Annapurna Umrundung – ein Mythos lebt weiter | BERGSTEIGER Magazin
Teil 1

Annapurna Umrundung – ein Mythos lebt weiter

Die Wanderung um das Annapurna-Massiv zählt zu den beliebtesten Trekkingrouten der Welt. Der Bau einer Straße hat zu Veränderungen und Herausforderungen geführt. Lohnt es sich überhaupt noch, die Strecke zu gehen?
 
 
Tibetischer Chörten am Annapurna Trail © Gerda Pauler
Tibetischer Chörten am Annapurna Trail
Weihnachten 1987. Ich sitze in meinen Schlafsack gehüllt, mit dicker Daunenjacke, Wollmütze und Handschuhen bekleidet im Aufenthaltsraum einer Hütte in Muktinath am Annapurna Trail. Meine Suppe ist auf dem kurzen Weg von der raucherfüllten Küche bis zu meinem Tisch schon recht abgekühlt und ich bin über den heißen Tee aus der Thermoskanne froh. Auf meine Frage nach der Toilette grinst der Besitzer, zeigt mit dem Finger in Richtung Fenster und antwortet: »Everywhere«, also überall.

Wenn ich heute diese kleine Episode den Hüttenbesitzern im Annapurnagebiet erzähle, lachen sie, denn derartige Dinge sind schon lange Geschichte. In vielen Unterkünften findet man Zimmer mit eigenem gefliesten Bad mit Toilette, und aus den, oft mit Gas betriebenen, Duschen fließt heißes Wasser von morgens bis abends. Seit dreißig Jahren besuche ich dieses Trekkinggebiet regelmäßig, und immer wieder bin ich erstaunt über Veränderungen: Wasserleitungen, Strom, Mobilfunknetz, Internet, Geldautomaten und Straßen ….

Und wieder Annapurna

Ende September 2017 mache ich mich wieder einmal auf den Weg zu den Bergen Nepals. In der drückenden Schwüle der abklingenden Monsunzeit habe ich weder Lust auf eine lange Fahrt in einem der überfüllten Busse noch auf eine Wanderung unterhalb der 3000 Meter Grenze und ich beschließe, mir eine Reise in einem klimatisierten Taxi nach Besisahar, dem ursprünglichen Ausgangspunkt des Annapurna Circuits, zu gönnen und von dort aus per Jeep bis hinter Chame (2.600m) zu fahren. Die erste große Überraschung erlebe ich in Besisahar. Es wimmelt nur so von Touristen. Etliche Hotels sind ausgebucht, aber zu guter Letzt finde ich ein freies Zimmer, von dessen Balkon ich das quirlige Treiben in der Hauptstraße verfolgen kann. Der Hotelbesitzer verspricht, mir am folgenden Morgen dabei zu helfen, einen Jeep zu finden. »Das wird zwar nicht einfach werden, da Reisegruppen mehrere Fahrzeuge für sich bestellt haben, aber das eine oder andere Fahrzeug hat sicherlich noch einen freien Platz für dich«, erklärt er mir zuversichtlich.

Bereits um 6 Uhr ist vor meinem Hotel viel los. Jeeps werden mit Waren beladen, Menschen zwängen sich neben und hinter die Fahrer und ich muss mit ansehen, wie ein Fahrzeug nach dem anderen abfährt – ohne mich. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Es ist schon fast 9 Uhr, als mir der Hotelbesitzer freudestrahlend mitteilt, dass ich im nächsten Jeep mitfahren kann.
Meine Freude lässt schnell nach, als ich 16 Passagiere zähle und das Gepäck sehe. »Wie soll das denn gehen?«, schießt es mir durch den Kopf, aber nach 20 Nepal-Reisen weiß ich, dass das geht.

Fahrt in Richtung Manang

Selbst in Nepal gibt es Regelungen, was das zulässige Gesamtgewicht eines Fahrzeugs betrifft, und mit 17 Personen und Gepäck, das zu einem hohen Turm auf dem Dach aufgestapelt ist, liegt man eindeutig über der Grenze. Um den Polizeiposten in Besisahar passieren zu können, fährt der Jeep nur mit dem Gepäck ab und wir spazieren gemütlich, als Wanderer getarnt, an der Kontrolle vorbei. Nach der ersten Kurve sind wir außer Sichtweite und dürfen zusteigen. Die Straße ist mehr als schlecht und es dauert nicht lange bis ich meinen Entschluss, mit dem Jeep bis Chame zu fahren, bedauere. Als einziger Frau hat man mir zwar das Privileg zugestanden, auf der Ladefläche sitzen zu können, aber Schlaglöcher und mittelgroße Felsbrocken lassen unser Fahrzeug wie einen missmutigen Ziegenbock auf und ab springen und mein Rucksack, den ich als Sitz verwende, ist bei weitem nicht so komfortabel, wie ich dachte. Meinen neun nepalesischen Reisegefährten, die sich stehend um mich auf der Ladefläche drängen, scheint nichts die gute Laune verderben zu können. Sie singen und lachen, scherzen und machen ununterbrochen Selfies. Es ist ihre erste Tour in die Bergwelt ihrer Heimat – vier Tage Abenteuer.

