Das große Bergsteiger-Interview mit Simone Moro und Denis Urubko

»Wir sind jetzt Brüder«

Die Suche nach dem Traumpartner treibt viele um. In der Bergsteigerszene sind es meistens Paare auf Zeit. Die Seilschaft Simone Moro und Denis Urubko scheint eine Ausnahme zu sein. Der Italiener hat den Kasachen gefunden – oder umgekehrt. Dem Duo gelang 2011 mit dem Gasherbrum II die erste Winterbesteigung eines Achttausenders im Karakorum. Ein Gespräch über extreme Kälte und echte Freundschaft .

 
Das große Bergsteiger-Interview mit Simone Moro und Denis Urubko © Cory Richards/The North Face, Privatarchiv Denis Urubko
Denis Urubko und Simone Moro im Interview
BERGSTEIGER: Was bedeutet Freundschaft für Sie?
Moro: Wir verstehen Alpinismus anders als andere. Nicht, weil wir besser oder schlechter wären. Oder stärker oder schneller. Wir reden von »unserem Bergsteigen«, nicht von »meinem«. In der Klettergeschichte kommt es sehr selten vor, dass zwei Kletterer gemeinsam genannt werden. Man spricht von Hermann Buhl, Reinhold Messner, Jerzy Kukuczka – selten aber von zweien während der ganzen Karriere. Freundschaft ist für mich, für uns, zu allererst die Art und Weise, wie wir einen Berg besteigen wollen.

BERGSTEIGER: Und zwar wie?
Moro: Wir teilen den Traum, den ganzen Aufwand und den Ertrag.
Urubko: Wir teilen und verbinden uns damit.
Moro: Keiner schiebt oder zieht den anderen. Jeder ist exakt 50 Prozent. Klar, wir sind verschieden. Es ist wie bei Ihrem Auto. Was ist wichtiger: Vorder- oder Hinterrad?

BERGSTEIGER: Denis, ist Simone Ihr bester Freund?
Urubko: (überlegt kurz, Simone lacht) Ja.

BERGSTEIGER: Nicht nur am Berg, auch so?
Urubko: Ja. Es gibt aber nicht nur den einen »besten Freund« im Leben. Es sind vielleicht zwei oder drei. Wenn Sie Kinder haben, würden Sie sich wahrscheinlich auch schwer tun zu sagen, das eine ist mir lieber als das andere.
Moro: Beim Höhenbergsteigen verliert man viel schneller einen Freund, als dass man ihn gewinnt.

BERGSTEIGER: Was bedeutet Freundschaft, wenn man in einem winzigen Zelt auf 7000 Metern bei minus 48 Grad Nächte verbringt?
Moro: Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das mir mit Anatoli Bukrejew und mit Denis widerfuhr, also mit meinen besten Freunden. Ich stimme dir zu, Denis: Es ist schwierig zu sagen, welcher der beste ist. In großer Höhe in einem engen Zelt ist es ziemlich nervig, Schnee zu schmelzen und etwas zum Essen zuzubereiten. Du brauchst Energie und großen Willen dazu. Anatoli nahm die Prozedur auf sich und als er fertig war, gab er mir den Topf und sagte: »Fang du an!« Das ist die beste Visitenkarte für Freundschaft. 
Urubko: Was auch sehr wichtig ist: Ich weiß zu jedem Moment in dieser extremen Situation, was Simone denkt, was er macht und was ich ihn fragen kann. Und genauso kann er einschätzen, was ich tue, was ich denke, was ich träume. Ohne miteinander zu reden, verstehen wir uns perfekt.
Moro: Es ist aber niemals so, dass ich denke, ich habe meinen zwanzigsten Schritt getan, und jetzt bist du an der Reihe, den Weg zu bereiten. Manche Bergsteiger kommen im Basislager an und kontrollieren genau, wessen Rucksack wie viel wiegt. Das ist zwar korrekt und gerecht, aber Freundschaft ist nicht so aufrechenbar.
Urubko: Im Jahr 2010 war ich völlig fertig beim Aufstieg zum Basislager des Everest, ich konnte nicht mehr, war krank. Wie durch ein Wunder traf ich Simone im letzten Dorf, er nahm meinen schweren Rucksack, ohne ein Wort darüber zu verlieren, und trug ihn das letzte Stück.
Moro: Man kann es so sagen: Wir sind glücklich miteinander, weil wir uns beide geöffnet haben und das Innenleben des anderen mitbekommen. 
Urubko: Und doch sind wir völlig verschieden, verfolgen unsere persönlichen Ziele, Träume. Wir klettern beide auch mit anderen Partnern. Ich weiß aber zu jeder Zeit: Simone ist da irgendwo in der Welt – und darüber freue ich mich.
Text: Dominik Prantl, Michael Ruhland; Fotos: Cory Richards/The North Face, Privatarchiv Denis Urubko
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 07/2013. Jetzt abonnieren!
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