Faszination Skitour | BERGSTEIGER Magazin
Prominente Sportler über das Phänomen Skitour

Faszination Skitour

Was ist es, das die Bergsteiger jeden Winter hinaus treibt in die unwirtliche Kälte? Der BERGSTEIGER suchte die Antwort bei einigen prominenten Vertretern unter den vom Skitouren-Virus Infizierten.

 
Prominente Sportler über das Phänomen Skitour © BERGSTEIGER
Weit und breit nur weiß: Aufstieg zum Eiskögele in den Ötztaler Alpen
Der Himmel strahlt in dunklem Blau, um die Knie staubt weißer Pulver. Noch ein paar Höhenmeter zum Gipfel. Gleich wird sie befriedigt, die Sehnsucht nach dem schwebenden Gefühl, wenn wir in weichen Schwüngen abwärts gleiten. Ist es dieses Gefühl, was die Skitourengeher hinaustreibt in die erstarrte Winterwelt? Oder ist es die Freude daran, die frische, weiße Decke mit seinen eigenen, ganz individuellen Spuren zu verzieren? Oder gar der Spaß am Abenteuer? So mag es für die beiden Kletterer David Lama und Hansjörg Auer sein, die den schwierig zu besteigenden Strahlkogel zu einer ihrer Lieblingstouren auserkoren haben. Herausforderung ist auch das Stichwort für den Südtiroler Hans Kammerlander, dessen Skitourentipp auf die Rötspitze im Ahrntal einem kurz vor dem Gipfel noch einmal alles abverlangt. Der Münchner Benedikt Böhm sucht die Herausforderung in der Geschwindigkeit und absolviert die 2000 Höhenmeter auf die Alpspitze über Garmisch-Partenkirchen mal eben in drei Stunden. Und Alix von Melle ist gar erst übers Skifahren zu den Superlativen der Achttausender-Besteigungen im fernen Asien gekommen. Auch in den Alpen lieben sie und ihr Mann Luis Stitzinger anspruchsvolle Wintertouren wie die Weißkugel-Runde.

Doch was wäre schon eine Regel ohne Ausnahmen? Die bilden in diesem Fall die Spitzenkletterin Nina Caprez aus der Schweiz sowie die Südtiroler Brüder Florian und Martin Riegler, die für ihre harten Routen in Eis und Fels bekannt sind. Gemütlich wollen es die drei auf Skitour angehen lassen – als willkommenen Ausgleich zu ihren extremen Leistungen in der Vertikalen. Der Genuss-Sportler seufzt erleichtert auf. Für ihn geht es schließlich weniger um Rekorde denn um das Ausscheren aus dem Alltag – um jenen Moment, »wenn man oben in der Sonne sitzt, hinter sich die Städte unter dem Nebelmeer, vor sich die Gipfel«, so beschreibt es der Schweizer Autor Daniel Anker. Dass selbst einfache Skitouren hohe Gefahren bergen können, wissen Patrick Nairz und Rudi Mair vom Lawinenwarndienst Tirol am besten. Ihr Tourenvorschlag auf das Naviser Kreuzjöchl ist da keine Ausnahme. Was uns aber nicht davon abhält, der Skitourensaison entgegen zu fiebern!

Hans Kammerlander - Rötspitze (3496m)

Variantenreich über unberührte Flanken und Rinnen

An die 30 Mal war ich bestimmt schon oben. Aber die Skitour auf die Rötspitze fasziniert mich jedes Mal aufs Neue, weil sie so viel Abwechslung bietet. Außerdem führt sie in hochalpines Gelände und eignet sich für mich ideal, um meine Ausdauer für größere Unternehmungen zu trainieren. Allerdings müssen die Schneeverhältnisse sicher sein, und man sollte sehr früh aufbrechen. An der Unteren Rötspitze lege ich die Steigeisen an. Kombiniertes Gelände, wie es nun folgt, mag ich sehr gerne: eine kleine Herausforderung zum Finale! Unterschätzen sollte man den hochalpinen Grat zum Gipfel der Rötspitze im Frühjahr auf keinen Fall. Auf dem Gipfel hat man dann genug Zeit, um die eindrucksvolle Aussicht auf die Venedigergruppe und den luftigen Tiefblick ins Umbaltal mit seinem zerklüfteten Gletscher zu genießen. Bei der Abfahrt nehme ich je nach Schneeverhältnissen eine der steilen Rinnen – eine unberührte Flanke finde ich hier immer. Drunten in Heiliggeist, diesem schönen Wallfahrtsort, beschließe ich die Tour mit einer gemütlichen Einkehr.

