Simone Moro: »Ich will nicht für meine Träume sterben« | BERGSTEIGER Magazin
Simone Moro im Interview

Simone Moro: »Ich will nicht für meine Träume sterben«

Simone Moro begrüßt uns auf Deutsch. Doch weil er an diesem Tag auf der EOFT-Premiere schon so viel reden musste, ist ihm das weitere Gespräch dann doch auf Englisch lieber. Der Extrembergsteiger und Sportlehrer aus Bergamo könnte es aber auch noch in drei weiteren Sprachen führen.

 
Seit 2015 ist Simone Moro Mentor für Tamara Lunger. © Tamara Lunger
Seit 2015 ist Simone Moro Mentor für Tamara Lunger.

BERGSTEIGER: Sie sagten mal, »Bis man 50 ist, kann man ein guter Bergsteiger sein«. Jetzt sind Sie gerade 50 geworden. Ändert sich was für Sie?
Simone Moro: Was sich ändert, ist nicht die Motivation. Sondern die Reaktion des Körpers auf hartes und ausdauerndes Training. Mit 20 kommst du nach einer Pause sofort wieder in die alte Form zurück. Mit 45, 50 ist das schon schwieriger. Ich habe immer noch Träume, aber vielleicht nicht mehr genügend Jahre, um sie alle umzusetzen. Deshalb verwende ich meine Energie nur noch auf Herzensprojekte, wie sie es nicht nur in den Bergen gibt. Eins davon ist meine Arbeit für die Helikopter-Rettung in Nepal. Und meine nächste Expedition wird diesen Winter stattfinden. Ans Aufhören denke ich also sicher nicht.

Sieht Ihr Training jetzt anders aus als früher? 
Ich höre nie auf zu trainieren. Wenn ich von einer Expedition zurückkomme, ruhe ich mich maximal eine Woche aus. Dann starte ich sofort wieder mit dem Training. Nicht weil ich muss, sondern weil ich es gern tue. Ich laufe viel – 100 bis 150 Kilometer pro Woche – und klettere viel an meiner privaten Kletterwand daheim. Meine Fitness ist immer noch auf dem Level von vor zehn Jahren. Ich bin glücklich damit.

Keine Zipperlein oder alte Verletzungen, die wehtun?
Das ist mein Glück: Ich habe mich nie so schwer verletzt.

Tamara Lunger, Ihre Expeditionspartnerin, scheint mit 31 Jahren mehr körperliche Probleme zu haben als Sie …
Sie sagt mir so oft »Ich hasse es: Du bist 50 und auch Bergsteiger, und nichts tut dir weh!« Ich bin halt nicht so groß wie sie und dadurch ziemlich leicht, vielleicht habe ich deshalb keine Probleme mit den Gelenken.


Abwarten und Schneeschmelzen: Simone Moro und Tamara Lunger brauchten am Nanga Parbat viel Geduld. Foto: Tyrolia Verlag

Sprich: Sie sind noch derselbe wie vor 25 Jahren.

Natürlich nicht! Ich mache heute nur noch eine Expedition pro Jahr und nicht mehr zwei oder drei. Meine erste Expedition war 1992, seither habe ich 55 Expeditionen gemacht. Am Anfang wollte ich viele verschiedene Erfahrungen in verschiedenen Regionen sammeln: Himalaya, Karakorum, Pamir, Patagonien … Nun kenne ich diese Orte und kenne mich auch selbst besser. Ich muss mich nicht mehr beeilen wie früher, muss nicht mehr so fanatisch im Tun sein, um erzählenswerte Stories zu bekommen. Inzwischen habe ich eigentlich schon zu viele Geschichten zu erzählen. Ich habe mich zu einem Mentor entwickelt und versuche nun, die kommende Generation zu inspirieren. 

Hatten Sie auch einen Inspirator?

Als ich beschlossen hatte, Bergsteiger zu werden, inspirierte mich Reinhold Messner. Es gab auch andere Bergsteiger, die genauso gut waren. Aber sie waren »nur« Bergsteiger. 

Was hat Sie so fasziniert an Reinhold Messner?

Er war und ist ein Mensch, der jegliche Arbeit auf demselben hohen Level tun kann. Er ist Unternehmer, Abenteurer in jeglicher Hinsicht. Er hat alles geschafft, von der ersten Achttausender-Besteigung ohne zusätzlichen Sauerstoff über die erste Überschreitung zweier Achttausender bis hin zur ersten Besteigung aller 14 Achttausender. Überall der Erste. Das einzige, was er nicht schaffte, war die Winterbesteigung eines Achttausenders. Er ist ein Mann mit kulturellen, visionären Gedanken, die das Leben komplett verändern können. Er ist fähig, von seinen Träumen zu leben. Das lernte ich auch von ihm: meine Projekte immer solide zu planen und durchzuführen. Man kann ihn lieben oder hassen. Aber niemand kann sagen: Der kann nichts außer Bergsteigen.

