Mont Blanc - Planung der Tour | BERGSTEIGER Magazin
Auf's Dach der Alpen - Traumziel Mont Blanc

Mont Blanc - Planung der Tour

Wer auf hohe Berge will, braucht Technik und Kondition – und die richtige Taktik. Am Mont Blanc ist die vor allem eine Frage der Zeit. Moritz Baumstieger erklärt, wie die Tour auf's Dach der Alpen vorbereitet wird.
 
Perfektes Timing: zum Sonnengruß auf dem Mont Blanc, mit viel Zeit für den Abstieg © picture alliance
Perfektes Timing: zum Sonnengruß auf dem Mont Blanc, mit viel Zeit für den Abstieg
In den vergangenen 30 Jahren stand Jörn Heller mehr als 100 Mal auf dem Mont Blanc. Unter seinen Bergführer-Kollegen bei der Mammut Alpine School gilt der Freiburger deshalb als der Spezialist für das Dach Europas. Heller hat es auf den meisten möglichen Wegen bestiegen, er sagt, er kenne dort »fast jeden Stein mit Vornamen«.

Wenn man ihn deshalb fragt, ob er schon mit verbundenen Augen auf den Gipfel finden würde, sagt er sofort: »Stopp – genau das eben nicht.« Denn obwohl der 46-Jährige den Mont Blanc kennt wie nur wenige andere, flößt er ihm nach wie vor Respekt ein. Man könnte auch sagen: Gerade, weil er ihn so gut kennt. »Auch wenn viele behaupten, das sei ein Spaziergang: Der Mont Blanc hat ein so breites Anforderungsprofil wie nur wenige andere Berge in den Alpen.«

Heller zählt auf: Kondition, der Umgang mit großer Höhe, Seil- und Rettungstechniken, Lawinen- und Wetterkunde, Zeitmanagement – wer hier hoch will, sollte in so ziemlich jedem Teilaspekt des Alpinismus ein »gut« im Zeugnis stehen haben.
Hochtouren planen
Umkehr bei Morgenrot: Der Abstieg vom Mont Blanc muss vor Mittag erfolgen.

Reservieren: ein halbes Jahr vorher

Die meisten Techniken, die der Mont Blanc abverlangt, wurden in dieser Serie erläutert, Trainingstipps halfen beim Üben. Dem Besteigungsversuch steht nun nichts mehr im Wege. Der Zusatz »Versuch« steht ganz bewusst hinter dem Wort »Besteigung«, er führt mitten in das Thema, um das es in dieser abschließenden Folge gehen soll: Um die richtige Taktik auf Hochtouren – und zu der gehört es eben auch, nicht im Vornherein festzulegen, dass der Gipfel mit aller Gewalt fallen muss.

Bevor man aber die richtige Taktik festlegen kann, mit der man einen groben Plan durchführen wird, braucht es eben: den groben Plan. Ein Ziel muss ausgesucht werden und die Route, auf der man es erreichen will. Beide müssen zur Jahreszeit passen, zur Gruppe und der Erfahrung ihrer Mitglieder. Dafür müssen Karte und Führer studiert und ein ungefährer Zeitplan erstellt werden, außerdem eine Liste der Ausrüstung, die nötig sein wird.
Gouterhütte
  Die Goûterhütte am Mont Blanc


Und zum Schluss sollte man nicht vergessen, dass man heute auf den meisten Westalpen-Hütten reservieren muss, wenn man die Nacht nicht auf dem Boden der Gaststube verbringen will – am Mont Blanc gilt das im Besonderen: »Wer über die Normalroute will, muss auf der Goûterhütte schlafen«, sagt Jörn Heller, »und hier heißt es: mindestens ein halbes Jahr vorher reservieren und auch gleich bezahlen«.

Der Mont Blanc ist kein Berg, den man bei guten Bedingungen mal spontan mitnimmt, sondern fast schon eine von langer Hand geplante Expedition. Auch, weil hier noch etwas angeraten ist, das man eher vom Expeditionsbergsteigen kennt: ausgedehnte Akklimatisation. Bei anderen Viertausendern rät Heller, vor dem eigentlichen Gipfelsturm eine zusätzliche Nacht auf der Hütte zu verbringen – die Anpassung an die Höhe passiert auch im Schlaf – und erst eine Tour auf einen kleineren und leichteren Berg zu machen.

