Hochtouren in Norditalien

Königstouren in den Ostalpen

Die Ortler-Überschreitung über den Hintergrat zum Normalweg ist eine der großartigsten Hochtouren der Alpen – ganz unabhängig von der Frage, ob der Gipfel sich nun knapp über oder unter der 3900-Meter-Marke befindet.
Von Michael Pröttel

 
Das Suldner Dreigestirn Ortler. Fotos soweit nicht anders angegeben: Bernd Ritschel © Bernd Ritschel
Das Suldner Dreigestirn Ortler
Brouten sind nun einmal in Stein gemeißelt. Wenn es nach mir ginge, würde in der Ortler-Gruppe eine Tour umbenannt werden. Auf die Idee, den Ostanstieg auf Südtirols höchsten Punkt »Hintergrat« zu nennen, können allenfalls die Einwohner von Trafoi gekommen sein. Von deren Talboden aus liegt der großartige Fels- und Firnkamm wirklich »hinter« dem König Ortler versteckt. Hingegen von Sulden aus – oder noch besser von der Kälberalm aus – stehen Hintergrat und Tabarettagrat vollkommen gleichberechtigt nebeneinander. Und mir ist angesichts ihrer gewaltigen Dimensionen unmissverständlich klar, was für eine gewaltige Überschreitung ich mir da gemeinsam mit meinem Tourenkameraden Thomas vorgenommen habe.

Ortler - Muskelarbeit statt Sessellift

Wir sind uns einig: Wenn man sich diese Tour zutraut, darf man nicht schon beim Hüttenzustieg schwächeln. Mit schwerem Rucksack keuche ich steile 500 Höhenmeter zur Bergstation des Langenstein-Liftes hinauf, wo zwei italienische Bergsteiger mit einem entspannten »buona sera« aus den Sesseln steigen. Ihrer Ausrüstung nach zu urteilen, haben sie dasselbe Ziel wie Thomas und ich. Ihr Schmunzeln sagt mir: »Warum sich unnötig quälen? Der morgige Tag wird lang genug!« Plaudernd steigen die Südländer gemeinsam mit uns weiter und sind erst beim Erreichen der Hütte still. Nicht, dass die Jungs aus der Puste gekommen wären: Die direkt gegenüber aufragende Königspitze ist der Grund, dass es allen die Sprache verschlägt. Riesige Eisblöcke am Fuße und braunrote Streifen in der berühmten Nordwand zeugen von enormen Eis- und Felsabbrüchen.

Die Zeiten, in denen die Alpinisten das Haupt des ehrwürdigen Berges stürmten, gehören längst der Vergangenheit an. Heutzutage geht kein vernünftiger Bergsteiger ein derartiges Wagnis ein – zu hoch ist die Steinschlaggefahr inzwischen. Mit der Gewissheit, dass sich die objektiven Gefahren am Hintergrat – von Blitz und Donner einmal abgesehen – in Grenzen halten, genießen wir in der eingeheizten Stube der Hintergrathütte süffigen Rotwein, der nicht zuletzt dem erholsamen Schlaf auf 2661 Metern über dem Meeresspiegel dienen soll. Wie so oft in diesem turbulenten Sommer sagt der Wetterbericht auch für morgen Nachmittag Gewitter voraus. Der Zeitplan lautet also: Um vier Uhr losgehen, um neun Uhr Ankunft am Gipfel und spätestens um eins auf der Payerhütte, wo wir die alpinistischen Schwierigkeiten endlich hinter uns haben werden. Noch vor der offiziellen Hüttenruhe begebe ich mich ins Matratzenlager und schlum-mere sofort tief und fest. So redefreudig die italienischen Bergsteiger tagsüber waren, so rücksichtsvoll sind sie im Lager.

