Tatort Everest - war Mallory erfolgreich? | BERGSTEIGER Magazin
Die mysteriösen Umstände der angeblichen Erstbesteigung

Tatort Everest - war Mallory erfolgreich?

Er ist tatsächlich so spannend wie ein guter Krimi – der Fall Mallory! Bis heute ist nicht endgültig klar, ob einer der ersten Besteigungsversuche am höchsten Berg der Erde im Jahr 1924 erfolgreich war, denn die beiden Protagonisten starben am Berg.
Von Jochen Hemmleb

 
Hier verschwanden Mallory und Irvine – der Nordostgrat des Mount Everest mit Erster und Zweiter Stufe (Mitte) © Jochen Hemmleb
Hier verschwanden Mallory und Irvine – der Nordostgrat des Mount Everest mit Erster und Zweiter Stufe (Mitte)

George Mallory und Andrew Irvine starben am 8. Juni 1924 am Mount Everest. Das Rätsel um ihr Verschwinden ließ mich vor 20 Jahren auf die Suche gehen nach den Spuren, die sie am Berg und anderswo hinterlassen hatten. Die offene Frage, ob die beiden damals schon den Gipfel erreicht hatten, war der vordergründige Anreiz. Die innere Triebfeder war die Frage, wie weit es nach Jahrzehnten möglich war, in die Vergangenheit zurückzuschauen und eine verborgene Geschichte doch noch erzählen zu können.

Mount Everest in den 1920er-Jahren. Die Bilder sorgen heute für ungläubiges Staunen. Bergsteiger in Gabardinejacken und Nagelschuhen auf über 8000 Meter. Was auf den ersten Blick primitiv und ungenügend wirkt, war es nicht. In der Kleidung steckte jahrelange Erfahrung aus der Polarforschung. Eine abgestimmte Kombination verschiedener Stoffe verband Beweglichkeit mit Isolation, Dampfdurchlässigkeit mit Winddichtigkeit. »So gut wie heute zwei Lagen Fleece über Thermounterwäsche und unter GoreTex«, schlossen englische Bekleidungstechniker vor einigen Jahren. »Ausreichend, um bei gutem Wetter zum Gipfel zu kommen. Nicht ausreichend aber für lange Rasten oder ein Notbiwak.«

Mallory und Irvine - ein ungleiches Paar

Norton und Somervell, die erste Gipfelseilschaft 1924, kamen in dieser Kleidung bis auf fast 8600 Meter – ohne Sauerstoffgerät. Mallory war anfangs gegen zusätzlichen Sauerstoff, er hielt ihn für unsportlich. Erst als er erkannte, dass er ohne ihn den Gipfel nicht würde erreichen können, griff er auf das Hilfsmittel zurück. Seinen letzten Versuch legte er so an, dass er einen möglichst großen Sauerstoffvorrat im höchsten Lager zur Verfügung hatte. Aufzeichnungen von Expeditionsleiter Norton und Mallorys eigene Notizen, die man 1999 bei seiner Leiche fand, belegen dies. Andrew Irvine, Mallorys junger Begleiter, war zwar bergsteigerisch unerfahren. Doch er war ein durchtrainierter Sportler und begabter Mechaniker, der eigenhändig die Sauerstoffgeräte umgebaut und verbessert hatte. »Sie schienen ein ideales Paar: Mallory, der Stratege und Träumer; Irvine, der bodenständige, praktisch veranlagte Partner, der sich um die Details kümmerte«, schrieb ein Biograf Mallorys später.

Aufbruch Richtung Gipfel am Morgen des 8. Juni. Wann genau ist ungeklärt. Vor Sonnenaufgang schaffte es keine Seilschaft der frühen Expeditionen hinaus in die Eiseskälte. Zurückgelassene Lampen und Leuchtfackeln scheinen dies zu bestätigen. Hatten die unzuverlässigen Sauerstoffgeräte funktioniert? Teile der Geräte, die man später in Lager VI fand, könnten auf Reparaturen in letzter Minute hindeuten. Oder aber auf die Verwendung von Schlafsauerstoff, dessen Nutzen seit 1922 bekannt war.

Nordostgrat, 8470 Meter, am Vormittag. Die erste Sauerstoffflasche eines der Bergsteiger ist verbraucht. Er entfernt sie aus dem Gerät und lässt sie unter einem Felsen zurück. 1991 wird sie dort gefunden und 1999 schließlich geborgen. Es ist die bis heute höchste Spur, die von Mallory und Irvine entdeckt wurde. Was weiter oben geschah, bleibt Spekulation.

