Auf Tour im größten Nationalpark Österreichs

Wandern in den Hohen Tauern

Lange Talfurchen, die zum Rückgrat des Alpenhauptkamms aufschließen, kennzeichnen die Salzburger Nordseite der Hohen Tauern. Ihre eiszeitliche Formung ist nicht zu übersehen, Gletscher und wilde Wasser prägen das Erscheinungsbild.
Von Mark Zahel

 
Ur-Landschaft – die Krimmler Wasserfälle sind die höchsten ihrer Art in EuropaFotos: Ferdinand Rieder/NP Hohe Tauern, Mark Zahel © Fotos: Ferdinand Rieder/NP Hohe Tauern, Mark Zahel
Ur-Landschaft – die Krimmler Wasserfälle sind die höchsten ihrer Art in Europa

Krimmler Achental: Stürzende Wasser und alte Saumpfade

Mit den berühmten Krimmler Wasserfällen besitzt der Oberpinzgau ein Naturspektakel ersten Ranges, das schätzungsweise an die 400000 Besucher alljährlich bewundern. Gespeist wird die Gischt aus dem Krimmler Achental, wo wir unseren Streifzug durch die Tauerntäler beginnen wollen. Ein Auftakt mit Paukenschlag: Nach der dunkelwaldigen Geländestufe, die von drei Kaskaden laut tosend überspült wird, öffnet sich die Pforte in ein liebliches, von malerischen Almböden durchsetztes Hochtal. Die Ache plätschert hier meist gemächlich dahin. Man hat schon ein gutes Stück zu laufen, ehe man beim altehrwürdigen Tauernhaus eintrifft und denkt wohl voller Anerkennung an die Säumer früherer Tage, die mit schweren Lasten – Wein in den Norden, Salz in den Süden – über den Alpenhauptkamm zogen. Bereits 1389 verzeichnete eine Urkunde eine »taberna in ahen«, womit das Krimmler Tauernhaus als Schwaige mit Ausschankrecht gemeint war. Wer heute in die alte Gaststube kommt, staunt womöglich Bauklötze: Sie zeigt sich seit Jahrhunderten praktisch unverändert!

Beim Tauernhaus zweigt rechts das Rainbachtal ab und leitet zur Richterhütte im Angesicht einer scharfkantigen Gipfelphalanx. Diese gehört bereits zur Reichenspitzgruppe an der Grenze zu Tirol. Etwas weiter gabelt sich das Tal erneut: Während der ehemalige Handelsweg rechts dem Windbachtal über den Krimmler Tauern folgt, geht es halb links dem Talriegel mit dem zerrissenen Krimmler Kees entgegen. Dort hat im innersten Winkel die gemütliche Warnsdorfer Hütte ihren Platz. Und wer jetzt noch immer genug Aufwärtsdrang verspürt, kann mit dem Gamsspitzl (2888 m) einen famosen Aussichtspunkt aufsuchen (und damit einen Blick über das jenseitige Obersulzbachkees werfen) oder mit der Schlieferspitze (3290 m) einen »Wegeberg« anpacken, der schon zur Kategorie der Zünftigen gehört.

Ober- und Untersulzbachtal: Unterm Großvenediger

Für die Salzburger Tauern ist der Großvenediger, jene seitens Ignaz von Kürsingers als »weltalte Majestät« geadelte Berggestalt, zweifellos das alpine Aushängeschild schlechthin. Auf den Spuren der Großexpedition von 1841, als der Venediger von patriotischen Pinzgauern erstmals bestiegen wurde, ist man durchs Obersulzbachtal via Kürsingerhütte unterwegs – eine klassische Hochtour im Banne erhabener Gletscherlandschaften. Wohl nirgends auf der gesamten Tauernnordseite wird man stärker vom Eis gefangen genommen als rund ums Ober-
sulzachkees, auch wenn dieses heutzutage wie im Treibhaus schwitzen mag und die legendäre »Türkische Zeltstadt« längst dem Klimawandel zum Opfer gefallen ist. Allerhand Wissenswertes über die glaziale Morphologie lässt sich am Gletscherlehrweg in Erfahrung bringen, während man am Keeskogel (3291 m) den perfekten Überblick über das gesamte Areal gewinnt. Aber das Obersulzbachtal hat auch weiter vorn schon Reizvolles zu bieten. Berndlalm und Postalm sind beliebte Raststationen, und wer seine Schritte von der Talsohle weg in die Höhe lenkt, bekommt versteckte Idyllen wie den Seebachsee zu Gesicht. Über die Bettlerscharte ist sogar eine Verbindung ins benachbarte Untersulzbachtal gegeben, das sich deutlich bescheidener und einsamer präsentiert. Im vorderen Abschnitt lockt dort das einstige Kupferbergwerk »Hochfeld« zu einem kulturgeschichtlichen Trip und weiter drinnen die Stockeralm zur Einkehr, ehe sich die Pfade unter der Zunge des Untersulzbachkeeses verlieren und mit ihnen alle gängigen Bergrouten. Dieses Hochtal ist ganz sicher noch ein Geheimtipp und ein Hort unverfälschter Tauernnatur.

