Lohnende Nachbargipfel des Königs der Alpen

Mit Blick auf »König Ortler«

Für viele ist und bleibt er der heimliche König der Ostalpen – der 3905 Meter hohe Ortler. Am besten lässt sich seine imposante Gestalt von den benachbarten Wandergipfeln bestaunen.
Von Andrea (Text) und Andreas Strauß (Fotos)

 
Lohnende Nachbargipfel des Königs der Alpen © Andreas Strauß
Pickel und Steigeisen können daheim bleiben: Die Ortlergruppe bietet genug gletscherfreie Touren.
Seine Zeiten als offizieller König der Ostalpen hat er schon eine ganze Weile hinter sich. Mit der neuen Einteilung von Ost- und Westalpen musste der Ortler diesen Titel an den 144 Meter höheren Piz Bernina abgeben. Ein Superlativ bleibt ihm dennoch erhalten – als größte Erhebung der italienischen Provinz Südtirol wie auch der Region Tirol. Eigentlich also kein Wunder, dass ich mich jedes Mal rechtfertigen muss, wenn wir in der Ortlergruppe unterwegs waren, den Ortlergipfel aber ausgelassen haben.

Allerdings macht der Ortler es einem auch nicht gerade einfach: Ein stolzer Dreitausender reiht sich in seiner unmittelbaren Umgebung an den nächsten, mit Ausblicken – einer umwerfender als der andere. Man muss es also nicht zwangsläufig samt Pickel, Steigeisen und Seil mit Payerhütte, Hintergrat oder Marltferner aufnehmen. Und so entscheiden wir uns auch diesmal wieder, uns mit dem Blick auf den entthronten König zufrieden zu geben und in den nächsten Tagen Gipfel wie die
Tschenglser Hochwand, den Hohen Angelus, den Piz Umbrail und die Suldenspitze in Angriff zu nehmen. 

Auf's Hasenöhrl - aber besser mit Sandsack

Unsere erste Tour aber führt uns aufs Hasenöhrl. Der Sandsack gehört hier unbedingt auf die Ausrüstungsliste. Trotzdem habe ich ihn vergessen. Anfangs ist das nicht weiter schlimm: Von der Tarscher Alm (1940 m) bis auf den Nordgrat hinauf komme ich gut ohne Zusatzgewicht aus. Bei unserem Marsch über das Almgelände und vorbei an der historischen, zweieinhalb Kilometer langen Wasserleitung vom Kuppelwieser Ferner bin ich froh, in der Fliegengewichtsklasse zu spielen und einen leichten Rucksack zu tragen. Auch der Weiterweg über den langen Grat zum Hasenöhrl ist grundsätzlich für trittsichere Bergsteiger unproblematisch.

Zwar führt uns unsere Route weder auf den Hasenohrferner rechts von uns, noch auf den Kuppelwieser Ferner auf unserer linken Seite. Trotzdem spüren wir die Nähe der beiden Gletscher: Windböen fegen über den Grat und treiben scharfe Eiskristalle Richtung Martelltal. In unserer Gruppe pflegt jeder seinen eigenen Umgang mit dem Wind. »Ganz wichtig: ins Lee pinkeln!«, sagt der eine. »Kameralinse nicht gegen den Wind halten!«, rät der andere. Weiter bringen mich diese Tipps nicht: Ich wünsche mir nur, bei gleicher Größe zehn Kilo schwerer zu sein. Trotz der Strapazen auf den letzten Metern bleibt uns der Blick auf den Ortler heute verwehrt. Aber wir haben ja noch einige Bergtage vor uns.

Drei Tage, vier Gipfel im Ortlermassiv

Hohe Ausgangspunkte sind für Touren in der Ortlergruppe ein großer Vorteil. Wer von Norden kommt, hat mit Ultental, Tarscher Alm, Martelltal, Suldental und Trafoier Tal mit dem Stilfser Joch Startpunkte auf einer Höhe zwischen 1900 und 2700 Meter. Eine satte Tagestour bleibt die Tschenglser Hochwand auf 3373 Metern trotzdem. Wer von St. Gertraud im Suldental über das Zaytal zur Düsseldorfer Hütte aufsteigt, sich hier einquartiert und die Schöneckgipfel, besagte Hochwand und den Angelus besteigt, hat drei Bergtage der Extraklasse vor sich.

Wir aber beschränken uns auf die Tschenglser Hochwand. Der alte Klettersteig durch die Südwand wurde 2002 mit einem neuen ergänzt. Er ist zwar nicht besonders lang, hat aber einige wirklich luftige Stellen. Vom Gipfelkreuz aus genießt man einen umwerfenden Blick in den Vinschgau. Und nicht nur das: Rundum reihen sich Sesvennagruppe, Ötztaler Alpen, Dolomiten und Königspitze, Zebrù und Ortler auf. »Von dem Spitzchen neben der Königspitze müsste der Blick auf Ortler und Co. doch noch besser sein«, überlege ich, während ich das Panorama genieße. Das Spitzchen ist die Suldenspitze. Auch sie ist ein ordentlicher Dreitausender. Da sie sich drei übermächtige Nachbarn ausgesucht hat, wirkt sie aber dennoch wie ein Zwerg. In zwei Tagen wollen wir zu ihr aufsteigen – gletscherfrei von Süden mit San Caterina als Ausgangsort.

