Der Dolomiten-Höhenweg Nr. 1

Warum nicht mal anders herum? Der Höhenweg-Klassiker verläuft zwar von Nord nach Süd durch die östlichen Dolomiten; aber auch in umgekehrter Richtung ist es mordsmäßig spannend, immer auf etwa 2000 Meter Höhe zu wandern. Von Mark Zahel

 
Der Blick zurück (ohne Zorn) – zum Ende der sechsten Etappe präsentiert sich die Croda da Lago im Abendlicht © Mark Zahel
Der Blick zurück (ohne Zorn) – zum Ende der sechsten Etappe präsentiert sich die Croda da Lago im Abendlicht
Ein Montagmorgen im Hochpustertal: Wolkenverhangen der Himmel, seit letzter Nacht schifft es ohne Unterlass. In den Bergen bedeutet dieses Szenario einen veritablen Wettersturz mit markant sinkender Schneefallgrenze. Dabei sollte heute der Einstieg in die lange Dolomiten-Durchquerung erfolgen. Normalerweise beginnt man den »Einser« ja am Pragser Wildsee und läuft streng südwärts – sofern man Durchhaltevermögen mitbringt, bis zum Zielort Belluno. Zum Glück habe ich mich rechtzeitig über die mittelfristige Wetterentwicklung schlau gemacht und einen Plan B bereit, der weder auf Verzicht noch auf Vertagung ausgelegt ist. Zusammengefasst lautet die Taktik: Das akute Schlechtwetter für einen Bustransfer nutzen und die ganze Sache von der anderen Seite her aufzäumen. Schon bald sollte der Föhnwind mein Verbündeter sein, und zwar umso effektiver, je weiter im Süden.

Einstieg in die Schiara

Die Busreise von Toblach zum Ausgangspunkt oberhalb von Belluno dauert – mit mehrmaligem Umsteigen – einen halben Tag. Im Cadore geht ein heftiges Gewitter nieder, was ich gelassen hinnehme. In Belluno angekommen, scheint die Unbill im Abklingen begriffen. Es tröpfelt nur noch ein wenig und auf dem Weg hinauf zur ersten Hütte reißen sogar schon Wolkenlücken auf. Über der grünen Wildnis des Val d’Ardo enthüllt sich peu à peu das wuchtige Schiara- Gemäuer. Ein Feuersalamander kreucht behäbig durchs Gebüsch, ich auf dem tadellosen Weg weiter bergauf. Vier Stunden nach den ersten Schritten ist das Rifugio 7° Alpini erreicht, wo es in gemütlich kleinem Kreis ein gutes Essen gibt, dazu ein warmes Bett und zum Lohn für die durchdachte Planung auch noch ein vollständiges Aufklaren des Abendhimmels. Die Taktik scheint fürs Erste aufgegangen. Ein glasklarer Morgen verheißt prickelnd-stimmungsvolles Höherturnen auf der Via ferrata del Màrmol, die für die Begeher des »Einsers« in umgekehrter Richtung gewöhnlich die letzte und größte Hürde bedeutet. Das Bergauf besitzt durchaus Vorteile: Mit schwerem Rucksack beladen, muss ich zwar ein paarmal kräftig ziehen und stemmen, doch der Gang durch die steinerne Riesenapsis löst keine übermäßige Beklemmung aus. Im Schutz der Südwände bin ich zunächst sogar vor dem böigen Föhnsturm gefeit. Spätestens am Grat erwischt er mich jedoch mit voller Wucht, aber auch die Aussicht über ein weites Land »bleicher Berge« und hinaus in die sonst oft von Dunst erfüllte Po-Ebene.

Im Niemandsland der Dolomiten

Die Abschnitte zwischen der Nordseite der Schiara und dem Passo Duràn dürfen als die einsamsten am Höhenweg Nummer 1 gelten. Oft wird diese durchaus beachtliche Strecke in zwei, drei kurzen Sätzen abgehandelt, nicht einmal die Namen der umliegenden Berge werden erwähnt. Was hinter Prunkbauten wie Civetta, Pelmo und Tofana im zweiten oder gar erst im dritten Glied steht, fällt im Bewusstsein der Chronisten allzu leicht durchs Raster. Dabei zeichnet einen pas-sionierten »Durchquerer« ja gerade das Interesse für die ganze Strecke aus, ohne sich zu stark auf viel gepriesene Highlights zu fokussieren. Auch abseits der ganz hohen Gipfel und gewaltigsten Wände offenbart sich rund um Talvena, Prampèr und Tàmer eine bezaubernd wildromantische Südalpen-Topografie.