Habachtal und Hollersbachtal: Einfach tauerntypisch

Mit dem Larmkogel (3017 m) lässt sich nicht nur gedanklich eine Brücke vom Habachtal ins östlich angrenzende Hollersbachtal schlagen. Ganz im praktischen Sinn ist dieser Übergang ein beliebtes Tourenschmankerl, bietet er doch inmitten der schroffen Topografie der Tauernkämme eine der seltenen Querverbindungen, bei denen man auf einen guten alpinen Steig vertrauen darf. Eigentlich wird ja die Larmkogelscharte überschritten, doch der Gipfel kostet nun wirklich nur einen minimalen Mehraufwand und belohnt uns immerhin mit Dreitausenderehren. Das Beste dabei ist freilich die Schau in die Gletscherglitzerwelt um Großvenediger und Co. Vom Stützpunkt Neue Fürther Hütte – sehr malerisch auf einer begrünten Terrasse über dem stattlichen Kratzenbergsee gelegen – ist zudem ein eisfreier Wechsel nach Osttirol möglich, womit man auch Anschluss zum Venediger-Höhenweg erhält. Herrliche Almgründe lernt kennen, wer das Hollersbachtal von unten durchwandert. Das sollte man nach Möglichkeit – sprich sofern die persönliche Marschfreude und Ausdauer dafür ausreicht – wie immer einer Fahrt mit dem Nationalparktaxi vorziehen. Denn wie viele kleine Schätze bergen diese Tauerntäler und wie viel mehr davon entdeckt man doch bei bewusster Beschränkung auf das eigene Schrittmaß! Wasserreich, mit grünen Talangern und Parzellen dunkler Fichtenwälder besetzt, von schroffen zerfurchten Berglehnen flankiert, offenbart auch das Hollersbachtal die typischen Merkmale der Tauern. Und eine deftige Jause, wie sie die rustikalen Einkehrstationen servieren, ist noch jedem Wanderer bestens bekommen.

Stubach- und Kaprunertal: Zwischen Nutz und Schutz

Mit einem Sprung in die Granatspitz- und Glocknergruppe landen wir als Nächstes im schwach besiedelten Stubachtal, das von Uttendorf nach Süden abzweigt, weiter östlich dann im bekannten Kapruner Tal, das gewissermaßen symbolhaft für den wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegsära steht. Diese Gebiete sind in der Tat ein Stück weit zwischen die Fronten geraten. Schon ein Blick auf die Karte offenbart Nationalparkgrenzen so buchtenreich gewunden wie ein norwegischer Fjord. Die großen Speicherseen der Energiewirtschaft mussten natürlich ebenso außen vor bleiben wie das Gletscherskigebiet am Kitzsteinhorn oder die Seilbahntrassen vom Enzingerboden. Doch die alpinen Kammzüge drumherum, die immerhin einige der absoluten Paradegipfel in den Hohen Tauern tragen, sind im buchstäblichen Sinn schutz- und damit nationalparkwürdig. Touristischer Magnet im inneren Stubachtal ist die unlängst privatisierte Rudolfshütte, leicht erreichbar mit der Seilbahn sowie perfekt ausgestattet für Ausbildungskurse und alle möglichen alpinen Aktivitäten. Manch einer nimmt hier ganz klassische Gletschergipfel wie den Stubacher Sonnblick oder die Hohe Riffl überm wilden Ödenwinkel aufs Korn, andere turnen am sauschweren Kristall-Klettersteig um den Weißsee und wieder andere suchen ihr Bergglück auf langen alpinen Höhensteigen, etwa dem St. Pöltener Ostweg oder der Route übers Kapruner Törl.

Womit wir bereits drüben in der Berg­arena um den Stausee Mooserboden sind. Die Zufahrt aus dem Kapruner Tal ist nur mit Pendelbussen und zwischengeschaltetem Schrägaufzug möglich – ein Erlebnis für sich. Oben angekommen weiß man kaum, wohin zuerst schauen: Den Hintergrund beherrschen die Bärenköpfe mit ihren nordwärts abfließenden Eismassen, rechter Hand steigt die Flanke zum Hocheiser, links zum Massiv des Wiesbachhorns an. Womit dem Gipfelstürmer die Qual der Wahl auferlegt ist. Bei Hochtouren sollte man sich freilich vor unsichtbaren Falltüren auf den Gletschern und den Tücken der morschen Bratschen hüten, doch ansonsten lässt sich nur bestätigen: Hier spielen die Hohen Tauern einige ihrer besten Trumpfkarten aus und der Glockner steht fast schon zum Greifen nah!

