Geschichte und Begehungen der mächtigen Felswand im Karwendel

100 Jahre Lalidererwand

Sie zählen zu den ganz großen Felswänden in den Nordalpen – die 800 Meter hohen Nordabstürze von Laliderer Wand und Laliderer Spitze. Vor 100 Jahren wurde die düstere Karwendelwand zum ersten Mal durchstiegen. Von Uli Auffermann

 
Eine der gewaltigsten Wandabstürze in den Kalkalpen – die bis 800 Meter hohen Nordwände von Laliderer Spitze (rechts) und Laliderer Wand;  die Schatten-Licht-Grenze markiert die »Herzogkante«, davor die Falkenhütte © BERGSTEIGER
Eine der gewaltigsten Wandabstürze in den Kalkalpen – die bis 800 Meter hohen Nordwände von Laliderer Spitze (rechts) und Laliderer Wand; die Schatten-Licht-Grenze markiert die »Herzogkante«, davor die Falkenhütte
Das riesige Felsbollwerk von Laliders: Einst war es der Inbegriff für großes, alpines Klettern, war es Herausforderung für die Crème de la crème der Bergsteigergilde. Über Jahrzehnte stand die Laliderer-Nordwand für das, was sich die extremen Felsgeher zum ultimativen Maßstab erkoren hatten: viele Seillängen messende Führen, nordseitig, düster, in wilder Hochgebirgsszenerie! Sie bot das große Abenteuer, hatte ein Charisma, das denjenigen auszeichnete, der ihr gewachsen war. Denn die höchsten Kletterweihen erhielt lange Zeit nur, wer gewisse Befähigung bis zur Perfektion nachweisen konnte: den Weg in einer so riesigen Mauer zu finden, obendrein selbständig für Sicherung und Absicherung zu sorgen, brüchige Passagen als besondere Anforderung zu nehmen und die eigene Grenze nicht erst nach einem Sturz zu kennen! Kein Wunder, dass zahlreiche Routen an den Lalidererwänden jeweils für einen längeren Zeitraum den Titel »schwierigste Führe« der Ostalpen oder gar alpenweit bekamen.

Immer weniger Begehungen der Lalidererwand

Einerlei, ob es tatsächlich so war: Fakt ist, dass sich die besten Felsgeher ihrer Epoche um Erstbegehungen in der Wand bemühten und dass sie mit ihren Linien Marksteine der Kletterkunst setzten. Und welche Namen mit der Wand verbunden sind! Herzog, Dibona, Auckenthaler, Schmid, Rebitsch, Mariacher, alle ihre Gefährten selbstverständlich hinzu genommen, die Wiederholer, die Winterbegeher, die Alleingeher – die Liste liest sich wie ein Lexikon der Kletterelite. Und heute? Es ist still geworden in den Lalidererwänden. Franz Konstenzer, seit vielen Jahren Hüttenwirt auf der Falkenhütte, resümiert: »Früher war unsere Hütte ein richtiger Kletterstützpunkt. Heute hat sich alles total anders entwickelt. Die Besucher sind hauptsächlich Bergwanderer und Mountainbiker.« Walter Spitzenstätter, Jahrgang 1940 und einer der stärksten und komplettesten Alpinisten seiner Generation, kann das bestätigen: »Wir lesen im Buch, das in der Biwakschachtel ausliegt, von etwa fünf Begehungen verschiedener Anstiege in einem Jahr. Auch wenn sich nicht jeder dort einschreibt, kann man doch sagen, dass die Zeiten, als mehrere Seilschaften gleichzeitig an jedem schönen Sommertag in den Routen unterwegs waren, sicher vorbei sind.«

