Perfektes Skitourenwochenende Teil III | BERGSTEIGER Magazin
Skitour auf den Großglockner

Perfektes Skitourenwochenende Teil III

Im dritten Teil unserer Serie geht es auf den Grossglockner. Wer den höchsten Berg Österreichs mit Ski besteigen will, sollte unbedingt von der Stüdlhütte aus starten....Von Michael Pröttel (Text und Bilder)

 
Kurz vor dem Skidepot öffnet sich ein genialer Ausblick auf den Obersten Pasterzengletscher und das dahinter markant aufragende Wiesbachhorn © Michael Pröttel
Kurz vor dem Skidepot öffnet sich ein genialer Ausblick auf den Obersten Pasterzengletscher und das dahinter markant aufragende Wiesbachhorn
Großglockner! Wenn man diesen Bergnamen hört, denkt man unweigerlich an einen formschönen, majestätischen Gipfel, an eine der großartigsten Hochtouren der Ostalpen und – an den berühmt-berüchtigten  Stau der Seilschaften an der Glocknerscharte. Eine Stunde Wartezeit ist hier an schönen Sommerwochenenden keine Seltenheit. Da nicht alle Bergsteiger auch versierte Skitourengeher sind, soll es angeblich im Winter am Wahrzeichen Österreichs etwas ruhiger zugehen. Wir machen die Probe aufs Exempel und verschaffen uns dank eines freigenommenen  Freitags zusätzlich noch Zeitvorteil. Der Hüttenwirt der Stüdlhütte bestätigt mir am Telefon, dass ein freitäglicher Hüttenzustieg keine schlechte Idee sei. Die meisten Glockner-Aspiranten brechen nämlich samstags auf, um am Sonntag den 3798 Meter hohen Gipfel in Angriff zu nehmen.

Bloß nicht hetzen! Thomas, Elias und ich gehen es gemütlich an und treffen uns am freien Freitag erst mal zum gemütlichen Frühstück. Schließlich schmeckt ein Kaffee mit der Lektüre eines Skitourenführers noch besser als mit der Süddeutschen Zeitung. Die Sonne hat sich längst hinter den steilen Ostwänden der Freiwandspitze zurückgezogen, als wir nachmittags um halb vier das Lucknerhaus erreichen. Optimales Timing. Wir werden genau rechtzeitig zum Abendessen auf der Hütte sein. Kalter Fallwind fegt das Ködnitztal hinab und trägt das seine dazu bei, dass wir das Dinner nicht verpassen.

Eingemummt wie auf einer Polarexpedition steigen wir zügig an der Lucknerhütte vorbei. Kein Wort wird gewechselt. Jeder von uns dreien hängt seinen eigenen Gedanken nach. Mein Großhirn ist hin und her gerissen: Das Sicherheitszentrum grübelt über den ausgesetzten Gipfelanstieg und darüber, ob die im Sommer allseits beliebten Sicherungsstangen wohl auch im Winter aus dem Schnee herausragen. Die Risikofrontallappen entgegnen brüskiert, es sei überhaupt nicht nötig gewesen, die komplette Seilausrüstung mitzunehmen. Cerebraler Konsens herrscht erst wieder bei Erreichen der Stüdlhütte. Alle Hirnbereiche sind sich einig: Was das Auge da gerade übermittelt, ist wirklich ganz große Klasse. Während der hereinbrechende Abend den weiten Bergkessel unterhalb des Zöllkopfs in ein magisches Blau taucht, leuchtet der Großglockner majestätisch in den letzten Sonnenstrahlen auf.

Die Stüdlhütte hält, was ihr futuristisches Äußeres verspricht. Geräumige Zimmerlager, moderne Sanitäranlagen und eine kundenfreundliche und vor allem sehr leckere Gastronomie – hier auf 2801 Metern Meereshöhe ist man wirklich auf der Höhe der Zeit. Um nicht falsch verstanden zu werden: Eigentlich bin ich ein unverbesserlicher Fan urig-nostalgischer Berghütten, aber wenn man schon eine Hütte grundlegend renoviert, dann ist die Stüdlhütte ein meiner Meinung nach gelungenes Exemplar.

Großglockner - Ein ungeeigneter Skigipfel?

