Expedition auf den Hanuman Tibba (5932 m) in Himachal Pradesh | BERGSTEIGER Magazin
Bergsteigen in Indien

Expedition auf den Hanuman Tibba (5932 m) in Himachal Pradesh

David aus Schweden und ich (Sarah aus Deutschland) haben schon mehrere Gipfel in Indien bestiegen. Da ich in Indien lebe, bietet es sich für mich einfach an, mich im indischen Teil des Himalayas auszuleben, denn hier ist der Himalaya noch weitesgehend unberührt und neben einigen bekannteren Gipfeln, gibt es hier vorallem eine Vielzahl unbestiegener Gipfel!
 
Blick vom letzten Camp auf den Gipfel © Sarah Appelt
Blick vom letzten Camp auf den Gipfel
Obwohl David und ich an einem vierwöchigen Bergsteigerkurs in Indien teilgenommen haben und schon einige Fünf- und Sechstausender in Indien bestiegen haben, stecken wir sozusagen noch immer in den „Anfänger Steigeisen“ und nehmen uns die gängigeren, jedoch immer noch faszinierenden, Gipfel vor.

Nach Deo Tibba, Friendship Peak und Stok Kangri, sollte es nun der Hanuman Tibba, der höchste Gipfel, der Dhauldhar Gebirgskette, werden. 

Auf unseren vorherigen Trekkingtouren und Expeditionen in der Umgebung im Kullutal, stach uns dieser Gipfel immer wieder ins Auge und seine faszinierende Ausstrahlung zog uns magisch an. Schon lange stand der Hanuman Tibba auf unserer Wunschliste und umso glücklicher waren wir, ihn nun endlich in diesem Jahr angehen zukönnen. 

Die Anreise

Die Besteigung des Hanuman Tibba kann bequem von Manali aus organisiert werden. Bis zum Basecamp des Gipfels sind es von Manali höchstens zwei Tage, wir haben sogar nur einen Tag benötigt. Manali ist ein touristischer Bergort im Kullu Tal. Mit dem Nachtbus aus Delhi benötigt man etwa 14 Stunden und erreicht Manali am nächsten Morgen.

In Manali können bequem alle Vorbereitungen für die Expedition getroffen werden. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten zum Einkaufen der Lebensmittel. Ausrüstung kann im sogenannten „Bergsteiger-Institut" oder bei privaten Trekkingveranstaltern ausgeliehen werden, Bergführer können engagiert und die nötige Erlaubnis für die Besteigung des Berges organisiert werden.

Manali selbst befindet sich auf 2000 Metern und ist ein guter Ausgangspunkt für Akklimatisierungstreks.

Die Akklimatisierung

Wir haben den Hanuman Tibba im alpinen Stil in nur sieben Tagen bestiegen. Das ging nur aufgrund eines vorherigen viertägigen Akklimatisierungstreks hoch zum Rani Sui See auf 3900 Meter. Hier haben wir unsere Nächte verbracht und sind tagsüber höher gewandert, um uns langsam an die Höhe anzupassen. Ohne diese Vorbereitung sollte man für die Expedition mindestens 10 Tage einplanen.

Die Einkäufe

Wir hatten unsere gesamte Ausrüstung beisammen und mussten nur noch die Lebensmittel besorgen. In Indien bekommt man keine richtige Outdoor-Fertignahrung. Die muss man sich entweder aus Deutschland mitbringen oder man geht mit der Verpflegung etwas kreativer um. Wir sind mit Fertigsuppen, Instantnudeln, Schokoriegeln, Pasta, Haferpflocken, Müsli, Pulvermilch, Keksen und Trockenfrüchten ganz gut zurechtgekommen und für den Geldbeutel war es auch schonender. 

Der Bergführer

Ohne einen erfahrenen Bergführer wollten wir unser Abenteuer nicht angehen. Aufgrund meiner Arbeit als Reiseveranstalter für Reisen nach Indien (www.chalo-reisen.de) habe ich gute Kontakte zu den Einheimischen und kenne viele erfahrene Bergführer. Wir konnten Jogi für unsere Expedition gewinnen, ein erfahrener Guide und zusätzlich ein sehr angenehmer Mensch!

Die beste Zeit

Wir haben die Expedition Ende Juni unternommen, kurz vor Beginn der Monsunzeit. Günstiger ist es, schon im Mai oder Anfang Juni die Tour zu unternehmen, da dann die Wahrscheinlichkeit guten Wetters größer ist und zudem eine dicke und feste Schneedecke, die ansonsten sehr steinige und anspruchsvolle Moräne, bedeckt. Erst nach der Monsunzeit im Oktober ist es wieder möglich, den Hanuman Tibba zu besteigen. Dann sind die Temperaturen jedoch deutlich niedriger, die Moränen in jedem Fall offen, das Wetter jedoch sonnig und klar.