Mitunter kann ein Wegabschnitt sogar ein wenig überwuchert sein, weil nicht Scharen von Wanderern die Grasnarbe zuverlässig wegtrampeln. Hoch über dem Val Vescovà quere ich hinüber zur Forcella La Varétta, wo mir zwei auf ihrer vorletzten Etappe entgegenkommen. Kurz darauf drei ältere Italiener, die sich Richtung Rifugio Pian de Fontana verlaufen haben. Ich kann sie auf den rechten Weg bringen. Dank des gleichermaßen sonnigen wie angenehm temperierten Wetters beschließe ich nach einem Salamibrot mit Vino rosso den drei¬stündigen Übergang zum Rifugio Pramperèt gleich dranzuhängen. Fraglos eine schö¬ne Route über die Aussichtskanzel der Cima de Zità Sud, doch der unerwartete Schock dieses Bilderbuchtages soll noch kommen: Die kleine Hütte ist voll belegt! Dafür reichen hier schon eine Gruppe des Deutschen Alpenvereins, ein Filmteam des Bayerischen Rundfunks und eine kleine Schar Individualwanderer. Immerhin zeigt sich der Wirt erfinderisch und bringt mich mit ein paar dicken Matratzen von Schnarchern abgeschirmt in einer Abstellkammer unter. Die Nacht geht irgendwie vorbei. 

In den Bannkreis der Civetta

Man soll nicht klagen, wenn einem am nächsten Tag erneut Traumwetter beschert wird. Über die Forcella del Moschesin gelange ich auf die Westseite des Tàmer-Massivs, lasse die Blicke weit über das Agordino zur Pala schweifen und gewahre in nördlicher Richtung schon die Moiazza. Der Steig schlängelt sich unter dolomitischen Felsmassen entlang, unterbrochen durch die Durànstraße, deren Verkehrsbelastung freilich im Vergleich zu anderen Dolomitenpässen überaus moderat ausfällt. Selbst die Marsch-Kilometer auf dem Asphaltband geraten kaum zur Belästigung. Auch am Fuß der Moiazza bleiben die Pfade urwüchsig. Keine Spur von Wanderautobahnen. Das Auge mustert die Wände, durch die die berühmt-berüchtigte »Costantini« verläuft. Mittlerweile stellt sich auch das typische Weitwandergefühl ein, das Tagestouristen fremd bleibt: Die zurückgelegte Strecke kann sich bereits sehen lassen, Eindrücke laufen ab wie ein ruhiger Film, Baustein für Baustein wird zu einem Ganzen zusammengesetzt. 

Durch das Ampezzano

Der Gegenanstieg über die Sandstraße zum Rifugio Vazzolèr fällt in der Nachmittagssonne schweißtreibend aus. Es gibt schönere Wegtrassen, aber kaum eine imposantere Umgebung. Die Türme und Zacken der Civettagruppe bieten ein Spektakel der Formen. Dabei bekommt man hier von dem eigentlichen Prunkstück noch überhaupt keine Ahnung. Nun stehe ich vor der Wahl zwischen der verdienten Siesta beim baumumstandenen Rifugio und einer zweistündigen Draufgabe, die mir den Logenplatz für den eindrücklichsten Sonnenuntergang am gesamten Höhenweg erschließen würde: Nachdem im Rifugio Tissi Quartier bezogen ist, darf zu vorgerückter Stunde das rotglühende Feuerwerk in der Civettawand bewundert werden – ganz ohne inszeniertes Tamtam einfach nur zeitlos schön …  