Mallory und Irvine verschwinden in den Wolken

Die Erste Stufe auf 8500 Meter, die erste Sperrstelle der Route. Überkletterten Mallory und Irvine sie und folgten dem Grat weiter Richtung Gipfel? Oder drängte es sie nach rechts in die Nordwand ab, auf die Alternativroute in das Große Couloir? Noel Odell stieg an diesem Tag zur Unterstützung bis ins höchste Lager auf. Um 12.50 Uhr klarte der Himmel über ihm auf, und er erblickte die Bergsteiger an einer der drei hervorspringenden Felsstufen am Grat. Dann verschwanden Mallory und Irvine wieder in den Wolken – für immer. Anfangs war Odell überzeugt, dass er sie an der Zweiten Stufe gesehen hatte. An der Schlüsselstelle. Und sie hatten diese überwunden. Später war sich Odell nicht mehr so sicher.

Die Zweite Stufe, 8600 Meter. Fast 40 Meter hoch, brüchig, auf den letzten fünf Metern senkrecht. War sie 1924 kletterbar? »Mit den damaligen Nagelschuhen niemals«, meint Reinhold Messner. »Wenn die Bergsteiger damals beim Klettern einen Vorteil hatten, dann waren es ihre Nagelschuhe«, sagte einmal der amerikanische Bergfilmer und mehrfache Everest-Besteiger David Breashears. 1960 schafften Chinesen erstmals nachweislich die Stufe – mit enormem Zeitaufwand, Schulterstand und Hakenhilfe. 1985, bei der vierten Begehung des Nordostgrates, kletterte sie der Katalane Oscar Cadiach erstmals frei; 2001 der Vorarlberger Theo Fritsche sogar im Alleingang. Beide bewerteten die senkrechte Schlusswand mit V bis V+. Auch der Amerikaner Conrad Anker, der 1999 einen viel publizierten gescheiterten Versuch einer freien Begehung unternommen hatte, war 2007 schließlich erfolgreich. »Mallory und Irvine hätten die Zweite Stufe klettern können – und darüber lohnt es sich nachzudenken«, lautete sein abschließendes Urteil im Blog seiner Expedition.

Doch dies ist kein Beweis dafür, dass Mallory und Irvine es ebenfalls geschafft hatten. Erst Spuren der Bergsteiger oberhalb der Zweiten Stufe könnten dies klären. Es gibt allerdings einen versteckten Hinweis: Mallorys Uhr wurde während des Aufstiegs beschädigt und blieb um 12.53 Uhr stehen – just zu jener Zeit, als Odell die Bergsteiger eine Felsstufe am Grat überklettern sah. Mallory hatte nach diesem Missgeschick noch genügend Zeit und klare Gedanken, um die Uhr abzunehmen und in seiner Tasche zu verstauen. Unwahrscheinlich also, dass er dies im Schneetreiben tat, das um 14 Uhr einsetzte, oder während des Abstiegs spät am Tag. Die einzige wirkliche Kletterstelle der Route ist der Riss in der Schlusswand der Zweiten Stufe. Und das Gelände oberhalb ist flach genug für eine Rastpause. Und dann?

Eine erfolgreiche Bewältigung der Zweiten Stufe heißt nicht automatisch, dass Mallory und Irvine bis zum Gipfel weitergingen. Im Gegenteil: Die Zeit, der zur Neige gehende Sauerstoff und das aufziehende Schlechtwetter sprechen eher dagegen. Nur ein Foto aus einer der Kameras der Bergsteiger oder Spuren in unmittelbarer Gipfelnähe könnten das Rätsel endgültig lösen. 

Das Unglück nimmt seinen Lauf

Es ist später Nachmittag. Mallory und Irvine sind im Abstieg, erschöpft. Unterhalb der Ersten Stufe passiert es. Vielleicht ist es nur ein erstes Missgeschick, bei dem Irvine seinen Eispickel verliert – der dann neun Jahre später gefunden wird. Oder es ist schon der Unfall, der beide Bergsteiger voneinander trennte. Das Seil zwischen ihnen riss, Mallory stürzte ab. Die Lage seiner Leiche und die Blutspuren auf seiner Kleidung deuten darauf hin, dass er möglicherweise einen ersten Sturz überlebte und erst später tödlich verunglückte.