Haben Sie mal was gemeinsam unternommen?

Wir sind inzwischen gute Freunde. Wer mich aber zugleich auch inspirierte, waren die polnischen Bergsteiger. Und die Russen. 

Sie waren anfangs unterwegs mit Anatoli Boukreev. Er starb auf einer gemeinsamen Expedition in einer Lawine. Wie veränderte das Ihr Leben?

Jeder denkt, Anatoli Boukreev ist dieser Kerl, den Jon Krakauer in seinem Everest-Buch nicht gerade als sympathisch beschrieben hat. Niemand weiß wirklich, wer er war. Und ich hatte das Privileg, von ihm als Bergpartner ausgewählt worden zu sein. Was an der Annapurna damals passiert ist, als Anatoli starb, veränderte mich in vielerlei Hinsicht. Zuallererst war es das erste Mal, dass wir zu dritt starteten und ich allein zurückkam. Ich sah sie sterben und musste selbst ums Überleben kämpfen: Ich war 800 Meter kopfüber auf ein Plateau gestürzt, 1500 Meter weit über dem Basecamp, musste abklettern, ohne dass ich meine Hände dazu gebrauchen konnte.

Was war los mit Ihren Händen?

Meine Handinnenflächen waren blutig, weil ich das Seil gegriffen hatte und es mir die ersten 200 Meter durch die Hände rutschte – mit 200 Stundenkilometern, das verbrennt alles. Ich blutete an den Händen und im Gesicht, sodass ich kaum etwas sehen konnte. Ich hatte keine Verbindung zur Außenwelt. Niemand wusste, wo wir waren. Die Dörfer waren menschenleer. Es ist eine lange Geschichte, wie ich es schaffte zu überleben. 

Was veränderte dieses Erlebnis in Ihrem Inneren?

Ich hatte meinen Mentor verloren. Anatoli war wie ein großer Bruder für mich. Nun drehte sich alles um, ich hatte der große Bruder zu sein und wählte Denis Urubko als meinen neuen Bergpartner. Ich hatte mir geschworen, dass ich – so wie Anatoli mir geholfen hatte – jüngeren Bergsteigern helfen wolle auf ihrem Weg zu den großen Expeditionen. So fand ich Denis in Kasachstan, er war ohne Zuhause, ohne Geld und ohne Pass. Ich lud ihn zu meiner ersten Expedition ein und suchte einen Sponsor für ihn. Ich musste also die Rolle des Mentors übernehmen. Das war eine große Entwicklung für mich, auch für meine Persönlichkeit. An meiner Leidenschaft und der Art, wie ich meine Ziele wählte, veränderte Anatolis Tod nichts.

Wie wählen Sie Ihre Ziele?

Mich faszinieren nicht so sehr die Rekorde wie eine Stunde schneller irgendeine Wand rauf oder irgendwelche Gipfel sammeln. Das sind großartige Leistungen, aber nicht mein Antrieb. Ich möchte ein Forscher, ein Abenteurer des dritten Jahrtausends sein. Die Winterbesteigungen waren ein großer Teil davon. Es gibt selbst heute noch Achttausender, die niemand im Winter bestiegen hat. Als ich damit begann, waren es sieben, von denen ich vier gemacht habe. Inzwischen ist es nur noch der K2. 

Wollen Sie den K2 im Winter versuchen?

Nach meiner dritten Winterbesteigung, dem Gasherbrum II, schrieben viele Gazetten »Nach dem G2 kommt der K2!« Meine Frau träumte in dieser Zeit, dass ich am K2 sterben würde. Sie sagte zu mir: »Simone, ich werde dich nie um etwas bitten, wenn es ums Bergsteigen geht, nur um eines: Geh nicht zum K2! Denn mein Traum war zu realistisch, ich schwitzte, schrie und weinte. Und ich fühlte, du würdest sterben, wenn du den K2 im Winter versuchst.«

Wie schwer fällt Ihnen dieser Verzicht?

Ehrlich gesagt, ich brauche den K2 gar nicht. Denn was würde das schon bedeuten!? Ich hätte dann fünf Wintererstbesteigungen  von Achttausendern statt vier, na und? Vier sind eh nicht mehr zu toppen. Also vertraue ich lieber meiner Frau und suche mir ein anderes Abenteuer. 

Welche Einstellung haben Sie zum Tod?

Früher oder später muss jeder sterben. Wir haben lediglich die Freiheit zu entscheiden, was wir tun wollen, solange wir leben. Deshalb konzentriere ich mich darauf, die Dinge, die ich tue, möglichst intensiv zu erleben. Ich will meine Träume leben, aber nicht für sie sterben. 