Ein neuer verheißungsvoller Tag in den Dolomiten kündigt sich an. Zunächst gilt es die Trans-Civetta zu vollenden, am pittoresken Lago Coldai vorbei zur gleichnamigen Hütte, wo grad die Terrasse für den bald einsetzenden Tagesansturm sauber gefegt wird. Mit dem Pelmo als unverwechselbarem Vis- a-vis entferne ich mich vom Civettastock, und der Horizont gewinnt an Weite, Wiesen- grün übernimmt die Herrschaft in der näheren Umgebung. Dazu gehört allerdings auch erstmals ein Liftgebiet, wie es für die zentralen Dolomiten ja nichts Ungewöhnliches ist. Seilbahnwanderer und Mountainbiker verschaffen Begegnungen in dichteren Ab- ständen. Ich peile den Passo Staulanza an, um anschließend durch die Waldzonen und Blockfelder am Fuß des Pelmo weiter gen Norden voranzukommen. Für eine Stärkung lädt das Rifugio Città di Fiume pünktlich zur Mittagsstunde. Erste schüchterne Cumuli und Cirren aus Südwesten deuten derweil an, dass das geschätzte Hoch seinen Zenit bereits überschritten hat.

Wann wird das Wetter kippen? Heute sicher nicht, weshalb ich beschließe, noch ein ordentliches Stück Strecke zu machen. Die Wiesenwellen unter Rocchetta, Croda da Lago und Monte Formin lassen immerhin keine Erschwernisse befürchten. Nur die kurze Klettersteigeinlage hinauf zum Nuvolau verlangt am Ende nochmals die Mobilisierung der Kraftreserven. Leichtgängig allerdings kann man das nicht mehr nennen, wenn man an dieser Stelle schon an die zehn Marschstun- den in den Beinen hat. Die genannte Verbin- dung via Passo Giau empfi nde ich übrigens als die idealere, wenngleich einem damit der zauberhafte Lago di Federa vorenthalten bleibt.

Über Fanes und Sennes

Wie erwartet gibt sich der nächste Tag eher wetterwendisch. Tofane und Fanisspitzen wollen heute nicht so recht leuchten. Auf handelsüblichen Steigen wird Kurs über die Forcella Lagazuoi genommen. Die Steilrinne an der Forcella del Lago hat manche schon das Fürchten gelehrt, besonders wenn sie von oben kamen und unvermittelt in den tiefen Trichter blickten. Dank der gut stabilisierten Serpentinen ist die Sache aber halb so wild. Auf den weiten Hochböden der Fanes sind die Strapazen ohnehin vorbei. Herb und abgeschieden wirkt diese von keinem Ort und keiner Straße einsehbare sagenumwobene Welt, die auf Menschen eine unergründliche Magie ausübt. Vielleicht auch auf Reinhold Messner, der mir hier zufällig über den Weg läuft. Eine halbe Stunde später zieht ein Regenschauer auf, doch der Wind vertreibt ihn gleich wieder. Gleichsam unschlüssig wirkt der Himmel, ob er seine Schleusen einmal richtig öffnen solle, genau wie ich selbst mich von der Faneshütte aus nur noch zu einer kleinen Extratour zum verwunschenen Grünsee entschließen kann und die Gipfel links liegen lasse.

Das Finale am Pragser Wildsee

Im Gegensatz zu den bisherigen Unterkünften geizt die moderne Faneshütte nicht mit Annehmlichkeiten. Dazu darf man die großzügigen Platzverhältnisse und die warme Dusche zählen, für meine Begriffe aber vor allem das reichhaltige Frühstücksbüffet. Dieser Morgen meint es also nochmals gut mit mir, auch was das stimmungsvolle Licht inmitten der Fanesberge angeht. Dabei fällt mir fast nicht auf, dass die breite Jeep-Piste hinunter nach Pederü eher monoton ist. Der Taleinschnitt präsentiert sich freilich wie ein urweltlicher Canyon, tief eingerissen zwischen den Hochplateaus der Fanes und Sennes. Letzteres ist mein nächstes Ziel. Beim Gegenanstieg sorgt ein Gespräch mit einem jung gebliebenen Innsbrucker Seniorenehepaar für Kurzweil. Ich wünsche ihnen viel Glück für ihre Tour auf den Sass dla Para (Lavinores), die stilles, prestigefreies Dolomitenglück verspricht, und verabschiede mich Richtung Sennes- und Seekofelhütte. Das Wetter ist labil geworden, doch es hält mit mir durch, bis das Ziel am Pragser Wildsee erreicht ist. Der Weg gegen den Strom, vom Süden in den Norden, hat sich freilich bewährt. Insbesondere, als ich erfahre, dass sich eine Bekannte zur selben Zeit in umgekehrter Richtung zum Abbruch gezwungen sah. 
 

Der Dolomiten-Höhenweg Nr. 1
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