Der Herzog von Ladiz

Was ist passiert, dass an den Lalidererwänden, wo ehedem die besten Kletterer ihrer Zeit die Maßstäbe für großes, abenteuerliches Felsgehen setzten, die Lust, dieses Erbe hoch zu halten, beinahe gänzlich zum Erliegen gekommen ist? Es sind die Werte und der Zeitgeist, die sich im Laufe der Generationen gewaltig geändert haben. Dabei lohnt es sich, zu den Anfängen zurückzublicken, um zu begreifen. Gewiss darf man die wichtigen klettersportlichen Auftakte mit Otto »Rambo« Herzog in Verbindung bringen. Herzog war eine Ausnahmeerscheinung unter den damaligen Kletterern, und nicht umsonst gab man ihm den Namen »Herzog von Ladiz«. So sollte ihm 1921 zusammen mit Gustav Haber an der Dreizinkenspitze-Nordwand die berühmte »Ha-He-Verschneidung« gelingen, eine Erstbegehung, die unter den Extremen jener Zeit die Diskussionen um die Einführung des VI. Grads anheizte. Bereits 1911 kam Herzog zur Lalidererwand, stieg mit Karl Hannemann im August auf der in Folge »Dibona-Mayer« benannten Linie ein.

Sie erreichten die Schlüsselstelle, die berühmte Rambo-Platte, mussten aber wegen schlechten Wetters den Rückzug antreten. Die gewaltige Wand blieb Otto Herzog zwar noch verwehrt, doch die kühne »Herzog-Kante« (V–) trägt nach der Erstbegehung im gleichen Jahr seinen Namen. Fast zeitgleich tauchten der exzellente Dolomitenführer Angelo Dibona und sein Partner Luigi Rizzi mit den Wienern Max und Guido Mayer auf. Dibona stieg alle Seillängen vor und eröffnete die erste große Route durch die Laliderer-Nordwand – die bis dahin womöglich schwierigste des Alpenbogens (heute mit V/A0 bewertet). Ein Jahr später gelang Otto Herzog und Georg Sixt die Zweitbegehung. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Entwicklung, und nachfolgend versuchten die Kletterer da anzuknüpfen, wo vormals Maßstäbe gesetzt wurden. Als Ende der 1920er-Jahre die Weltwirtschaftskrise hereinbrach, machten sich viele junge Bergsteiger auf, um mit einfachsten Mitteln als Bergvagabunden die abgelegensten Felsfluchten aufzusuchen.

Das Klettergenie Mathias Rebitsch

Deutlich wird, dass diese Generation sich besonders herausgefordert fühlte, wenn eine Wand nicht nur mit klettersportlichen Schwierigkeiten aufwartete, sondern in ihrer Gesamterscheinung für Demut und Ehrfurcht sorgte. Beispielhaft sind zwei der ganz Großen jener Jahre: Anderl Heckmair und Hias Rebitsch. Heckmair stand im September 1929 mit seinem Freund, dem später legendären Bergretter Wiggerl Gramminger, unter der Lalidererwand, um die »Dibona-Mayer« in Angriff zu nehmen. Der sonst so unerschrockene, hartgesottene Heckmair vermerkte in seinem Tourenbuch: »Endlich war der Tag gekommen, an dem wir der klassischsten Wand aller Wände zu Leibe gingen. Fast etwas beklommen standen wir in der Frühe um halb 6 Uhr am Einstieg der Riesenmauer. […] Wir kamen rasch vorwärts. Ein reizvoller Quergang, bei dem saubere Balancesache geleistet werden musste, führte uns in eine gewaltige Schlucht. Nun wurde der Fels etwas leichter, aber diese gewaltige Wand, in die jetzt kein Strahl Sonne mehr traf, ließ kein frohes Gefühl aufkommen. Ernst und stumm arbeiteten wir uns aufwärts…«