Beim vierten Versuch gelang Simone Moro 2016 endlich die Winterbegehung des Nanga Parbat. Foto: Tyrolia Verlag

Ist das der Grund, warum Sie bei einem Drittel Ihrer Expeditionen am Berg scheiterten? 

Ich habe viele Menschen sterben sehen, weil sie zu wenig vorsichtig waren. Die Frage ist doch: Warum steige ich auf Berge? Was suche ich dort? Suche ich den Erfolg? Den Gipfel als Ziel? Meine Antwort ist »nein«. Das Ziel ist die Erfahrung, die ich dort mit jedem Schritt mache. Um ein bedeutender Mensch zu werden, ein Siegertyp, musst du lernen, ein Verlierer zu werden. All die Menschen, die denken, immer gewinnen zu müssen, sterben früher oder später am Berg.

Welcher Berg forderte Sie am meisten heraus?

Definitiv der Nanga Parbat! Viermal habe ich ihn versucht. Er ist nicht der höchste, aber der größte Berg der Welt. Um ihn zu besteigen, muss man ungefähr die zweifache Strecke vom Weg auf den Everest steigen. Ich musste eine Menge lernen, um mit diesem Giganten zurecht zu kommen. Ich probierte ihn von mehreren Seiten, zu verschiedenen Jahreszeiten. Beim vierten Anlauf war ich dann soweit – und richtiggehend verliebt in diesen Berg. Wenn du verliebt bist, dann ist das nicht nur körperliche Anziehungskraft. Im verliebten Zustand tust du Dinge sehr viel intensiver und tiefer, als wenn du jemanden nur attraktiv findest.

Der Nanga Parbat ist so etwas wie eine Traumfrau für Sie?

Jaja! Von der Diamirseite sieht er wie eine Frau mit offenen Armen aus. Als würde sie dich einladen und sagen: »Hab Geduld mit mir!« Der Nanga Parbat ist sehr still. Ein Berg, den du nicht im Sturm erobern kannst. Du musst ihn hofieren, dich nach ihm sehnen und abwarten, ob er dich akzeptiert. Das war kein Kampf zwischen dem Berg und mir. Ich wollte auf den Gipfel, um diese Frau, diesen Berg zu küssen. Diesen Moment am Gipfel werde ich niemals vergessen: Es war schon spät, halb vier Uhr nachmittags, und ich war wahnsinnig müde. Zuerst sah ich den K2, 300 Kilometer weit weg, dann die gekrümmte Linie des Horizonts. Die Besteigung des Nanga Parbat war vermutlich das intensivste Bergerlebnis, das ich je hatte.

Eines Ihrer Erfolgsrezepte ist der starke Teamgeist. Was ist das Geheimnis dahinter?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Dass jemand mit mir auf Expedition kommt und nichts zu lachen findet, das gibt es bei mir nicht. Für mich ist das die Grundsatzregel im Leben. Wenn du erfolgreiche Menschen analysierst, sind das auch immer glückliche Menschen. Der Optimismus ist mir von Natur aus gegeben, und ich versuche, ansteckend zu sein: Weine nicht, wenn du scheiterst. Hab Geduld, auch wenn das Wetter einen Monat lang schlecht ist. Tamara wurde oft ungeduldig am Nanga Parbat und ich antwortete: »Heute ist der 15. Januar, der Winter dauert noch bis 21. März. Wo ist das Problem? Hast du einen Termin daheim? Nein? Also haben wir noch zwei Monate.« Einfach zu sagen, schwer zu halten. Aber das ist das Geheimnis, immer positiv zu denken.

Wie muss ein Bergpartner für Sie beschaffen sein?

Zuallererst einmal sehr stark. Aber nicht technisch stark. Das technische Level für die Besteigung bekommt man dann. Meine Partner müssen Sätze wie »ich friere«, »ich bin müde«, »ich bin hungrig« aus ihrem Sprachschatz bannen. Ich will solches Gejammer nicht hören! Ich will keine Primadonnen auf Expedition.

Mit Denis Urubko, Ihrem ersten Schüler, waren Sie schon einige Jahre lang nicht mehr unterwegs. Warum?

Ich erkannte die Gefahr, dass er der perfekte Vollstrecker zu werden drohte. Es war zu einfach für ihn, als ich immer die Sponsoren suchte, die Logistik organisierte und die Entscheidungen traf. Nun geht er eigene Wege im Alpinismus, und das macht mich glücklich. Ich hoffe nur, dass er nicht zurückkehrt zu dem Denis Urubko, den ich damals antraf: ohne jegliche Angst, mit einer patriotischen Einstellung gegenüber dem Alpinismus und zu jedem Risiko bereit, um auf den Gipfel zu kommen. Das ist das Einzige, worum ich mir ein wenig Sorgen mache. Aber wir sind immer noch in gutem Kontakt. Und außerdem habe ich ja einen neuen Bergpartner gefunden: Tamara (Lunger, Anm. d. Red.)!


