Rolando Garibotti und Colin Haley am Cerro Torre

Die große Torre-Traverse

Die Überschreitung der Cerro-Torre-Gruppe zählte zu den größten Problemen an den Bergen der Welt. Die besten Bergsteiger der Welt hatten sich schon daran versucht und scheiterten. Im Januar war das Glück auf der Seite von Rolando Garibotti und Colin Haley; Rolando erzählt von seinem Weg zum Cerro Torre.

 
Die gewaltige Skyline der Torres (Stanhardt, Herron, Egger und Cerro Torre), gesehen von der Afansieff-Route am Fitz Roy, den Rolando und Colin zwei Wochen nach ihrem Erfolg noch erkletterten; Foto: Rolando Garibotti © Rolando Garibotti
Die gewaltige Skyline der Torres (Stanhardt, Herron, Egger und Cerro Torre), gesehen von der Afansieff-Route am Fitz Roy, den Rolando und Colin zwei Wochen nach ihrem Erfolg noch erkletterten
21. Januar 2008: Drei Stunden vor Tagesanbruch weckt uns das Geräusch des Weckers. Raus aus dem warmen Schlafsack und all die schon so oft geübten Handgriffe tun: einen Liter Wasser trinken, ein paar Bissen hinunterwürgen, Sitzgurt und Helm anziehen und losmarschieren. Der Weg hinauf zum Col Stanhardt zieht sich, deshalb steigen wir gemächlich nach oben, seilfrei und unsere Kräfte sparend. Als wir im Col ankommen, kriechen gerade die ersten Sonnenstrahlen aus den Wolken am fernen Horizont. Der Wind bläst stürmisch, aber wir entschließen uns weiter zu  gehen…

Die Spalte und der Rücken

Januar 2007: Zusammen mit meinem Freund Bean Bowers marschierte ich wieder einmal durch das Tal Richtung Cerro Torre. Drei Monate war ich in Chaltén herumgesessen und hatte auf ein Schönwetterfenster gewartet. Es sollte doch endlich klappen mit der Torres-Traverse, der Überschreitung der gigantischen »skyline« bestehend aus Aguja Stanhardt, Punta Herron, Torre Egger und Cerro Torre. Es schien so weit zu sein: Alle Wetterkarten versprachen mindestens vier Tage Schönwetter!

Wir marschierten Richtung Wandfuß der Aguja Stanhardt. Vor dem letzten, verschneiten Teil des Gletschers entschloss ich mich, meine Ski zurückzulassen, um mich mit Bean beim Spuren abzuwechseln. Bean hatte nämlich – entgegen meinem Rat – auf Ski verzichtet. Die ersten Schritte: Der Schnee war tief und schwer. Wie ich es hasse, durch Schneefelder zu pflügen! Frustriert stapfte ich Schritt für Schritt weiter, schneller als ich sollte. Noch keine zehn Minuten, dann passierte es: Mein Fuß brach in eine Spalte – Sch...., mit Ski wäre das nicht passiert! Schnell zog ich meinen Fuß aus der Spalte, aber im gleichen Augenblick, als der Fuß befreit war, lief  es mir kalt den Rücken hinunter – weniger als eine Millisekunde brauchte das Signal bis ins Gehirn. Es war vorbei! Mein Rücken war steif, und ich konnte mich kaum bewegen. Vorbei, aus und vorbei! Ich hatte schon genug Verletzungen erlitten, um dies sofort zu erkennen. Das ohnehin schmale Schönwetterfenster entglitt meiner schweißnassen Hand und rutschte durch meine Finger in den nassen Schnee…

Schmerzmittel waren meine Krücken, als ich mich zwei Tage später talwärts schleppte. Der tiefblaue Himmel lastete schwer auf meinen Schultern und marterte meine Gefühle. Alle schönen Momente der letzten Zeit verwandelten sich in ein einförmig schmerzhaftes Gefühl aus Ohnmacht und Wut. Nach 20 Stunden in Bariloche das ernüchternde Ergebnis der Kernspintomografie: zwei Einrisse in den Bändern zwischen den Wirbelkörpern, drei Wochen Ruhe. Okay, dachte ich, ein paar Ruhetage sind auch gut. Drei Tage später spielte ich mit meiner Nichte Nadina im Sandkasten. Ein kurzes Bücken nach dem Sandeimer, beim Aufrichten ein stechender Schmerz im Rücken! Drei Tage lag ich im Bett, dann machte ich die ersten Gehversuche mit einem Stützkorsett…

Das Schneefeld und das Knie

Es dauerte vier Monate, bis ich mich wieder einigermaßen bewegen konnte. Im Juni schließlich begann ich dann wieder als Bergführer zu arbeiten. Und es ging in die zweite Runde: Irgendwo in Kanada auf einem harmlosen Schneefeld verdrehte sich mein Knie, es schrie, das Knie, nach Hilfe – ich hörte nicht hin (das tue ich nie), und mein Knie sagte: »Jetzt  reicht es!« Wieder entzündungshemmende Schmerzmittel, von einem Doktor zum anderen, jeder stellte eine andere Diagnose. Als Bergführer brauche ich gesunde Knie, deshalb ignorierte ich alle Warnungen und machte weiter. Ende August endlich konnte ich den Bergführer-Job beenden. Meine Auszeit verbrachte ich als Dauergast bei einem Physiotherapeuten, und schließlich konnte mich sogar der Akupunkteur nicht mehr sehen. Was ich auch tat, das Knie wurde nicht besser und der Flugtermin nach Süden kam immer näher. In Bariloche überredete ich einen befreundeten Arzt, mir eine Ladung Cortison ins Knie zu jagen. Vier Tage später marschierte ich zum ersten Mal nach mehr als einem Monat…

Als ich Anfang Oktober in Chalten ankam, war mein Selbstvertrauen am Boden. Keine schwierige Tour war mir in den letzten beiden Monaten gelungen, aber ich wollte die Torres-Traverse noch einmal versuchen! Fünf Wochen saß ich zusammen mit meinem guten Freund Bruce Miller in Chalten herum. Wir kletterten ein wenig, warteten auf gutes Wetter, aber es war noch Winter und die Bedingungen zu schlecht für einen ernsthaften Versuch.  Am gleichen Tag, als Bruce abreiste, traf Hans Johnstone, ein anderer sehr guter Freund, in Chalten ein und vier Tage später brachen wir auf. Hans ist ein ehemaliger Skirennläufer und konditionell stärker als jeder, den ich kenne. Ich konnte mir keinen besseren Partner wünschen! Aber die Wettervorhersage war nicht allzu rosig – teilweise zwar schönes Wetter, aber nicht ganz das, was man sich für die Traverse eigentlich wünscht. Aus unserer  Schneehöhle, in der wir biwakierten, riefen wir Freund Bean an, und der überredete uns, es doch zu versuchen. Gesagt, getan – am nächsten Morgen ging’s los! Während der nächsten drei Tage kletterten wir über Stanhardt, Herron und Egger, bis uns am Cerro Torre in Wandmitte ein riesiger Eispilz aufhielt. Die Zeit drängte, denn für den nächsten Tag war ein Wettersturz vorhergesagt. Wir entschieden uns für den Rückzug…
Die grosse Torre-Traverse
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