Klettersteige und Wandergipfel zwischen Stillach- und Kleinwalsertal

Oberstdorf/Kleinwalsertal

Am Grenzkamm zwischen dem Oberstdorfer Stillach-/Rappenalptal und dem Kleinwalsertal gibt es nicht nur attraktive Wandertouren, sondern auch spannende Ziele für ambitionierte Gipfelsammler und anspruchsvolle Klettersteigfans. Von Gaby Funk

 
2008 wurden an der Kanzelwand zwei Klettersteige eröffnet: ein kurzer für Anfänger und ein sportlicher für erfahrene Ferratisti - Foto: Kleinwalsertal Tourismus © Kleinwalsertal Tourismus
2008 wurden an der Kanzelwand zwei Klettersteige eröffnet: ein kurzer für Anfänger und ein sportlicher für erfahrene Ferratisti
Er fällt schon von weitem auf, sieht beeindruckend und abweisend, daher auch anziehend aus, und hat eine Besonderheit zu bieten, die man bestimmt nicht mehr vergisst. Es geht um den deutsch-österreichischen Grenzkamm, jenen langgestreckten Felsgrat, der sich von der Kanzelwand bis zum Fiderepass über drei Gipfelspitzen und zahlreiche Zacken erstreckt. Wie ein amüsanter Schelmenstreich zwischen zwei Nachbarn wirkt hier die spiegelbildlich verkehrte Benennung der Gipfel auf den österreichischen und den deutschen Karten: Der stattliche, 2259 Meter hohe Gipfel über der Fiderepasshütte heißt auf deutschen Karten Hammerspitze, auf den österreichischen dagegen Schüsser. Und im Gegenzug heißt die österreichische Hammerspitze drüben bei der Kanzelwand auf deutschen Karten Schüsser. Wenigstens sind neuerdings auf guten Karten beide Bezeichnungen aufgeführt; bei der österreichischen Kompass-Karte steht der deutsche Name jeweils in Klammern. 

Der fehlende dritte Gipfel dieser Drei-Gipfel-Tour ist der mittlere, die Hochgehrenspitze (2251 m). Hier hat sich inzwischen die österreichische Bezeichnung durchgesetzt, in älteren deutschen Karten und Führern wird der Gipfel nämlich noch als Nördliche oder auch Nordwestliche Hammerspitze bezeichnet. Was nach einem amüsanten Streich ausschaut, hatte schon öfter Verwechslungen zur Folge – bei Bergrettungseinsätzen in diesem Bereich fragt die Bergwacht bei Notrufen inzwischen ganz genau nach.

Drei-Gipfel-Tour in den Allgäuer Alpen

Diese trotz unmittelbarer Seilbahnnähe meist stille Drei-Gipfel-Panoramatour mit herrlichem Ausblick auf die Allgäuer Hochalpen und die des Bregenzerwalds ist für trittsichere Bergfans lohnend, und man kann kaum glauben, dass sich die klettertechnischen Schwierigkeiten bei der Überschreitung in Grenzen halten: Von der Kanzelwand bis zum ersten nächsten Gipfel, der österreichischen Hammerspitze (Schüsser, 2170 m) ist es eine herrliche Panoramawanderung durch Schrofengelände, bei der man zunächst selten Hand an den Fels legen muss (I). Auf dem Gipfel weist dann das Schild »Nur für Geübte« darauf hin, dass es nun felsiger, anspruchsvoller (II) und teils auch ausgesetzt wird. Die besonders attraktiven Stellen der Überschreitung sind die eine leichte, geneigte Felsverschneidung im Aufstieg, so schräg und tief in den Fels gekerbt, dass hier wohl keiner Angst vorm Abrutschen hat.

Später folgen ein Abstieg durch eine schräge Verschneidung und ein seilversicherter Abstieg durch eine markante Rinne nach Westen sowie die Schlüsselstelle, die Bewältigung eines etwa zehn Meter hohen, exponierten Felswändchens (III). Ein Abseilhaken ermöglicht das Ablassen von Gefährten mit einem Kurzseil oder das Abseilen, ein Fixseil hängt auch dort. Auch sonst wird immer mal wieder ein wenig abgeklettert und aufgestiegen oder gequert – wie das bei einer Gratüberschreitung eben ist. Diese Überschreitung macht also richtig Spaß, unterschätzen sollte man sie aber nicht. Ihre Begehung verlangt Trittsicherheit und Schwindelfreiheit, ferner ist die Route nicht markiert, und die Bergwacht musste schon mehrmals Begeher bergen, die sich bei schlechter Sicht verstiegen hatten oder sich im brüchigen Fels nicht mehr weiter trauten.   

