Auf's Dach der Alpen - Traumziel Mont Blanc

Hochtourentechnik: Gehen in der Seilschaft

Das Seil ist die Versicherung des Hochtouristen gegen Spaltenstürze – wenn das Gelände aber steiler wird, muss er umdenken. Moritz Baumstieger erklärt, worauf es beim Gehen in der Seilschaft ankommt.
 
Eine von vielen Seiltechniken im Eis: Am scharfen Grat hilft die Sprungseilmethode. © Archiv Mammut / Thomas Senf
Eine von vielen Seiltechniken im Eis: Am scharfen Grat hilft die Sprungseilmethode.
Das Dach der Alpen ist zum Greifen nah, bald kann es losgehen. So langsam wird es ernst. Doch eines fehlt noch: Sie sollten Bescheid wissen, wie Seilschaften auf Hochtour funktionieren – sonst könnte es schneller ernst werden, als Ihnen lieb ist.

Grundsätzlich lassen sich zwei Arten des Gehens am Seil unterscheiden: Zum einen soll das Seil auf Gletscherstücken verhindern, dass Spaltenstürze böse enden. Zum anderen nutzt man es in steilen Flanken und auch an Graten, um mit einem Stand und Zwischensicherungen Vor- und Nachsteiger abzusichern, ähnlich wie beim Alpinklettern.

Sich auf einem Gletscher zu sichern, ist nun in der Regel die erste Herausforderung, die eine Seilschaft auf ihrem Weg zum Gipfel meistern muss – der Einfachheit halber gehen wir im Folgenden von einer Dreierseilschaft aus. »Wer nicht mehr vor hat, als über den Gletscher zu laufen, dem reicht ein Halbseil, das wiegt weniger«, sagt Franz Hölzl, Bergführer und Buchautor (»Hochtouren«, Bruckmann- Verlag, 2013, 19,99 Euro). »Wenn aber noch Passagen im Fels oder im gemischten Gelände auf dem Programm stehen, rate ich zum Einfachseil.«

Egal, was für eine Art von Seil man nun aus dem Rucksack holt: Fünfzig Meter Länge sollten es bei einer Dreierseilschaft sein, so dass sich die Partner in einem Abstand von jeweils zehn Metern mit einem Achterknoten einbinden können – an den Enden bleiben 15 Meter übrig, die zu Seilpuppen aufgeschossen an den Rucksack kommen. Im Abstand von etwa drei Metern knotet man das Seil mit Sackstichen ab, die Stürze schneller bremsen. Jetzt kann es losgehen, jeder Partner achtet darauf, dass das Seil zu seinem Vordermann einigermaßen straff läuft.

Spaltenbergung: üben, üben!

Spaltenbergung
    Die Spaltenbergung steht in jedem Eiskurs auf dem Programm.
Verschwindet nun einer der Partner in einer Spalte, gilt es für die anderen, den Sturz möglichst schnell zu halten – Füße in den Schnee spreizen, Oberkörper zurücklehnen. Ist der Fall gebremst, empfiehlt Hölzl, erstmal durchzuschnaufen und in Ruhe das weitere Vorgehen zu planen. Hölzl meint, dass hier oft weniger mehr ist: »Die Selbstrettung und die ›Lose Rolle‹ funktionieren in fast allen Situationen. Bei komplizierteren Manövern verheddern sich Ungeübte eher im Seil.«

Beide Techniken der Spaltenbergung lernt man besser in einem Eiskurs als beim Lesen auf dem Sofa. In etwa sehen sie jedoch so aus: Bei der »Losen Rolle« vergräbt der näher an der Spalte stehende Partner einen Gegenstand – seinen Pickel, mit einer Jacke umwickelte Skistöcke, den Rucksack – in einer Tiefe von mindestens 50 Zentimetern im Schnee und befestigt an diesem Anker eine Bandschlinge und einen Schraubkarabiner.

