Tipps vom Profi zum Umgang mit Lawinenrisiko

Sicher am Berg: Lawinengefahr erkennen

Wenn nur diese »blöde« Lawinengefahr nicht wäre! Die ist aber nicht einfach »Schicksal«. Denn wer den richtigen Umgang mit der Gefahr beherrscht, kann dennoch aktiv bleiben. Das erfordert aber ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Fachwissen. Von Jan Mersch und Pauli Trenkwalder

 
Staublawine: Unser Verhalten bestimmt das Risiko. Denn die Gefahr von Selbstauslösungen von Lawinen wird im Lawinenlagebericht vorhergesagt und ist kalkulierbar © Daniel Bartsch
Staublawine: Unser Verhalten bestimmt das Risiko. Denn die Gefahr von Selbstauslösungen von Lawinen wird im Lawinenlagebericht vorhergesagt und ist kalkulierbar
Wir Bergsportler sind »Frischluft-Fanatiker« – auch im Winter. Der Reiz tief verschneiter Landschaft, Kälte und Unwirtlichkeit, Stille und glitzernde Sonnenstrahlen lassen unseren grauen Alltag schnell verblassen. Allerdings ist das Risikopotential im winterlichen Hochgebirge deutlich höher als im Sommer: Kurze Tage, häufig schlechtes Wetter, schwierige Orientierung, eingeschränkte Fortbewegungsmöglichkeiten und die über allem schwebende Lawinengefahr können einen einfachen Unfall schnell in eine Katastrophe verwandeln.

Auf der heimischen Ofenbank ist die Lawinengefahr eher selten ein Risiko. Aber auch draußen fallen Lawinen nicht unvorhersehbar vom Himmel. Durch unser Wann, Wo und Wie sind wir ursächlich und eigenverantwortlich in diesem Risikofeld unterwegs. Daher können wir uns bewusst mit dem komplexen Thema auseinandersetzen und unser Risiko-Maß selbst wählen: Von »Vorsicht ist besser als Nachsicht« (Risiko fast Null) bis hin zum »Weißen Rausch« (Risiko im absoluten Grenzbereich) ist alles möglich!

Das richtige Handwerkszeug

Jetzt ist unser Vier-Stufen-Lernmodell (vgl. BS 1/2010) gefragt: Unerfahrene Neulinge bereiten sich anhand von Regeln, Standards und einfachem Wissensbausteinen vor und versuchen, das Risiko einzuschätzen. Die wichtigsten Elemente dafür sind die Grundlagen der Verschüttetensuche und einfache Beurteilungssysteme auf Basis des Lawinenlageberichts. Fortgeschrittene und Profis haben ihr Fachwissen bereits vertieft und versuchen nun, eigene Erfahrungen und unterbewusste Sensoren zu integrieren. So fließt nach und nach die Intuition in ihre Risikobewertungen mit ein. Das Fachwissen kann noch so fundiert sein – entscheidend ist die Umsetzung im Gelände. Und die kann nur durch häufiges Anwenden verbessert werden. Nach langjähriger Auseinandersetzung mit dem Thema ergibt sich ein reicher Erfahrungsschatz, der die Integration der eigenen Intuition ermöglicht – sofern wir unser Tun mit ausreichender Distanz betrachten. Aber alles Fachwissen dieser Welt schützt auch Lawinen-Experten und Profis nicht vor Fehlentscheidungen, da die Materie hochkomplex und dynamisch ist.

Standardausrüstung und Verschütteten-Suche

Skitourengeher tragen heute fast immer ein Verschüttetensuchgerät (VS-Gerät) bei sich, zumindest im Rucksack. Richtig bedienen kann dies aber nur die Hälfte(!), schnell und effizient damit suchen sogar nur ein Viertel! Eine Lawinenschaufel ist auch häufig noch im Gepäck. Am besten gräbt es sich mit einer Aluminiumschaufel mit ausziehbarem Stiel. Denn gepresster Lawinenschnee ist extrem hart und schwer und hat nichts mit lockerem Pulver zu tun. Bei Lawinensonden denken (zu) viele, sie sei nur ein Ausrüstungsteil für die organisierte Rettung. Gerade im Nahbereich ist sie aber immer ein unverzichtbares Hilfsmittel für treffsicheres und schnelles Orten eines Verschütteten. Denn bei Verschüttungstiefen von mehr als 50 cm ist die Signalstreuung des VS-Gerätes schon viel zu groß.

Zeitverschwendung

Mit modernen Zwei- und Drei-Antennen-Geräten gelangt man bei der Verschüttetensuche zwar schnell in den Nahbereich, dort wird die kostbare Zeit dann aber verloren: In der durchschnittlich bis zum Freilegen benötigten halben Stunde sind bereits mehr als 60 Prozent der Verschütteten erstickt. Die Gesamtzeit für die Suche muss also unter 15 Minuten gedrückt werden!