Hart an der Grenze

Der kürzeste Weg nach San Caterina führt uns über das Stilfser Joch. Hier angekommen, unterbrechen wir für einen zusätzlichen Dreitausender: den Piz Umbrail. Im Ersten Weltkrieg war der 3031 Meter hohe Berg hart umkämpft. Österreicher und Italiener lieferten sich eine unerbittliche Schlacht um jeden Meter. Auch heute sind die Grenzverhältnisse nicht eindeutig, die Österreicher allerdings sind klar aus dem Rennen. Der Piz liegt genau auf der Staatsgrenze zwischen der Schweiz und Italien. Schützengräben und Barrackenfundamente auf dem Weg nach oben zeugen von dem einstigen Kampf. Vor allem aber gilt für diesen Weg: Er ist kurz und aussichtsreich. 500 Höhenmeter für ein umwerfendes Panorama.

Um am nächsten Tag die Suldenspitze zu erklimmen, müssen wir schon deutlich mehr leisten. »Geht‘s auf den Cevedale?«, frage ich einen Mountainbiker, der sein Rad über den Gebirgspfad zur Casatihütte schiebt. Doch er lächelt nur gequält. Dabei wäre es an sich gar nicht so verkehrt, diese Tour mit dem Rad anzugehen – sofern man es rechtzeitig zurücklässt. Denn vom Parkplatz beim Rifugio Forni hat man als Wanderer erstmal gute sechs Kilometer auf einer Almstraße durchs Cedectal vor sich. Majestätisch präsentieren sich auf diesem Abschnitt die Gletscherberge, die sich auf beiden Seiten hochziehen. Getrübt wird das Ambiente allerdings von den vielen Geländewagen, die durch den Nationalpark zum Straßenende und anschließend querfeldein heizen. Doch spätestens bei der steilen Moränenflanke zur Casatihütte ist auch für Autos mit Allradantrieb Schluss. Oben angelangt, stehen wir unvermittelt am Gletscherrand. Suldenspitze, Cevedale und Zufallspitze rahmen das eisige Becken ein. Schneefrei ist nur der Südrücken der Suldenspitze.

Qual der Gipfelwahl

Der Ortler scheint von hier zum Greifen nah. Ohne Pickel und Steigeisen erlebt man das sonst nur noch am Vorderen Schöneck. Ein Prachtgipfel. Unser Rückweg führt über den Höhenweg oberhalb der Straße. Eine kluge Entscheidung – so können wir uns den Rest des Tages von den vielen Autos des ersten Abschnitts erholen. Zwei Tage soll das Wetter noch halten – drei Touren im Dunstkreis des »Königs« haben wir noch vor uns. Nummer eins und zwei liegen an der Südwestecke der Ortlergruppe. Der Monte Gaviola ist ein bequemes Ziel nahe der Passhöhe des Gaviapasses. Sein großer Bruder, der Monte Gavia, liegt auf der anderen Straßenseite und gehört genau genommen gar nicht mehr zum Ortler. Leider können wir uns nicht einigen, welchen Gipfel wir vormittags erklimmen wollen und welchen am Nachmittag. »Auf den schöneren zuerst«, lautet die Devise. Nur: Welcher das ist, wissen wir noch nicht. Während Andi davon überzeugt ist, dass dieses Prädikat für den Gaviola gilt, mache ich mich für den Gavia stark. Letztlich nimmt sich jeder seinen Gipfel vor; Andi orientiert sich Richtung Osten, ich gehe nach Westen. Und natürlich: Auch im Nachhinein ist jeder von uns davon überzeugt, auf dem schöneren Gipfel gestanden zu haben.

Bei unserer dritten Tour einen Tag später sind wir uns wieder einig – der Monte Vioz soll‘s werden. Er ist der höchste Wandergipfel der Ostalpen. Der Plan ist einfach: Mit dem Lift vom Talort Pejo rauf auf 2400 Meter, dann über den Südrücken zum Gipfelkreuz auf 3645 Meter. Ausschnaufen und wieder runter. So lange – das jedenfalls ist unsere Hoffnung – wird das Wetter schon halten. Doch unser Plan geht nicht auf – der Lift ist außer Betrieb, somit liegt unser Ausgangspunkt knapp 800 Meter tiefer als wir angenommen hatten. Macht nichts, Plan B ist schnell gefasst: schneller laufen. Wir starten früh und laufen im Sauseschritt an der Malga Saline vorbei den Südrücken hinauf. Der Weg ist gut, ein richtiger Wandergipfel eben. Auch die Sicht ist wunderbar, nur im Süden brauen sich ein paar Wolken zusammen.

Kurz verschnaufen wir am Rifugio Vioz Mantova, eine Viertelstunde entfernt vom Gipfel und ein Logenplatz mit Sonne von morgens bis abends. Die große Pause folgt dann am Gipfel. Dort sehen wir auch die ersten Anzeichen für den Wetterumschwung. Daher gilt nach einer ausgiebigen Brotzeit wieder Plan B. Und so hatten wir einmal mehr fantastische Tage in der Ortlergruppe – ohne den gestürzten König zu besteigen.
Unterwegs in der Ortlergruppe. Von Andrea (Text) und Andreas Strauß (Fotos)
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 12/2011. Jetzt abonnieren!
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