Auf's Dach der Alpen - Traumziel Mont Blanc

Die Wetterlage richtig einschätzen

Nicht erst seit Arnold Fancks Filmklassiker »Stürme über dem Mont Blanc« ist das Dach der Alpen berüchtigt für seine Wetterstürze. Zeit, sich darauf einzustellen. Moritz Baumstieger sprach mit »Wetterpapst« Karl Gabl und erklärt die Zeichen eines Wettersturzes.
 
Bei Sonnenschein kann’s jeder. Auch unbeständiges Wetter taugt für Bergausflüge – wenn man sich gut informiert hat. © Archiv Mammut / Robert Bösch
Bei Sonnenschein kann’s jeder. Auch unbeständiges Wetter taugt für Bergausflüge – wenn man sich gut informiert hat.
Selbst, wenn man mit den höchsten Instanzen spricht, kann man sich mal verhören. Karl Gabl, seines Zeichens Wetterpapst und Autor des Buches »Bergwetter« (Bruckmann Verlag, 19,99 Euro) redet über das Klima am Mont Blanc und erwähnt einen Spruch, der dort in der Petrushütte hängt. Wetterpapst, Petrushütte, passt zusammen, klingt logisch. Nur: Diese Hütte ist auf keiner Karte verzeichnet. Nicht im Netz zu finden, kein Bergfreund hat je von ihr gehört.

Ist der Papst etwa doch nicht unfehlbar? Oder hat der Autor nicht richtig zugehört? Letzteres ist der Fall. Nicht »Petrus-«, sondern »Tättruss-Hütte« hatte Gabl mit leichtem österreichischen Einschlag gesagt, gemeint war das »Refuge de Tête Rousse« am Mont Blanc auf 3167 Metern. Und eben dort hängt der Spruch, der dem Wetterpapst so gut gefällt: »Wer dem Wetterbericht glaubt, verbringt das ganze Leben im Gasthaus.«

Stürme über dem Mont Blanc

In dem Satz steckt der ganze Zwiespalt, in dem Bergsteiger stecken, die den höchsten Gipfel der Alpen besteigen wollen. Einerseits ist das Mont-Blanc-Massiv bekannt dafür, dass es starken Westströmungen fast schutzlos ausgeliefert ist, was öfters zu Wetterstürzen und starkem Wind führt. Letzterer tritt auch bei Föhnlagen auf.

Auf dem Weg zum Dach der Alpen pfeift es deshalb oft recht ungemütlich – Vorsicht ist angesagt, in den Rucksack sollten ein paar warme Lagen und eine Gesichtsmaske gepackt sein, denn schon bei einer Windgeschwindigkeit von 30 km/h erscheint uns eine Temperatur von minus zehn Grad doppelt so kalt. Andererseits, meint Gabl, können Bergsteiger auch unterwegs sein, wenn die Meteorologen »wechselhaftes Wetter« prognostizieren. Damit ist nämlich kein Wettersturz gemeint, sondern eher, dass sich Sonne und Wolken und vielleicht auch leichter Niederschlag abwechseln.

»Wenn in der Prognose von –›unbeständigem Wetter‹ gesprochen wird, stornieren Bergsteiger häufi g ihre (am Mont Blanc hart umkämpften) Betten auf der Hütte – dabei kann man die trockenen Phasen gut für Touren nutzen.« Trotzdem ist das Wetter einer der wichtigsten Faktoren, die über den Gipfelerfolg entscheiden – und gleichzeitig auch eine der Hauptgefahren, der wir uns im Hochgebirge aussetzen. Deshalb ist eine genaue Analyse der Wettersituation das Kriterium, das über »Gehen oder Gaststube« entscheidet.

Meteorologische Strömungskarten wirken mit ihren Linien, Pfeilen und Farben recht verwirrend. Trotzdem ist es inzwischen ganz einfach, sich umfassend zu informieren: »Die Wetterprognosen, die sich heute im Netz finden lassen, sind ziemlich präzise und verlässlich«, sagt Karl Gabl, »zumindest, wenn man sie vernünftig liest«.

Und das »Lesen« meint der langjährige Leiter der Wetterdienststelle Innsbruck ganz wörtlich: »Ich finde die Wetterberichte nicht hilfreich, in denen nur ein paar Symbole hingemalt sind – eine vernünftige Prognose ist ausformuliert.« Für die Mont-Blanc-Region liefert so einen Service etwa www.chamonix-meteo.com auf Englisch und Französisch, »für diese Region gewiss der beste Wetterbericht«.

Ergänzend empfiehlt Gabl, sich noch die Prognosen aus der Schweiz für das benachbarte Wallis anzusehen. Wer die Berichte studiert, sollte am Ende folgende Fragen beantworten können: Ist in den nächsten Tagen Nebel oder Niederschlag angesagt? Gewitter? Starker Wind? Wo liegt die Nullgrad-Grenze – ist es ungewöhnlich kalt? Oder ungewöhnlich warm, so dass Steinschlag und rutschender Nassschnee drohen könnten? Wenn die Antwort bei allen Fragen »Nein« lautet: Glückwunsch zu diesen Traumverhältnissen – leider kann man keinen festen Zeitraum im Kalender markieren, an dem diese anzutreffen sind. Perioden mit einer stabilen Wetterlage treten im Winter wie im Sommer auf.
Wetterumschwung Mont Blanc
Schlechtwetterzeichen am Mont Blanc: Über Nacht brach das Wetter zusammen.