Obwohl wir drei Skitourengeher sind, die ihre Winterziele von der Güte der Abfahrtshänge abhängig machen, schreckt uns die Einschätzung im Hohe Tauern-Führer nicht ab, die unser Ziel nur eingeschränkt als Skitour empfiehlt. Skitauglichkeit hin oder her: Der Großglockner ist für einen ambitionierten Skihochtourengänger ein absolutes Muss.

Wenn es dann anders kommt, als man denkt, – um so besser. Schon beim Betreten des Ködnitzkees steigen höchst erfreuliche Zweifel in Sachen Führereinschätzung  in mir auf. Einen genialeren Firnhang als das vor uns liegende, südexponierte  Riesenkar kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Um so unverständlicher mutet es angesichts der guten Aufstiegsspur an, dass einige Skitourengeher den klassischen Umweg nehmen und mit Ski auf dem Rucksack dem Klettersteig zur Adlersruhe folgen. Zugegeben, der Ausstieg aus dem Kar wird einem auf dem kurzen, felsdurchsetzten Band auch nicht gerade geschenkt. Soweit ich es beurteilen kann, ging hier heute aber keiner zu Fuß. Ein letzter schöner Skihang führt uns zum Skidepot, wo auch wir die Tourenski mit Steigeisen vertauschen.

Ideale Schneeverhältnisse, bestes Wetter und gar nicht einmal so viele Leute. In solch einer euphorischen Stimmung haben die Risikofrontallappen natürlich Oberwasser. Wir lassen die (tatsächlich aus dem Schnee herausragenden) Sicherungsstangen rechts und links liegen und stürmen seilfrei in Richtung Gipfel. Auf der schmalen Firnschneide in der Glocknerscharte haut mein Sicherheitszentrum aber dann doch die Bremse rein. Vorsichtig quere ich über die schwindelerregend herabstürzende Pallavicini-Rinne zum gegenüberliegenden Schlussanstieg, wo solider kristalliner Schiefer meinen Händen wieder festen Halt gibt. Keine fünf Minuten später möchte ich am Gipfel am liebsten die ganze Welt umschlingen. Thomas und Elias sind aber auch kein schlechter Ersatz. Standesgemäß stoßen wir mit einem edlen Tropfen auf den Gipfelerfolg an, – ohne zu wissen, dass der krönende Abschluss erst noch bevorsteht.

Wedeln bis die Muskeln brennen

Schon beim ersten Abfahrtschwung im Riesenkar melden die Nervenbahnen der unteren Extremitäten: Wir haben den idealen Firn erwischt! Jeder der in seinem Skifahrerleben einmal endlos leichte Firnschwünge mit dem (akustisch kaum in Worte zu fassenden) Wegspritzen der glitzernden Eiskörner erlebt hat, wird jedes Mal von Neuem in einen magischen Sog gezogen. So wechseln wir am Ende des Ködnitzkees, wo es eigentlich nach rechts zur Stüdlhütte zurück ginge, einvernehmliche Blicke. Jetzt aufzuhören wäre eine Schande. Beinahe schwerelos geht es die großartigen Südhänge des Ködnitztales weiter hinab. Erst an der Lucknerhütte gönnen wir unseren brennenden Oberschenkeln eine Verschnaufpause und sind uns beim anschließenden Wiederanstieg zur Stüdlhütte einig: Wenn der Südanstieg zum Großglockner keine ideale Skitour ist, dann wissen wir auch nicht weiter.

Dieses Attribut hat der sonntägliche Abschlussgipfel zwar nicht verdient. Dafür ist der gleichermaßen sanfte, wie landschaftlich wunderschöne Anstieg zum Romariswandkopf genau die richtige Tour, um mich noch mehr für die Glocknergruppe zu begeistern: Lohn des langgezogenen Anstiegs ist eine umwerfende Gipfelaussicht auf die weiten Gletscherflächen des Pasterzenbodens und das in der Ferne aufragende Wiesbachhorn. Und ganz zum Schluss wird mir klar, dass ich doch auch einmal im Sommer auf den Großglockner muss: Zu lange hat man bei der Abfahrt den großartigen Stüdlgrat im Blick. 
Ein Touren-Wochenende am Grossglockner
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