Während sich unser Jeep durch tiefe Schlammlöcher und über felsige Passagen bergauf quält, denke ich an die moderne Form des Nepal-Tourismus, wie ich sie vor einigen Jahren in meinem Buch über den Great Himalaya Trail vorhergesagt hatte, ohne zu ahnen, dass meine Phantasien bald zur Realität würden. Wir fahren an Dörfern vorbei, die früher einmal von den vorbeikommenden und rastenden Trekkern gut leben konnten. Meine Reisegefährten winken fröhlich lachend vom Jeep herunter. Die Besitzer der zahlreichen Restaurants warten am Straßenrand mit langen Gesichtern auf Kundschaft. Vergeblich. An Aussichtspunkten und Wasserfällen haben die Dorfbewohner mehr Glück, denn hier halten fast alle Fahrzeuge an, damit man fotografieren kann, und meist bleiben noch 5 Minuten für eine Tasse Tee. Jeder Stopp bedeutet für mich eine kurze Erholungspause von der endlosen Rüttelei und ich springe von der Ladefläche, um meine Knochen neu anzuordnen, aber leider sind die Pausen für meinen Geschmack nicht lang genug. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit halte ich es nicht mehr aus. »Ich muss hier runter«, rufe ich laut. »Das geht nicht. Gleich kommt ein Wald. Du kannst da nicht alleine gehen«, meint der Fahrer. Aber mein Entschluss ist gefasst. Wald und Dunkelheit – mir egal. Ich springe mit meinem Rucksack vom Jeep und laufe auf der vom Mond erhellten Straße durch den Wald bis kurz vor Pisang. Endlich Stille.

Hochroute nach Manang

Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass ich kaum Akklimatisierungs-Probleme habe, aber die nächsten zwei Tage über Ghyaru (3670m) und Ngawal nach Manang (3540m) lasse ich mir viel Zeit, Zeit zum Betrachten und Bewundern, Genießen und Staunen.
 
Die Straße, die heute von Besisahar bis Kangsar verläuft, folgt der Trasse des alten Fußweges, und viele Trekker der ersten Generation, bedauern das Verschwinden (die Zerstörung) des Annapurna Trails. Es stimmt, dass der alte Pfad nicht mehr vorhanden ist, aber es gibt Möglichkeiten das Gehen auf der Straße zu vermeiden. Vor mehreren Jahren hatte sich Andrees de Ruiter mit seinem nepalesischen Freund Prem Rai auf Erkundungstour begeben, um andere vorhandene Steige zu einer Alternativ-Route zusammenzufügen und zu markieren. 2013 erschien der neue Führer.
 
In Manang werde ich wieder mit modernen Zeiten konfrontiert. Jeeps parken am Dorfeingang, vor den Hotels stehen Motorräder, es gibt einige »Kinos«, Cafés bieten kostenloses WIFI an und es gibt Lavazza Cappuccino. Auch hier muss ich einige Zeit nach einer freien Unterkunft suchen, denn mein Lieblingshotel ist vollständig ausgebucht, ebenso wie viele andere. Auffällig ist die enorme Anzahl nepalesischer Touristen. Noch vor wenigen Jahren traf man selten auf Einheimische, die zu einer Trekkingtour aufbrachen, aber hier sind eindeutig mehr Nepalesen als Ausländer.

Abstecher zum Ice Lake

Da ich genügend Zeit habe, beschließe ich Abstecher zum Ice Lake (4600m) und Tilicho Lake (4900m) zu machen. Kaum habe ich von Braga aus mit den steilen 1200 Höhenmetern Aufstieg zum Ice Lake begonnen, hole ich vier Nepalesen ein. Jeder, der schon einmal im Himalaya unterwegs war, weiß, dass die Chance einen Einheimischen einzuholen und zu überholen gleich Null ist, aber diese kleine Gruppe ist noch langsamer als ich. Sie erzählen mir, dass sie in Kathmandu leben und nun zu ihrer ersten Bergtour aufbrechen. Lachend deutet einer von ihnen auf seinen runden Bauch und meint, dass er immer nur vor dem Computer sitzt, aber das soll sich nun ändern. Einige Zeit gehen wir gemeinsam, dann lege ich etwas Tempo zu und lasse sie hinter mir. Ich denke an den Trubel im Tal und genieße die Ruhe auf dem Weg zum Ice Lake.