Die Expedition

Tag 1: Trekking zum Base Camp
Da wir keine große Expedition mit Trägern und Support-Team geplant hatten, waren wir natürlich mehr oder weniger auf uns allein gestellt. Unsere Rucksäcke wogen zu Beginn gute 20-25 kg und ich hatte leichte Bedenken, ob ich das Gewicht tragen würde können.

Die ersten 30 km von Manali bis zum Ausgangspunkt der Expedition, Dundhi (2800 m), legten wir im Jeep zurück. Von hier startete ein fünfstündiger Trek entlang des Beasflusses zu unserem Basislager auf 2700 Meter. Die Wanderung durch das grüne Tal war schön, doch aufgrund der Last tatsächlich recht mühevoll. Besonders das letzte Stück über eine offene Moräne mit großen Felsbrocken fiel mir schwer. Doch schon am frühen Nachmittag, rechtzeitig vor dem Regen, erreichten wir das Basislager Beaskund. Beaskund ist ein kleiner See und die Quelle des Beasflusses, ein schöner Ort für ein erstes Lager.



Tag 2: Zum Camp 1
Da wir etwas besorgt wegen des Wetters waren (es regnete ziemlich häufig und viel zu dieser Zeit), starteten wir schon relativ zeitig Richtung Camp 1. Die heutige Distanz war nicht besonders lang, jedoch steil und als wir schließlich unser Camp auf 4200 Metern erreichten, spürten wir die Höhe deutlich.

Wir erreichten das Camp schon gegen 11:30 Uhr und hatten einen erholsamen Nachmittag im wunderschönen Camp und genügend Zeit um unsere Ausrüstung uns für den morgigen Tag vorzubereiten.

Tag 3: Den Thentu Pass hoch
Heute sollte es die steile Schneerinne hoch zum 5100 Meter hohen Thentu Pass gehen. Aufgrund von möglichen Steinschlägen starteten wir früh morgens um 4:30 Uhr, denn erst in der Sonne würde der Schnee schmelzen und gefährliche Steine ins Rutschen kommen.

Der fast 1000 Meter hohe Aufstieg verlief unproblematisch und flüssig. Zu Dritt waren wir angeseilt und die Schneeverhältnisse waren gut, um mit Steigeisen und Eispickel vorwärts zukommen. Es fing an zu regnen und weiter oben schneite es dann. Doch schon nach drei Stunden erreichten wir den Pass und damit auf der anderen Seite den riesigen Reinghard Gletscher.

Es hörte auf zu regnen, dennoch war der Abstieg auf dem Gletscher nicht leicht. Der Schnee war so weich, dass wir immer wieder bis zur Hüfte darin versanken. Die Prozedur war so anstrengend, dass wir etwa 200 Meter unterhalb des Passes unser Lager errichteten. Zwar war es erst 11 Uhr, doch waren wir alle erleichtert, den gefürchteten Thentu Pass heil überquert zuhaben und uns nun ausruhen konnten.

Tag 4: Trek über die Moräne
Obwohl der Gipfel des Hanuman Tibba sich hoch über uns erhebt, kann man ihn von dieser Seite nicht besteigen, sondern muss einmal auf dem Gletscher um den Gipfel herumlaufen. 

Was sich einfach anhört, stellte sich als ziemlich anspruchsvoll heraus. Für die ca. 7 km brauchten wir ganze 8 Stunden, denn es ging über riesige Gesteinsbrocken auf der offenen Möräne. Die Moräne selbst war kilometerlang und obwohl es erst einige Höhenmeter hinab ging, war es nicht einfach, mit schwerem Gepäck von Fels zu Fels zubalancieren.

Nachdem wir den niedrigsten Punkt auf ca. 4700 Meter erreicht hatten, ging es auf der anderen Seite des Berges wieder bergan. Doch obwohl bald wieder Schnee kam, wurde es nicht einfacher, denn wiederum war der Schnee so weich, dass wir mit jedem Schritt tief versunken. Dieser Tag bereitete uns viel Mühe und wir erreichten unser Camp auf 5100 Meter erst gegen 17 Uhr. Wir bauten uns eine kleine Fläche auf steinigem Geröll für unser Zelt, aßen schnell etwas Pasta und krochen früh in unsere Schlafsäcke. Denn sollte in dieser Nacht der Himmel klar sein, wollten wir das gute Wetter nutzen um schon in wenigen Stunden den Gipfel anzugehen. 