Erste vorsichtige Schritte

»Ist dieser Hang sicher?« Eine alles entscheidende Frage – früher wie heute. Was sich im Laufe der Zeit geändert hat, sind lediglich die Strategien zur Entscheidungsfindung. Früher vollzog man die Einzelhangbeurteilung mit Schneede­ckentests auf der Basis mehr oder weniger fundierter Kenntnisse der Schnee- und Lawinenkunde. Heute schätzt man die Gefährdung anhand des amtlichen Lawinenlageberichts und all seiner Zusatzinformationen ein. Statistikbasierte Methoden – meist aus der Unfallanalyse – helfen beim Versuch, das Risiko einer Hangbetretung zu beurteilen. Das ist schnell und einfach, fördert aber nicht das Verständnis der Mechanismen dahinter. Zudem haben diese einfachen Methoden in speziellen Situationen ihre Grenzen. Dennoch eignen sie sich gut als Einstieg in die Beurteilung der Lawinengefahr und als Grundlage für differenziertere Beurteilungen bis hin zu professionellen Entscheidungen.

Jetzt wird’s amtlich!

Die amtlichen Lawinenlageberichte (in Bayern, der Schweiz, Tirol usw.) beschreiben heute vergleichbare Gefahrensituationen in unterschiedlichen Regionen der Alpen sehr ähnlich. Diese Vereinheitlichung hat dazu geführt, dass beispielweise Verhältnisse bei Gefahrenstufe drei – erheblich – in der Schweiz ähnlich eingeschätzt werden wie in Bayern oder Tirol. Außerdem sind die Lageberichte heute viel differenzierter abgestimmt auf die unterschiedlichen Regionen (z. B. »Im Allgäu fielen über Nacht...«) und Höhenlagen (z. B. »Oberhalb von 2000 m ist verstärkt mit Windverfrachtungen...«). Außerdem weisen sie explizit auf die Gefährdungssituation für den Wintersportler hin: »Auslösebereitschaft besteht schon durch einzelne Wintersportler...« Die Lawinenbulletins sind also eine sehr gute Grundlage mit viel detailliertem Wissen, das bei richtiger Anwendung bei der Risikoabschätzung hilft.

Hilfsmittel SnowCard

Die SnowCard ist eine grafische Weiterentwicklung der Reduktionsmethode von Werner Munter. Seit rund neun Jahren ist das handliche Tool im Praxiseinsatz und heute zentrales Hilfsmittel bei der angewandten Lawinenkunde in der Trainerausbildung des DAV. Sie dient als »Übersetzer« und »Handlungsanweiser« für den Lawinenlagebericht. Sie fragt nach den drei zentralen Parametern zur Risikobeurteilung, nämlich Gefahrenstufe, Steilheit des Geländes mit entsprechendem Einzugsbereich und der Exposition. So ermittelt sie den Ablesepunkt und zeigt dort das jeweilige Risikopotential in drei wesentlichen Bereichen an.

Grün steht für geringes, Rot für hohes Risiko mit Empfehlung auf Verzicht, und Gelb mit den farblichen Übergängen für empfohlene Vorsichtsmaßnahmen. Vorsichtsmaßnahmen Im Aufstieg helfen große Entlastungsabstände oder einzeln gehen, bei der Abfahrt die Einzelbefahrung kritischer Hänge mit erhöhtem Risiko. Die maximale Gruppengröße sollte acht Personen keinesfalls überschreiten. Das schließt auch andere Personen oder Gruppen in meiner Nähe bzw. über oder unter mir in einem Hangsystem ein! Damit aus dem Tool SnowCard und den vorhandenen Informationsquellen ein Risikomanagement wird, ist die Einbettung in eine Strategie notwendig und sinnvoll. Idealerweise sollte diese immer »gebetsmühlenartig« gleich ablaufen und uns bei Tourenplanung und -durchführung begleiten.

Ganz egal, ob man nun Anfänger oder Profi ist. Schließlich sind auch Experten häufig in unbekanntem Gebiet oder im Schneesturm kein bisschen »wissender«. Und Anfänger wollen auf dem mühsamen Weg der Erkenntnis nicht mit jedem Schritt ihre grundsätzliche Herangehensweise ändern.

Aktiv werden

Die vorgestellte, relativ einfache Methode ist verblüffend treffsicher. Für einen sicheren Umgang muss man aber Fähigkeiten und Können in Sachen Orientierung auf der Karte und im Gelände und für die Interpretation des Lageberichts haben. Entsprechende Kursangebote von Bergschulen oder Alpenvereinen, bei denen man diese effektiven Strategien erlernen oder verbessern kann, sollten in etwa drei Tage lang sein, damit die Inhalte richtig vermittelt werden können. Gemessen am Nutzen ist der zeitliche und monetäre Aufwand dafür gering. Nur so kann man im Fall eines Unfalles Verantwortung für seine Begleiter übernehmen und effektiv Erste Hilfe leisten. Der Umgang mit der Lawinengefahr ist und bleibt ein Leben lang schwierig und komplex. Um ein Leben lang sicher im Alpin-Winter unterwegs sein zu können, hilft ein gesundes Maß an Distanz zum eigentlichen sportlichen Tun. Und manchmal darf man sich auch einfach die Qualitäten eines »Superguide« wünschen!
Vom richtigen Umgang mit der Lawinengefahr. Von Jan Mersch und Pauli Trenkwalder
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 02/2010. Jetzt abonnieren!
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