Big Walls in Süd-Chile

Sie sind jung und sie gehören zur Weltspitze. Im Dezember 2008 waren sechs Tiroler Sportkletter-Stars auf ihrer ersten Expedition; ein Bericht aus dem chilenischen Valle Cochamó.

 
David krallt sich an die winzigen Leisten von »Nunca mas Marisco« am Cerro Trinidad (Foto: Heiko Wilhelm, Red Bull Photofiles/Heiko Wilhelm) © Heiko Wilhelm, Red Bull Photofiles/Heiko Wilhelm
David krallt sich an die winzigen Leisten von »Nunca mas Marisco« am Cerro Trinidad
Sämtliche Muskeln sind bis zum Zerreißen gespannt. Jeder einzelne Nervenstrang feuert mit hunderttausend Volt. Und Knochen und Sehnen halten dagegen. David klammert sich an Millimeterkäntchen fest, an Käntchen, die für Normal-Sterbliche überhaupt nicht existieren. Aber es sind die einzigen Haltepunkte in einem ansonsten haltlosen Gemäuer. Die Rechnung sieht so aus: Sieben Meter links ist ein Bohrhaken, sieben Meter rechts wartet das Ziel – ein Riss, der den Granit-Ozean durchschneidet und den Weiterweg markiert. Jede Bewegung in Richtung Riss ist ein Schritt vorwärts. Aber jeder Schritt vorwärts macht den drohenden Pendelsturz noch größer und gefährlicher, als er ohnehin schon ist. Vor oder zurück? Eine Entscheidung muss her. Und David entscheidet sich wie immer…

Die eigentliche Entscheidung fiel schon einige Monate früher – im letzten Sommer, als David die Idee zu dieser Expedition hatte. Damals hatte er vom Valle Cochamó gehört. Das abgelegene Tal im Süden Chiles, so erzählte ihm ein Freund, sei das südamerikanische Pendant zum nordamerikanischen Yosemite Valley. Und das kannte der junge Tiroler von einem Trip aus dem Jahr zuvor. Eine Menge harter Routen hatte der damals 16-jährige Youngster in dem kalifornischen Klettermekka wiederholt und damit die Szene in helle Aufregung versetzt. Was die gigantischen Granitwände an Klettermöglichkeiten boten, begeisterte ihn, nur fehlten ihm die Erstbegehungsmöglichkeiten.

Mühsamer Zustieg zur Big Wall

Im Valle Cochamó gibt es davon mehr als genug. Kein Wunder, wenn man sich anschaut, wie aufwändig es ist, dorthin zu gelangen. Okay, als Europäer muss man auch erst einmal um die halbe Welt fliegen, wenn man nach Kalifornien will. Aber wenn dann San Francisco erreicht ist, genügen vier Stunden Autofahrt, und man steht direkt unter dem El Capitan, dessen Wandfuß bequeme 20 Minuten Fußmarsch von der Straße entfernt ist.

Zwei Stunden waren David und und seine Freunde mittlerweile unterwegs, und davon ungefähr eine Stunde in einem Schützengraben. Einen halben Meter breit, die Wände knappe zwei Meter hoch. Überall Schlamm. Die Wände senkrechter Dreck, der Boden voller Pfützen. Es goss wie aus Eimern. War es das wert? Erst 15 Stunden nach Santiago de Chile fliegen, dann umsteigen, Inlandsflug nach Port de Montt, von dort drei Stunden mit dem Auto und jetzt zu Fuß. Was für eine Enge in dem Drecksgraben!

