Ausstellung rund um den Nationalpark Hohe Tauern

Das Nationalpark-Haus in Mittersill

Wer die Bergwelt der Hohen Tauern aus ungewöhnlichen Perspektiven erleben und mit allen Sinnen ihre Natur erfahren möchte, sollte die Nationalparkwelten in Mittersill besuchen. Das Alter der Besucher spielt dabei keine Rolle, eher das Wetter. Je schlechter es ist, umso mehr füllt sich die Ausstellung rund um den »Nationalpark Hohe Tauern«. Von Andreas Erkens

 
Das Nationalpark-Haus in Mittersill © Nationalparkzentrum Mittersill
Das Nationalpark-Haus in Mittersill
So fühlt man sich also als Fisch. Obwohl? Frieren die eigentlich auch? Die Sonne glitzert durch die Wasseroberfläche, strahlt auf eine Bachforelle, die ihr gieriges Maul aufreißt. Vor mir taucht eine Wasseramsel auf Nahrungssuche durch die Oberfläche in den kalten Gebirgsbach. Auf den großen Steinen am Grund sitzen Würmer und anderes Getier. Um mich herum plätschert und gurgelt es. Ganz schön kalt hier. Heute morgen hätte ich im Traum nicht gedacht, später als frierender Fisch zu Enden – obwohl der Tag schon feucht begonnen hatte.

Anstelle im Morgenlicht leuchtende Berge erblicke ich von meinem Fenster aus…nichts. Na ja – fast nichts, außer dunkle, graue Regenwolken, die die Berge rund um Mittersill einhüllen. Während ich der verpassten Aussicht nachtrauere, prasseln dicke Regentropfen auf meine Hände am Fensterbrett. »Toll«, fluche ich leise, »mein Tag in den Bergen fällt wohl ins Wasser«. Als ich das Fenster schließe, fällt mein Blick auf den kleinen Beistelltisch, der mit Broschüren touristischer Attraktionen »garniert« ist. Darunter eine des Nationalparkzentrums Hohe Tauern.

Nationalparkzentrum Hohe Tauern

Es regnet noch immer. Der Parkplatz ist voll, obwohl weder Ferien sind, noch Wochenende ist. Sogar zwei Reisebusse haben schon ihre Fracht in die »Nationalparkwelten« entleert. Offenbar hatten andere die gleiche rettende Idee wie ich…Die besondere Architektur des Besucherzentrums fasziniert mich. Außen dominiert die Ansicht eine moderne, einfach und elegant wirkende Holzkonstruktion. Darunter ein schlichter Beton-Unterbau mit einem schluchtartigen Eingangstunnel, in dem Swarowski-Kristall-Adern funkeln. Das Gebäude scheint aus Wasserbecken zu wachsen, die von Felsbrocken gesäumt sind und von einem frisch gemähten Grünstreifen umrahmt werden. Ein harmonisches Bild in der Landschaft. Das wird sich später in der Ausstellung fortsetzen: Weiche runde Linien und Farben wechseln sich mit schroffen Formen und dunklen Tönen ab – je nach Thema.

Zwei ganz Große: Großglockner und Großvenediger

Der Eingang ist dunkel, schwarze Wände. Mein Blick fällt auf die zwei Berg-Modelle im Rampenlicht: Großglockner und Großvenediger thronen scheinbar frei schwebend in der Mitte des nach unten offenen Raumes. An der Decke ein ausgestopfter Adler. Auf fünf LCD-Bildschirmen kann man in dessen Perspektive wechseln und die Landschaften des Nationalparks Hohe Tauern überfliegen. Gleich am ersten Fernsehschirm drängt sich eine Schulklasse samt Lehrerin um einen Nationalpark-Ranger. Während er motiviert erklärt, was man sehen kann, recken seine kleinen Gäste nervös die Köpfe und plappern aufgeregt durcheinander. Ein regelmäßig von unten ertönendes Geräusch zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Geräuschvolle Kulisse