1975 entdeckte der Chinese Wang Hongbao Mallorys Leiche zum ersten Mal, die wir dann 1999 auf der »Mallory & Irvine-Suchexpedition« wieder fanden. Eine Kamera trug Mallory nicht mehr bei sich. Hatte er sie Irvine gegeben? Wo war Irvine geblieben? 36 Jahre später sollte ein Mann dem letzten Weg Irvines folgen.

1960 befand sich der chinesische Bergsteiger Xu Jing im Abstieg vom Hochlager am Fuß der Ersten Stufe. Abseits der Route, in einem schützenden Einschnitt am Grat auf etwa 8400 Meter, stieß er plötzlich auf eine Leiche. Die Haut am Kopf war schwarz gefroren, der Körper in etwas eingehüllt, was Xu für einen Schlafsack hielt. Dabei konnte es sich nur um Irvine gehandelt haben. Er scheint beim weiteren Abstieg in die Dunkelheit gekommen zu sein und war dann in einem Notbiwak erfroren.

Was ich noch wissen möchte…

Mit dem Fund Irvines durch Xu Jing, den er erst 2001 im Interview mit mir und Eric Simonson (Leiter der Suchexpeditionen 1999, 2001 und 2004) preisgab, scheint das Rätsel um Mallory und Irvine weitgehend gelöst. Es fehlt noch die Bestätigung. Der Sherpa Chhiring Dorje gab an, 1995 ebenfalls einen alten Körper unterhalb der Ersten Stufe gesehen zu haben. In der Region, die Xu Jing beschrieb, fand der Amerikaner Jake Norton 2001 einen alten Wollhandschuh. Vom Fundort und vom Material her kann er nur Mallory oder Irvine gehört haben.

Eine genauere Suche 2004 blieb erfolglos. Es gibt noch einige Dinge, die ich über Mallory, Irvine und die Geschehnisse am Mount Everest 1924 wissen möchte. Vielleicht suche ich aber inzwischen weniger nach Antworten als nach Bestätigungen. Vielleicht liegen sie in einem Foto aus Irvines Kamera, vielleicht aber auch ganz woanders.

Die Faszination Mallory liegt für mich darin, dass er als Bergsteiger wie auch als Mensch Rätsel aufgibt und dadurch zum Hinterfragen auffordert. Sein Pioniergeist und Wagemut als Bergsteiger bleiben bewundernswert. Doch sie sind nur eine Seite von Mallory. Als Mensch war er zerrissen zwischen seiner Familie und dem Berg, dem Bleiben und dem Weggehen. Er war einer der ersten »Everest-Süchtigen«. Er erkannte die Symbolkraft einer Besteigung des höchsten Berges der Welt. Und er sah, wie er dies als Sprungbrett nutzen konnte – für seine Karriere als Schriftsteller, für die Verbreitung seiner Ideen als Lehrer, für die Versorgung seiner Familie. Er machte sich damit von einem Publikum abhängig, das vor allem den Erfolg wollte oder verstand.

Anders hingegen Edward Norton. Er, der Berufssoldat, stand vier Tage vor Mallorys Versuch auf fast 8600 Metern und war selbst in diesen extremen Höhen noch so weit bei klarem Verstand, um rechtzeitig seine Grenzen zu erkennen und umzukehren. War es nur Glück, was Norton davor bewahrte, wie Mallory zu enden? Oder eher seine anders geartete Haltung dem Berg gegenüber? »Er sah in seinen Everest-Expeditionen einen außergewöhnlichen ›Abstecher‹ von seinem hauptsächlichen Leben«, schrieb mir sein Sohn Hugh vor einigen Monaten. Dies sagt viel aus über wahre Eigenständigkeit, nicht nur im Bergsteigen. Und es macht Nortons Versuch am Mount Everest 1924 am Ende vielleicht sogar bedeutender als den Mallorys. Es könnte bereits ein guter Endpunkt der Suche sein.

Das Buch zum Thema

Jochen Hemmleb - »Tatort Mount Everest: Der Fall Mallory« Neue Fakten und Hintergründe
272 Seiten, durchgehend bebildert, ISBN 978-3-7243-1022-8, € 24,95, Langen-Müller, München 2009

Tatort Mount Everest - Jochen Hemmleb
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 01/2010. Jetzt abonnieren!
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