…Links sieben Meter und rechts sieben Meter. Eine Entscheidung muss her. David hat sich längst entschieden: immer vorwärts. Der Gag an der Kletterpassage: Weil der Fels leicht geneigt ist, glaubst du, du kannst deine Hände vom Fels wegnehmen. Du glaubst, es ist leicht. Aber jede noch so kleine Bewegung bringt das fragile Gleichgewicht durcheinander. Also nur wohlüberlegte Moves. Von wegen! Beim Klettern zählt was anderes, Instinkt für die richtigen Bewegungen! Und davon hat David genug. Instinktmove mit der rechten Hand, die nächste Millimeterleiste beißt. Instinktmove mit der Linken, okay. Der letzte Bohrhaken ist einen Viertelmeter weiter entfernt, aber egal, die Füße ziehen nach: Same procedure many times. Und dann steht David unmittelbar vor seinem Ziel, dem Riss. Nur noch ein einziger Schritt fehlt. Die Rechnung sieht jetzt anders aus: 13 Meter nach links bis zum letzten Haken, ein Meter nach rechts zum Riss. Was für eine Drohung, der Sturz! Der Verstand sagt: Du kannst deine Arme nicht bewegen, deine Füße auch nicht. Davids Instinkt ruft: Schleudere deinen rechten Fuß in den Riss. Ist möglich, aber schwierig. Sehr schwierig. Eine Entscheidung muss her. Und David entscheidet sich wie immer…

Glaubensbekenntnisse in Stein

In Wirklichkeit ist der Schützengraben kein Schützengraben, sondern der Weg zum Refugio. Zuviel Regenwasser hat den ehemaligen Pfad in eine tiefe und lange Furche verwandelt, die sich durch den dichten Bambus-Urwald frisst. Erst nach drei Stunden Fußmarsch ist Schluss mit der trüben Aussicht auf Schlammwände, der Schützengraben mündet in eine Lichtung. Sie bildet das eigentliche Tor zum Valle Cochamó.

Die Stimmung im Team hellte sich schnell auf. Schon an der Lichtung, erst recht aber am Refugio. Was natürlich am Refugio selber lag, am überraschenden Komfort mitten in der Wildnis, aber auch an der Verbindlichkeit seiner Wirte Daniel und Silvina. Da fühlst du dich gleich wie daheim. Stimmungsaufheller Nummer zwei: Der Regen machte Pause (wie sich später herausstellen sollte, sogar zwei Wochen), und die Wolken traten den Rückzug an. Ganz nebenbei gaben sie damit auch den Blick frei auf die umstehenden Felsen. Und was für Felsen: Felsendome, Granitkathedralen, gesteingewordene Glaubensbekenntnisse an den Klettersport. Zwei Sekunden nachdem Hansjörg, Barbara, David, Katharina, Jorg und Heiko diese Aussicht realisierten, standen sechs verschiedene Pläne für den Verlauf der kommenden drei Wochen.

Mit der bitteren Erkenntnis, dass Glaubensbekenntnisse ebensowenig perfekt sind wie vorschnell in Begeisterung gezimmerte Pläne, vergingen die ersten Klettertage. Katharina, Jorg, Barbara und Heiko versuchten sich an einer 7a-Route am Cerro Lajunta, brachen die Aktion aber nach 900 Metern ab. Das Gestein erwies sich als sehr geschlossen und glatt, die vier kamen nur langsam voran. Hansjörg und David versuchten am selben Massiv, ein aufgegebenes Projekt weiterzuführen, gaben dann aber ihrerseits nach zwei neuen Seillängen auf: Der Fels war flechtig und dreckig.

…Das rechte Bein fliegt Richtung Riss, der Körper schwingt hinterher. Vierzehn Meter Sturzradius gibt das mindestens, eher sechzehn oder noch mehr, mit Seildehnung gerechnet. Die Hände sausen fast an den Haltepunkten vorbei, greifen dann aber in letzter Sekunde doch noch zu. Maximale Anspannung in den letzten Winkeln der hintersten Muskeln, David wird Goliath. Und dann steht er im Riss. Nur zu blöd: Als er an seinem Gurt hinab schaut, stellt er fest, dass er keine Friends dabei hat! Das ist so, wie splitternackt am Hauptbahnhof stehen…