Ein Stockwerk tiefer findet sich schnell dessen Ursprung: Ein bekrabbelbarer Murmeltierbau mit ausgestopften Murmeltieren um, auf und in dem Erdhügel. Auf Knopfdruck ertönt ihr warnendes Pfeifen und ein Familienmitglied verschwindet im schützenden Bau. Die Schulklasse von eben drückt sich gerade durch die Krabbelröhre in den Bau. Man hört »Ahs« und »Ohs«, bevor die Kinder auf der anderen Seite wieder auftauchen, um sich neben einem großen Steinbock direkt auf die kleine Kletterwand zu stürzen. Im Hintergrund läuft ein Kurzfilm über die Tierwelt des Nationalparks. Zu sehen oder hören gibt es viel im Nationalparkzentrum. Es klatscht, klopft, fiept, zwitschert, mäht, muht, meckert, gurgelt, plätschert oder donnert überall.

Tauerngold und grüne Almen im Nationalparzentrum Hohe Tauern

Die Schatzkammer zeigt wertvolle Mineralien und ihre Entstehung. Im eindrucksvollen 3D-Kino schweigt die sonst so quirlige Schulklasse aufmerksame 15 Minuten lang zur Entstehung des »Tauernfensters« – eine Wohltat! Die angrenzende Bergwaldgalerie mit verschiedenen Baumstämmen, Tieren und ihren Spuren fesselt die Schulklasse weniger, denn nebenan lockt schon die künstliche Almwiese. Auf Polsterliegen kann man sich zu Bergblumen-TV und Vogelgezwitscher-CD gemütlich in den Schlaf wiegen lassen. Nur hier und da zerreißt Ziegengemecker oder Pferdewiehern die Ruhe. Kein Wunder, dass der Ranger die Kinder nicht für den Bergwald begeistern kann. Die beiden lebensgroßen Kühe und das Kalb sind einfach spannender. 

Wasser – flüssig oder gefroren

Am Ende der grünen Almwiese »tauche« ich ein in den überdimensionalen Bachlauf. Eine überdimensionale Bachforelle schwebt über mir: Fischperspektive mal anders. Das wird noch schlimmer, als der Ranger im Strom seiner Schüler an mir vorbeischwimmt. Ich flüchte und höre noch, wie er erklärt: »Die Wasseramsel ist mein Lieblingstier…« Schnell folge ich einem donnernden Grollen in den Lawinendom. In der 270-Grad-Kinobox stürzen erst gigantische Wassermassen, dann eine gewaltige Lawine zu Tal. Passend dazu beschließe ich meinen Rundgang in der bläulich kühlen Gletscherwelt. In deren Ecke steht ein Steuerrad wie auf einem Schiff. Es steuert den Auf- und Abbau des Pasterzengletschers über die Jahrhunderte am Bildschirm. In der Mitte des Raumes strahlt ein Mini-Eisberg Kälte aus. Dummerweise habe ich zu lange im Lawinendom gestanden, denn der Bachlauf spült gerade die 20 Schulkinder samt Lehrerin und Ranger herein. Natürlich ist das Geschrei groß. Die Kinder stürzen sich wild rudernd auf das Steuerrad oder versuchen, ihren Handabdruck in das Eis zu schmelzen. Gut, dass ich das schon zuvor versucht hatte – erfolglos.

Als ich den eisig kalten Raum verlasse, frage ich mich, ob Fische eigentlich auch frieren und was sie dagegen tun? Ich für meinen Teil gönne mir jetzt nämlich einen heißen Cappuccino im gemütlichen Besucherrestaurant und die Tageszeitung mit der Wettervorhersage. Es soll schön werden, morgen. Gut, dann kann ich den Nationalpark »live« erleben – ganz ohne Schulklasse…
Nationalpark Hohe Tauern. Von Andreas Erkens (Alle Fotos: Nationalparkzentrum Mittersill)
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