»Moonwalk« - Eisklettern im Zillertal | BERGSTEIGER Magazin
Die längste Eiskletterei Österreichs

»Moonwalk« - Eisklettern im Zillertal

Eine 1000 Meter hohe Nordwand, durch die eine fast durchgehende Linie aus gefrorenem Wasser zieht – der Traum eines jeden Eiskletterers! Die besonderen Wetterverhältnisse Anfang Dezember 2009 ließen diesen Traum in den Zillertaler Alpen Wirklichkeit werden.
Autor: Albert Leichtfried

 
»Gott sei Dank darf sich Albert mit dem brüchigen Eiszapfen herumschlagen«, denkt sich Benni am vierten Standplatz…Alle Fotos: Albert Leichtfried © Albert Leichtfried
»Gott sei Dank darf sich Albert mit dem brüchigen Eiszapfen herumschlagen«, denkt sich Benni am vierten Standplatz…
Das kann doch jetzt nicht wahr sein! Als würde ein Stern langsam sein Leuchten verlieren, so gerät unser Fluss langsam ins Stocken. Meine Vorwärtsbewegungen scheinen, als seien sie nur vorgetäuscht. Zahllose Schwimmschneekristalle rascheln zwischen meinen Beinen, während sich mein Körper eher rückwärts bewegt. Noch liegen wir exakt im Zeitplan, der Höhenmesser meiner Uhr zeigt beruhigende 2800 Meter an, doch die großen Zeit-Ziffern darüber mahnen eindeutig zur Eile. Geschwindigkeit ist Weg dividiert durch Zeit. Noch vor Einbruch der Dunkelheit müssen wir droben am Grat sein, wenn wir unseren Traum zu Ende träumen wollen.

Eine durchgehende Eisspur im Sagwandkessel

Eine Vermutung war – wie so oft – der Auslöser einer Idee. Im Oktober 2008 zeigte mir Benedikt Purner ein Bild vom Sagwandkessel. Die meisten Betrachter hätten dieses Bild als schönes Herbstbild mit dem ersten Neuschneefall, der den kommenden Winter ankündigt, klassifiziert und wieder vergessen. Bei höchster Zoomstufe und mit etwas Phantasie konnten wir jedoch eindeutige Eisspuren in den Nordwänden erkennen. Das Bild wurde sowohl in meinem Ordner »Projekte« als auch in unseren Hinterköpfen abgespeichert und sollte in den nächsten 14 Monaten nicht mehr gelöscht werden. Immer wieder wanderten wir zu Fuß oder mit Ski in den Sagwandkessel, um die Eislinien zu beobachten. Doch das Eis in den Wänden, deren Gipfel bis zu 3000 Meter hoch aufragen, wurde im Laufe des letzten Winter immer weniger, die Schneesituation immer heikler. An Klettern war nicht zu denken und die Idee schien nicht realisierbar zu sein.

Vom Eismangel geplagt, spazierte ich im heurigen November in Begleitung unserer Hunde wieder einmal durch das Alterertal. Die Hoffnung, vielleicht doch noch gefrorenes Wasser zu sichten, war minimal. Kurz nach der Alm war dann plötzlich alles klar! Das als unrealisierbar eingestufte Vorhaben wurde in einen Plan verwandelt. Zwischen Sagwand und Hoher Warte hatte sich eine nahezu durchgehende Eisspur gebildet. Dieses Mal schien unsere Linie kletterbar zu sein, denn der letzte Neuschnee aus dem Oktober hatte sich während der wochenlangen Hochdruckperiode auf ein akzeptables Niveau gesetzt.

Am Sonntag, dem 30. November, wollten wir angreifen – gerade noch vor dem nächsten Schneefall. Ich hatte am Tag davor Dienst an der Wetterdienststelle in Innsbruck und besprach die Situation mit Charly Gabl. Die genauere Betrachtung der Wetterkarten verhieß jedoch nichts Gutes. Eigentlich war alles perfekt – bis auf einen massiven Föhnsturm, der so gut wie sicher ausgerechnet am Sonntag kommen sollte. Charly versuchte mich zu überzeugen, dass ein Versuch keinen Sinn machte. Er sollte Recht behalten. Wir waren am nächsten Tag natürlich trotzdem im Tal – wegen des Sturms war jedoch an Klettern absolut nicht zu denken. Zudem schien das Eis recht wässrig und nicht sehr stabil zu sein. Der für die folgenden Tage angekündigte Kaltfrontdurchgang mit bis zu einem Meter Neuschnee in den Südstaulagen trug auch nicht gerade zur Verbesserung unserer Laune bei. Wieder einmal stand unser Projekt auf der Kippe.

Der perfekte Tag zum Eisklettern

Zum Glück kommt es manchmal anders als man denkt – in unserem Fall hieß das weit weniger Niederschlag, als es die Wetterkarten versprechen. Im Bereich unseres Projekts waren es nicht mehr als etwa 20 Zentimeter. Nach zwei Sonnentagen wagte ich mich erneut zu einer Erkundungstour ins Alterertal. Mit meinen Tourenski fuhr ich dieses Mal mit einem Lachen im Gesicht zurück zum Auto: »Jetzt ist es soweit!« Die Zeit war reif, unsere Idee konnte in die Tat umgesetzt werden. Selbstverständlich braucht es für solch ein Unternehmen die richtige Taktik. Aus den vielen Erkundungen wussten wir genau, wie lange wir für die Anreise und den Zustieg brauchten. Zum Klettern stand uns ein einziger Tag zur Verfügung, der 3. Dezember sollte der letzte sonnige Tag vor der nächsten größeren Schneefallperiode sein. Innerhalb der Tageslänge von knapp neun Stunden mussten wir die Schwierigkeiten hinter uns gebracht haben, um nicht in der Dunkelheit zum Rückzug gezwungen zu sein. Wir legten den Zeitplan so an, dass wir beim ersten Sonnenlicht einsteigen konnten.

