Schweizer Skiüberquerung vor arktischer Kulisse | BERGSTEIGER Magazin
Die Urner Haute-Route

Schweizer Skiüberquerung vor arktischer Kulisse

Die Urner Ski-Haute-Route kennt keinen festen Weg, sondern ist ein Skitourenpuzzle im zentralschweizerischen Granitgebirge; Start und Ziel sind variabel, die Route kann den Schnee- und Wetterverhältnissen angepasst werden. Drei gemütliche Hütten bieten unterwegs Unterkunft.
Von Folkert Lenz (Text und Bilder)

 
Die Urner Haute Route: Übergang am Tiefenstock. Alle Fotos von Folkert Lenz © Folkert Lenz
Die Urner Haute Route: Übergang am Tiefenstock.
Es ist ein Winter, der nicht enden will, meterdicker Schnee liegt noch auf den Dächern. Andermatt, Hospental, Realp: Die Dörfer im Urserental sind tief verschneit, zwischen den eng stehenden Häusern ist fast kein Durchkommen. Die Menschen müssen sich an den zusammen geschobenen Hügeln vorbeizwängen. Dabei ist es schon halb Frühling. »Die Gäste, sie sind satt vom Schnee«, knurrt der Wirt vom Hospentaler Weißen Rössli. Seine Stube ist leer, denn die Skifahrer wollen einfach nicht mehr kommen. Dabei lädt Anfang April eine Wetterfront nach der anderen seine kalte Fracht über der Landschaft ab.

Normalerweise sind die Südhänge oberhalb von Realp um diese Zeit schon grün. Doch diesmal präsentieren sie sich in makellosem Weiß. Uns ist es gerade recht, als wir das Dorf verlassen und zur Albert-Heim-Hütte aufbrechen. Auf der zugeschneiten Furkapassstraße geht es die ersten Kehren bergan, doch bald verlässt die Skispur die Straße und zieht den Hang direkt hinauf. Wir wollen noch einen Gipfel am Wegesrand mitnehmen und steigen über Auf den Stöcken an – einen Rücken, der kurz vor der Hütte endet. Das erspart uns auch die heikle Querung unterhalb der aufgeweichten Steilhänge, die zum Haus führen. Ein paar Schwünge nur sind es hinunter zur Sonnenterrasse. Später taucht eine schmale Mondsichel über dem behaglichen Steinbau auf, die milchig-trüb und verschwommen schimmert.

So zeigen sich die umliegenden Berge in der Früh verhüllt von Wolken. Noch im Halbdunkel rutschen wir zum Tiefengletscher hinab, dann geht es bei diesiger Sicht unter dem Galenstock entlang bergan. Seine gewaltige Felsenmauer können wir nur erahnen. Zügig spuren wir unter dem Gletschhorn hindurch und in einer großen Linksschleife in den hintersten Grund des Tiefengletschers. Genau dorthin wollen wir, wo der Granitriegel scheinbar kein Durchkommen mehr ermöglicht. Denn an einer Stelle senkt sich der Südgrat des Tiefenstocks ein bisschen ab. Hier liegt der erhoffte Durchschlupf, den wir im Nebel kaum ausmachen können. Steil geht es noch mit Ski bis an den Fuß der Wand. Dann zeigt ein frisch installiertes Bergseil, dass hier tatsächlich der Weiterweg ist. Die Bretter wandern auf den Rücken, dafür kommen Pickel und Steigeisen zum Einsatz. Das Fixseil hilft über die erste glatte Wandpassage hinweg. Dann geht es durch verschneites, steiles Blockwerk hinauf. Ein Firnhang und die Abschlussfelsen führen schließlich knapp hundert Meter höher zum Ausstieg. Es dürfte sich um das alpinistisch delikateste Stückchen der Urner Runde handeln. Seilsicherung bietet sich hier allemal an, wenn die Felsen – wie diesmal – mit Reif und Eis überzogen sind und der Wind den Schnee als feine, weiße Drift in unsere Jackenkragen bläst.

Powder-Alarm auf Skitour in der Schweiz

Ein paar Dutzend Meter geht es dann auf der anderen Gratseite mit Ski weiter, bis die Felsen unvermittelt gen Rhonegletscher abbrechen. Nun gilt es, die Abseilstelle an einer Granitplatte zu finden. Erst dann ist die Barriere überwunden. Danach treten die skifahrerischen Anforderungen wieder in den Vordergrund. Noch beim Ablassen beobachten wir, wie eine Gruppe unter uns ihre regelmäßigen Schwünge in den Powder zeichnet. Wir können es kaum erwarten, uns selbst in den Tiefschnee zu stürzen. Hinab zum Rhonegletscher dann Wedelvergnügen pur: mehr als 300 Höhenmeter pulvriger Fahrspaß! 

Auf der Gletscherebene erwartet uns fast arktische Weite: in alle Richtungen nur gemächlich ansteigendes Weiß. Der Rhonegletscher ist für seine Großzügigkeit bekannt, und die wenigen Skitourengeher lösen sich als kleine schwarze Punkte in der gigantischen Alpinkulisse fast auf – nicht viel mehr als ein bisschen Fliegendreck auf der Landkarte!