Am Mont Blanc ist das wegen der stets überfüllten und so eher ungemütlichen Hütten nur wenig empfehlenswert. Hellers Lösung: »Im Idealfall nimmt man sich Zeit für eine richtige Tourenwoche – und steuert zunächst ein anderes Ziel an, zum Beispiel den Gran Paradiso.« Wenn der große Tag dann unmittelbar bevorsteht, gilt es, weitere Informationen zu sammeln.

Der Wetterbericht gibt einen Überblick, ob man am nächsten Tag Sonnenstrahlen oder Regentropfen zu erwarten hat, Karte und Führer verraten, wie die Route verläuft. Nur: Stimmt das noch? Gletscher verändern sich ständig, Spaltengebiete verschieben sich, Schründe werden enger oder weiter, mal herrscht an Graten angenehmer Firn, mal Blankeis.

Wie es aktuell aussieht, verraten andere Bergsteiger oder auch der Hüttenwirt. Nur sollte man beiden keine Suggestivfragen à la »Passt schon, oder?« stellen, sondern wirklich sachbezogene. Der Mont Blanc macht hier jedoch schon wieder eine Ausnahme: »Den Wirt von der Goûter-Hütte zu erwischen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit«, weiß Jörn Heller, »und selbst wenn man es schafft, wird er zu sehr im Stress sein, als dass er Einzelberatung durchführen könnte«.

Die offenen Punkte sollte man deshalb besser im Tal klären, Heller empfiehlt die Seite www.ohm-chamonix.com, für die man allerdings ein bisschen Französisch können muss. Damit alle Gruppenmitglieder wissen, was auf sie zukommt, lädt Heller seine Gäste abends zu einem Briefing. Die Karte kommt auf den Tisch, die Verhältnisse und die schwierigen Stellen werden angesprochen, bei Gruppen ohne einen Guide außerdem, wer die Führung übernimmt, »ohne geht es nicht«.
 
Welche Ausrüstung dabei sein sollte, muss jedem klar sein – dazu gehören auch vermeintliche Kleinigkeiten. Am Mont Blanc zum Beispiel herrscht enorme Kälte, die meist noch durch starken Wind verstärkt wird. Zwei, besser drei Paar Handschuhe hält Heller deshalb für dringend ratsam, außerdem Thermoskannen – »denn wenn so ein Camel-Bag einfriert und der Teilnehmer nichts mehr zu trinken hat, ist der Tag im Prinzip vorüber.«

Zur Sprache kommt bei dieser Einsatzbesprechung aber vor allem der Faktor, den Heller als den entscheidenden der Tourentaktik bezeichnet: Die Zeitplanung. Die fängt damit an, dass jeder rechtzeitig fertig vor der Hütte steht, »der frühe Vogel fängt den Wurm, auch wenn der Spruch abgenudelt ist«. Wer als einer der ersten losgeht – auf der Goûterhütte beginnt das Wecken schon um ein Uhr nachts – hat keine Schlange vor sich in der Spur, muss sich nicht ausbremsen lassen. Und er hat einen Puffer, wenn die Dinge (oder: die Beine) nicht so laufen, wie gedacht.

Geplant wird die Tour auf den Mont Blanc rückwärts

Pläne schmiedet man am Berg rückwärts. Nicht etwa eine selbst festgelegte Startzeit ist der Ausgangspunkt der Berechnung, »man sucht sich vielmehr zwei, drei markante Stellen auf der Route und legt Uhrzeiten fest, an denen man sie spätestens erreicht haben sollte«, erklärt Jörn Heller. Bei der Normalroute des Mont Blanc seien das zum Beispiel das Vallot-Biwak, der Gipfel und wieder die Goûterhütte.

