Vorsichtsmaßnahmen bei Skitouren | BERGSTEIGER Magazin
Tipps und nützliches Wissen für die Skitour

Vorsichtsmaßnahmen bei Skitouren

Sie sind die Krone des Ski-Bergsteigens – Touren im vergletscherten Hochgebirge, hohe 3000er oder 4000er. Allerdings steigen die alpinen Gefahren, je höher hinaus der Alpinist steigt. Wie man mit den Risiken im winterlichen Hochgebirge umgehen kann, erklären Jan Mersch und Pauli Trenkwalder

 
Skihochtouren - Die Königsdisziplin © Bernd Ritschel
Skihochtouren - Die Königsdisziplin
Unterwegs im Hochgebirge, und das auch noch im Winter? Neben den »normalen« hochalpinen Gefahren spielen gerade zur kalten Jahreszeit Wetter- und Lawinenlage eine herausragende Rolle. Zusätzlich fordern weitere Faktoren alpinistische Fähigkeiten auf hohem Niveau: erschwerte Orientierung, technisch anspruchsvolles und kombiniertes Gelände wie Gletscher oder steile Übergänge und Gipfel. Kein Wunder, dass Skihochtouren die Königsdisziplin des Skibergsteigens darstellen. Außerdem haben sie ihre ganz eigene Dynamik. In höheren Lagen ist die Schneedecke oft schlechter aufgebaut als weiter unten am Berg; ebenso findet man dort größere Hangsysteme, steilere Geländeformen und vor allem starken Windeinfluss. Zusammen mit unbekanntem Gelände, keiner Alternativroute oder Zeit für Umkehr eine sehr gefährliche Kombination! Und da man sich oft weitab der Zivilisation bewegt, organisierte Rettung bei schlechtem Wetter also viel zu lang bis zum Ort des Geschehens brauchen würde, muss man im Falle eines Lawinenunglücks genau wissen, was zu tun ist. Das heißt auch, in der Verschüttetensuche fit zu sein.

Besser als die kompetente Handhabung von Lawinenunglücken ist die sichere Anwendung einfacher Vorsichtsmaßnahmen, um sie zu vermeiden: So sollten steile Hänge (ab 30 Grad) mit Entlastungsabständen im Aufstieg begangen und bei der Abfahrt einzeln befahren werden. Das reduziert das eingegangene Risiko ohne großen zusätzlichen Zeitbedarf.

Tourenplanung und Lageeinschätzung 

Eine ausführliche Tourenplanung und lawinenkundliche Beurteilung erfolgt am besten mit Hilfe einer klaren Ablaufsystematik. Erst so wird aus der SnowCard und den vorhandenen Informationsquellen ein Risikomanagement. Idealerweise läuft die Strategie »gebetsmühlenartig« ab und begleitet Tourenplanung und -durchführung. So übersieht man kein noch so kleines Detail. Einfach oder schwierig? Der Umgang mit SnowCard und Lawinenlagebericht in der vorgestellten Strategie fällt auf den ersten Blick relativ leicht. Erst bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass zur Beantwortung der drei Hauptfragen und zur Umsetzung im Gelände einiges an Grundwissen und Können notwendig ist (Karten lesen und interpretieren, Wissen über Gefahrenstufen und Inhalte der Zusatzinformationen des Lawinenlageberichts sowie Orientierung und Bewertung im Gelände). Schlechtwetter oder geringe Sicht schränken die Möglichkeiten einer differenzierten Beurteilung stark ein – egal wie gut man ist.

Differenzierte Beurteilung der Lawinengefahr

Fortgeschrittene und Profis (im Sinne des Stufenmodells) besitzen im Thema Lawinengefahr mehr Wissen, Erfahrung und größere Kompetenz als Anfänger. Für sie kann das bisher vorgestellte Konzept daher zu eng sein. Anhand einer »Justierung mit drei Stellschrauben« können sie deshalb in die Aussagen des Lawinenlageberichts eingreifen – ohne dabei jedoch Strategie und Ablaufsystematik zu verändern! Dies sollte nur mit fundierten Begründungen geschehen, um anhand folgender drei Aspekte den eigenen Bewegungsspielraum erweitern zu können:

• Unterscheidung »günstig – ungünstig«
• Beurteilung des Einzugsbereichs
• Anpassung der regionalen Gefahrenstufe für den Einzelhang

So können Experten differenzierter entscheiden als rein auf Basis des Lawinenlageberichts. Da diese »Justierung« nichts für Anfänger ist, empfiehlt sich weitergehende Lektüre! Praxiswissen wird von Profis im Rahmen spezieller Kursangebote zum Entscheidungstraining geschult und vermittelt – auf der Grundlage eigener Erfahrungen der Teilnehmer.