David Lama & Hansjörg Auer - Strahlkogel (3295m) 

Rundtour mit Abenteuer-Charakter

Wenn wir einem Umhausener erzählen würden, dass wir im Winter auf diesem Gipfel gestanden sind, würde er vermutlich staunen – zumindest insgeheim. Zu schroff wirkt die Felspyramide, zu uneinnehmbar ihre überzuckerten, steilen Wände. Der Strahlkogel zählt nicht gerade zu den bekanntesten Ski-Gipfeln in den Stubaier Alpen – da tauchen eher Namen wie Schrankogel, Breiter Grieskogel oder Ruderhofspitze auf, die mit Ski auch leichter erreichbar sind. Trotzdem – oder gerade deshalb – reizte uns die Tour. Und natürlich, weil der Berg der höchste Gipfel über Hansjörgs Heimatort ist. Man braucht nicht nur eine gute Kondition, um die 1630 Höhenmeter an einem Tag zu überwinden, sondern auch ein bisschen Klettertechnik und Gespür für die richtige Route in diesem Niemandsland. Der Strahlkogel ist eben ein Abenteuer und kein Paradeziel wie sein Nachbar, der Breite Grieskogel. Den Grat zum Gipfel mit Skischuhen und Steigeisen zu klettern ist nicht ohne! Vor und nach dieser Herausforderung bleibt genügend Zeit, die Landschaft ringsherum zu genießen: das Grastal mit seinem vereisten Bach in der Mitte, dann die mächtige Westwand des Grastaler Grieskogels und am Ende die geniale, nordseitige Abfahrt ins Larstigtal!

Benedikt Böhm - Alpspitze (2628m) 

Einsamkeit frühmorgens

Die Alpspitze ist der erste alpine Berg südlich von München. Ich liebe sie für ihre wunderschöne Pyramidenform und dafür, dass sie mir mit ihrem alpinen Charakter ein so ausgedehntes, wunderschönes Trainingsgelände zum Skibergsteigen bietet. Zwar ist der Berg ein sehr bekanntes Tourenziel, trotzdem ist es eine meiner Lieblings-Trainingstouren. Anfangs nervt der Aufstieg über die Pisten ein wenig. Aber wenn gewalzt wird oder viel Betrieb ist, meide ich sie ohnehin. Ein Vorteil der Pisten ist natürlich, dass man dadurch noch bis weit ins Frühjahr hinein eine schneesichere Talfahrt vorfindet. Die Abfahrt vom Gipfel über den 400 Höhenmeter langen und bis zu 40 Grad steilen Osthang ist bei optimalen Verhältnissen ein Traum für jeden Skifahrer, kann aber nach Neuschnee gefährlich sein. Den Trubel umgehe ich, indem ich dort entweder vor der Arbeit um vier Uhr morgens oder nach der Arbeit um acht Uhr abends unterwegs bin. Da gehört mir die Alpspitze dann meistens komplett allein. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden um diese Zeit auf dem Weg zum Gipfel getroffen, obwohl ich 20 bis 30 Mal in der Saison oben bin.

Nina Caprez - Vilan (2375m)

