Sonnige Herbsttouren in Osttirol

Flucht nach oben - Herbstwanderungen in Tirol

Zwischen dem Tauernhauptkamm und den Karnischen Alpen liegt ein besonders schönes Stück Tirol. Und nochmal so attraktiv ist es, wenn im Herbst allmählich die große Stille einkehrt und die Natur alle Register der Farbpalette zieht. Herbstwanderungen im Tiroler OSten.
Von Mark Zahel (Text und Fotos)

 
Die Sextener Dolomiten durchbrechen bei Herbstwanderungen in Tirol die Wolken an Toblacher Pfannhorn und Marchkinkele. © Mark Zahel
Herbstwanderungen in Tirol
Melancholie kommt auf, wenn sich die Tourensaison ihrem herbstlichen Finale nähert. Dabei steht dem passionierten Bergwanderer der emotionale Höhepunkt noch bevor! Der Himmel strahlt in rein gewaschenem Blau und hebt sich kontrastreich von Wiesen und Wäldern in warmen Orangetönen ab. Die einen ziehen sich zurück in gewohnte Gefilde und genießen die Zeit in den guten alten Hausbergen; andere bevorzugen den tiefen, mediterran angehauchten Süden – in der Hoffnung, von den kalten Wintermächten noch für lange Zeit verschont zu bleiben. Alpensüdseite ist prima, sinniere ich, verspüre aber zugleich eine unbändige Lust auf richtiges Hochgebirgsflair, wofür in erster Linie der Hauptkamm steht. Da liegt die Idealkombination doch auf der Hand: Herbstwanderungen in Osttirol.

Herbstwanderungen in Tirol: Zwischen Lienz und Italien

Im September lässt sich die Gunst der Hütten nutzen, etwa um längere Strecken auf dem Karnischen Höhenweg abzuschreiten. So lande ich eines Abends auf der Porzehütte oberhalb von Obertilliach. Den nächsten Morgen begrüße ich hoch oben auf der wuchtigen Porze, die mit ihren beiden gesicherten Routen eine mustergültige Überschreitung offeriert. Im Norden stechen Glockner und Venediger aus der Horizontlinie, während im Süden die wilden Berge der Carnia stehen, die in ihren schroffen Felsen und tiefen Wäldern viele Geheimnisse verborgen halten.

Zwei herrliche Wandertage verbringe ich auf dem Karnischen Höhenweg, von dem allein es schon vieles zu erzählen gäbe. Zum Beispiel von der Filmoor-Standschützenhütte, der kleinsten Unterkunft mit der wohl größten und außergewöhnlichsten Speisekarte. Oder von der Pfannspitze, der Kulmination dieser Trekkingroute, die man trotz ihrer 2678 Meter zwischen ihren profilierten Nachbarn kaum erspäht: Dolomiten, Tauern und Karnier – man ist hin und her gerissen. Der Übergang zur Sillianer Hütte versetzt einen vollends in den Gipfelrausch. Ein exklusiver Start mit der gegen das Gailtal vorgeschobenen Gatterspitze, dann die allmähliche Steigerung mit Eisenreich, Schöntalhöhe und Demut; schließlich ein kurzer, zünftiger Seitensprung auf die Hollbrucker Spitze. Da waren die Finger einer Hand bereits abgezählt, und nur der knurrende Magen hielt mich davon ab, auch noch Hornischegg und Hochgruben mitzunehmen. Die Variante mit einem Teller Pasta auf der Hütte schmeckte mir dann doch besser.

In den Tauern

Im Oktober läuft der Herbst zu seiner Höchstform auf. Und der Bergsteiger muss mitlaufen, will er von diesem Jahr noch etwas haben. Der Neuschnee hat während einer Schlechtwetterperiode alles überzuckert, dennoch wage ich den Sprung in die Hohen Tauern und gehe nochmals auf Tuchfühlung zu den ganz hohen Bergen. Im Virgental hat man vor ein paar Jahren einen neuen Weg auf den Mullwitzkogel angelegt – keinen Klettersteig wohlgemerkt, sondern einen ganz normalen Bergweg, der sich geschickt durch steile Matten aufwärts windet – und diese tolle Aussichtskanzel bei Gelegenheit gleich in Wiesbauerspitze umbenannt, als ginge es hier um die Wurst! Unbeeindruckt davon genieße ich die Herbstwanderung in Tirol in vollen Zügen, ganz ohne die Spezialitäten des bekannten österreichischen Fleischverarbeiters …

Zwei Etappen auf dem Venediger-Höhenweg, wo Bonn-Matreier- und Eisseehütte noch offen haben, werden zum Fest für die Sinne. Fast immer wandere ich über dem Hochnebel, der sich dieser Tage hartnäckig einzunisten beginnt. Darüber fühlt man sich im wahrsten Sinne des Wortes auf der Sonnenseite des Lebens. Kaum zu fassen, dass ich hier oben nur noch selten anderen Menschen begegne. An der fast 3000 Meter hohen Zopetscharte erreicht meine Euphorie den Höhepunkt, was auch die Kamera zu spüren bekommt. Ihr Verschluss steht kaum still. Da mich im Dorfertal der Nebel schon wieder zu verschlucken droht, verlängere ich das Hochgefühl bei einem Seitensprung zum (bereits verschlossenen) Defreggerhaus und hadere ein klein wenig mit der verpassten Gelegenheit: Mit einem Tourenpartner und passender Ausrüstung hätte man jetzt eine Sternstunde auf dem Großvenediger erleben können …

Nebelgrau und himmelblau

Tags darauf in Virgen durchdringt die zähe, feuchtkalte Nebelsuppe schlichtweg alles. Das hat sich auch 1000 Meter höher bei der Wetterkreuzhütte nicht geändert. Nur die Hoffnung verhindert, dass die Gedanken so trübe werden wie das Wetter. Tatsächlich, irgendwo bei der 2500-Meter-Marke, dicht unter dem Gipfel des Legerle, ist es soweit: Ich tauche auf ins Licht und erkenne um mich herum all die vertrauten Berggestalten. Wie Inseln in einem Meer, vor einem bestechend weiten Horizont! Tja, Geduld zahlt sich eben aus. Zupalkogel, Donnerstein und Speikboden heißen die weiteren Gipfel auf der Kammtour. Dann geht es zurück ins Grau.
Herbstwanderungen in Osttirol
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