Auch Hias Rebitsch war 1931 bei seiner ersten Begegnung mit der Nordwand sichtlich beeindruckt: »Fassungslos starrte ich hinauf. Ich sah nur dräuende Überhänge in düsteren, himmelhohen, wie es schien mauerglatten Kalkfluchten. […] Für mich bedeuteten diese Wände bloß schreckliche, ungeheure, unbezwingbare Abbrüche. Dennoch, sie waren auf einer Route angeblich schon durchstiegen worden. Was für ein Übermaß an Kraft, Nerven und Mut bis zur Todesverachtung waren erforderlich, um über diesen schwindelerregenden Abgründen zu klimmen!« Er, der später mit seiner »Direkten« (VI/A0, 1946) und der »Nordverschneidung« (VI+/A0, 1947) an der Lalidererspitze Alpingeschichte vom Allerfeinsten schrieb. Beide Routen dokumentieren das Können des Klettergenies Rebitsch.

Neue Zeiten: »Charly Chaplin« an der Lalidererwand

Doch zurück: Noch war Hias Rebitsch nicht so weit. Noch dominierten an den Laliderern andere das Geschehen. Ernst Krebs und Toni Schmid etwa 1929 mit der nach ihnen benannten »Schmid-Krebs« (VI–/A0) oder Hias Auckenthaler, der Innsbrucker Kaminkehrer, mit seiner gleichnamigen Route an der Lalidererspitze-Nordwand von 1932 zusammen mit Hannes Schmidhuber (VI–, A0). So hatte sich auch der nach direkten, logischen Linien strebende Auckenthaler ein Denkmal gesetzt und Zeugnis von seinem überragenden Können abgeliefert. Anfang der 1930er-Jahre galt die »Auckenthaler« als eine der schwersten Klettereien der Ostalpen! Auch bei den weiteren Erstbegehungen, selbst wenn sie in den 1960er- und 70er-Jahren auch technische Passagen hatten, doch in der Einstellung der großen Pioniere vorgegangen wurde: mutig, abenteuerlich, der Freikletterei den Vorzug gebend! Dann erschien 1977 einer an der Laliderer, der sich, was sein Können und seinen Stil angeht, Auckenthaler und Rebitsch: Heinz Mariacher; zusammen mit Peter Brandstätter durchstieg er die abweisenden Plattenwände östlich der »Auckenthaler«.

Ein Paradebeispiel großer Kletterkunst, puristisch abgesichert, sehr anspruchsvoll – 700 Meter erklettert im Wertekanon der beginnenden Freikletterrenaissance (VI+ oder VII–). »Damals hatten wir keinen konkreten Plan für eine Neutour«, erzählt Mariacher heute. »Wir waren von der Idee begeistert, eine neue freie Route durch die Laliderer-Nordwand zu finden. Und da zu jener Zeit Kletterer beinahe so wie Landstreicher wirkten, passte der Name ›Charlie Chaplin‹ doch ganz gut.« Bald darauf ebbte die Begeisterung für die »Laliderer« ab. Otti Wiedmann, Jahrgang 1935, er gehört sicher zu den profiliertesten Charakteren der europäischen Bergsteiger- elite und zu den bekanntesten Alpinisten Tirols, nennt Gründe: »Die Kletterer von heute sind vielleicht etwas zu verwöhnt. Wenn da nicht alle paar Meter ein Bohrhaken steckt und eindeutige Standplätze eingerichtet wurden, sind etliche bereits überfordert. Die Jungen müssen wieder in diese alpine Art zu klettern hineinwachsen.« Dabei wissen wir doch, dass es in der heutigen Generation unter den Spitzenkletterern einige gibt, die ihr exorbitantes Leistungsvermögen von den kurzen Klettergartenrouten auf große alpine Linien zu übertragen imstande sind. Vielleicht nimmt die Kletter-Avantgarde irgendwann wieder die Herausforderung Laliderer-Nordwand an, in totaler Eigenverantwortung, ganz auf sich selbst gestellt! Dazu mit der Aussicht, eine Nacht in der Biwakschachtel auf dem Laliderergrat zu verbringen, wo der Blick durch die Glaskuppel direkt in den Sternenhimmel fliegt.
100 Jahre Lalidererwand
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