Skiständer statt Gipfelkreuz

Eine meiner Lieblings-Skitouren ist der Vilan im Prättigau; quasi vor der Haustür meines Elternhauses in Küblis. Der Aufstieg ist nicht schwierig – von Seewis läuft man in gemütlichem Tempo etwa vier Stunden zum Gipfel – aber die Bedingungen müssen perfekt sein, weil die Hänge im oberen Teil komplett frei von Bäumen und daher lawinengefährdet sind. Dafür hat man einen traumhaften Ausblick auf die Berge des Prättigau. Und was wohl ein absolutes Unikum ist und zeigt, wie beliebt die Tour unter Skifahrern ist: Der Vilan hat statt einem Gipfelkreuz einen Skiständer! Nach einer gemütlichen Brotzeit auf der Aussichtsbank (direkt neben dem Skiständer) bietet die Abfahrt bei Pulverschnee-Verhältnissen oder im Frühjahr bei Firn alles, was sich Tourengeher und Freerider wünschen: weite, baumfreie Hänge, die nicht zu steil sind und außerdem immer genügend Platz gewähren, um seine eigene Line in die weiße Fläche zu ziehen. Bei viel Schnee bin ich sogar schon bis nach Schiers ins Tal gefahren. Und wenn der Schnee nicht so optimal ist, dann kehre ich eben gemütlich beim Seewiser Skilifthüttli auf ein Shorley ein!

Alix von Melle & Luis Stitzinger - Weißkugel-Runde

Anstrengen lohnt sich

Die erste Spur in die glitzernde Schneedecke ziehen, hinein zu marschieren in die unberührte Natur und seinen eigenen Weg zu suchen: Das ist das Schönste am Skitourengehen! Ich (Alix) bin ja übers Skifahren zu den Bergen gekommen. Jetzt bin ich sehr froh, dass ich es mit 19, 20 Jahren mit einer solchen Hartnäckigkeit – jeden Winter über mehrere Wochen – trainiert habe. Eine der landschaftlich grandiosesten Skitouren, die wir immer wieder gerne machen, ist die Weißkugel-Runde. Über den Langtauferer Ferner und mehrere Passübergänge führt sie auf einen der höchsten Skigipfel der Ostalpen, der mit seiner zentralen Lage eine umfassende Rundumsicht von den Berner Alpen im Westen über Glarner Alpen, Rätische Alpen und Bernina, Ortler, Brenta, Dolomiten und Großglockner bis zur Schobergruppe im Osten bietet. Dazu kommt die lange Abfahrt über den steilen Freibrunner Ferner, die vor allem bei Pulverschnee spektakulär ist. Die Tour verlangt gutes skifahrerisches Können, Erfahrung bei der Lawinenbeurteilung und eine hervorragende Ausdauer. Wem die sieben, acht Stunden zu anstrengend sind, der kann die Tour auch durch eine Übernachtung auf der Weißkugelhütte entzerren.

Florian Riegler - Suldenspitze (3376m) 

Für Langschläfer, Schneeschuhgeher und Snowboarder

Zugegeben, ich bin ein Langschläfer. Vor allem im Winter. Allen, denen es genauso geht, kann ich die Skitour auf die Suldenspitze nur empfehlen. Der Gipfel ist dank Suldenbahn locker auch an einem halben Tag zu erreichen, obwohl er schon gut über 3000 Meter liegt. Der Aufstieg durch die imposanten Eisbrüche ist bisweilen spektakulär – vielleicht gefällt mir diese Tour ja auch deshalb so sehr, weil ich dabei viel Eis um mich herum habe. Auf Skitour halte ich grundsätzlich die Augen offen, ob ich nicht irgendwo die Möglichkeit zu einer neuen Eiskletter-Route erspähe. A propos: Ganz in der Nähe der Suldenspitze erlebten mein Bruder Martin und ich im Frühjahr 2010 ein extremes Abenteuer, als wir uns auf unserer neuen Route »Schachmatt« durch die Nordwand der Königsspitze pickelten ... Aber zurück zur Skitour: Ich mag die Suldenspitze auch deswegen, weil ich dabei – anders als beim Eisklettern – Familie und Freunde mitnehmen kann. Die Mama läuft mit Schneeschuhen, ein paar Freunde mit dem Snowboard am Buckel ... »Ich bin kein Skitourengeher« oder »Mir fehlt die Kondition«, solche Ausreden zählen hier nicht. Egal, große Überredungskünste braucht es für diese einfache Tour eh kaum. Das fabelhafte Panorama mit dem Ausblick auf die zwei höchsten Berge Südtirols – auf den Ortler und die Königsspitze – spricht für sich.
Faszination Skitour. Text: Dagmar Steigenberger
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