An dem wird das Seil mit einem Prusik fixiert und dann langsam mit dem Gewicht des Gestürzten belastet, bevor sich die anderen mit einer Prusikschlinge am Seil sichern und ausbinden. Während Partner A den Anker zusätzlich mit seinem Gewicht beschwert, tastet sich Partner B an den Spaltenrand vor und erklärt dem Gestürzten das weitere Vorgehen.
Er nimmt das Restseil aus dem Rucksack, klinkt einen Verschlusskarabiner ein und lässt ihn zum Gestürzten herab, der ihn in seinen Gurt einhängt. Bevor die beiden Partner oben nun ihren Freund herausziehen, errichtet der Partner am Spaltenrand eine Rücklaufsperre, in dem er um das Zugseil eine Prusikschlinge legt, deren Ende er in seine abgeknotete Selbstsicherung einhängt.
 
Rücklaufsperre
    Rücklaufsperren sichern das gleichzeitige Gehen in Eisflanken
Nach jedem Zug schiebt er die Rücklaufsperre nach vorne, bis der Gestürzte geborgen ist. Sind die Partner oben nicht in der Lage, einen Flaschenzug zu bauen, kann sich der Gestürzte selbst retten, indem er eine Prusikschlinge zur Selbstsicherung an das Seil knüpft und eine zweite darunter, in die er mit dem Fuß steigt. Wenn er sein Bein durchdrückt, schiebt er die Selbstsicherungsschlinge hoch, belastet sie, zieht die Fußschlinge nach, bis er irgendwann am Spaltenrand ankommt.

Hat sich das Seil in diesen eingeschnitten, wird es kompliziert – lassen Sie sich beim Eiskurs zeigen, wie Sie den Spaltenrand mit Gardaknoten und einem Selbstflaschenzug meistern können.

Die Steilheit entscheidet bei der Spaltenbergung

Wird das Gelände nach dem flacheren Teil des Gletschers steiler, kann aus der Absicherung gegen Spaltenstürze aber selbst ein Risiko werden: »Wenn der Firn sehr hart ist, wird es schon ab einer Hangneigung von 20 Grad schwierig, einen stürzenden Partner zu halten«, erklärt Hölzl, »bei sehr weichem Firn spätestens bei 30, 35 Grad«. Um den Zeitpunkt zu erkennen, an dem sich eine Seilschaft umorganisieren sollte, muss sie also die Verhältnisse im Auge behalten – verpassen sollte sie ihn jedoch nicht: »Sonst kann es zu Mitreiß-Unfällen kommen«.

Auf einem aperen Gletscher sind die Spalten gut sichtbar. Stehen die Seilschaftsmitglieder sicher auf den Steigeisen, kann zunächst ganz ohne Seil gegangen werden. »Sobald sich aber jemand unsicher fühlt, muss er das äußern«, sagt Hölzl, »und dann sollte in klassischer Seilschaftsmanier weitergestiegen werden«.

Ein Vorsteiger wird dann über einen Fixpunkt (ein Stand aus zwei Eisschrauben, einem Firn- oder einem T-Anker) gesichert, legt Zwischensicherungen (Eisschrauben, T-Anker, an Graten Bohrhaken oder Absicherung über Felsblöcke) und errichtet schließlich einen neuen Stand. Die beiden anderen Partner binden sich mit einem Abstand von etwa drei Metern ins Seil ein – »eben so, dass sie sich im Falle eines Sturzes nicht gegenseitig verletzen können« – und steigen dann nach.

Das Problem dabei: Die Sicherung von Stand zu Stand frisst enorm Zeit. Viele Touren lassen sich so kaum an einem Tag meistern. Schneller ist die Seilschaft, wenn sie gleichzeitig »am laufenden Seil« klettert, aber trotzdem sichert: Anstatt am Stand mit der Nachsicherung zu beginnen, hängt der Vorsteiger am Fixpunkt eine Rücklaufsperre (etwa: Petzl Tibloc) mit einem Schraubkarabiner ein und klettert anschließend weiter.

Stürzt nun der Vorsteiger, dient der Schraubkarabiner als Zwischensicherung – die Nachsteiger können ihn mit ihrem Gewicht halten. Stürzt einer der Nachsteiger, verhindern die Widerhaken der Rücklaufsperre, dass der Vorsteiger nach unten gezogen wird. Sobald die Nachsteiger den Fixpunkt erreichen und einsammeln, muss der Vorsteiger einen neuen errichten. So können zumindest Mitreißunfälle effektiv verhindert werden. Aber auch hier kostet das Legen der Fixpunkte Zeit. Zudem ist die Zahl der Rücklaufsperren, die am Gurt des Vorsteigers hängen, begrenzt.