Fuscher Tal: An der Glocknerstraße

Kaum ein Touristenevent in der Tauernregion kann es in puncto Popularität mit der Großglockner-Hochalpenstraße aufnehmen. Seit ihrer Eröffnung im Jahr 1935 verbindet sie Salzburg und Kärnten – weniger aus verkehrspolitischer Notwendigkeit als schlicht, um bergbegeisterten Ausflüglern die fantastische Gebirgswelt – dort wo Österreich am höchsten ist – nahezubringen und dem Fremdenverkehr einen kräftigen Impuls zu verleihen. Keine Frage: Eine solche Attraktion kanalisiert die Besucher. Und so ist es abseits der Verkehrsader im Fuscher Tal erstaunlich ruhig geblieben. Wer etwa zur Gleiwitzer Hütte hinaufwandert, den empfängt oberhalb der Hirzbachalm ein kleines, gemütliches Refugium althergebrachten Stils, ganz ohne überzogenen modernen Schnickschnack. Und die Schwarzenberghütte konnte überhaupt nur erhalten werden, weil Mitglieder eines Vereins aus dem fernen Wiener Raum die Betreuung auf ehrenamtlicher Basis übernommen haben.

Wir befinden uns hier auf der anderen Seite der mächtigen Kapruner Berge und der gefühlsmäßige Unterschied zwischen dem Besteiger des Wiesbachhorns und dem »Autobergsteiger« auf der Glocknerstraße, der vielleicht noch einen Zwischenstopp beim Wildpark Ferleiten einlegt, ist mindestens so groß, wie es die mit 2400 Metern höchste vertikale Spannweite in den Ostalpen erwarten lässt: Es liegen Welten dazwischen. Auch am Hohen Tenn oder der Hohen Dock sind die Versierten unter sich, während die gemäßigtere Wanderfraktion ihr Tummelfeld wie so häufig an den nördlichen, oft mit samtweichen Matten überzogenen Ausläufern findet. Zum Beispiel bei einer Tour aufs Imbachhorn, wo man im Süden die Hochalpenkulisse bewundert und entgegengesetzt den blauen Zeller See erblickt.

Rauriser Tal: Bergbau und High-End-Meteo­rologie

Das Rauriser Tal verspricht vielleicht das großzügigste Wandergebiet in unserer Auswahl Pinzgauer Seitentäler, legen sich die Hänge hier doch meist stärker zurück als in der schroffen Venediger- und Glocknergruppe und ermöglichen dadurch ein viel umfangreicheres Wegenetz. Das gilt besonders rund um den freundlichen Hauptort Rauris. Bei Wörth gabeln sich das Seidlwinkltal an der historischen Säumerroute über das Hochtor sowie das Hüttwinkltal, das direkt unter dem Hohen Sonnblick endet: ein großartiger, hochalpiner Talschluss!

Doch das erste wanderbare Highlight liegt ganz vorn am Talausgang, wo die Rauriser Ache die imposante Kitzlochklamm durcheilt. Genusswanderer schätzen vor allem das von einer Seilbahn erschlossene Revier um die Hochalm, aber auch die Talwanderungen zum Rauriser Tauernhaus im Seidlwinkeltal und zur Bräuhütte im wildromantischen Kruml­tal, das zudem mit sehenswerten Schleierwasserfällen aufwarten kann. Vielleicht erspäht man sogar einen Weißkopf- oder Bartgeier, die Herrscher im Reich der Lüfte. Besonderer Erwähnung wert ist außerdem der Rauriser Urwald mit seinen Moorlandschaften, womit wir bereits im Talschluss von Kolm Saigurn angelangt wären.

Dieser Name deutet auf die Geschichte des Bergbaus, der hier im späten Mittelalter zu höchster Blüte gelangte. Das »Tauerngold« aus dem Innern der Berge lockte Menschen weit hinauf in alpine Höhen, ließ sie Stollen graben und Strapazen auf sich nehmen, die wir uns heutzutage kaum mehr vorstellen können. Und das zu einer Zeit, als das Hochgebirge ja gemeinhin als absolut lebensfeindlich verschrien war. Ein letztes Aufflackern des Rauriser Goldrausches gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist speziell mit dem Namen Ignaz Rojacher verbunden, dem »Kolm-Naz«, der auch die Idee eines Wetterobservatoriums auf dem Gipfel des Hohen Sonnblicks verfolgte. Es wurde schließlich 1886 zeitgleich mit dem Zittelhaus gebaut und dient bis heute als eine der alpenweit wichtigsten meteorologischen Stationen, 3105 Meter über Meer! Die spannende Tour auf den Hohen Sonnblick über das Naturfreundehaus und die winzige Rojacherhütte ist gewiss die Krönung im Rauriser Tal, allenfalls zu toppen, wer anschließend noch den Goldzechkopf und den Hocharn überschreitet und vielleicht sogar den ganzen Klagenfurter Jubiläumsweg unter die Sohlen nimmt…     

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Nationalpark Hohe Tauern
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 07/2010. Jetzt abonnieren!
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