Stütz- und Zielpunkt Fiderepasshütte

Eine Einkehr in der beliebten DAV-Hütte am Pass ist der ideale Abschluss dieser Überschreitung. Durch den neuen Anbau mit den großen Panoramafenstern im vergangenen Sommer bietet die Fiderepasshütte nun um einiges mehr Platz in der Gaststube und einen schönen Ausblick auf die Allgäuer Zacken und Wände. Ferner gibt’s einen neuen, großen Trockenraum und eine umweltgerechte Energieversorgung durch die neue Photovoltaik­anlage auf dem Schweinestall und die leistungsfähigere Batterieanlage. Alles in allem also Erneuerungen, die noch zur Erhöhung der Gemütlichkeit beitragen können, falls das überhaupt nötig ist. Übernachtet man auf der Hütte, dann ist die Drei-Gipfel-Tour ein schöner und idealer Auftakt für all jene, die tags darauf den Mindelheimer Klettersteig ab der Fiderepasshütte gehen wollen und einen etwas anspruchsvolleren Hüttenzustieg zur »Akklimatisation« schätzen. Der beliebte klassische Klettersteig zwischen den beiden Stützpunkten Fiderepasshütte und Mindelheimer Hütte wurde 2007 umfassend renoviert, hat aber auch heute noch Passagen im Gehgelände, die man ohne Seilsicherung bewältigen muss.  

Zwei-Länder-Steig und Erlebnis-Steig

Gehört der Mindelheimer Klettersteig noch zu den alpinen klassischen Klettersteigen, so ist der »neue« Zwei-Länder-Steig an der Nordostflanke der Kanzelwand, der von der Bergschule Kleinwalsertal erbaut und 2008 eröffnet wurde, ein Sport-Klettersteig der neuen Art. Wer Ferrata-Erfahrung hat, trittsicher und schwindelfrei ist, dem macht der Steig bestimmt viel Spaß, er wird den Unterschied zu den klassischen Klettersteigen im Allgäu aber deutlich in den Armen spüren. Der Zwei-Länder-Steig verlangt durch seine Steilheit um einiges mehr Armkraft als der Mindelheimer oder Hindelanger Klettersteig, vor allem in den vergleichsweise langen, senkrechten, stellenweise abdrängenden  Passagen. Der Steig wurde mit dem Schwierigkeitsgrad C bis D bewertet, da man über längere Strecken mit den Armen kräftig anziehen muss und zwischendurch auch einmal ohne künstliche Tritte direkt am Fels auf Reibung antreten oder wie beim Klettern kleine Tritte nutzen muss.

Der Tiefblick erhöht für erfahrene Klettersteigfans den Reiz, was auch für die schöne Seilbrücke zwischen zwei Felsen zu Beginn des letzten Steigdrittels gilt. Eine sichere und kraftsparende Beherrschung der Klettersteigtechnik ist Voraussetzung und trägt unterwegs wesentlich zum Genuss bei. Insgesamt erinnert dieser Sportklettersteig durch die Steilheit und Exposition an die anspruchsvollen Klettersteige der Dolomiten, wie beispielsweise an der Tofana di Rozes. Allerdings ist der Zwei-Länder-Steig mit 500 Metern Länge auf 200 Metern Höhenunterschied und einer angegebenen Gehzeit von drei Stunden ab/zur Kanzelwand-Bergstation deutlich kürzer. Der Steig endet kurz unterhalb des Kanzelwand-Gipfels, wo man auf den neuen, kurzen Erlebnis-Klettersteig der leichten Kategorie B stößt.  

Erlebnis-Klettersteig: Auch mit Kindern machbar

Dieser ist ideal für Genießer und Klettersteig-Neulinge, da er nicht so steil, exponiert und kraftraubend sowie auf 80 Höhenmetern nur 250 Meter lang ist. Die Hauptattraktion ist zweifellos die attraktive »Burmabridge«, eine 26 Meter lange Hängebrücke aus Seilen, die überquert wird. Als Gesamtgehzeit werden eineinhalb Stunden angegeben. Mit der entsprechenden Ausrüstung ist er bei kompetenter Führung auch für Kinder ab acht Jahren geeignet. Die Begeher des Zwei-Länder-Steigs können den Erlebnis-Klettersteig anschließend im Abstieg machen, was viel mehr Spaß macht als der Normalabstieg zur Bergstation der Seilbahn – allerdings nur, wenn man unterwegs auf nicht zu viel Gegenverkehr trifft. Die Bergschule Kleinwalsertal bietet bei entsprechenden Witterungsverhältnissen täglich ab vier Personen geführte Touren an den beiden Steigen und auf der Drei-Gipfel-Tour an. Wer sich nicht allein hoch hangeln oder über drei Gipfel tasten will, der findet hier Gleichgesinnte. Im kleinen Team macht’s doch meist mehr Spaß als allein.
Gaby Funk
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