescYou« Übung, mit ihm sollte es aber jedem möglich sein, eine Spalte schnell zu verlassen. Neben Rettungstechnik und Ausrüstungs- Innovationen gibt es manchmal auch eine ganz einfache Art, wieder ans Tageslicht zu kommen. Besonders am Gletscherrand führen zuweilen Rampen aus dem Eis nach oben. So mancher, der sich den Höllenschlund des Gletschers nach seiner Rettung noch einmal genauer angeschaut hat, musste feststellen, dass sich die ganze Seilschaft Stress und Anstrengung hätte sparen können. Hätten sie ihn einfach noch ein paar Meter hinuntergelassen – der Gestürzte wäre einfach hinaus spaziert.

Natürlich sollte es in der Praxis nie passieren, dass ein Bergpartner auf der Hochtour in eine Spalte stürzt. Deshalb ist es besonders wichtig, sich gut auf die Hochtour vorzubereiten!
Moritz Baumstieger
Fotos: 
Tobias Bach, Mammut,
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 08/2013. Jetzt abonnieren!
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