Ein frei hängender Eiszapfen

Schlaftrunken, jedoch voll motiviert, trafen wir uns mitten in der Nacht und machten uns auf den Weg. Die Nacht war sternenklar und kalt, schon in der offenen Garage hatte es Minusgrade. Kurz vor Vals sank das Auto-Thermometer auf minus zwölf Grad Celsius ab. Bei unglaublich hellem Mondlicht marschierten wir durch die Nacht, sogar die Stirnlampen konnten wir ausschalten. »Wir hätten gleich um Mitternacht einsteigen können«, meinte Benni. Nach einer knapp zweistündigen Mondscheinwanderung standen wir kurz nach Sonnenaufgang am Einstieg. Die Frage, wer mit der ersten Seillänge beginnen dürfe, war noch nicht geklärt. »Mir egal, ich fang an«, war die eindeutige Antwort von Benni.

Es war immer noch kalt, die Bewegungen entsprechend steif, das Eis dünn und spröde. Bereits auf den ersten Metern waren wir voll gefordert. Bekanntlich soll die Mitnahme von genügend Material ja beruhigend wirken. Von der kleinen Akku-Bohrmaschine bis zum Spectre-Eishaken hatten wir fast alles dabei und auch in Gebrauch. Nach etwa 320 Klettermetern, am Einstieg zur frei stehenden Eissäule, geriet unser Abenteuer das erste Mal ins Stocken.

Die etwas zu dünn geratene Säule war nicht ordentlich mit dem Eispanzer darunter verwachsen. Wir hatten es sozusagen mit einem frei hängenden Zapfen zu tun. Eisschrauben als Absicherung an den dünnen Röhren waren wenig sinnvoll und zudem gefährlich, auch mit mobilen Sicherungsmitteln im Fels ging nichts. Nach einigen Überlegungen blieben nur zwei Lösungswege übrig: entweder ohne Sicherung über die vibrierende Säule klettern oder durch einen Bohrhaken zumindest einen Sturz in den Stand beim Kollaps der Säule verhindern. Die Entscheidung war schnell getroffen. Etwa drei Meter nach dem Stand setzte ich einen Bohrhaken und zitterte mit zunehmend dicken Unterarmen über die Säule. Benni hatte nach seinem Nachstieg mit dem Rucksack am Rücken zwar fast kein Blut mehr in den Händen, doch die erste Crux war geschafft. Gleich in der nächsten Seillänge musste er sein ganzes Können aufbieten, das er sich beim Mixed-Klettern angeeignet hatte. Eine heikle Passage aus überhängendem Fels und dünnem Eis löste er souverän mit natürlicher Absicherung. Nach unserem Gefühl lagen die schwierigsten Passagen nun hinter uns. Das stimmte auch, doch was wir nicht wussten war, dass wir erst die Hälfte der Route hinter uns gebracht hatten. Die Wand lehnte sich zurück, der Weiterweg wurde leichter. Gerade, als wir meinten, dass wir gleich oben wären, versanken wir im Schwimmschnee…

Do the »Moonwalk«!

Der »King of Pop« beherrschte den »Moonwalk« in Perfektion: »Die Beinbewegungen täuschen Vorwärtslaufen vor, während sich die ausführende Person tatsächlich rückwärts bewegt.« Eine Ähnlichkeit zu dem, was wir gerade etwas mehr als zwei Seillängen unterhalb unseres Zieles aufführen, ist eindeutig festzustellen. Teilweise reicht der Schwimmschnee bis zum Bauch. Die Minuten verstreichen im Flug, die Zeit läuft uns davon. Endlich erreichen wir die steile Schlusswand. Unsere Eisgeräte freuen sich, wieder arbeiten zu dürfen. In typisch schottischem Mixed-Gelände, teilweise mit Hooks in gefrorener Erde, geht es hinauf zum Grat. Endlich! Die ersten Sonnenstrahlen für heute treffen auf unseren glücklichen Gesichtern auf. Wir machen schnell ein paar Bilder in der untergehenden Sonne. Aber wir müssen uns beeilen,  denn der Abstieg führt über die 1000 Meter unserer Route wieder zurück zu unseren Ski. Beim Abseilen setzen wir vier Bohrhaken und hinterlassen zahlreiche Eis-Sanduhren. Alles läuft nach Plan, außer der Tatsache, dass der Akku-Bohrer seinen Geist aufgab – zum Glück erst beim letzten Bolt. Mit Lederbergschuhen, schwerem Rucksack und bei nur sehr schwachem Mondlicht können wir die Pulverabfahrt zum Auto heute nicht mehr richtig genießen. Ausgepowert, aber mit der Gewissheit, einen außergewöhnlichen Tag erlebt zu haben, treten wir die Heimfahrt an.   
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