Gletscher und Spalten

Auf Gletschern oder in Gletscherbrüchen ist das Risiko eines Spaltensturzes ständiger Begleiter. Daher sollte der Klettergurt angelegt werden, sobald man den Gletscher betritt. Ebenso ist ab dann die Standardausrüstung am Gurt Pflicht: Ein Schraubkarabiner oder Safebiner in der Anseilschlaufe, ein weiterer Schrauber, drei Einzelkarabiner, eine vernähte lange Bandschlinge und zwei Prusikschnüre (6 mm Durchmesser, 1 m und 3 m Länge) und eine Eisschraube sind Pflicht! Seil und Eispickel befinden sich griffbereit am oder im Rucksack. Mit grundsätzlich festgelegten drei Metern Sicherheitsabstand der Teilnehmer vermeidet man unnötige Belastungen auf verdeckten Spalten.

Mit oder ohne Seil?

Die Entscheidung, ein Seil am Gletscher anzulegen, ist sehr von den Verhältnissen und dem eigenen Können abhängig: Bei harter durchgefrorener Harschdecke, freigeblasenem blanken Gletschereis oder guter Orts- und Spaltenkenntnis, kann man bei entsprechender Sicht und Technik durchaus auf das Anseilen verzichten. Schlechte Sicht, weiche Schneeverhältnisse, keinerlei Ortskenntnis und vielleicht noch mangelnde Technik machen das Seil unverzichtbar – alles andere wäre »Russisches Roulette«! Während die Entscheidung für das Seil im Aufstieg noch leicht fällt, da es dort nur bedingt hinderlich ist, sieht die Sache in der Abfahrt schon ganz anders aus. Denn Abfahren mit Seil will geübt und trainiert sein. Dementsprechend selten sieht man es in der Praxis! Trügerisch hofft man durch die schnelle Geschwindigkeit über die unter dem Schnee verborgenen Spalten hinwegzufahren. Wohl dem, der mit dieser Maxime ein guter Skifahrer ist.

Seilhandling

Am Besten erlernt man die Grundregeln des Seilhandlings am Gletscher in einem Skihochtourenkurs einer Bergschule oder in entsprechenden Kursangeboten der Alpenvereine. Diese schließen auch die wesentlichen Rettungsmaßnahmen für den Fall der Fälle mit ein. Die lose Rolle und die Technik zur Selbstrettung aus der Spalte müssen vor einer Gletscher-Skitour unbedingt beherrscht werden – und zwar unter Realbedingungen: Am besten, man hat sie unter erschwerten Bedingungen wie dichtem Schneetreiben vorher mehrfach selbstständig durchgeführt! Orientierung Auch wenn bei Skihochtouren und Gebietsdurchquerungen das Wetter manchmal nicht perfekt ist, brechen die meisten trotzdem auf. »Die Tour muss ja weitergegangen werden, um die nächste Etappe zu erreichen!«

Aber schon bei guter Sicht ist die Orientierung in vegetationsloser »Schnee-, Eis- und Steinwüste« oft anspruchsvoller als in niedrigeren Regionen: Die richtige Scharte für den Übergang, den Durchschlupf an einem Gletscherbruch oder die versteckte Rinne für den Gipfelanstieg zu finden, ist eine echte Herausforderung. Wenn dann auch noch das Wetter schlecht wird, die Sicht gerade mal bis zu den Skispitzen reicht und die Skibrille im Schneesturm vereist, kann eine relativ harmlose Situation schnell dramatisch werden.

Jetzt sind gute Fähigkeiten im Umgang mit Kompass, GPS-Gerät und Karte gefragt. So werden die wesentlichen Eckpunkte zur Beurteilung der Lawinengefahr bei der Tourenplanung gesetzt. Die heutigen GPS-Geräte sind so ausgereift, dass gute topografische Kartenblätter integriert sind – ihre Anwendung eine echte Hilfe bei schlechter Witterung. Allerdings sollte man die herkömmliche (Papier-)Karte dennoch nicht zu Hause lassen. Sie ist wesentlich übersichtlicher als das kleine Display und die Notfallreserve bei einem Batterieausfall!

Im Notfall ein Biwak

Wenn einen trotzdem einmal die Nacht einholt, bevor man wieder das Tal oder eine sichere Hütte erreicht hat, ist ein Biwak unumgänglich. In einer Schneehöhle oder einem Iglu, die je nach Verhältnissen relativ schnell gebaut sind, lässt sich auch eine kalte Nacht relativ gut überstehen. Unverzichtbar ist dafür ein Biwacksack; trockene Ersatzsocken und Handschuhe leisten überdies vortreffliche Dienste. Glücklich, wer den Luxus einer leichten Daunenjacke genießen kann und eine kleine Stirnlampe sein eigen nennt.
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