Auf's Dach der Alpen - Traumziel Mont Blanc

Trittsicher unterwegs in alpinem Gelände

Der Weg aufs Dach der Alpen scheint weit, wenn man bei Null beginnt. Doch wer sich nach Plan steigert, kann schon in einem Jahr dem Traumziel Mont Blanc deutlich näher kommen. In Teil 1 unserer Serie: richtig gehen am Berg.
Von Moritz Baumstieger
 
Hang zum Queren: Abseits der Wege fordert auch vermeintlich leichtes Gelände den ganzen Körper. © Robert Bösch / Archiv Mammut
Hang zum Queren: Abseits der Wege fordert auch vermeintlich leichtes Gelände den ganzen Körper.
In einem Jahr gewappnet und fit für den Mont Blanc – das ist die Idee der neuen Serie »Von Null aufs Dach der Alpen «, die der BERGSTEIGER in Kooperation mit Mammut präsentiert. Zwölf Folgen werden erklären, welches Wissen, welche Techniken und welche Voraussetzungen aus einem Schönwetter-Wanderer ein Nordwandgesicht machen. Damit diese Bergsteiger-Schule aber kein Trockenklettern in Gedanken bleibt, hecken die Experten der Mammut Alpine School für jede Folge einen kleinen Trainingsplan aus. Und damit die neu erworbenen Fähigkeiten getestet und vertieft werden können, präsentiert die BERGSTEIGER-Redaktion dazu die ideale Trainingstour. Zum Abschluss der Serie ging es im Sommer 2015 dann wirklich auf den Mont Blanc.

Trittsicherheit: Das A und O in alpinem Gelände

Jeder noch so lange Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Diese chinesische Weisheit ist in diesem Fall keine blumige Metapher, »Weg« und »Schritt« sind eher ideale Stichworte. Denn wer auf hohe Berge möchte, muss gehen können – und zwar richtig. Was das Tempo betrifft, was die Technik angeht, wenn es Geröll oder Schneefelder zu überwinden gilt. Das Thema Tempo ist schnell abgehandelt: Wer lange durchhalten will, sollte es langsam angehen. In den ersten dreißig Minuten kann sich entscheiden, ob der Tourentag erfolgreich wird oder ob er in Erschöpfung endet. Deshalb besser gedrosselt loslaufen, dazu auf den Atem achten. Wer jetzt schon nach Luft schnappt, ist zu schnell unterwegs. Ist der Kreislauf nach zirka einer halben Stunde in Schwung, kann das Tempo angezogen werden – man sollte aber immer noch Luft haben, um nebenbei ein wenig zu reden.

Trittsicherheit in jedem Gelände ist wohl das wertvollste Gut eines Bergsteigers. Sie kommt durch Erfahrung und bleibt durch Übung. Kleine Schritte sparen Kraft, vor allem, wenn es steiler wird. Dann sollte man auch darauf achten, so viel Sohlenfl äche wie möglich zu benutzen. Steile Wege verleiten dazu, auf den Ballen zu laufen und die Ferse nicht aufzusetzen – was die Wadenmuskulatur in kurzer Zeit ermüdet. Beim Schritt sollte das Körpergewicht auf das belastete Bein verlagert werden, um möglichst viel Druck auf die Sohle und so eine bessere Standfestigkeit zu bekommen.

Wanderstöcke verwenden – ja oder nein?

Die Standfestigkeit eines Berggehers ist auch durch sein Gleichgewicht bedingt – der Einsatz von Stöcken fördert und zerstört es zugleich. Einerseits stabilisieren sie den Geher in der konkreten Situation, etwa, wenn er einen Bach überqueren muss oder im ausgesetzten Gelände unterwegs ist. Wer aber immer mit Stöcken geht, lässt den natürlichen Gleichgewichtssinn seines Körpers verkümmern. Deshalb die Stöcke ab und zu bewusst zu Hause lassen, auch wenn sie unbestritten nützlich sind:

Der TÜV Süd hat festgestellt, dass sie den Kniegelenken bei dreistündigem Gehen etwa eine Tonne Belastung ersparen. Dafür muss die Länge richtig eingestellt sein: Der Ellenbogen sollte einen rechten Winkel beschreiben. Je nachdem wie steil das Gelände ist und ob man auf- oder absteigt, muss also angepasst werden. Wichtig ist auch, die Stöcke richtig zu greifen: Von unten durch die Schlaufe, nur so kann man bergab Beine und Wirbelsäule entlasten – wer sich von oben auf die Griffe stützt, erreicht hingegen nichts.