Verstiegen am Felsaufschwung

Vier Lichtpunkte direkt vor und eine blinkende Perlenkette weit hinter uns. Einmal mehr fühle ich mich in meiner Vorliebe für kleine Hochtouren-Teams bestätigt. Obwohl alle Hintergrat-Aspiranten gleichzeitig um halb vier Uhr geweckt wurden, haben Thomas und ich bereits beim Start einen ordentlichen Vorsprung vor den größeren Gruppen. Ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass so manche Stelle am Hintergrat Staugefahr birgt.
Deutliche Begehungsspuren erleichtern die Wegsuche am frühen Morgen, wenn ringsum noch Finsternis herrscht. Erst als es eine Stunde später dämmert, sollte sich das gründlich ändern. Der erste Felsaufschwung beschert uns gleich den ersten Verhauer. Ich quäle mich durch eine furchtbar brüchige Verschneidung im I. Grad, nur um wenige Meter später festzustellen, dass es auch eine leichtere Variante gegeben hätte. Eine Seilschaft, die wir weit hinter uns glaubten, stößt von rechts – und zwar ohne zu kraxeln – zu uns. Klar, dass wir die beiden nicht mehr aus den Augen lassen.

Endlich oben am eigentlichen Grat angekommen, erleben wir einen berauschenden Sonnenaufgang. Wir befinden uns auf 3550 Meter Höhe, doch die klar vorgegebene Anstiegslinie vor uns sowie die rosa schimmernden Nordflanken von Königspitze und Monte Zebru heben unsere Stimmung in unbekannte Höhen. Im Gegensatz zum anstrengenden Zustieg eilen wir nun scheinbar schwerelos über das erste breite Schneefeld und steigen voller Spannung zum Signalkopf auf.

Sturz mit glimpflichem Ende am Signalkopf

Jetzt geht es ans Eingemachte. Anseilen oder nicht? Das ist die Frage. Indem wir weiterhin seilfrei den Signalkopf umklettern, überholen wir die zwei vor uns sichernden Seilschaften. Behutsam prüfe ich mit klammen Fingern jeden Griff und jeden Tritt. Endlich erreiche ich ein schmales Band, das mich wieder auf den Grat zurückführt. Dort macht sich Thomas vor einem Steilaufschwung mit Stellen im IV. Grad schon für den Vorstieg bereit. Keine Viertelstunde später wird in aller Deutlichkeit klar, wie weise die Entscheidung war, hier das Seil anzulegen. Viel zu hektisch klettere ich durch die abgeschmierte, abdrängende Verschneidung, finde keinen Tritt und rutsche mit der anderen Fußspitze ab. Ein kurzer Pendelsturz. Ein schwindelerregender Tiefblick zum Suldenferner. Der erlösende Seilruck. Ohne den perfekt gebauten Stand wäre dieses Intermezzo sicher nicht so glimpflich ausgegangen! Voller Anspannung, was uns im Schlussteil noch an Schwierigkeiten erwartet, geht es ohne Unterbrechung weiter. Angesichts der unsicheren Wetterlage wollen wir den Zeitplan einhalten. Das steile, zweite Eisfeld lässt sich dank idealen Trittschnees gut überqueren; die zweite Stelle im IV. Grad bietet mir schließlich reinsten Genuss. Zuletzt wieder seilfrei, folgen wir einer herrlich ausgesetzten Gratpassage zum höchsten Punkt Südtirols hinauf, den wir bereits um acht Uhr am Morgen erreichen.

Sechs Meter Unterschied am Ortlergipfel

Darüber, auf welcher Höhe wir uns am Gipfel des Ortler befinden, lässt sich streiten. Nach italienischen Messungen liegt das Gipfelkreuz auf 3905 Metern über dem Meeresspiegel. Österreichischen Messungen zufolge ist der Ortler sechs Meter niedriger und bleibt damit knapp unter der 3900-Meter-Marke. Der Unterschied ergibt sich aus den verschiedenen Meerespegeln: Die Österreicher messen von Triest aus, die Italiener benutzen den Hafen Genua als Anhaltspunkt. Böse Zungen behaupten jedoch, dass die rot-weiß-roten Geodäten einen mehr als 3900 Meter hohen Ortler nicht ertrugen … angesichts der Tatsache, dass ihr »Höchster« nicht einmal die 3800-Meter-Marke schafft …
Königstouren in den Ostalpen
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 10/2011. Jetzt abonnieren!
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