An Firngraten, wo das Setzen von Fixpunkten sowieso schwierig ist, greifen viele Hochtouristen deshalb auf eine Sicherungsmethode zurück, die schnelles Reaktionsvermögen und Mut verlangt. Die Funktionsweise der sogenannten Sprungseiltechnik ist simpel: Stürzt ein Partner auf die eine Seite des Grates, springt der andere auf die andere. Um im entscheidenden Moment die Sekunde zu haben, die man zum Reagieren braucht, empfiehlt Hölzl, mit relativ kurzen Abständen und mit zehn bis zwölf Metern in Schlingen aufgenommenem Seil in der Hand zu gehen, das man dann wegschmeißen kann.

»Das funktioniert wirklich gut – bisher musste ich die Methode glücklicherweise nur in der Ausbildung, aber noch nie ›live‹ anwenden«, erzählt Franz Hölzl. Auch ein Bergführer und Hochtouren-Profi ist froh, wenn es nicht gleich richtig ernst wird, wenn es so langsam ernst wird.
Spaltenbergung Technik
Das Prinzip der »Losen Rolle« ist die effektivste Art der Spaltenbergung für Dreierseilschaften. Sie erfordert keine teuren Hilfsmittel – aber umso mehr Wissen und Übung.

Trainingsplan Seilschaftgehen

1. Eisschrauben setzen

Ziel: Schnell und sicher Fixpunkte legen
Umsetzung: Im blauen Wasserfalleis halten Schrauben in konkaven Dellen am besten. Wenn das Eis weiß oder morsch ist, schlagen Sie die Oberfläche weg. Auch am Gletscher räumen Sie mit der Haue des Pickels die oberste, schwammähnliche Schicht ab. Im klaren Eis darunter drehen Sie die Schraube ein – am bequemsten ein Modell mit Kurbel. Setzen Sie die Schraube nicht leicht nach oben geneigt. Die ideale Haltekraft hat sie, wenn sie waagrecht oder im Idealfall sogar fünf bis zehn Grad nach unten gekippt gesetzt wird. Zu lange Schrauben mit einem Ankerstich abbinden.

2. T-Anker graben

Ziel: Fixpunkt für die Spaltenbergung errichten
Umsetzung: An einem leicht geneigten Firnhang am Gletscherrand heben Sie mit der Haue Ihres Pickels und den Händen im rechten Winkel zur Zugrichtung einen Graben aus. Im nassen Firn sollte Ihr T-Anker mindestens 30 bis 50 Zentimeter unter der Oberfläche liegen, im trockenen Pulver eher einen Meter tief. Legen Sie den Pickel (mit T-Norm) mit der Haue nach unten, quer zur Zugrichtung hinein. Eine per Ankerstich am Schaft befestigte Bandschlinge führt in einer zweiten Rinne in Zugrichtung (daher T-Anker) an die Oberfläche. Trampeln Sie die Gräben mit Schnee zu. Sie können auch mit einem Anorak umwickelte Stöcke oder ihren Rucksack vergraben.

3. Eine Abalakov-Eissanduhr fädeln

Ziel: Kein Material zurücklassen
Umsetzung: Bohren Sie mit einer 21 cm langen Schraube zwei Löcher im Abstand von 15 cm so ins Eis, dass sich die Bohrungen an ihren Enden treffen. Versuchen Sie nun, das (Einfach-)Seil direkt durchzufädeln, der Abalakow-Hooker oder ein gebogener Draht helfen dabei. Falls nicht, opfern Sie eine Reepschnur. In beiden Fällen darf nur abgeseilt, niemals abgelassen werden! Die Reibungswärme bringt sowohl Eis als auch Reepschnur zum Schmelzen.

 
Moritz Baumstieger
Fotos: 
Grafik: Georg Sojer; Fotos: Tobias Bach (ob.), Archiv Bruckmann (2)
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 03/2015. Jetzt abonnieren!
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