Viel los am Tilicho Lake

Zurück in Manang plane ich, schon am nächsten Morgen zum Tilicho Lake aufzubrechen. »Wie sieht es mit Übernachtungsmöglichkeiten im Tilicho Lake Base Camp aus?«, frage ich den Hotelbesitzer. »Alles voll«, meint er. »Du siehst ja selbst, wie viele Menschen hier sind. Und alle wollen hinauf zum See.« Ich studiere die Karte, versuche Alternativen für die nächste Übernachtung zu finden, rechne und rechne. Die Rettung kommt in Form eines deutschen Ehepaares, das sich über ihren Träger ein Zimmer reservieren lassen konnte. Sie haben zwar bereits einem weiteren Ehepaar einen Platz im Zimmer versprochen, aber als ich meine: »Ich kann auf dem Fußboden schlafen. Solange ich ein Dach über dem Kopf habe, ist alles klar«, kann ich mich ihnen anschließen. Am frühen Morgen geht es los.

Obwohl der Höhenunterschied zwischen Manang und dem Base Camp nur etwa 500 Höhenmeter beträgt, werden daraus – mit dem Auf und Ab – etwa 900. Darüber hinaus ist es ein langer Weg auf dem es Erdrutschgebiete zu überqueren gilt. Das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Nerven. Wie alle anderen Trekker, die die Strecke an eine Tag gehen, bin ich froh, als die Hütten des Base Camps hinter einer Wegbiegung auftauchen. Ich sehe jedoch nicht nur die Gebäude, die etwa 120 Betten haben, sondern auch etwa 300 bis 350 Wanderer (ca. 90 % Nepalesen), die hier übernachten wollen. Ich frage mich nur WO? Die Zauberformel heißt optimale Raumausnutzung.

Reihenweise Höhenkranke

Wir sind schließlich 5 Touristen in einem Zweibettzimmer. Ines und Heinz, die die Übernachtung gebucht hatten, schlafen in den Betten, Roland und Lizzy teilen sich eine Matratze, die zwischen den Betten liegt, und ich liege auf dem Boden. Jeder, der zur Toilette will, muss über mich klettern. In den anderen Zimmern macht man es nach Möglichkeit ebenso. Das reicht aber nicht. Viele übernachten im Speiseraum, einige schlafen draußen unter Plastikplanen; ist ja nur für eine Nacht. Die Angestellten in der Küche arbeiten auf Hochtouren, um die Menschen zu versorgen; alles klappt wie am Schnürchen. Keiner wird vergessen oder bekommt das falsche Essen. Ich bin begeistert.



Bereits kurz nach 2 Uhr nachts, brechen die ersten Trekker in Richtung See auf, aber ich konnte mich nie für das frühe Aufstehen begeistern und schlafe bis 4 Uhr weiter. Sonnenaufgang hin oder her. Eine schier endlose Lichterkette bewegt sich im Schneckentempo die steilen Serpentinen aufwärts, und je höher man kommt, umso mehr Leute sitzen am Wegrand; erschöpft und nach Atem ringend. Vielen ist anzusehen, dass die Höhe ihren Tribut fordert, aber egal wen ich frage, ob alles in Ordnung sei, bekomme ich als Antwort: »I’m fine, thanks«. Ich habe meine Zweifel. Mittlerweile hatten mir einige Nepalesen erzählt, dass sie die Tour zum Tilicho Lake in 4 Tagen machen.

1. Tag: Anreise bis Kangsar (3700m) per Jeep
2. Tag: Trek bis Tilicho Base Camp
3. Tag: Aufstieg Tilicho Lake (4900m) und zurück bis Kangsar
4. Tag: Heimreise per Jeep

Die Gefahr höhenkrank zu werden wird entweder ignoriert, oder man ist sich ihr nicht bewusst. Als das Tageslicht die Bergwelt erhellt, wird das Ausmaß des »Wahnsinns« noch deutlicher. Etliche Menschen, die ich beim Aufstieg treffe, sind so erschöpft, dass sie sich kaum auf den Beinen halten können.

Nach etwa 3 Stunden erreiche ich den See, und obwohl die beste Zeit zum Fotografieren schon vorbei ist, kann mir nichts und niemand die gute Laune verderben, und ich mache zahlreiche Aufnahmen. Das tiefe Blaugrün des Wassers begeistert mich ebenso, wie das strahlende Weiß der schneebedeckten Gipfel. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wohl sein mag, hier oben eine Woche lang im Zelt zu leben, und ich denke an Bimal, den Bruder einer nepalesischen Freundin, der hier mit dem Mountainbike unterwegs war. Was hat wohl Maurice Herzog empfunden, als er im Rahmen der Annapurna-Erstbesteigung den See entdeckte? Meine Gedanken schweifen durch Raum und Zeit, und ich vergesse für einen Augenblick, dass es neben mir nur so von Menschen wimmelt. Aber das Klicken von Kameras und Handys und das laute Lachen und Rufen der Touristen holen mich schnell ins Hier und Jetzt zurück. Ich packe meine Sachen ein und wandere zurück nach Manang.



Zu Teil 2 der Geschichte geht es hier

 
Gerda Pauler
Fotos: 
Gerda Pauler
Das könnte Sie auch interessieren