»Wenn ich das Biwak nicht bis fünf Uhr (morgens!) erreicht habe, wird es eng«, sagt Heller, »dann heißt es leider: absteigen.« Der Tag wäre zwar noch lang genug für den Gipfel, aber eben nicht mehr lang genug, um von der Goûterhütte wieder ins Tal zu steigen. »Dort sollte man spätestens um zehn Uhr vormittags aufbrechen, sonst wird die Steinschlaggefahr im Grand Couloir zu hoch – das dann zudem durch die Bergsteiger blockiert wird, die von der Bergbahn hochkommen.«

An den Checkpunkten harte Entscheidungen zu treffen, ist natürlich nicht immer einfach. Gerade, wenn man viel Zeit und Geld investiert und Touren von so langer Hand vorbereitet hat wie den Mont Blanc. »Aber es ist überlebenswichtig«, betont Heller, »und letztlich ein Zeichen von großer Stärke«. Natürlich heißt das nicht, dass man zwischen den Checkpunkten den Berg blind hinauf stiefelt: Die Verhältnisse des Eises unter einem, die Veränderung des Wetters über einem und die Verfassung der Gruppenmitglieder müssen im Blick behalten werden und der Plan im Zweifel angepasst.

Genau deshalb weist Jörn Heller so weit von sich, den Mont Blanc mit verbundenen Augen besteigen zu können – auch wenn er das unter Idealbedingungen wahrscheinlich drauf hätte. Aber wann herrschen die schon?
Mont Blanc Abstieg
Konzentrieren: Der Abstieg von der Goûterhütte ist stark steinschlaggefährdet

Trainingsplan für die Besteigung des Mont Blanc

1. Ziel: Die Schwierigkeit beurteilen
Umsetzung: Natürlich können Sie den Spezl fragen, der die Tour letztes Jahr gemacht hat – nur dürfen Sie nicht vergessen, dass seine Erinnerungen von seiner Verfassung und den Wetter-und Eisverhältnissen an jenem Tag beeinflusst sind und vielleicht schon ein gutes Maß Verklärung eingesetzt hat. Objektiver sind Schwierigkeitsskalen. Weil bei Hochtouren aber mehrere Faktoren eine Rolle spielen (Kletterstücke, Ausgesetztheit, Steilheit) sind die etwas komplizierter als Skalen für Sportkletterer, bei denen einfach die Schlüsselstelle bewertet wird. Diese Komplexität bildet am besten die Skala des Schweizer Alpenclubs ab, die von L (leicht) bis ES (extrem schwierig) reicht und jeweils noch Abstufungen kennt. Einzusehen ist sie mit Erläuterungen hier: www.sac-cas.ch/unterwegs/schwierigkeits-skalen.html
Besonders beachten: Sie haben eine Tour im Schwierigkeitsgrad ZS mit Führer bei feinstem Sonnenschein gemacht? Glückwunsch! Aber sind Sie wirklich sicher, dass Sie sich auf einer ähnlich bewerteten Tour auch alleine und bei schlechterem Wetter wohlfühlen?

2. Ziel: Einen Zeitplan für eine Tour aufstellen
Umsetzung: Schnappen Sie sich eine Karte und planen Sie eine fiktive Hochtour. Als erstes legen Sie die Uhrzeit fest, um die Sie spätestens wieder auf der Hütte sein wollen – wahrscheinlich mittags, denn danach weichen die Schneebrücken auf und die Steinschlaggefahr steigt. Planen Sie nun von diesem Zeitpunkt die Tour rückwärts. Für die Aufstiegszeit orientieren Sie sich an dieser Formel: Für 300 Höhenmeter benötigen Sie im Aufstieg etwa eine Stunde, für je vier Kilometer Wegstrecke addieren Sie zum Gesamtergebnis je eine halbe Stunde.
Im Abstieg schaffen die meisten 500–600 Höhenmeter pro Stunde. Legen Sie anschließend Checkpunkte fest und die genauen Uhrzeiten, an denen sie spätestens erreicht sein müssen.

Besonders beachten: Nicht immer geht es gleich schnell voran. Deshalb versuchen Sie aus Karte und Führer herauszulesen, welche Schlüsselstellen viel Zeit rauben: Spaltenwirrwarr, flache Gletscherhatscher, abzusichernde Felspassagen. Und: Haben Sie eigentlich Zeit für Pausen und die Organisation der Seilschaft sowie einen Puffer eingeplant?

 
Moritz Baumstieger
Fotos: 
Thomas Ebert (2), picture alliance, privat
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 05/2015. Jetzt abonnieren!
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