Wie gut, dass sich die Sicht gebessert hat. Über den Grossfirn steigen wir hinauf zur Unteren Triftlimi, dann zwingt uns der Sturm über das Joch hinweg. In angenehmem Gefälle gleiten wir Kilometer um Kilometer bis zur Trifthütte, die wir schließlich über einen kurzen Gegenanstieg erreichen. Das Steinhaus sitzt auf einem windigen Rücken und kann im Winter zu einer Mausefalle werden, von der es bei entsprechenden Neuschneefällen weder vor noch zurück geht. Denn für den folgenden Abschnitt der Urner Haute Route sind absolut sichere Bedingungen unbedingte Voraussetzung.

Am nächsten Morgen ist der Wind vom Vortag zum Föhnsturm angeschwollen. In kurzer Abfahrt geht es abermals über den Triftgletscher und in knapp einstündigem Aufstieg Richtung Steinhüshorn. Auch dieser Gipfel wäre ein lohnendes Ziel »so nebenbei«. Doch angesichts der langen Tagesetappe biegen wir schon bei einem unscheinbaren Felskopf rechts weg. Ein Durchlass ist zwar nicht zu erkennen, doch der Orkan treibt uns den Steilabbruch hinunter, dessen Einstieg ein Steinmann markiert. Ein paar Schritte zu Fuß hinab, dann weitet sich das Schneecouloir zu einem veritablen Pulverhang. Je flacher dieser allerdings wird, desto mehr windverpressten Blockschnee finden wir. Ein mühsames Geschäft! So sind die 900 Meter hinab bis zum Gletschersee unterhalb des Triftgletscher-Eisbruchs harte Arbeit; zumal die letzten 200 Höhenmeter durch einen engen Bachtobel führen, der bisweilen um die vierzig Grad steil ist. Kein Problem, wenn er gut mit weichem Lawinenschnee ausgefüllt ist; aber wahrlich kein Vergnügen, wenn die Engstelle einmal eisig ist.

Kurze, schnelle Spitzkehren in den Urner Alpen

Schon lange ist von hier aus auch die beeindruckende Rinne sichtbar, die uns im Anschluss über die Tierberge hinweg zur nächsten Hütte bringen soll. Ein 1400 Meter hoher Schlauch – und durchaus ein bisschen Furcht erregend. Wir haben Glück: Der Schnee im Auslauf des Couloirs ist so weich, dass wir mit Ski aufsteigen können. Häufig ist der Firn dort aber so hart gefroren, dass für das erste Drittel des Hanges Steigeisen nötig sind. In kurzen, schnellen Spitzkehren geht es zwischen den Lawinenkegeln hinauf, die aus allen Richtungen zugleich in dieses Loch gestürzt scheinen. Erst nach eineinhalb Stunden lehnt sich das Gelände etwas zurück, die Rinne wird zusehends breiter. Aufatmen. Eine Lerngelegenheit für gute Spitzkehrentechnik ist der Anstieg allemal. »Zwischen den Tierbergen« heißt der markante Einschnitt mit den darüber drohenden Hängegletschern.

Geschwindigkeit ist hier deshalb Trumpf. Auch weil die letzten Meter hinauf zur Tierberglilücke abermals durch einen Steilhang führen, der nicht allzu spät am Tag überwunden werden sollte. Die kurze Traverse zur Tierberglihütte hinüber bietet dann den gemütlichen Ausklang eines anspruchsvollen und fordernden Tourentages. Den sollte man übrigens mit einem »Haslitaler Nusskuchen« beschließen, wenn die Hüttenwirtin  Helen ihn frisch aus dem Ofen holt. Eine kalorienreiche Ergänzungsnahrung für hungrige Bergsteigermägen. Mmmh!
Wir entscheiden uns, die Durchquerung diesmal im Göschenertal zu beenden. Mit dem ersten Licht steigen wir von der Tierberglihütte über den hart gefrorenen Firn zum Sustenhorn auf: ein kommoder Skispaziergang. Nach drei Stunden stehen wir auf dem 3349 Meter hohen Gipfel und stoßen dort auf ein eindrückliches Panorama: die Gipfelparade von Wallis und Berner Oberland; Viertausender dicht an dicht.

Der frühe Aufbruch hat sich gelohnt. Selbst die steilen Südosthänge hinunter zur Chelenalphütte sind noch pickelhart und die Stahlkanten kratzen auf dem Eisdeckel. Wir tauchen immer weiter hinab ins Tal, das sich tief unter dem gewaltigen Massiv des Dammastocks eingeschnitten hat. Eine letzte Firnrinne zwischen den Felsen hindurch bringt uns auf den Talboden. Dann heißt es kilometerlang hinausschieben bis nach Göschenen. Hier hat die Frostsaison schon verloren, die Frühlingssonne längst die Oberhand. Wir wedeln hinein in die warme Jahreszeit. Irgendwann muss jeder Winter enden – ob er will oder nicht.
Auf der Urner Ski-Haute-Route. Von Folkert Lenz
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