Perfekte Linien beim klettern in Chile

Nach ein paar Tagen war die Akklimatisierung abgeschlossen. Punkt eins: Die Zustiege zu den interessanten Felsen waren erkundet. Wenn man zu den ersten Kletterern der Saison gehört, findet man nämlich keine Wege mehr. Zugewachsen und weggespült. Und so stellte sich das dichte Bambusdickicht den kletterhungrigen Tirolern erst einmal massiv in den Weg. Punkt zwei: Die Taktik war justiert. Sie sah Klettern in Etappen vor. Immer zwei oder drei Tage unter der Wand biwakieren, und dann wieder für einen Pausetag zurück zum Refugio. Entspannen, Kraft tanken, neue Pläne schmieden. Schließlich der weitaus wichtigste Punkt: Die Crew lernte, das Gestein zu lesen. Lernte, aus der Ferne zu erkennen, wo man klettern kann und wo nicht. Die Regel lautet: Bis etwa 500 Meter Wandhöhe reichte einst ein Gletscher, der den Fels glattgeschliffen hat. Schön daran: Der Fels ist dreckfrei und absolut monolithisch. Schlecht: Außerhalb von Rissen und Verschneidungen ist für Kletterer ein Stoppschild eingebaut. Erst dort, wo der Gletscher seinerzeit nicht mehr hinreichte, sind die strukturlos aussehenden Wände mit Leisten übersät.

Die Tiroler Neulandgewinnungsmaschine lief also an. Barbara, Katharina und Jorg legen mit »Robinson Crusoe« die erste Route überhaupt durch den Elefante, während Heiko, Hansjörg und David eine Linie am Cerro Trinidad finden, wie sie der Klettergott nur ganz selten verschenkt. Oder wie oft kommt es vor, dass eine perfekte Piazschuppe in einer Zwei-Meter-Unterbrechung mündet, die mit einem fetten Dynamo an die nächste perfekte Schuppe übersprungen werden kann?

Letzte Konsequenz

Fünf Erstbegehungen sind dem Sextett in den drei Wochen Valle Cochamó gelungen. Ehrensache, dass die härtesten Klettermeter, die das Tal derzeit zu bieten hat, dabei sind. Die sonstige Bilanz: ein kapitaler Sturz in den Rio Cochamó (Jorg), mehrstündige Überlebenskämpfe in dichtem Bambusgestrüpp (Hansjörg und Barbara), tagelange Kämpfe mit der richtigen Kamera-Perspektive (Heiko) und schließlich die Odyssee von Katharina und David…

…Keine Friends also! Die baumeln nämlich drunten am Stand bei Katharina. Dass David trotzdem nicht nackt dasteht, liegt an einem Zufall: In die einzige Zwischensicherung hatte er nur einen Strang seines Doppelseils eingehängt, der andere Strang führt direkt zu seiner Seilpartnerin am Stand. Mit genügend Kraft und Geduld kann man also die Friends an diesem Strang hochziehen – David hat beides.

Hundert Meter weiter oben hilft dann aber das Doppelseil auch nicht mehr weiter. Katharina und David haben das große Dach hinter sich und können nicht mehr abseilen. Mittlerweile ist es sechs Uhr, es bleiben also nur noch drei Stunden Licht. Wolken ziehen auf, Kälte fällt ins Tal. Vierhundert Meter sind es noch bis zum Ausstieg – zwar auf einer bestehenden Route, die sie nun erreicht haben. Aber für die beiden ist die Route unbekannt, und die Schwierigkeiten – das wissen sie aus einer Skizze – bewegen sich konstant im sechsten und siebten Franzosengrad. Vierhundert harte Meter in drei Stunden? Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit!

Vorher waren noch Entscheidungen gefragt, jetzt geht es nur noch um Entschlossenheit. Schnell sein, cool bleiben, zehn Seillängen spulen. Um neun Uhr stehen die beiden im Dämmerlicht am Ausstieg, drei Stunden später sind sie am Refugio. Am nächsten Tag ist Abreise – es ist Weihnachten.
 
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