Ueli Steck im BERGSTEIGER-Interview

Neuer Speed-Rekord an der Eiger Nordwand

Eiger-Nordwand! Die vielleicht berühmteste und gefährlichste Wand in den Alpen. Fünfzig Jahre nach der Erstdurchsteigung rannte der Schweizer Ueli Steck in weniger als drei Stunden durch die gewaltige Wand über Grindelwald; der BERGSTEIGER sprach mit ihm über seine Speed-Begehung.

 
BERGSTEIGER: Du hast deinen eigenen Rekord vom letzten Jahr (3:54 Std.) nun geradezu pulverisiert; wie war dieser Quantensprung möglich?
Ueli Steck: Im Vergleich zur Speed-Begehung im Februar 2007 habe ich eine ganz andere Strategie verfolgt. Ich hatte fünf Kilo Körpergewicht weniger und sparte zudem weitere drei Kilogramm bei der Ausrüstung ein. Zudem hatte ich das Seil während der ganzen Begehung auf dem Rücken, während ich mich letztes Jahr einige Male kurz mit dem Seil gesichert hatte. Diesmal sicherte ich die schwierigen Stellen mit einer »Daisy Chain« am Klettergurt (ein kurzes Seilstück mit einem eingeknoten Karabiner, das kurz in einen steckenden Haken eingehängt wird, Anm. d. Red.). Ansonsten bin ich fast die gesamte Strecke ohne Sicherung geklettert und habe das Seil nicht einmal benutzt.

BERGSTEIGER: Lag es wirklich nur an drei Kilo weniger Ausrüstung und fünf Kilo weniger Körpergewicht, oder hast du speziell trainiert?
Ueli Steck: Fünf Kilo weniger machen beim Speed-Klettern einen großen Unterschied aus. Mit acht Kilogramm weniger ist man auf einer Kletterstrecke wie die der Eiger-Nordwand wesentlich schneller! Zudem habe ich mein Ausdauer-Training intensiviert und vor allem optimiert. Ich habe noch nie zuvor so strikt einen genauen Trainingsplan eingehalten – was sich im Endeffekt auch ausbezahlt hat!

BERGSTEIGER: Was war die eigent­liche Herausforderung für dich, deinen eigenen Rekord zu unterbieten? Du hattest den Rekord ja schon…
Ueli Steck: Die Heckmair-Route in der Eiger-Nordwand ist ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte des Bergsteigens. Zudem ist der Eiger für mich ein ganz besonderer Berg, mein Hausberg. Ich hatte diese Idee schon lange im Kopf. Ich habe schon so viele Stunden und Tage in dieser Wand verbracht, immer wieder auf verschiedenen Routen und es war eines meiner großen Ziele, eines Tages den bestehenden Rekord zu unterbieten. Die Zeit von 2007 war schon recht schnell. Aber ich wusste, als ich damals auf dem Gipfel stand, dass ich einiges falsch gemacht hatte. Also war ich innerlich noch nicht so richtig zufrieden mit dem Ergebnis.

BERGSTEIGER: Du sagst, der  Eiger sei dein Hausberg und die Nordwand ist dann wohl deine »Haus-Wand«; wieviele verschiedene Routen an der Eigerwand bist du schon geklettert?
Ueli Steck: Acht verschiedene Routen. Ich bin insgesamt 23-mal durch die Nordwand geklettert und habe insgesamt 50 Tage in der Wand verbracht.

BERGSTEIGER: Welche Route ist die anspruchsvollste?
Ueli Steck: Jede Route ist anders. »Young Spider« war sicherlich die anspruchsvollste von allen. Schon aus dem Grunde, weil es zum Teil psychisch sehr anspruchsvolle Seillängen gibt.

BERGSTEIGER: Wie würdest du deine Solo-Begehung von »Young Spider« im Vergleich zur Speed-Begehung der Heckmair-Route einordnen?
Ueli Steck: Das lässt sich überhaupt nicht miteinander vergleichen! Bouldern und Klettern ist ja auch nicht miteinander vergleichbar. Bei der Solo-Begehung von »Young Spider« ging es einfach nur darum, Tag für Tag Meter für Meter so zu nehmen wie es kam. Nicht zuviel nachdenken und einfach nur klettern. Die Kälte war bei dieser Unternehmung sicherlich ein wesentlicher Faktor. Ich war über eine lange Zeit (fünf Tage, Anm. d. Red.) in der Wand beschäftigt… Bei einer Speedbegehung ist es mehr »Jetzt gehe ich mal zum Joggen« – alles auf einen Punkt bringen und los gehts!

BERGSTEIGER: Speed-Begehungen, vor allem solo, sind eine »Kristallisation« aus physischer und psychischer Leistung; hast du dich mental speziell auf diese Begehung vorbereitet?
Ueli Steck: Nein. Ich betreibe kein gezieltes mentales Training. Habe ich einmal ein Projekt ins Auge gefasst, so fokussiere ich meine Gedanken ganz gezielt auf dieses Projekt. Es kann sein, dass es nicht immer auf Anhieb klappt. Trotzdem bleibe  ich dran, so lange, bis es klappt. Du musst es einfach wollen! Der Wille ist alles!
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