Der Kasache Denis Urubko machte Moro zum Mentor. Foto: Archiv Simone Moro

Sie ist nun Ihr neuer Schüler?

Wenn ich jetzt an ein neues Projekt denke, denke ich automatisch an sie als Bergpartner. Tamara ist eine Alpinistin. Dass sie eine Frau ist, spielt dabei keine Rolle. Und glauben Sie mir, Tamara ist körperlich genauso stark wie Denis oder Anatoli. 

Das heißt, es gibt keinen Unterschied zwischen einem männlichen und einem weiblichen Bergpartner für Sie?

Mit Tamara: Nein! Tamara ist wirklich ein Caterpillar, mit zwei Motoren. Sie kann dich auf die Schulter nehmen und heimtragen. Das ist wichtig: Ich habe sie nicht aus romantischen Gründen ausgewählt. Sondern weil sie wirklich der Expeditionspartner ist, nach dem ich gesucht habe.

Außer den zwei Motoren: Was zeichnet sie dafür aus?

Ich kann von ihr exakt dasselbe erwarten, was ich für sie bereit wäre zu leisten. Sollte ich in Gefahr geraten oder Hilfe brauchen, weiß ich, dass sie zu etwas in der Lage ist, was nur wenige Menschen auf der Welt in großer Höhe können. 

Zweitens: Sie ist sehr positiv. Was sie gerade lernt, ist Abstand nehmen von einem Charakter, der manchmal gefährlich werden kann. Im einen Moment kann sie die glücklichste Person der Welt sein, im nächsten die traurigste Person der Welt. Als ihr Mentor und Unterstützer kann ich sie mit meinem Optimismus im ersten Zustand halten. Wenn sie allein ist oder nicht mit den richtigen Menschen zusammen, wird ihr Charakter kompliziert. Sie hat immer Schmerzen in ihren Knien, sodass sie körperlich viel leidet. Wenn sie schlechte Laune hat, ist das hart. Und das sind die Momente, in denen ich sie viele Male schon »gerettet« habe. 


Bitterkalte Nächte am Nanga Parbat: Selbst tags liegt die Temperatur oft bei -40°C. Foto: The North Face

Sie scheinen gerne zu retten. Ist das auch Ihr Antrieb bei Ihren Hubschrauber-Projekten?

Als ich nach meiner ersten Winterbesteigung 2009 am Makalu entschied, Helikopterpilot zu werden, war das aus einer klaren Vision heraus: Nach 30 Jahren Bergsteigen wollte ich dem Land Nepal und seinen Bergregionen etwas zurückgeben. Ich wollte eine Helikopter-Bergrettungseinheit organisieren. Anfangs dachte ich, es würde genügen, Pilot zu werden. Doch dann entdeckte ich, dass es einen Mangel an Helikoptern gab, dass die Rettungsflüge keine Priorität hatten. Ich kaufte einen Hubschrauber, gründete eine Flugschule und bildete Nepalesen und Pakistani aus. Gerade organisiere ich ein Rettungsteam nicht nur für die Touristen, sondern auch für die Einheimischen. Das wird meine Zukunft sein: Wenn ich eines Tages beschließe, die Expeditionen zu beenden, dann auch deshalb, weil ich mehr und mehr mit diesen Helikopter-Projekten beschäftigt bin. 

Woher kommt die Faszination gerade für Hubschrauber?

Als ich 1997 ohne Boukreev zwei Tage lang im Himalaya ums Überleben kämpfte, wurde ich am Ende von einem Hubschrauberpiloten gerettet, der dafür ein großes Risiko auf sich genommen hatte. Ich war beeindruckt von ihm. Nun versuche ich, es in derselben Weise zurückzuzahlen. Wenn ich nicht auf Expedition bin, ist mein Geist beschäftigt mit diesen anderen Projekten – vielleicht ähnlich wie Messner mit seinen Museen. Eine Generation später mache ich mehr oder weniger dieselbe Entwicklung durch.

Können Sie sich ein Leben ohne Berge vorstellen?

Seit ich die Leidenschaft für Hubschrauber entdeckt habe, schreckt mich der Gedanke an eine schwerwiegende Verletzung nicht mehr so. Also ja. Ich kann auch ohne Berge glücklich sein.

Interview: Christian Träger, Dagmar Steigenberger
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 02/2018. Jetzt abonnieren!
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