Timing ist alles am Mont Blanc

Doch auch, wenn die Verhältnisse nicht ganz so optimal sind, ist ein Angriff auf den Gipfel möglich. Dann gilt es, mit dem Wetter richtig umzugehen. »Grundsätzlich ist es immer besser, nach einer Störung unterwegs zu sein, als vor einer«, rät Gabl. »So kann man etwa bei noch schlechtem Wetter auf die Tête-Rousse-Hütte aufsteigen und hat dann die schönen Tage vor sich.«

Wie meist im Leben ist das Timing wichtig, das bezieht sich nicht nur auf den Termin der gesamten Tour, sondern auch auf die Tagesplanung: Auf der Normalroute zur Goûter-Hütte ist das berüchtigte Grand Couloir zu queren. »In der warmen Mittagszeit rauschen hier die Steine. Deshalb sollte man hier am besten in der Früh unterwegs sein.« Früh aufzustehen und nicht zu bummeln lohnt sich auch bei Gewitterneigung. Die steigt im Tagesverlauf, bis sie meist am Nachmittag ein kritisches Level erreicht. Hohe Quellwolken deuten auf eine Gewittergefahr hin.

Auf Tour sollte man deshalb immer kritisch den Himmel beobachten. Das lohnt sich auch, wenn keine Gewitter angesagt sind. Aus heiterem Himmel kommen Wetterumschwünge äußerst selten, sie kündigen sich an. Meistens durch eine dünne, hohe Wolkenschicht – »wenn diese im Verlauf des Tages immer tiefer absinkt und irgendwann der Gipfel nicht mehr zu sehen ist, wird es wahrscheinlich bald ungemütlich.«

Manchmal sinkt die Bewölkung allerdings so schnell, dass man von ihr umschlossen ist. Dann kann ein sogenannter »White-Out« drohen, wie auch bei starkem Nebel: Der schneebedeckte Boden ist weiß, der Himmel ist weiß, die Luft dazwischen: Alles verschwimmt, der Horizont und die Konturen des Geländes sind nicht mehr zu erkennen. Weil Orientierung kaum mehr möglich ist, steigt die Absturzgefahr rapide.

Deshalb sollte die Gruppe zusammenbleiben und warten, bis die Sicht sich bessert. Nur wer eine sichere Spur zur Hütte vor sich oder ein GPS-Gerät in der Hand hat, sollte sich in Richtung Stube aufmachen – in der man bei so einem Wetter dann wirklich den ganzen Tag verbringen sollte.

Eine Wetterkarte lesen und verstehen

Eine Wetterkarte scheint auf den ersten Blick verwirrend. Das Entziffern ist aber nicht nur wichtig, sondern auch gar nicht so schwer. Grundlage jeder Wetterkarte sind die Isobaren – Linien, die den am Boden vorherrschenden Luftdruck anzeigen, der jeweilige Wert ist in Hektopascal eingetragen. Ihre Anordnung gleicht einer topografischen Karte: Je enger sie beieinander liegen, desto stärker nimmt der Druck zu oder fällt er ab.

Wo sich die Isobaren zu einem Kreis formen, steht in der Regel ein H oder T in der Mitte – kurz für Hochdruckgebiet oder Tiefdruckgebiet. Um Hochs herum weht der Wind im Uhrzeigersinn, um Tiefs in die Gegenrichtung – je enger die Isobaren liegen, desto heftiger. Von den Tiefdruckgebieten ausgehend sind Wetterfronten in die Karte eingetragen: Warmfronten mit roten oder schwarzen Linien mit kleinen Halbkreisen daran, Kaltfronten mit schwarzen oder blauen Linien mit kleinen Dreiecken.

An einer Warmfront tritt oft langanhaltender Regen oder Schneefall auf, an der Kaltfront eher Schauer und Gewitter mit kurzzeitigem Niederschlag. Überlagern sich Kalt- und Warmfronten, spricht man von einer Okklusionsfront. Sie ist entweder violett eingezeichnet oder durch eine Linie, an der sich Halbkreise und Dreiecke abwechseln. Im Sommer bringt sie meist kräftige Schauer oder Gewitter, im Winter eher langanhaltenden Niederschlag.

Besonders zu beachten: Die meisten Wetterkarten sind so genannte Bodenwetterkarten. Für Bergsteiger – insbesondere solche, die hoch hinaus wollen – sind auch Höhenwetterkarten sinnvoll, um genauere Infos zu Temperatur, Wind und Niederschlag zu erhalten.

Wetterkarte

 
Moritz Baumstieger
Fotos: 
Fotos: Thomas Ebert (3), Joachim Stark (Porträt). Grafik: Angelika Zak
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 04/2015. Jetzt abonnieren!
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