(Zum Testbericht Wanderstöcke)

Fluch und Segen: Schotterkare

Gehen mit Trekkingstöcken
   Geröllabfahrten schonen die Knie enorm.
Gleichgewicht und Standfestigkeit werden besonders wichtig, wenn präparierte Pfade enden und es durch wegloses Gelände geht. Stöcke helfen auch hier, vor allem aber muss die richtige Gehtechnik gewählt werden. In Schotterkaren und Geröllhalden empfiehlt es sich, auf die größeren Blöcke zu steigen. Durch das Körpergewicht werden sie auf die kleineren Steinstücke gepresst und bieten sichere Tritte. Beim Abstieg auch hier besser kleinere Schritte wählen – Geübte können auch in der Falllinie »abfahren«, sollten dabei aber das Tempo kontrollieren, um stets abbremsen zu können. Im Schrofengelände – einer Mischung aus Felsabsätzen und Grasstücken – ist es ratsam, möglichst auf die Graspartien zu treten.

Aber Achtung: Ist das Gras lang und nass, kann es so rutschig sein wie eine Eisfl äche, Schrofen zählen deshalb zu den schwierigsten Geländearten. Besonders im Abstieg kann das gefährlich werden – und dass man auch wieder runter muss, sollte man bedenken, bevor man eine Passage nach oben steigt.

Antreten in weglosem Gelände

Generell gilt im weglosen Gelände: Auf hartem Boden (Fels oder Eis) sollte man so viel Sohlenfläche wie möglich aufsetzen, sozusagen »auf Reibung« gehen. Ist der Untergrund eher weich (Schotter, Gras, Erde), versucht man, die bergseitige Kante der Sohle zu nutzen, ähnlich wie ein Skifahrer, der eine eisige Piste diagonal abfährt. Wenn sich Skifahrer in solchen Situationen zu nah an den Hang lehnen, greifen ihre Kanten schlechter – auch das sollte man im Hinterkopf behalten. Ungeübte Geher tun das im weglosen Gelände nämlich oft, weil es ihnen sicherer erscheint. In Wirklichkeit aber steigt die Gefahr abzurutschen, der Körperschwerpunkt sollte immer über den Füßen bleiben.

Bis in den Sommer hinein versperren oft Schneefelder den Weg. Das Queren (bei dem wieder die Kanten der Sohle eingesetzt werden), ist gefährlich, das Aufsteigen meist einfacher. Ein Trick, der überraschend oft funktioniert: Einfach am Rand ein Stückchen absteigen und dann das Schneefeld aufsteigen. Dazu sind oft Trittstufen nötig, die mit dem Schuh (oder dem Pickel) geschlagen werden müssen. Ihre Trittfläche sollte horizontal oder leicht zum Berg geneigt sein und möglichst viel der Sohle aufnehmen. Das ist oft anstrengend und zeitraubend, aber nötig. Denn jeder noch so lange Weg endet mit dem letzten Schritt – und der soll ja nicht der letzte für immer sein.

Trainingsplan zum sicheren Gehen am Berg:

1. In die Quere kommen

Gehtechnik am HangZiel: Den Körperschwerpunkt finden
Umsetzung: Suchen Sie sich einen kleinen, steilen Hang, etwa am örtlichen Rodelberg. Queren Sie den Hang mehrmals. Lehnen Sie sich beim ersten Mal stark zum Hang, beim nächsten Mal etwas weiter talwärts, bis Sie schließlich aufrecht gehen und sich der Körperschwerpunkt über den Füßen befindet.
Besonders beachten: Achten Sie darauf, wie viel Druck Sie jeweils auf die Außenkante ihrer Sohle bringen. Je mehr Abstand Sie zum Hang zulassen, desto stabiler wird der Stand.

2. Sicher antreten

Ziel: Gleichgewicht und Trittsicherheit erhöhen
Umsetzung: Legen Sie sich auf einer Wiese einen Parcours aus Steinen und dicken Ästen, variieren Sie dabei die Abstände zwischen den Objekten. Balancieren Sie dann über den Parcours, in dem Sie nur auf die Steine und Äste steigen. Wenn Sie das gut schaffen, versuchen Sie die Strecke erst so schnell, dann so langsam wie irgend möglich ohne Fehler zu meistern.
Besonders beachten: Treten Sie einmal die Steine mit den Ballen an, dann wieder mit der Fußmitte, dann mit dem Sohlenrand. Wie fühlen Sie sich am sichersten?

3. Haushalten lernen

Ziel: Ökonomisch gehen
Umsetzung: Steigen Sie mit normalem Schrittabstand ein steiles Wegstück hinauf und zählen Sie ihre Schritte. Versuchen Sie dann, die selbe Strecke mit halb so vielen Schritten zu meistern, dann mit doppelt so vielen.
Besonders beachten: Setzen Sie für ein paar Schritte nur die Ballen, dann wieder die ganze Sohle auf und erspüren Sie, wie Ihre Wadenmuskeln reagieren.
Fotos: 
Robert Bösch / Archiv Mammut (li.), Peter Albert
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 06/2014. Jetzt abonnieren!
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