Tag 5: Gipfeltag
2:30 Uhr in der Nacht, der Himmel ist klar obwohl es im Nachbardorf zu Gewittern scheint. Jogi trifft die Entscheidung es heute zu probieren. Nach etwas Müsli geht es gegen 3:30 Uhr los. Mit unseren Stirnlampen, Eispickeln und Steigeisen ziehen wir angeseilt mitten in der Nacht los, hinauf zum Gipfel. Es geht über Eis, mal etwas flacher und dann relativ steil durch festen Schnee und ab und zu auch einmal über Gestein. Schließlich kommt auch die Sonne hervor und die ersten Bergspitzen erheben sich aus den tiefer liegenden Wolken empor. Es ist so wunderschön und mir wird bewusst, dass es genau dieser Moment ist, warum ich all die Strapatzen der letzte Tage auf mich genommen habe. Es ist ein unglaubliches Gefühl hier oben zu sein, auf die umliegenden Berge hinabzuschauen und die vollkommene Stille zu genießen. Schließlich erreichen wir den letzten Abschnitt vor dem Gipfel. Es wird noch einmal Steil, fast 75°, doch die Verhältnisse sind gut und wir erreichen in nur drei Stunden den Gipfel des Hanuman Tibbas.

Wir können kaum glauben, hier oben zustehen und genießen es einfach nur! Wir befestigen unsere buddhistischen bunten Fähnchen und Jogi opfert für seine Puja (hinduistisches Ritual) eine Kokossnuss, die wir untereinander teilen. Nach kurzer Zeit geht es denn auch schon wieder hinab, denn es wird sonnig und mit der Sonne wird es warm und der Schnee weich und rutschig.

Tatsächlich wird dieser Abschnitt deutlich schwieriger. Hoch konzentriert setzten wir einen Fuß vor den anderen in den weichen Schnee, überquerten Gletscherspalten und Wasserbäche, die sich nun aus dem Gletschereis bildeten.

Als wir schließlich unser Zelt erreichten, war ich fix und fertig. Es wurde richtig heiß in der Sonne und den Rest des Tages genossen wir einfach nur noch und erholten uns von den Anstrengungen.

Tag 6: Wieder um den Gipfel
Nach der Gipfelbesteigung ist die Expedition natürlich längst noch nicht vorbei, denn wir mussten ja wieder zurück, den ganzen Weg um den Gipfel. Wieder machte es uns die steinige Moräne nicht leicht, aber wir wussten ja schon vorher, was auf uns zukommen würde. Dennoch verbrachten wir einen letzten schönen gemeinsamen Abend im Zelt und tauschten uns über Klettertechniken und Bergsteigererfahrungen aus.

Tag 7: Zurück nach Manali
Ein langer Tag und mein Anstrengenster dazu. Zunächst hoch zum Thentu Pass durch wiederum weichen Schnee und dann die enge und steile Rinne vom Pass hinab bis zum Basislager. Leider war im oberen Teil der Rinne der gesamte Schnee in den letzten Tagen geschmolzen, sodass wir auf rutschigen Geröll uns vorsichtig hinabtasten mussten. Weiter unten auf festem Schnee, ging es dann deutlich einfacher, doch der Weg bis zurück nach Dhundi war lang. Ich quälte mich über die Moräne hinter Beaskund, genoss dann aber die letzten Kilometer. Es wurde grüner, die ersten Bäume tauchten auf und sogar der beginnende Regen konnte meine Laune nicht trüben! Ja, wir hatten es geschafft. Nicht nur das wir erfolgreich Hanuman Tibba besteigen konnten, sondern das wir auch gesund und munter wieder zurückgekehrt waren!

Die Jeepfahrt von Dhundi war fast ein Genuss und das abendliche Essen in einem guten Restaurant mit Pizza, Salat und Tandoori Hänchen, war ein wirklich schöner Abschluss eines so gewaltigen Abenteurers!!

Sarah lebt seit sechs Jahren im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh, mitten im Himalaya. Ursprünglich ist sie als Freiwillige nach dem Abitur nach Indien gekommen und hat in Delhi in einem Slum junge Mädchen auf ihren Bildungsweg unterstützt. Nachdem sie in Indien ein Tourismusstudium, diverse Yogalehrer und Bergsteigerausbildungen abgeschlossen hat, organisiert sie nun vorort Aktiv- und Erlebnisreisen. Mehr zu ihr und ihrem Leben in Indien gibt es auf ihren Blog: www.chalo-reisen.de/blog
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